Kurz nach Annahme der Minarett-Initiative haben Sie ein Dokument publiziert, in dem Sie die Muslime in der Schweiz auffordern, klarer Position zu beziehen gegenüber problematischen Stellen im Koran und in anderen Referenztexten des Islam. In diesem Dokument geht es unter anderem um die Praxis der Steinigung, die Stellung der Frau und die Rechtfertigung der Gewalt. Was bewog Sie dazu?
Ich war zwar gegen die Minarett-Initiative. Aber ich bin der Auffassung, dass man die Botschaft des Volks ernst nehmen sollte. Insbesondere die muslimische Gemeinschaft sollte das. Das Abstimmungsergebnis ist keine Abwehrreaktion gegenüber den Muslimen im Allgemeinen. Im Islam gibt es aber eine kleine und einflussreiche Minderheit, deren Werte nicht mit unseren in Einklang zu bringen sind. Die Bevölkerung erwartet von den Verantwortlichen der islamischen Zentren, dass sie sich davon klarer abgrenzen.
War der Westen lange zu tolerant gegenüber dem Islam?
Der interreligiöse Dialog liegt mir am Herzen. Ich habe auch viel dafür getan in den letzten Jahren. Jetzt stösst er aber an gewisse Grenzen. Wir waren zu naiv. Der Dialog mit dem Islam darf sich nicht mehr darin erschöpfen, Floskeln in höflichem Ton auszutauschen, die sich auf harmlose Stellen des Korans beziehen. Gut gemeint genügt nicht mehr. Wir müssen über die konkreten Auswirkungen reden und die Realität im Auge haben.
Machen Sie ein Beispiel.
Mohammed ruft die Muslime auf, jene, die sich zu einer anderen Religion bekennen, zu töten. Das ist nicht bloss Theorie. Leute werden wirklich getötet in Ländern, wo dieses Prinzip gilt. Die Imame im Westen versichern, dass dieses Prinzip hier nicht angewendet wird. Aber das genügt nicht. Sie müssten sich auch zum Inhalt äussern und aufzeigen, wie man diese Aussage konstruktiv interpretieren könnte.
Haben Sie ein Beispiel, das in der Schweiz zu konkreten Problemen führt?
Nach muslimischem Recht müssen sich Nichtmuslime zum Islam bekennen, wenn sie eine Muslimin heiraten wollen. In solchen Ehen wird auch grosser Druck auf die Kinder ausgeübt, die ebenfalls zum Islam übertreten sollen. Das führt zu einer schleichenden Islamisierung und ist nicht akzeptabel.
Manchmal hat man den Eindruck, dass auch die Elite des moderaten Islam im Westen Mühe damit hat, sich klar von extremen Tendenzen abzugrenzen. Warum ist das so?
Auf Französisch heisst es: «On lave son linge sale en famille.» Die eigenen Angelegenheiten regelt man lieber unter sich. Aber der Islam hat ein kompliziertes Verhältnis zur Selbstkritik. In der muslimischen Tradition gelten die Propheten als perfekte Ideale. In der Bibel werden die Irrtümer von David oder die Exzesse der Priester laufend angeprangert.
Der deutsche Ägyptologe Jan Assmann behauptet, dass monotheistische Religionen grundsätzlich zur Intoleranz neigen. Was halten Sie davon?
Daran glaube ich nicht. Der Monotheismus kann dazu missbraucht werden, Gewalt zu rechtfertigen. Das wurde auch oft getan. Er vermittelt aber auch eine friedliche Botschaft, Offenheit gegenüber dem anderen und Barmherzigkeit. Henry Dunant oder Albert Schweitzer sind Beispiele dafür.
Das sind christliche Figuren, und beide lebten nach der Trennung von Kirche und Staat. Wieso gibt es im Islam keine ähnlichen Figuren?
Der Islam bringt auch solche Personen hervor, zum Beispiel Scheich al-Alawi oder Muhammad Yunus, Friedensnobelpreisträger von 2006. Es stimmt aber, dass die egalitaristische Linke lange die Auffassung vertreten hat, dass alle Religionen gleichwertig sind und gleichgestellt werden müssen. Das ist ein Denkfehler. Im Gegensatz zu Jesus hat Mohammed die religiösen, politischen und juristischen Mächte auf sich konzentriert. Im Islam sind diese Aspekte von Anfang an eng miteinander verbunden.
Den Islam kann man also kaum säkularisieren?
Es ist viel schwieriger als bei anderen Religionen, weil die politische Dimension im Wesen des Islam steckt. Im Westen bekennen sich gewisse Parteien wie die CVP zu christlichen Werten oder Traditionen. In der muslimischen Welt haben sich die Staaten selbst in einer Organisation zusammengeschlossen – die Organisation der Islamischen Konferenz –, die in den internationalen Gremien politisch mitwirkt.
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