Hier küsst keine Muse, und kein Bruder Lustig sorgt mit geistvollen Neckereien für die Ewigkeit. Hier schwitzt kein Genius und pocht kein Schicksal. Kein Götterliebling tändelt in optischem Kunstgepränge daher. Stattdessen gemessen am Rasanz- und Lärmpegel zeitgenössischen Kinos eine Geduldsprobe, gewagt in ihrer rigorosen Ausführlichkeit: «Bright Star» von Jane Campion («The Piano»), die kurze, aber intensive Liebesbeziehung zwischen dem britischen Lyriker John Keats (1795–1821) und der kaum ge- bildeten Schneiderin Fanny Brawne (1800–1865). Eigentlich ein Unding fürs Bilder- medium, denn die Liebe war eine der Worte.
Was gibt diese Geschichte her? Der Dichter ohne akademische Bildung, jung gestorben, der sich für einen Versager hielt und dessen Gedichte kaum gelesen wurden, und die Schneiderin, die Bücher albern fand und über den schwermütigen Poeten spottete? Erst als sie Nachbarn wurden, begannen sie sich füreinander zu interessieren. «Bright Star» der Titel bezieht sich auf ein Liebesgedicht an Fanny entfaltet seine Suggestivkraft aus der unkonventionellen Beziehung: Es geht nicht um Sex, sondern um Worte. Jane Campion ist dies nicht alleine durch die vorzügliche Besetzung gelungen (Ben Whishaw als Keats und Abbie Cornish als Fanny) und auch nicht alleine dank ihrer peniblen Rekonstruktion des Biedermeiers, sondern vor allem durch einen spröden Realismus, vor dessen Hintergrund die romantische Beziehung psychologisch plausibel und richtig spannend wird.
Je heftiger sich Fanny zu John hingezogen fühlt, desto intensiver widmet sie sich seiner Lyrik und findet in der Sprache, was die Wirklichkeit beiden versagt: heiraten zu können. Zwar verloben sie sich heimlich, doch seine Mittellosigkeit und ihr geringes Einkommen lassen eine Ehe nicht zu. So verschmelzen sie durch Worte. Als John an Tuberkulose erkrankt und in Italien – vergeblich Genesung sucht, werden die Briefe zur seelischen Sinnlichkeit. Campion gelingt es mit trockener Intensität und ihrer fast dokumentarischen Epochenrekonstruktion, «betäubende» Schönheit und Rührseligkeit zu vermeiden. Dafür entfaltet sie mittels kleinster Gesten, Randbeobachtungen, beiläufiger Aktionen und ironischer Schlenker eine ergreifende Anteilnahme an zwei Traumwandlern zwischen Gefühl und Verstand. Erst nach seinem Tod triumphierte Keats über die profane Realität: Er stieg zum bedeutendsten Romantiker Grossbritanniens auf, auch dank Fanny, die Dutzende Liebesbriefe aufbewahrte. Seit ihrer Veröffentlichung zählen sie zu den schönsten der Gattung.













Kommentare