Schrifstellerin Federica de Cesco

«Ich hatte oft das grosse Bibbern»

Die Schriftstellerin Federica de Cesco trifft den Teenager Milena Lüchinger. Zwei Frauen aus zwei Generationen unterhalten sich über das Schreiben, den «Roten Seidenschal» und einen schönen Japaner.

Von Milena Lüchinger

«Romantische Schwärmereien»: Milena Lüchinger und Federica de Cesco. Bild: Gabi Vogt

Frau de Cesco, ich habe drei Ihrer Bücher gelesen, den «Roten Seidenschal», den «Türkisvogel» und das dritte . . . wie heisst das noch gleich . . .

. . . «Sonnenpfeil» . . .

Ja, genau: «Sonnenpfeil». Sie haben da immer so schöne Orte beschrieben. Waren Sie schon einmal in den Rocky Mountains oder in der Wüste?

In den Rocky Mountains nicht, aber ich war ein ganzes Jahr lang in der Sahara. Und ich gehe davon aus, dass die Wüsten auf der ganzen Welt vielleicht nicht gleich aussehen, aber alle einen gemeinsamen Nenner haben. Den ewigen Wind, die Felsen und die Sanddünen. Auch die Menschen, die gelernt haben, in dieser spärlichen Vegetation zu leben. Also war das für mich kein Problem, dies zu beschreiben.

Es ist immer so schön und romantisch geschrieben.

Na ja. Nicht immer so romantisch.

Die Figuren in den Büchern: Wie kommen Sie auf die? Beobachten Sie Menschen?

Ich beobachte die Leute die ganze Zeit. Pass auf, Milena! Das ist eine Spezialität von mir. Häufig treffe ich Leute im normalen Leben, und ich schaue sie an und denke: «Aha, das ist interessant.» Und dann nehme ich die als Hauptperson von einem Buch, setze sie aber in einen anderen Kontext.

Bringen Sie denn auch Sachen rein, die Sie selbst erlebt haben?

Von Zeit zu Zeit, natürlich hat es auch Charakterzüge von mir. Jeder Autor bringt mehr oder weniger unbewusst seine Wesenszüge in seine Bücher hinein. Natürlich kann ich auch Figuren erfinden, die nicht so denken und fühlen wie ich. Aber dann — womm! — kommt die Natur wieder zum Vorschein, und ich schlage zu, und dann bin das wieder ich.

Warum schreiben Sie Bücher? Für sich?

Ja, Milena, warum willst du Grafikerin werden, wie du mir vorhin erzählt hast?

Ja. Vielleicht will ich das für mich.

Man tut es, weil man es gerne macht. Ja, und weil man das Talent dazu hat. Man macht es auch gerne. Menschen, die Talente haben und das machen, worin sie gut sind und was sie gerne machen, sind auch glückliche Menschen. Ich hoffe immer, dass die Menschen entdecken, wozu sie gut sind. Und wenn man früh merkt, wo man begabt ist, dann hat man Glück. Insofern hatte ich Glück.

Wann haben Sie angefangen zu schreiben?

Mit dreizehn habe ich angefangen, kleine Geschichten zu schreiben.

Welches war Ihr erstes Buch?

«Der rote Seidenschal». Da war ich sechzehn, und ich habe es zwischen vierzehn und fünfzehn geschrieben.

Und wie wurde das entdeckt?

Das war eine Berufsberaterin. Die sagte, ich sei auf der einen Seite total über- und auf der anderen Seite total unterbegabt. Das Problem ist — ich bin so blöd —, dass, wenn mich etwas nicht interessiert, ich mich dem verschliesse. Das hatten die Lehrer natürlich nicht gerne. Ist ja klar. Wenn mich etwas aber interessierte, war ich die aufmerksamste Schülerin der Klasse. Ich mag Sprachen, Kunstgeschichte, Literatur, Musik, und ich zeichne gerne. Alles sehr einseitig.

Wie fand die Berufsberaterin Ihr Talent heraus?

Sie kam in die Klasse und stellte fest, dass ich eine originelle Persönlichkeit bin. Das stand in ihrem Gutachten und auch, dass ich viel Fantasie hätte, die gefördert werden müsse.

Und dann?

Sie fragte mich, wofür ich mich denn interessieren würde. Ich sagte: «Für Geschichten.» Die ich dann aufschreiben würde. Sie war erstaunt, sagte: «Wie, du schreibst die auf? Auf 2, 3 Seiten?» Und ich sagte: «Nein – auf 200 Seiten.» Die Berufsberaterin meinte: «Bring mir mal eine solche Geschichte mit.» Das tat ich dann, und nach dem Lesen meinte sie, ich könne eine Geschichte so erzählen, dass diese auch für andere interessant sei, ich hätte in einem guten Sinne zu viel Fantasie. Sie empfahl mir, die Geschichte einem Verlag zu schicken. So entstand «Der rote Seidenschal».

Das Manuskript wurde sofort angenommen?

Sie baten mich, einmal in den Verlag zu kommen. Dann sagten sie, jetzt fange die Arbeit erst an. Das fand ich nicht gut, denn dann kamen erst die Lektoren. Bei der Lektoratsarbeit lernen die Schriftsteller Bescheidenheit, denn während sie schreiben, sind sie betriebsblind und sehen den Fehler nicht, der dick und fett auf der Seite prangt. Der Schriftsteller und sein Lektor gelten nicht umsonst als «infernales Duo». Ich gehöre aber zu denen, die den Lektoren Freiheiten lassen, weil ich weiss, dass sie Dinge sehen, die ich nicht sehe. Manche Autoren sagen aber: «Veränderungen am Text gibt es nur über meine Leiche.»

Wie sind Sie auf die Idee für den «Seidenschal» gekommen?

Ich wollte natürlich kein Jugendbuch schreiben. Ich hatte eine gute Französischlehrerin, die mich sehr gefördert hat. Wenn ich heute den «Roten Seidenschal» lese, dann finde ich die Geschichte ein bisschen dümmlich – so wie Teenager eben sind. Vielleicht sollte ich sagen naiv. Aber die klassische französische Formation hat den Text durchdrungen, und so war es gar nicht dümmlich, sondern ein klassisch gut geschriebenes Buch für jedes Alter mit den Schranken, die man damals als Schülerin vielleicht hatte. Eine zu gute Erziehung etwa – man tut das nicht, man soll jenes nicht. Ich habe eben nicht über die Grenzen rebelliert, das zeigt sich im Buch.

Ich finde, es zieht einen rein, weil es so schön geschrieben ist.

Dümmlich ist die Tatsache, dass die junge Ann Morrison und der Halbindianer Chee sich am Schluss trennen müssen. Warum, zum Kuckuck noch mal, müssen die sich trennen? Heute müssten die sich nicht trennen. Damals aber gefielen mir Happy Ends überhaupt nicht. Bei einem traurigen Ende musste ich ja dann heulen, und das hat mir gefallen. Diese Melodramatik fand ich toll. Ich war eben ein typischer emotionaler Teenager.

Haben Sie selbst Kinder?

Ja, zwei. Aber die sind schon älter. Meine Tochter ist Designerin in New York, mein Sohn unterrichtet Problemschüler.

Haben Sie das Buch mit Ihren Kindern gelesen?

Nein. Die fanden das peinlich. Mein Motiv für das Buch waren romantische Schwärmereien. Milena, was für Schwärmereien hast du?

Von Ferien, von Orten, an denen es schön ist.

. . . ja, und dann möchtest du gerne einen Boy kennenlernen, oder?

Weiss nicht . . .

Weisst du, Belgien, wo ich damals wohnte, ist ein sehr unromantisches Land. Ich war schon damals ein grosser Filmfan, vor allem Western. Nicht Typen wie John Wayne fand ich toll — den fand ich immer so dick, und er schwitzte immer. Mir gefielen die Indianer, die fand ich schön und edel. Heute weiss man, dass ich recht hatte. Die Indianer waren ja ökologisch viel weiter, als wir waren und sind. Sie tragen Sorge zur Umwelt, zur Natur und schauen Gott nicht mit gebeugten Knien, sondern auf Augenhöhe ins Angesicht.

Was heisst das?

Du musst deinem Schöpfer ins Angesicht schauen. Er hat dich erschaffen und will sehen, wie schön du bist. Und die Indianer tun das. Die hatten die richtige Art zu leben.

Deshalb haben Sie die Indianer zu den Lieben gemacht?

Ja, endlich mal! Es gab schon einige, die das vor mir gemacht hatten, aber es waren wenige. Viele waren ja vom Kolonialismus geprägt. Die meisten Menschen, die nach Amerika auswanderten, konnten ja kaum lesen und schreiben und waren zu borniert, um zu sehen, mit wem sie es bei den Indianern zu tun hatten.

Wenn Sie schreiben, machen Sie sich dann ein Konzept, oder fangen Sie einfach an?

Ich fange einfach an, aus dem Bauch heraus. Ich weiss aber ungefähr die Richtung, denn ich muss ja bei jedem Buch ein Exposé machen.

Für den Verlag?

Ja, verflixt noch mal. Der kommt dann und sagt: «Frau de Cesco, machen Sie uns doch ein Exposé.» Dann mache ich das, und die Verlage müssen sich dann damit abfinden, dass während des Schreibens dann doch alles ganz anders wird. Aus einer weiblichen Figur wird dann schon mal ein Mann. Und dann kommt es, wie mein einstiger Verleger, der liebe Herr Thiele, zu sagen pflegte: Er kenne ausser mir keinen Autor, der ein Exposé schreibt und sich nicht daran hält. Ja, da ist er selber schuld daran!

Den «Roten Seidenschal», Ihr erstes Buch, haben Sie auch so geschrieben?

Ja – auf dem Schulweg. Ich ging zu Fuss, weil ich einen so starken Bewegungsdrang hatte. Dann nahm ich immer einen anderen Weg. Als auch das langweilig wurde, fing ich an, mir auf dem Nachhauseweg Geschichten auszudenken. Als ich das dann aufschrieb, war das Buch schon fast da.

Und Ihre Eltern. Haben die sich darüber gefreut?

Denen war das, glaube ich, ziemlich egal. Mein Vater war Ingenieur und mehr oder weniger im siebten Himmel seiner Logarithmen, der Algebra und statische Berechnungen. Meine Mutter hatte ihre «Kaffeekränzchen», wie man damals sagte. Und eines Tages kam ich dann mit dem Buch. Später erfuhr ich, dass mein Vater es allen seinen Kollegen gegeben hatte.

Sie sind dann schnell bekannt geworden. Wie ist das, wenn man so jung ist?

Ich hatte oft das grosse Bibbern. Ich musste ja dann vor Publikum vorlesen. Stell dir das mal vor, Milena, ich stand dann als Siebzehnjährige vor einer Klasse, wo alle sechzehn sind und dich anstarren. Du stehst dann da vorne und sollst ihnen was Vernünftiges sagen. Ich stand dann also vorne und bemühte mich, dekorativ dazustehen und aus meinem Buch zu lesen, und mein Verleger gab sich redlich Mühe, das zu moderieren. Auf der anderen Seite war ich total unbefangen. Ich wurde aber auch nicht grössenwahnsinnig, weil in dem Alter, in welchem man das wird, also zwischen 20 und 25, da hatte ich das schon lange hinter mir, und so blieb ich normal. Ich war ja mein ganzes Leben Schriftstellerin gewesen.

Konnten Sie denn davon leben?

Ja, recht bald.

Sie haben zunächst auf Französisch geschrieben.

Ja, aber dann begann ich, deutsch zu schreiben. Naiv und blöd, wie ich war, habe ich mir nie über die Problematik von Übersetzungen Gedanken gemacht. Jeder Mensch hat ja seine eigene Art, zu denken, zu fühlen, und seinen eigenen Wortschatz – auch die Übersetzer, die ihren Job nach bestem Wissen und Gewissen machen. Als ich dann einmal eine Übersetzung las, sagte ich: «Mon Dieu, das bin doch gar nicht ich!» Ich stritt mich mit den Übersetzern, und die sagten zu Recht: «Das haben Sie doch geschrieben.» Also begann ich, mir die deutsche Sprache anzuzüchten.

Wie machten Sie das?

Ich las Klassiker, Goethe, Schiller, Kleist, Thomas Mann, Rainer Maria Rilke, moderne Klassiker, Zuckmayer, dann stieg ich auf moderne Literatur um, und die deutsche Sprache wurde dann zu meiner Schreibsprache. Als ich von Belgien in die Schweiz zog, wurde der deutsche dann mein natürlicher Sprachraum.

Wieso kamen Sie in die Schweiz?

Ich war doch mal kurzfristig verheiratet. Meine erste Ehe mit einem Schweizer dauerte nur fünf Jahre. Ich habe in einer Buchhandlung signiert und ihn dort kennengelernt. Wir fanden uns attraktiv, haben geheiratet, aber die Ehe war inkompatibel.

Sie waren zu selbständig?

Jawohl. Für die damaligen Schweizer und die damalige Zeit Anfang der sechziger Jahre. Ich war emanzipiert, bevor man überhaupt davon redete. Ich hatte ja seit ganz jungen Jahren meinen Beruf als Schriftstellerin, und das spielte auch eine Rolle. Ich wollte einfach frei sein.

Ich find das gut.

Wenn ich heute noch Frauen treffe, die an sich selber zweifeln, möchte ich denen am liebsten auf Schweizerdeutsch zurufen: «Goht’s eigentlich no!»

Ihr heutiger, zweiter Mann ist der japanische Fotograf Kazuyuki Kitamura. Wie kam er in die Schweiz?

Ich habe ihn gekidnappt. Mir geschnappt, sozusagen. Kennengelernt haben wir uns in Paris.

Wieso Paris?

Das ist interessant, wenn man an Bestimmung glaubt. Ich war mit Freunden in Paris, und sah in einem Bistro einen bildschönen Japaner, der ebenfalls mit Freunden da war. Ich schaute ihn an, und er reagierte einfach nicht – ich dachte: «Schau mir in die Augen, Kleiner», aber der tat es einfach nicht. Das hat man nicht gerne, und ich musste mir etwas ausdenken, um seine Aufmerksamkeit zu erregen. Ich habe einen Ring unter den Tisch fallen lassen, worauf er sich genötigt sah, dem nachzukrabbeln. Und so begegneten wir uns das erste Mal krabbelnd unter einem Tisch.

Und dann?

Ich wollte mit dem ins Gespräch kommen. Aber daraus wurde nichts, und nach einer kurzen Konversation ging jeder wieder seines Weges. Aber am nächsten Tag, wen treffe ich in Paris zwischen zwei Bäumen? Meinen wunderschönen Japaner. Aber er war etwas in Eile und wollte nicht wirklich mit mir plaudern.

Wie schade.

Er gestand mir später, dass er schon gerne mit mir gesprochen hätte, sich aber einfach nicht getraut hat. Er hatte Angst davor, eine Abfuhr zu bekommen.

Aber Sie haben ihn trotzdem wieder getroffen.

Ja. Stell dir vor: am nächsten Tag am selben Ort in Paris.

Zufällig?

Ja. Zufällig. Das war wohl Schicksal.

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