Ein gutbesuchtes Café im Londoner Szeneviertel Notting Hill. Die junge Frau, die hereinkommt und sich ein Mineralwasser ohne Kohlensäure bestellt, zieht keine Blicke auf sich. Überdurchschnittlich gut aussehend und geschmackssicher gekleidet sind hier viele. Sitzt man ihr gegenüber, fällt einem zuerst die irritierende Intensität ihres Blicks auf. Wie viele Menschen, die länger in New York gelebt haben, spricht sie eine Spur zu laut. Wenn sie Wörter benutzt wie «Pussy» und «Doppeldildo», drehen sich die Köpfe der Gäste ruckartig in ihre Richtung.
Ms McLennan, im Jahr 2000 zogen Sie von Ihrer kanadischen Heimatstadt Montreal nach New York. Wie wurden Sie dort zum teuersten Escort-Girl der USA?
Ich war eine aufmerksamkeitshungrige 21-Jährige, die in kleinen Off-Broadway-Produktionen mitspielte. Als am 11. September das World Trade Center einstürzte, begann im New Yorker Nachtleben ein Tanz auf dem Vulkan. Über Monate wurden end of the world-Partys gefeiert, die Exzesse kannten keine Grenzen mehr. Wir waren vergnügungssüchtige Vampire, die erst nach Hause gingen, wenn es draussen schon hell wurde. Eines Nachts wurde mir ein Typ namens Jason Itzler vorgestellt. Mir fiel als Erstes seine diamantbesetzte Cartier-Uhr auf. Er kam schnell zur Sache und fragte, ob ich für seine Escort-Agentur NY Confidential arbeiten wolle.
Wie haben Sie reagiert?
Ich war hin- und hergerissen. Einerseits war ich eine ziemlich unerfahrene Sexspiesserin, die sich gerade ihren ersten Porno angeschaut hatte. Andererseits war ich chronisch pleite, und das versprochene Stundenhonorar war astronomisch hoch. Ich sagte mir: «Okay, du probierst das jetzt einfach mal aus. Wenn’s eklig wird, machst du’s nie wieder.»
Wer war Ihr erster Kunde?
Ein dünner Asiate im grauen Anzug um die vierzig, der in einem Apartment mit Panoramablick auf das Chrysler Building wohnte. Er trank keinen Alkohol und führte mich nach zwei Minuten höflich in sein Schlafzimmer. Der Sex war eher farblos. Er kam und war glücklich. Ich dachte: «Wow, so einfach kann man seine Geldprobleme loswerden!» Die Dollars hatten mich feucht gemacht, und ausserdem tat ich etwas, was mir sowieso Spass machte. Niemand musste mich überreden weiterzumachen. Mein zweites Date war ein Jüngelchen, dem sein Vater zum bestandenen Jura-Examen zwei Escort-Girls spendiert hatte. Ich habe schon immer gerne Mädchen geküsst, besonders solche, die mir ähnlich sehen. Deshalb war es kein Problem für mich, ihn mit einer Lesbenshow heisszumachen.
Bei NY Confidential wurden Sie fortan unter dem Namen «Natalia» vermietet. Wer kam zu Ihnen?
Anwälte, Schauspieler, Kunsthändler, Politiker, Musikproduzenten, Rock- und Footballstars, Immobilienmakler, junge Erben – und dann natürlich die Hedge-Fund-Könige der Wall Street, die 5000-Dollar-Suiten im «Waldorf Astoria» buchten, wenn am Wochenende ihre Ehefrauen mit den Kindern in den Hamptons waren. Ich redete mir ein, Escort-Girls seien eine segensreiche Erfindung: Besser die Herren schlafen mit mir statt mit ihrer Sekretärin – kein Risiko, erwischt zu werden, keine schreiende Ehefrau, die schon immer gewusst hat, dass da etwas mit der Schlampe aus dem Vorzimmer läuft, und jetzt das alleinige Sorgerecht für die Kinder haben will. Jason verkaufte unseren Service als eine Art karrierefördernden Wellness-Trip. Wenn er einen jungen Investmentbanker am Telefon hatte, sagte er: «Sie werden sehen, die sexuelle Energie des Mädchens wird sich auf Sie übertragen und Ihre Leistungskraft im Job befeuern. Betrachten Sie unser Honorar als Investition in Ihren Aufstieg in die Topliga.»
Was war ausschlaggebend für Ihr Rekordhonorar?
Nicht mein Aussehen. Zwei Drittel der Mädchen bei NY Confidential waren körperlich besser ausgestattet als ich. Mit meinen eins dreiundsechzig bin ich alles andere als eine Supermodel-Erscheinung. Meine Brüste sind eher klein, und wegen eines Blinddarmdurchbruchs habe ich eine Operationsnarbe vom Bauchnabel bis fast an meine Pussy. Aber Frauen irren, wenn sie denken, Männer stehen auf Makellosigkeit. Perfektion schüchtert nur ein. Das entscheidende Kriterium in diesem Business ist deine Einstellung. Ein bisschen Geilheit zu simulieren, reicht nicht. Männer wollen spüren, dass du vom Sex mit ihnen begeistert bist. Wer diese Wahrhaftigkeit nicht rüberbringt, wird es nie in die erste Liga schaffen.
Bevor Sie nach New York kamen, haben Sie drei Jahre lang eine Schauspielschule besucht. Half das?
Nein. Egal wie gut Sie schauspielern, erfahrene Kunden erkennen einen vorgetäuschten Orgasmus. Ich hatte es gut, denn ich musste nur merken, dass ein Typ gleich kommt, um selber so weit zu sein. Wenn es mal anders war, hatte ich wie jede Frau ein Märchen im Kopf, das ich abrufen konnte. Bei einem Filmagenten aus Hollywood habe ich mir vorgestellt, wir seien Richard Gere und Julia Roberts in «Pretty Woman». Sein Schwanz in meinem Mund war mein Oscar. Es hat meine sexuelle Lust nie gesteigert, wenn ich in jemanden verliebt war.
Wer bestimmt den Preis eines Escort-Girls?
Unsere Mädchen bekamen für ihr erstes Date 700 Dollar pro Stunde. Es ist üblich, dass der Kunde dich hinterher auf der Internetseite theeroticreview.com bewertet. Die Seite ist eine Art Stiftung Warentest für Männer auf der Suche nach bezahltem Sex. Für dein Aussehen und deine Performance vergibt der Kunde Noten zwischen eins und zehn. Und er listet auf, welche Dienste du anbietest, Analsex zum Beispiel oder Blowjobs ohne Kondom mit Schlucken. Das Abschneiden auf dieser Website entscheidet, wie teuer ein Mädchen ist. Wenn einer über dich schreibt, du seist ein lahmer Fick und hättest Mundgeruch, killt das sofort deine Karriere. Ich war offenbar ein Naturtalent und bekam in den ersten Monaten siebzehn Mal hintereinander ausschliesslich Zehner-Noten. So wurde ich die legendäre Pionierin, die für 60 Minuten 2000 Dollar verlangen konnte – und die Mindestmietzeit betrug zwei Stunden. Der Hype um mich war bald so gross, dass eine asiatische Firma Natalia-Puppen rausbringen wollte.
In Ihren Memoiren* schreiben Sie: «Ich habe den Begriff ‹Nymphomanin› in einem psychiatrischen Standardwerk nachgeschlagen, und die Beschreibung trifft haargenau auf mich zu.»
Sexarbeiter erzählen gerne den Witz: «Hast du privat auch noch Sex?» – «Nein, wieso soll ich mir Arbeit mit nach Hause nehmen?» Bei mir war das anders. Es machte mich an, mit berühmten Männern zu schlafen, und wenn ich nach Hause kam, legte ich einen Porno ein und masturbierte noch stundenlang. Wer viel Sex hat, will noch mehr Sex haben. Es war fast eine Sucht, und wie bei jeder Sucht hast du irgendwann diese grosse Leere im Kopf, weil kaum noch etwas anderes eine Bedeutung für dich hat. Wenn ich mich nachts um zwei von einem Kunden verabschiedet hatte, betete ich, dass noch eine Buchung reinkommt.
Wie hoch war Ihr Anteil am Honorar?
Zehn Prozent bekam der booker. Den Rest teilte ich hälftig mit der Agentur.
Es gibt in New York rund 25 000 Sexarbeiter. Was machte NY Confidential so erfolgreich?
Jason hat nie ein Mädchen engagiert, das zuvor schon als Callgirl gearbeitet hatte. Wenn er gefragt wurde, ob er keine Angst habe, wegen verbotener Prostitution aufzufliegen, antwortete er: «Ich habe nur Angst, nicht der Beste zu sein!» Eines Abends buchte er für uns beide ein Escort-Girl, um herauszufinden, was die Konkurrenz zu bieten hatte. Das Mädchen war zugedröhnt und sah durch Jason hindurch wie eins dieser Mädchen, die jahrelang als Stripperinnen gearbeitet haben. Als sie den Mund aufmachte, war sie wegen ihrer Offenheit ein kompletter Downer. Kein Mann will erfahren, dass du Gebärmutterkrebs hattest oder zwischen zwei Kunden nicht duschst, weil das dein kleiner privater Scherz ist. Jason hat seinen Mädchen dann den «Freundinnen-Faktor» beigebracht, damit der Sex mit uns authentisch wirkte. Bevor wir an die Tür eines Kunden klopften, mussten wir dreimal hintereinander ein Mantra aufsagen: «Hinter dieser Tür wartet mein Freund, den ich über alles liebe und seit drei Wochen nicht gesehen habe.»
Und das wirkte?
Ja. Sobald der Sex vorbei ist, plagt Escort-Kunden oft ein schlechtes Gewissen. Sie denken plötzlich an Frau und Kinder und fühlen sich schmutzig und gemein. Wir waren die Mädchen mit dem guten Karma, von denen man keinen Kater bekam. Uns durfte man auch mit der Zunge küssen, was bei Sexarbeiterinnen normalerweise ein grosses Tabu ist.
Stimmt das Klischee, dass viele Männer bei Prostituierten in Wahrheit nur reden wollen?
Das ist Bullshit. Kein Mann zahlt dir 2000 Dollar pro Stunde, bloss damit du ihm zuhörst. Viele Kunden haben mich erst mal zwei Stunden zum Essen ins «Balthazar» oder «Cipriani» ausgeführt, aber das Schönste daran war für sie, dass sie Zeit hatten, mich mit ihren Augen sehr langsam auszuziehen.
Als Sie Jason kennenlernten, trug er elektronische Fussfesseln. Weshalb?
Er hatte siebzehn Monate im Gefängnis gesessen, weil er am Flughafen Newark mit viertausend Ecstasy-Pillen erwischt worden war, die er in Amsterdam gekauft hatte. Als er auf Bewährung freikam, sollten die Fussfesseln sicherstellen, dass er die Stadt nicht verlässt. Ende zwanzig hatte er mit einem Telefonsexunternehmen in Miami bereits Millionen verdient. Als er Pleite machte, verlor er auch seine klügste Investition: das Besitzrecht an der URL-Adresse pussy.com. Er hat dann zweimal versucht, sich umzubringen, zuerst mit einem Steakmesser, dann mit 150 in Scotch aufgelösten Tabletten. Natürlich hätte mich seine Vergangenheit warnen müssen, aber meine Wahrnehmung hatte grosse blinde Flecken.
Sie lebten gemeinsam mit Jason in einer Wohnung, in der Sie auch Kunden empfingen.
Wir mieteten in TriBeCa ein 460 Quadratmeter grosses Loft mit viereinhalb Meter hohen Decken, an denen 26 Kronleuchter von Swarovski hingen. Ein Exemplar kostete 3000 Dollar. Mein begehbarer Wandschrank hatte die Grösse einer Einzimmerwohnung, und eine Haushälterin machte mir Frühstück und bügelte meine Kleider. Die Musikanlage kostete 50 000 Dollar, und wir hatten Discoscheinwerfer und eine Nebelmaschine. In einem der Zimmer stand ein Flipperautomat mit dem Gesicht von Hugh Hefner. Es war Jasons grosser Traum, aus NY Confidential ein Imperium im Stil des Playboys zu machen.
Waren Sie eifersüchtig, wenn Jason mit anderen Frauen schlief?
Nein. Ich wollte, dass es eine Balance zwischen uns gibt. Deshalb habe ihn sogar ermuntert, andere Mädchen zu haben. Geärgert hat mich nur, wenn ich benutzte Kondome in unserem Bett fand. Es rührte mich, wenn er in mein Ohr flüsterte: «Wenn du jemals ohne Bezahlung mit einem Mann schläfst, brichst du mir das Herz.»
Jason versuchte, den Alltag bei NY Confidential als Reality-Soap an den US-Sender VH1 zu verkaufen. Waren Sie damit einverstanden?
Total. Unsere Egos spielten verrückt. Als in unserem Loft die Probesendung gedreht wurde, fühlten wir uns schon wie die nächsten grossen Superstars des Primetime-Fernsehens. Die Juristen des Senders haben dann aber ziemlich schnell den Stecker rausgezogen und das Projekt begraben. Sie fürchteten Millionenklagen wegen Verletzung der Persönlichkeitsrechte unserer Kunden. Das war ein Tiefschlag, der Jason für immer verändert hat.
Woran zerbrach Ihre Beziehung schliesslich?
Ich fand heraus, dass Jason mir mehr als 150 000 Dollar Honorar nicht ausgezahlt hatte. Er gab mir, seiner Freundin und fleissigsten Angestellten, mein Geld nicht: Plötzlich fühlte ich mich wie die billigste Parkplatznutte.
In Ihrem Buch heisst es: «Ich war in den frühen Morgenstunden in einem Klub eingeschlafen und davon aufgewacht, dass ich von einem Fremden gevögelt wurde.» Viel weiter runter kann man nicht kommen.
Es waren die Drogen, die mich so abgefuckt machten. Jason liess mich immer mehr arbeiten, bis zu vierzehn Stunden am Tag. Um das durchzustehen, fing ich an, Koks, Ecstasy, Crystal, Valium, Ritalin, Ambien und Adderall zu nehmen. Achtzig Prozent meiner Kolleginnen machten das auch so. Eine Linie Koks zu ziehen, kam mir bald so normal vor, wie einen doppelten Espresso zu trinken. Meine tägliche Dosis waren dreieinhalb Gramm. Ich kannte keinen, der mehr Schnee hineinschaufelte als ich. Die meiste Zeit war ich high wie ein Spaceshuttle. Irgendwann kam ich dann auf Heroin, Meth und Freebase. Als ich Entzugserscheinungen bekam, nahm ich mehr. Meinem Dealer Gtox kaufte ich jeden Tag Drogen für 300 Dollar ab. Ich wurde ein Zombie. Auf Heroin reichte meine Energie nicht mal mehr, um ans Handy zu gehen. Ich blinzelte einmal kurz, und schon war der Tag vergangen. Weil ich nie Hunger hatte, wurde ich klapperdürr, und ich bekam monatelang meine Periode nicht – was gut fürs Geschäft war. Wenn ein Kunde mich für drei Tage in Miami buchte, streute ich Heroin in ein Kondom, verknotete es und schob es mir unten rein. So entging ich den Kontrollen am Flughafen. Ich fand das gar nicht mal erniedrigend, denn Hollywood-Stars wie Robert Downey Jr. kämpften ja auch mit ihrer Drogensucht.
Nach einer Überdosis wurden Sie blutend und mit einem abgebrochenen Schneidezahn in die Psychiatrie eingeliefert.
Das war der Endpunkt. Ich habe dann einem Journalisten meine Geschichte erzählt, um mit mir ins Reine zu kommen.
Am 10. Juni 2005 waren Sie auf dem Cover des New York-Magazins, die Titelzeile lautete: «New Yorks Callgirl Nummer eins packt aus».
Ich wurde in die grossen Talkshows eingeladen und bekam Angebote, am Broadway gefallene Mädchen zu spielen. Mein neuer Traum war, doch noch als Schauspielerin Karriere zu machen und Glamour in mein Leben zu bringen. Im Verdrängen ist eben kaum jemand besser als ich, denn in Wirklichkeit war ich bloss die bekannteste Nutte Amerikas.
Im selben Jahr wurden Sie wegen Prostitution vor Gericht gestellt.
Escort-Girls bewegen sich in einer juristischen Grauzone. Es ist legal, jemandem gegen Bezahlung Gesellschaft zu leisten. Was anschliessend passiert, geht den Staatsanwalt nichts an. Um Callgirls aus dem Verkehr zu ziehen, setzt die Polizei verdeckte Ermittler ein, die ein verstecktes Tonband mitlaufen lassen. Wenn ein Mädchen dann Geld im Austausch gegen Sex annimmt, wird es wegen Prostitution angeklagt. Der Richter legte meine Kaution auf 250 000 Dollar fest. Er glaubte dem Gerücht, ich hätte insgesamt 1,5 Millionen Dollar verdient. Als ich angab, pleite zu sein, wurde ich sofort ins Untersuchungsgefängnis Rikers abtransportiert – in High Heels von Gucci. Plötzlich lebte ich mit fünfzehn anderen Frauen in einem vergitterten Käfig mit einer Metalltoilette ohne Brille. Ich war die einzige Weisse, und ein paar Kampflesben versuchten dauernd, mich zu provozieren. Ich hatte Höllenangst, weil die Hälfte der Insassinnen Hepatitis oder Aids hatte. Nach 26 Tagen kam ich endlich wieder frei. Die Anklage wurde fallengelassen, weil die Beweise nicht ausreichten.
Vergangenes Jahr musste der New Yorker Gouverneur Eliot Spitzer zurücktreten, weil herauskam, dass er mehr als 80 000 Dollar für Escort-Girls ausgegeben hatte. War Spitzer Ihr Kunde?
Diese Sorte Fragen beantworte ich nicht. Ich habe allerdings eine offene Rechnung mit Mister Spitzer. Bevor er 2007 Gouverneur wurde, war er Generalstaatsanwalt. In dieser Zeit war er ein knallharter Sheriff, der die Escort-Agenturen hochgehen lassen wollte, weil das bei den konservativen Scharfmachern gut ankam. Seine Ermittlungen führten zu meiner Verhaftung.
Spitzer wurde unter anderem nachgewiesen, dass er für 4300 Dollar ein Escort-Girl namens «Kristen» gebucht hatte. Mit dieser Frau, sie heisst Ashley Alexandra Dupré, hatten Sie lange ein lesbisches Verhältnis.
Jason hatte das perfekte Radar für Mädchen, die dieses hungrige Funkeln in ihren Augen haben. Als er Ashley hinter dem Bartresen des New Yorker Hotels «Gansevoort» entdeckte, steckte er ihr sofort eine seiner rasierklingendünnen Visitenkarten aus Titan zu, mit denen man auch Koks kleinhacken konnte. Eingraviert waren Name, Telefonnummer und das Motto «NY Confidential – Raketentreibstoff für Sieger». Ashley war damals erst neunzehn, aber sie war sofort bereit einzusteigen. Noch am selben Tag hatten wir unseren ersten Dreier mit einem Kunden. Ich liebte ihren Körper, eine perfekte Mischung aus Mädchen und Frau. Und sie hatte die perfekteste Pussy der Welt. Schon nach ein paar Wochen war sie in der Szene eine richtige Berühmtheit. Ihr Beiname lautete: «The girl with the magic pussy».
Als Spitzer aufflog, wurde Ashley zum meistgesuchten Mädchen Amerikas. Die Magazine Penthouse und Hustler boten ihr für Nacktaufnahmen eine Million Dollar an.
Das waren ihre fünfzehn Minuten Ruhm. Sie träumte davon, ein Popstar zu werden, und hatte eine Single aufgenommen, die gefloppt war. Wegen des Spitzer-Skandals hat sich der Song dann bei iTunes 500 000-mal verkauft. Keiner weiss, was aus ihr geworden ist. Manchmal tut es mir leid, dass ich sie als Escort-Girl angelernt habe. Vielleicht wäre ihr Leben ohne mich glücklicher verlaufen.
Sie kommen aus einer Mittelschichtfamilie, haben eine Eliteschule mit Einserzeugnissen absolviert und waren kanadische Landesmeisterin im Stepptanzen. Gibt es in Ihrer Biografie etwas, was Sie für Ihre Karriere als Callgirl prädestiniert hat?
Meinem Vater gehörte eine Abschleppfirma. An einem Abend kurz vor Weihnachten sagte er meiner Mutter, er müsse das Auto eines Freundes aus einer Schneewehe ziehen. Er kam nie wieder nach Hause zurück. Das war kurz vor meinem ersten Geburtstag. Meine Mutter hatte danach nie wieder einen Freund und nahm sehr stark zu. Meine Therapeuten sagen, die traumatische Erfahrung, vom eigenen Vater im Stich gelassen worden zu sein, sei meine offene Wunde. Unbewusst würde ich denken, ich hätte meinen Vater durch meine Geburt vertrieben. Wegen dieses Schuldkomplexes hätte ich geglaubt, jedermanns Objekt der Begierde sein zu müssen.
Überzeugt Sie diese Erklärung?
Ja. Ich weiss noch, wie mich mit sechzehn der Gedanke anmachte, dass die männlichen Zuschauer sich vorstellen, wie ich wohl unter meinem Stepptanzkostüm aussehe. Als Callgirl wurde ich süchtig danach, dass jeder anerkannte, dass ich die beste sexuelle Erfahrung bin, die man auf diesem Planeten haben kann. Das ist schon ziemlich behandlungsbedürftig.
Der deutsche Sozialphilosoph Theodor Adorno schrieb mal: «Unsere Fantasie wird gerade von jenen Frauen entflammt, denen Fantasie abgeht.» Deckt sich das mit Ihrer Lebenserfahrung?
Ist das eine Umschreibung für «Dumm fickt gut»? Jason ist bei solchen Bemerkungen immer ausgerastet. Für ihn mussten Mädchen klug und konversationsbegabt sein. Er nannte das den «braingasm», ohne den er keinen Orgasmus kriegen würde.
Sie sind 29 Jahre alt. Was machen Sie heute?
Nach dem Gefängnis bin ich nach Montreal zurückgegangen. Ich bekam einen Job als Putzfrau und Telefonistin in einem Spa. Heute bin ich dort Geschäftsführerin. Mein life coach hatte mir vor meinem ersten Arbeitstag gesagt: «Du hast es geschafft, auf das Cover einer Zeitschrift zu kommen. Jetzt musst du nur noch lernen, diese Energie auf deinen neuen Job umzulenken.»
Wie sind Sie vom Heroin losgekommen?
Mein Lebensretter war die Heroinersatzdroge Buprenorphin. Heute kompensiere ich meine Suchttendenzen mit neunzig Minuten Yoga am Tag und mindestens fünfmal Sport in der Woche. Ich rauche nicht mehr, und vom Nachtleben habe ich mich auch verabschiedet.
Sind Sie liiert?
Eine Zeitlang hatte ich überhaupt keinen Sex mehr, denn ohne Drogen und ohne mein Selbstverständnis als Sexgöttin war Sex für mich auf einmal fürchterlich kompliziert. Seit ein paar Monaten bin ich mit einem 37-jahrigen Banker zusammen. Er wusste aus der Zeitung, dass ich mit fast tausend Männern Sex hatte. Wir arbeiten daran, dass es für ihn irgendwann okay ist. Aber das braucht Zeit. Das Gleiche gilt für meine Mutter. Sie bat eine Freundin, ihr aus meinem Buch nur die Passagen vorzulesen, die sie überleben würde.
Was ist aus Jason geworden?
Er hat wegen Unterstützung von Prostitution, Geldwäsche und Drogenbesitz mehr als zwei Jahre in Rikers abgesessen. Als ich ihn dort besuchte, sass er in einem grauen Sträflingsoverall auf einem roten Plastikstuhl. Er stand auf und wollte vor mir auf die Knie sinken, um mir einen Heiratsantrag zu machen. Der Aufseher brüllte: «Hinsetzen! Sie kennen die Regeln.» Sein Antrag hat mir nichts mehr bedeutet. Wenn ich ihm jemals hörig gewesen sein sollte, dann war das in diesen Sekunden vorbei. Heute lebt Jason in Miami. Seine MySpace-Seite ist voll mit Fotos halbnackter Mädchen. In seinem Profil steht unter Beruf: «Rockstar!».
Haben Sie noch Kontakt zu ihm?
Wir haben alle paar Wochen miteinander telefoniert, aber es gibt keinen Grund mehr, dass er in meinem Leben ist. Deshalb habe ich vor einigen Monaten den Kontakt abgebrochen. Meine Mutter ist darüber sehr, sehr glücklich.
Eine letzte Frage: Kennen Sie monogame Männer, die nicht langweilig sind?
Nein. Aber warten Sie, mir fällt jemand ein: der Dalai Lama.
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