Jugendgewalt

«Der Koran ist ein wichtiger Referenzpunkt»

Fehlende Integration und ein falsches Überlegenheitsgefühl führten bei Jugendlichen aus dem Balkan zu Gewalt, sagt Allan Guggenbühl.

Von René Lüchinger

Bild: Christoph Göttert

Gewalt gegen Schweizer Jugendliche scheint alltäglich geworden zu sein. Was sind Ihre Erfahrungen?

In urbanen Gegenden hat praktisch jeder männliche Jugendliche Gewalterfahrungen machen müssen. Meistens ausgeübt von Jugendlichen aus dem Balkan oder aus Ex-Jugoslawien.

Wie begründen Sie das Phänomen?

Es gibt Gruppen von jungen Männern, die sich im öffentlichen Raum ganz anders präsentieren, als sonst in der Schweiz üblich. Sie fühlen sich sofort angegriffen und als Opfer von Beleidigungen. Wegen dieser Disposition fühlen sie sich zur Gegenwehr legitimiert und schlagen zu.

Umfrage: Waren Sie schon mal Opfer von Jugendgewalt?

Was sind das für Leute?

Meist junge Männer, die in der Schweiz kaum oder nicht integriert sind und nie gelernt haben, mit ihren Aggressionen umzugehen. Sie haben Ehrvorstellungen, die uns fremd sind. Ein «falscher» Blick, eine Bemerkung berechtigen in ihren Augen zur unmittelbaren Gewaltanwendung.

Folge kultureller Hintergründe oder individuell biografischer Erfahrungen?

Überwiegend sind es kulturelle Differenzen. Neun von zehn dieser Jugendlichen sind psychopathologisch nicht auffallend. Es sind keine familiären Defizite oder hirnorganischen Störungen feststellbar.

Ist eine Prävention überhaupt möglich?

Ein grosses Manko ist, dass viele dieser jungen Männer nicht wirklich in unsere Kultur integriert werden. Sie führen in einem gewissen Sinne eine Randexistenz. Hinzu kommt, dass sie auch unsere Mundart nicht beherrschen und teilweise bewusst einen eigenen Slang kreieren, um sich von den gleichaltrigen Schweizern abzugrenzen.

Was wäre also zu tun?

Sie brauchen Bezugspersonen, die ihnen helfen, einen Weg in unsere Kultur zu finden, und sich mit ihnen auseinandersetzen. Das können Lehrpersonen sein, welche diese Jugendlichen nicht nur nach schulischer Leistung beurteilen, sondern ganzheitlicher sehen, vielleicht auch Einblick haben in das Elternhaus. Es geht darum, ihnen unsere Werte zu vermitteln. Zum Beispiel betreffend die Rechte der Frau. Oder wie man in unserem Kulturkreis überhaupt eine Frau anspricht, dass eine Frau, die alleine unterwegs ist, kein leichtes Mädchen ist. Das Wissen darüber fehlt. Das sehe ich jede Woche, wenn ich mit gewalttätigen Jugendlichen arbeite.

Gibt es Chancen zur Resozialisierung?

Mehr als die Hälfte der gewalttätigen Jugendlichen wollen aus eigenem Antrieb an sich arbeiten, sehnen sich danach, dass man sich mit ihnen auseinandersetzt.

In einer Art «Kuschelpädagogik»?

Nein. Das gerade nicht. Ich mache sie nicht zu Opfern, sondern zu Tätern, sage ihnen: «Ihr müsst zu euren Taten stehen.» Die Tat steht im Vordergrund. Indem ich diese nicht relativiere oder entschuldige, nehme ich die Jugendlichen ernst. Sie müssen Verantwortung übernehmen für das, was sie angestellt haben. Dann versuche ich mit ihnen ihr effektives Verhalten zu reflektieren und andere Wege der Konfliktlösung aufzuzeigen. Sie müssen lernen, mit Provokationen umzugehen, ohne dass es zur Gewalteskalation kommt.

Jugendliche treten in Gruppen auf. Müssen Sie diese aus dem Verbund lösen?

Manchmal schon. Es gibt Fälle, in denen mehrere Mitglieder einer Gruppe zu mir kommen. Es kommt einer und bringt beim nächsten Mal drei Kollegen mit. Viele realisieren, dass sie in ihrem Leben etwas ändern müssen. Vor allem, wenn sie leiden, weil sie aus der Schule geflogen sind oder keine Lehrstelle finden.

Inzwischen existiert auch bei Schweizern ein vergleichbarer «Ehrenkodex».

Als Reaktion ist eine Radikalisierung auf Seiten der Schweizer Jugendlichen zu beobachten. Die Einheimischen wollen aber nicht in den gleichen Topf wie die ausländischen Jugendlichen geworfen werden. Sie grenzen sich ab, obwohl sie mitunter ein ähnlich gewaltsames Verhalten an den Tag legen. Es findet eine Polarisierung statt.

Spielt der Islam dabei eine Rolle?

Die Jugendlichen aus dem Balkan sind nicht besonders religiös. Aber der Koran ist ein wichtiger Referenzpunkt. Bei vielen resultiert daraus ein Überlegenheitsgefühl gegenüber dem Christentum. In ihrer Vorstellung herrscht hier eine degenerierte Kultur, weil die Schweizer sich nicht mehr wehren und ihre Frauen beschützen können. Paradox ist, dass ursprünglich aus dem Balkan stammende Jugendliche so denken, obwohl sie in der Schweiz aufgewachsen sind.

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