Essay

Ursprungstreu und zeitgemäss

Die katholische Kirche steht unter Dauerkritik. Das hat damit zu tun, dass sie sich nicht an modischen Strömungen orientiert. Eine Kirche soll mehr sein als ein blosser Spiegel der Welt.

Von Kurt Koch

Der römisch-katholischen Kirche gehört weltweit eine Milliarde Gläubige an. Sie verfügt über eine einheitliche Organisationsstruktur, insofern die weltweite Kirche unter der Führung des Papstes in Diözesen aufgegliedert ist, denen jeweils ein Bischof vorsteht. Diese Besonderheit tritt erst vor Augen, wenn man sie im Gesamtkontext der Christenheit wahrnimmt und sie mit dem Ökumenischen Rat der Kirchen vergleicht. Obwohl in ihm nicht die ganze nichtkatholische Christenheit vertreten ist, gehören ihm immerhin zirka 400 Millionen Christen in mehr als 340 Kirchen, Denominationen und kirchlichen Gemeinschaften zu.

Während die aus der Reformation hervorgegangenen Kirchen viele Spannungen mithilfe von Abspaltungen und der Errichtung neuer Kirchen zu lösen versucht haben, ist die römisch-katholische Kirche immer bestrebt gewesen, die unterschied- lichen Strömungen zusammenzuhalten, und zwar so gut und so lange, wie es geht. Dass auf diesem Weg die Reibungen nicht weniger werden, versteht sich von selbst. Es ist aber derjenige Weg, der seit beinahe zweitausend Jahren die weltweite Einheit dieser Kirche garantiert hat.

Dies lässt sich wiederum mit einem Vergleich, diesmal mit den orthodoxen Kirchen, verdeutlichen. Seit der Kirchenspaltung zwischen Ost und West im 11. Jahrhundert besteht die Ostkirche aus eigenständigen orthodoxen Kirchen, die sich national identifizieren. Weil sie kein Papsttum kennt, ist es dieser Kirche seit der Trennung nicht gelungen, Konzilien abzuhalten. Ohne starkes Papsttum wäre der römisch-katholischen Kirche dasselbe Schicksal beschieden gewesen: Auch sie wäre längst in Nationalkirchen zerfallen.

Weitere Spannungen ergeben sich in der römisch-katholischen Kirche von ihrer unverwechselbaren Verfassungsstruktur her. Sie ist am ehesten mit einer Ellipse mit zwei Brennpunkten zu vergleichen, nämlich der Einheit der weltweiten Universalkirche und der Vielheit der verschiedenen Ortskirchen. Die römisch-katholische Kirche ist zugleich universalkirchlich und ortskirchlich und damit zugleich päpstlich und bischöflich verfasst. Das Zusammenspiel der beiden Wirklichkeiten kann deshalb nur gelingen, wenn im konkreten Leben eine Einheit in Vielheit und eine Vielheit in Einheit angestrebt wird.

Für die römisch-katholische Kirche ist es charakteristisch, dass sie nicht in Gegensätzen (entweder – oder), sondern in Polarisationen (sowohl – als auch) denkt. Dies tritt besonders zutage in der katholischen Theologie. Ihre Spezialität besteht darin, dass sie symphonisch denkt: Sie bringt auf den ersten Blick gegensätzliche Pole zueinander in Beziehung wie Offenbarung Gottes und menschliche Religion, göttliche Gnade und menschliche Freiheit, Schöpfung und Erlösung, Glaube und Vernunft. Vor allem die zuletzt genannte Polarisation ist für katholische Theologie derart charakteristisch, dass man das Entstehen von Theologie überhaupt als ein christliches Phänomen beurteilen muss.

Das Unzeitgemässe verkünden

Katholische Theologie ist der grundlegenden Aufgabe verpflichtet, den christlichen Glauben im Blick auf Gottes Offenbarung dem Ur- sprung treu und zeitgemäss zu interpretieren. Was jeweils zeitgemäss ist, steht freilich nicht einfach von vorneherein fest, sondern kann mit Überraschungen verbunden sein, wie die umfangreiche wissenschaftliche Studie «The Churching of America» über die Beteiligung am kirchlichen Leben in Nordamerika zeigt. Sie hat nämlich ergeben, dass die Teilnahme am kirchlichen Leben in den vergangenen zweihundert Jahren keineswegs abgenommen hat, sondern angestiegen ist, und dass den grössten Zuwachs jene Kirchen verzeichnen, die sich nicht an den jeweiligen Mainstream angepasst haben; und dazu gehört die römisch-katholische Kirche.

Der Grund dafür dürfte von selbst einleuchten: Wenn die Kirche bloss die Erfahrungswelt der Menschen abbildet, dann verdoppelt sie diese Welt nur noch auf religiöse Weise. Zukunft kann die Kirche aber allein dann haben, wenn sie den Mut aufbringt, ihre eigene Physiognomie zu entwickeln. Natürlich ist die Kirche immer Kirche in der Welt und hat auch von der Welt zu lernen. Auf der anderen Seite darf sie aber nicht ein blosser Spiegel der Welt sein und nichts anderes mehr tun, als die Welt mit ihren Errungenschaften, freilich auch mit ihrer Trostlosigkeit, wiederzuspiegeln. Diesbezüglich weiss der Volksmund manchmal besser Bescheid als die Kirche selbst. Er sagt nicht nur, dass, wer sich heute mit dem Zeitgeist verheiratet, bereits morgen schon ein Witwer sein wird; er sagt vielmehr, dass nur tote Fische mit dem Strom, und nur lebendige Fische die Kraft haben, gegen den Strom zu schwimmen, auch und gerade gegen den Strom heutiger gesellschaftlicher Selbstverständlichkeiten.

Diese Beobachtung wird durch die me-diale Öffentlichkeit bestätigt. Der Grund dafür, dass die römisch-katholische Kirche – im Unterschied zu anderen Kirchen – in bestimmten Medien immer wieder in die Schlagzeilen kommt, liegt auch darin, dass sie in nicht wenigen wichtigen Bereichen der heutigen Political Correctness nicht entspricht. Sollte sich auch die römisch- katholische Kirche, wie dies heute nicht wenige Theologen, kirchliche Mitarbeiter und Gläubige wünschen und fordern, ganz an den modischen Strömungen orientieren, würde sie bald aus den Schlagzeilen verschwinden, sie würde dann freilich auch auf die Verliererseite geraten. Aus dieser Beobachtung darf man natürlich nicht den Freipass ableiten, dass die Kirche sich in der Vergangenheit verschanzt. Sie ist vielmehr verpflichtet, auch das Unzeitgemässe, dem sie verpflichtet bleibt, auf zeitgemässe Weise zu verkünden. Darin dürfte ein wesentlicher Grund für die bald zweitau-sendjährige Existenz der römisch-katholischen Kirche liegen und die Basis für eine gute Zukunft.

Kommentare

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  • Josef Huber
  • 21.12.09 | 08:39 Uhr

@Tobias Werner
Wie soll denn dieser Bischof anders um den heissen Brei herum labbern ? So wie Du ? Ich denke, Deine und meine Endzeit enden mit unserem Tod. Was dann kommt, ist die Zukunft. Das Nirwana, der Hades, das Reich mit den berühmten 70 Jungfrauen und den unendlichen Glückseligkeiten oder das Reich Gottes. Lass uns überrascht werden !

  • Tobias Werner
  • 20.12.09 | 20:14 Uhr

Auch dieser Bischoff labert um den heißen Brei rum - wie heutzutage - , viele Amts-Christen(freunde). Seine Zeitgeist-Infektion zeigt die Behauptung, diese Kirche habe Zukunft. Herrgottnochmal: Jesus war der Endzeitprophet!
Gut, wenn schon er sich im Zeitpunkt geirrt hat, warum sollte dies da ein Bischoff können. Aber sicher wird d. Endzeitidee, so sie richtig ist, was ich denke, bis zum Ende aller Tage fortbestehen, und ja, kurz zuvor sogar an Zustimmung gewinnen! Wenn alle der Meinung sind, dass man in einer Endzeit lebt, sich wie Christus u. d. Papst nicht vermehren, ja dann ist sie da!

  • Gunild Feigenwinter
  • 18.12.09 | 21:45 Uhr

Die Eigenart, anderen Systeme zu überdauern, teilt die röm. Kirche mit dem Islam. Sie wird auch die Demokratien überdauern, das liegt in der Natur der Männermachtgebilde, die sich nicht von Rücksichten auf niedere kultunfähige Menschenarten in ihrer Effizienz behindern lassen.
Auch die Männerhaus-Redaktion der "Jungen Freiheit" ist voll der Bewunderung für die stamm militärförmig durchstrukturierte frauenfreie, von keinerlei irdischen Störungen belästigte Klerikal-Elite. Sie hat auch den nötigen Sachverstand in Sachen Islam, über den das Schweizervolk laut Koch nicht verfügt.

  • Florian Flohr
  • 18.12.09 | 09:57 Uhr

Lieber Herr Bischof
Sind Menschenrechte, Demokratie und die Gleichberechtigung von Mann und Frau "modische Strömungen" oder nicht vielmehr wesentliche Bestandteile der christlichen Soziallehere? Es scheint mir jedenfalls zu abstrakt, wie Sie von der Unzeitgemässheit der Kirche schreiben. Die Auseinandersetzung um die Zeichen der Zeit und das "aggiornamento" bleibt konkret zu führen und lässt sich nicht auf Stereotypen wie "political correctness" und "gegen den Strom schwimmen" reduzieren.
Florian Flohr, Theologe

 
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