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16.12.2009, Ausgabe 51/09

Editorial

Utopien

Wie wird man kriminelle Ausländer los? Neue Prediger der Nichtdemokratie. Die neue Klima-Utopie.

Von Roger Köppel

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Das Getöse um die Ausschaffungsinitiative ist masslos übertrieben. Im Grunde will der Vorstoss nur eine Rückkehr zur früher in der Schweiz gepflegten Praxis des Landesverweises für Ausländer bei besonders schwerwiegenden Taten. Im Zuge einer allgemeinen Verweichlichung unseres Strafvollzugs wurde dieses Instrument zwischenzeitlich abgeschafft. Jetzt soll es reaktiviert werden. Welche Verbrechen davon berührt werden sollen, darüber kann man mit guten Gründen unterschiedlichster Meinung sein. Selbst die Initianten geben zu, dass die Vorlage möglicherweise überfrachtet wurde.

Videokommentare von Roger Köppel

Von einem Rückfall in die Barbarei kann bei einer Annahme durch das Volk aber keineswegs die Rede sein. Die Initiative zielt auf schwerkriminelle Ausländer, die, wer möchte da widersprechen, nicht auf Staatskosten im Inland versorgt werden sollen. Gibt es einen Widerspruch zum zwingenden Völkerrecht? Ich würde die These wagen: Nein. Oder zumindest: Nicht eindeutig.
Es gibt zwar einen Passus in der betreffenden Uno-Satzung, welche die Rückschaffung von anerkannten Flüchtlingen in Länder untersagt, in denen diesen Flüchtlingen Gefahr an Leib und Leben droht (Non-Refoulement-Prinzip). Allerdings haben selbst die Autoren der Uno – im gleichen Paragrafen – den häufig verschwiegenen Grundsatz formuliert, wonach sich ein Flüchtling eben nicht mehr auf diesen Rückschaffungsschutz beziehen darf, wenn er eine Gefahr für die öffentliche Sicherheit des Gastgeberlandes darstellt oder aber besonders schwere Verbrechen oder Vergehen begangen hat, für die er rechtskräftig verurteilt wurde.

Man entnimmt diesen Passagen, dass die Gegner der Initiative einen künstlichen Gegensatz zwischen dem Vorstoss und dem Völkerrecht konstruieren, um ihn erst gar nicht oder mit Verzögerung zur Abstimmung zu bringen. Darüber hinaus ist festzuhalten: Die Ausschaffungsinitiative bezieht sich auf alle schwerkriminell gewordenen Ausländer. Es ist möglich, dass sich je nach Auslegung der Uno-Charta ein Ausschaffungsproblem bei Flüchtlingen ergeben kann. Allerdings ist der Anteil der anerkannten Flüchtlinge an der gesamten ausländischen Bevölkerung in der Schweiz gering. Sollte es rechtliche Umsetzungsprobleme geben, so sind diese sicher zu bewältigen. Man kann sich hierbei auch die Frage stellen, was für eine Art Flüchtling ein Mensch ist, der in seinem Gastgeberland, das ihn vor Verfolgung oder Tod rettet, eine schwerwiegende Straftat begeht. Haben solche Leute nicht grundsätzlich ihr Bleiberecht verwirkt?

Ein letzter Punkt wird im Zusammenhang mit der Ausschaffungsinitiative immer wieder erwähnt, um sie in Misskredit zu bringen. Man behauptet, die Initiative sehe vor, die Eltern oder Erziehungsverantwortlichen straffällig gewordener Jugendlicher in einer Art Sippenhaftung aus dem Land zu werfen. Dieses Beispiel soll den besonders verwerflichen, zivilisationsfeindlichen Charakter der Vorlage unterstreichen. Die Behauptung ist falsch. Nichts dergleichen fordert die Initiative. Das Gerücht wurde irrtümlich durch einen früheren Chefbeamten des Bundesamts für Justiz in Umlauf gebracht, der an einem öffentlichen Vortrag die Fehldeutung in die Welt setzte, sie aber bald darauf wieder zurücknahm.

Wann ist die Schmerzgrenze erreicht, an der man einem pensionierten Staatsangestellten wegen der Verbreitung öffentlichen Unsinns die Rente kürzen sollte? Dieser zugegebenermassen wenig sachliche bis unfreundliche Gedanke kam auf, als der Basler Altständerat und ehemalige Rechtsprofessor René Rhinow letzten Mittwoch in der Neuen Zürcher Zeitung zur Minarett-Abstimmung folgenden Gedankengang skizzierte: Es sei, argumentierte Rhinow, «in Erinnerung zu rufen, das unsere an der Urne obsiegenden Mehrheiten immer Minderheiten sind: So beträgt der Prozentanteil der Ja-Stimmenden bei der Minarett-Initiative zwar 57,5 Prozent, setzt man jedoch diese obsiegende Mehrheit mit dem Total der Stimmberechtigten in Beziehung, so ergibt sich ein Prozentsatz von rund 30 Prozent – 70 Prozent haben also entweder mit Nein gestimmt oder nicht teilgenommen.»

Rhinow geht zwar nicht so weit, den Volksentscheid aufgrund seiner verwegenen Neuauslegung umstossen zu wollen. Doch die Deutungen dienen unzweifelhaft der Absicht, seine Grundlage ins Wanken zu bringen. Der griechische Philosoph Platon entwarf das Ideal eines von erleuchteten Philosophen gelenkten Vernunftstaates.
Dem Genfer Denker Rousseau verdanken wir die Einsicht, dass der blosse Mehrheitswille nie die wahre Demokratie ausmache. Es bedürfe, argumentierte der Vordenker des französischen Revolutionsterrors, einer Verpflichtung auf das Gemeinwohl, das eine kleine Elite besser erfassen könne als das breite Volk. Die echte Demokratie war für Rousseau die Beherrschung der Mehrheit durch die Minderheit im Namen der Mehrheit. In dieser Tradition falscher Demokraten stehen die Schweizer Skeptiker des Volksentscheids.

Der Klimagipfel in Kopenhagen feiert eine neue Utopie der Weltbeglückung. Wie alle Utopien, so hat auch die Klimarettung nicht die Funktion, messbare Resultate zu erzeugen. Utopische Projekte genügen sich dadurch, dass sie unerreichbare Ziele setzen, an die viele Leute dennoch glauben. Die wichtigste Funktion der Utopien, formulierte der vor drei Jahren verstorbene Schriftsteller Jean-François Revel, bestehe darin, ihren Anhängern einen Vorwand für Zwangsmassnahmen und Verbote zu liefern ohne einen Nachweis ihrer Wirkung. Utopien sind Ausdruck des Verlangens erstaunlich vieler Menschen nach Herrschaft. Die einen wollen sie ausüben, die andern wollen sich ihr unterwerfen. Je höher und abstrakter die Ideale, desto härter wird die Tyrannei.

Nachlese zu den Affären des Golf-Weltstars Tiger Woods: Es gibt zahlreiche Männer, die ihre Karrieren durch Weibergeschichten zerstörten. Umgekehrt sind kaum Frauen bekannt, die sich durch aussereheliche Beziehungen aus der Bahn werfen liessen. Sind daraus Rückschlüsse auf geschlechtsspezifisch unterschiedliche Triebstärken zu ziehen? Unbedingt. Männer suchen das Risiko, Frauen die Sicherheit. Das vernünftigere Geschlecht ist weiblich.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 51/09
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Kommentare

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Michael Hartmann     22.12.09 18:47

Ja, Selki, da haben Sie hundertpro recht. Die Schweiz sollte das Steuergeld besser den eigenen Aussendienstlern (Bauern, Militär) in den A stecken als Aufbauarbeiten im Ausland unterstützen. Wo kommen wir denn da hin.

Ich habe mal gehört (im Dorf), dass der Bauer neben mir, ein paar Bulgaren in Kojen schlafen lässt - während der Apfellese. Der Bauer als Ökonom. Der ist ja sicher besser als der Chinese.

Michael Hartmann     22.12.09 18:43

Das Hauptproblem ist ja, dass mit all der Repression kein Deut an der Tatsache geändert wird, dass 80% der Gefängnisinsassen Ausländer sind. Der Prozentsatz wird sich nur noch erhöhen, auf 90 - 95%. Mit all den Ausländern in Ausschaffungshaft wird es nur noch teurer für den Steuerzahler. All die Ausländer, die 'illegal' in der Schweiz sind und niemand weiss, woher sie kommen, bzw. wohin sie gehen sollen, sitzen dann wegen Taschendiebstahl oder Prügeleien auf dem Portmone der Steuerzahler. Und irgendwann komen sie ja doch wieder raus - wenn sie nicht ausgeschafft werden können.

Rainer Selk     22.12.09 16:45

Marianne Studer 22.12.09 08:43
na klar, am CH Sozial- / Rechtswesen muss linkspopulitisch die ganze Welt genesen. Mir kommen die Tränen.
Marianne Studer 22.12.09 08:51+08:57
Frage mich nur, warum die CH vorderste Plätze in Sachen Ökonomie einnimmt. Könnten die HongKonger wählen, wären sie vermutlich nicht in der VR China. 20 m2 Wohung mit 8 Kojen aufeinander. Da kann es garnicht kalt werden. Angstmacherei hat noch nirgends hingeführt. Vorschlag: Stellen Sie in der CH Kinder auf, die frei wählen können und, und, und....

Marianne Studer     22.12.09 08:57

/ 2

Genau dort versagt die SVP im Ansatz: Gegen Harmos, gegen Mehrausgaben für Bildung und Forschung. Diese Zusammenhänge muss man laut benennen, v.a. die Mitteparteien! Ich bin zZt in Hong Kong und sehe mit eigenen Augen, was die Chinesen geschaffen haben und wie weit sie es noch bringen werden. Ich würde mich besser warm anziehen, liebe Schweizer! Mit den Rezepten der SVP werden wir bald die Nr. 3 am Rücken haben! Entscheidet euch was ihr wollt: Dicht machen und abschotten oder selbstbewusst, optimistisch und intelligent in die Zukunft und Sicherung des Wohlstandes.

Marianne Studer     22.12.09 08:51

Die Schweiz ist kein Einwanderungsland, das wissen wir und das Volk hat das zur Genüge signalisiert. Nur treibt die SVP seit über 10 Jahren ein mieses Doppelspiel, wenn sie immer für Steuer- und Standortwettbewerb weibelt. Über 50 renommierte ausl. Firmen haben nach Einführung der PFZ ihren Sitz in die CH verlegt und damit über 20'000 Arbeitsplätze geschaffen. Deren Steuern will man aber das qualifizierte Personal nicht. Wenn die CH als F&E Standort global top bleiben will, geht das nur mit der PFZ und mit mehr Ausgaben und Fokus auf Bildung.

Marianne Studer     22.12.09 08:43

Auch die nächste SVP-Ausländerinitiative verstösst gegen die Verfassung. Kleinreden nützt da nichts. Alle sind vor dem Gesetzte gleich! Wirklich? Ein ausländischer Kindermörder wird ausgeschafft und ein Schweizer? Wie werden sich die Opfer fühlen, wenn Täter nach ihrer Ausschaffung in ihren Heimatländern freigesprochen oder eine viel mildere Strafe bekommen? Daran haben die SVP Populisten natürlich nicht gedacht. Es geht wie immer um billige Stimmungsmache und die Dauerbesetzung eines offensichtlich für die Partei ergiebigen Themas und nicht um wirkliche Probleme.

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