Michelle Hunziker

Die saubere Energie

Michelle Hunziker soll Thomas Gottschalk und «Wetten, dass . . .?» einen dritten Frühling bescheren. Dabei hätte die erfahrene Moderatorin und clevere Geschäftsfrau im Schweizer Fernsehen endlich eine bedeutende Aufgabe verdient. Eine Ehrenrettung aus gegebenem Anlass.

Von Daniele Muscionico

Wieso können wir uns nicht freuen? Weshalb herrscht germanische Griesgrämigkeit, wenn immer es um Michelle Hunziker geht? Dieses Mal hatte alles so gut begonnen: Die Presse jubelte, Michelle als Co-Moderatorin des Fernsehopas Gottschalk, Michelle, die Menschen- und Quotenfischerin! Doch kaum war die erste Sendung vorbei, titelte die Welt: «Wetten, dass es diese Show nicht mehr lange gibt?» Man nörgelte über Hunzikers «überschätzte Anziehungskraft» und argumentierte genau so, wie Michelle niemals ist hämisch.

In Italien ist alles anders. Zum Beispiel an jenem Montagabend im Februar. Flüchtlingschaos auf Lampedusa, Wirtschaftskrise, Korruption. Es war kalt auf der gefühlten Celsius-Skala und in den schlechtgeheizten Wohn- zimmern, als um 20 Uhr 30 auf Canale 5 die satirische Nachrichtenshow «Striscia la notizia» begann. Ein Land fror, eine Nation fröstelte – bis sie kam: Michelle Hunziker in der Rolle, die sie am besten kann: als sie selber. Und kaum war sie da, stieg die Raumtemperatur. Die Schöne aus Ostermundigen brach am 23. Februar 2009 in Italien alle Quotenrekorde und schrieb Fernsehgeschichte. Knapp elf Millionen Menschen versammelten sich am Lagerfeuer, um dabei zu sein beim Aufgehen einer Sonne.

Michelle Hunziker, 32, ist die sauberste Energiequelle seit Erfindung des Privatfernsehens. Sie funktioniert nach dem Geheimnis der Fotovoltaik; aus Sonnenenergie wird elektrische Energie, die Licht ins Dunkle bringt. Die Hunziker-Matrix ist so simpel wie ein Naturgesetz. Sei einfach du selber, dann bist du unangreifbar.

Wenn das so einfach wäre! Doch was einfach scheint, ist in Wahrheit komplex und Ergebnis hoher Professionalität. Was einfach scheint, hat nicht immer die besten Karten. Denn während Italien die Moderatorin in sein grosses Herz geschlossen hat, sie bereits zweimal mit dem wichtigsten Fernsehpreis auszeichnete und uneingeschränkt stolz auf sie ist, gehört das Hunziker-Hecheln in der Schweiz und Deutschland zum guten Ton.

Die Jagd freigegeben hatte 1999 der damalige Fernsehdirektor, Peter Schellenberg. Bezahlt dafür, die Konkurrenz in den Hades zu wünschen, kommentierte er Michelle Hunzikers Heimholung aus Italien in die Schweiz durch den Privatsender TV 3. Das schönste und prominenteste Aushängeschild des neuen Kanals moderierte «Cinderella», eine unglücklich lancierte Lifestyle-Show. Scharfrichter Schellenberg fand die Moderatorin eine derartige Fehlbesetzung, dass er empfahl, Michelle möge flüchten, sobald eine Kamera in der Nähe sei. Er schlug den Sack und meinte den Esel.

Was er, später, in einer seiner Abrechnungen mit Ingrid Deltenre auch eingestand. «Ich habe meine Meinung in der Zwischenzeit revidiert. Michelle ist eine bezaubernde und talentierte Frau, die bei TV 3 im falschen Format stand. Mit einer eigenen Show wäre ich allerdings vorsichtig. Sie müsste knallhart geformt werden, und ich befürchte, dann würde sie wie Ingrid Steeger persönlich zu einem Wrack.» Wie wenig ein Schellenberg von Hunziker versteht. Schade eigentlich.
Die junge Frau, denkbar ungeeignet, sich von jemandem formen zu lassen, nahm die Anfeindung entspannt. Sie gab sich nach dem «Cinderella»-Debakel selbstkritisch wie immer und professionell: «Das war für mich die beste Schule, in Italien wurde ich nie kritisiert.» Nach wenigen Folgen beendete sie ihre Moderatorentätigkeit und verliess die Schweiz in Richtung Italien, reicher um die Einsicht: «Dank Schellenberg hatte ich von diesem Moment an keine Probleme mehr mit der Presse.»

Das nackteste Fernsehen der Welt

Michelle Hunziker ist ein Phänomen. Wer Italien, wer das italienische Fernsehen nicht kennt, wird sie kaum einordnen können. Doch wer mit der Medienlandschaft unserer südlichen Nachbarn vertraut ist, wird von ihr nur mit Respekt reden dürfen. Denn Michelle Hunziker, früher nur «Frau von . . .» und bekannt als «Italiens erotischster Po» (aus ihren Anfängen als Unterwäsche-Model), hat eine Entwicklung gemacht, die in Italien nicht vorgesehen ist. Und nicht nur dort. Die Moderatorin, genetisch mit allen optischen Vorzügen dieser Welt beschenkt, hat sich vom Schmuddel-Image einer velina befreit und zur Karrierefrau und selbstbewussten Mutter gewandelt. Heute steht sie für eine geglückte Emanzipation in einem Land, in dem weiblicher Unabhängigkeit noch immer der Geruch von Schwefel anhaftet.

Velina ist typisch Italien, velina ist das, wovon jedes italienische Mädchen mit öffentlichen Ambitionen träumt. Die Erkennungsmerkmale: Stilettos und Hotpants. Als Fernsehquiz-Assistentin tanzt die velina auf dem Tisch des Moderators und hilft ihm aus. Erfunden wurde sie 1983 vom Berlusconi-Sender Italia 1, dann von der staatlichen Rai kopiert. Dank ihr hat Italien das nackteste Fernsehen der Welt.

Die velina tanzt auch auf dem Tisch des Moderators von «Striscia la notizia». Reden können muss sie nicht, schön sein genügt. Doch schöner als die Co-Moderatorin, Michelle Hunziker, ist keine, sie lenkt die Blicke aller Frauen auf sich. Die Aufmerksamkeit der Männer hat sie ohnehin.

Prüde und offenherzig

Und diese bekommen von ihr nicht nur Dinge zu sehen, sondern auch Dinge zu hören, wofür eine Italienerin umgehend zur Beichte gehen müsste. Dem Mailänder Magazin A verlautbarte sie kürzlich: «Italienische Männer sind besessen von Tabus. Ihre Mütter sind heilige Jungfrauen, die niemanden küssen und nie mit jemandem ins Bett gehen. Von gesundem und normalem Sex kann keine Rede sein.» Ein Frontalangriff auf den Mythos der italienischen Männlichkeit, der auf Erfahrung beruht. Nicht zuletzt durch die Ehe mit Ramazzotti. Der hatte das Scheitern ihrer Beziehung wie folgt kommentiert: «Mit einer Italienerin wäre mir das nicht passiert.»

Michelle Hunziker, bereits mit 19 Mutter geworden, hat sich in einem jahrelangen und hässlichen Scheidungskrieg das alleinige Sorgerecht für ihre Tochter Aurora erkämpft. Die Missstimmung im Hause Ramazzotti-Hunziker begann früh. Der Sänger bekundete Mühe damit, dass seine Frau nicht auf eine Karriere verzichten wollte, terrorisierte sie mit seiner Eifersucht, kontrollierte ihr Handy, verbot sogar Shootings. Doch Michelle verteidigte ihre Ambitionen und gewann damit Achtung weit über ihre Fernsehgemeinde hinaus.
Und sie hat gelernt, dass sie ihren Preis wert ist: Als Moderatorin des legendären Sanremo-Festivals 2007 verlangte sie eine Rekordgage, die von der italienischen Regierung bewilligt werden musste – 1,6 Millionen Franken. Seitdem zählt sie zu den Topverdienern im italienischen Fernsehbusiness.

Michelle Hunziker ist eine Selfmadewoman all’italiana. Im Privaten prüde, wie sie sein kann, in der Vermarktung ihrer Person so offenherzig, wie sie sein muss. Und dabei hoffnungslos romantisch: «Ich will erobert werden und wünsche mir, dass ein Mann sich ins Zeug legt, um mich zu gewinnen. Aber die Männer geben viel zu schnell auf», sagte sie kürzlich in einem Interview. Michelles einzige Schwäche ist, nie anders als Michelle zu sein.

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