Manchmal geht alles ganz schnell. Max zum Beispiel muss mit leerem Magen ins Bett, denkt sich dort eine Geschichte aus – und ist jetzt ein Held. Bloss, weil der Junge an dem Abend seinen Wolfspelz trug, Unfug im Kopf hatte, seine Mutter ihn schalt: «Wilder Kerl!», und Max sagte: «Ich fress dich auf.» Die Folgen sind bekannt. Es ist die Geschichte «Wo die wilden Kerle wohnen», im Original «Where the Wild Things Are», ab 17. Dezember auch bei uns in den Kinos. Und keiner, der nicht bereits heute darauf wettet, dass der Film ein Ereignis ist.
Doch der wahre Held heisst nicht Max, sondern Maurice, Maurice Sendak, Kerle-Erfinder und Illustrator. Sendak ist 81 Jahre alt, Spross jüdischer Einwanderer aus Polen, die sich in Brooklyn aus dem Nichts eine Existenz aufbauen mussten. Maurice Sendak ist ein Immigranten- und ein Brooklyn-Kind und zugleich ein Kind der Grossen Depression.
Wenn sein Buch in die Kinos kommt, wird Sendak dafür über zwanzig Jahre gekämpft haben. Es gab zahlreiche Neudrehs, auch noch in der letzten Fassung in der Regie von Spike Jonze; und mehr als einmal wurde dem Film seine düstere Grundstimmung und mangelnde Kommerzialität vorgeworfen. Bereits dem Buch, das Sendak 1963 veröffentlichte, schlug erst nur Ablehnung entgegen. Diese Auffassung von Literatur für Kinder war neu; Sendak wollte, anders als Disney, keine niedliche, friedliche Welt für kleine Menschen schaffen, sondern eine schreckliche Welt der Monster.
Denn er ist der Meinung: «Ich erzähle den Kindern nur die Wahrheit. In der Erinnerung vieler Erwachsener verklärt sich die Kindheit, und sie belügen die Kinder, angeblich, um sie vor den Grausamkeiten der Welt zu beschützen. Aber Kinder hassen es, belogen zu werden. Ich weiss noch genau, wie ich mich als Kind fühlte: Es war schrecklich.»
Sendak zeichnete die Kerle so, wie Kinder Erwachsene sehen. Oder so, wie er als kleiner Junge seine Verwandten erlebt hatte: unbekannte Menschen, die ihn hochhoben, ihn in die Backen kniffen, unverständliche Dinge sagten und wollten, dass er sich darüber freue.
Sendak ist heute noch immer kein besonderer Freund von Erwachsenen. Aber inzwischen ist er einer der mächtigsten Menschen der Welt. Denn er hat der Fantasie von Millionen Kindern Gestalt gegeben. Er hat für unsere Kindheitsängste Bilder gefunden. Er hat Macht über unsere Vorstellungskraft. Das ist Maurice Sendak, ein ganzer Kerl.













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