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02.12.2009, Ausgabe 49/09

Thiel

Ueli und das Volk

Der Bundesrat, die Initiativen und das Stimmvolk. Über die Angst der Herrschenden vor der Freiheit des Einzelnen. Ein Interview mit Eveline Widmer-Schlumpf.

Von Andreas Thiel

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Thiel: Frau Eveline Widmer-Schlumpf, wie kommt es, dass die Meinung des Bundesrates der Meinung des Volkes derart diametral zuwiderläuft?
Widmer-Schlumpf: Man
muss das unprofessionelle Stimmverhalten des Volkes entschuldigen. Das Volk ist kein Berufsvolk. Was wir in der Schweiz haben, ist politisch gesehen ein Teilzeitvolk. Im Gegensatz zum Bundesrat, der aus vollamtlichen Berufspolitikern besteht. Bei den Stimmbürgern hingegen handelt es sich nur um Laien.
Thiel: Ein Leihvolk?
Widmer-Schlumpf: Ein Laienvolk. Es stimmt über Gesetze ab, obwohl die wenigsten Stimmbürger Rechtswissenschaften studiert haben. Der Bundesrat hingegen besteht aus drei Juristinnen, einer Politologin und zwei Wirtschaftswissenschaftlern. Er weiss also, was richtig ist und was nicht. Nur Ueli weiss es nicht, er ist nur Buchhalter. Deswegen war er auch der Einzige von uns, der für die Minarett-Initiative war.
Thiel: Also ist Ueli der Einzige, der wie das Volk denkt?
Widmer-Schlumpf: Ich weiss nicht, was sich Ueli und das Volk dabei gedacht haben.
Thiel: Ueli und das Volk scheinen oft das Gleiche zu denken.
Widmer-Schlumpf: Das stimmt. Der Bundesrat fühlt sich von Ueli und dem Volk oft alleingelassen.
Thiel: Aber sollte der Bundesrat nicht die Meinung des Volkes vertreten?
Widmer-Schlumpf: Ich vertrete nicht das Volk. Ich vertrete die Koalition der Vernünftigen. Das hat mit dem Volk nichts zu tun.
Thiel: Woraus besteht die Koalition der Vernünftigen?
Widmer-Schlumpf: Aus äh . . . aus dem Parlament, ausschliesslich der SVP und Teilen der FDP.
Thiel: Aber die SVP ist doch die Partei mit den meisten Wählern!
Widmer-Schlumpf: Das beweist nur, dass die meisten Wähler falsch wählen.
Thiel: Wie stellen Sie sich denn eine gute Demokratie vor?
Widmer-Schlumpf: Mit einem professionellen Parlament aus Berufsparlamentariern, die von Berufswählern professionell gewählt werden.
Thiel: Das heisst aber, dass nicht mehr alle wählen dürfen.
Widmer-Schlumpf: Doch, jeder kann Wähler werden. Man muss nur einen Theoriekurs besuchen und eine praktische Prüfung ablegen. Wer dort zeigt, dass er richtig wählt, wird dann zu richtigen Wahlen zugelassen.
Thiel: Und wer später dennoch falsch wählt?
Widmer-Schlumpf: Wird gebüsst und registriert. Im Wiederholungsfall wird ihm der Stimmrechtsausweis entzogen. Die Idee stammt von Moritz.
Thiel: Befürchtet Moritz nicht, dass die Stimmbeteiligung dann drastisch sinkt?
Widmer-Schlumpf: Nein, im Gegenteil, Moritz hat sich ein Anreizsystem ausgedacht, wie korrektes Stimmverhalten vom Staat belohnt werden kann.
Thiel: Die Wähler werden vom Staat bezahlt?
Widmer-Schlumpf: Das ist bei einer Professionalisierung der Wählerschaft unumgänglich. Keiner arbeitet gratis, schon gar nicht für den Staat. Politiker am wenigsten.
Thiel: Was passiert mit den Volksinitiativen?
Widmer-Schlumpf: Auch darüber hat sich der Bundesrat Gedanken gemacht: Wir führen telefonische Volksbefragungen durch, deren Beantwortung für das Volk obligatorisch ist. Die Ergebnisse werden dann von professionellen, staatlich diplomierten Initianten in Initiativen umgesetzt, über die man gar nicht mehr abstimmen muss, weil sie bereits mit der Politik des Bundesrates übereinstimmen.
Thiel: Und wenn Ueli und das Volk da nicht mitmachen?
Widmer-Schlumpf: Dann wird das Volk entlassen, und das Parlament ruft Neuwahlen aus. Ohne Ueli.
Thiel: Kann das Volk dann ein neues Parlament wählen?
Widmer-Schlumpf: Nein, die Koalition der Vernünftigen wählt sich dann ein neues Volk.
Thiel: An wen haben Sie gedacht?
Widmer-Schlumpf: An die Schweden, die Deutschen oder die Franzosen. Die sind es bereits gewohnt, dass sie nicht mitbestimmen dürfen.

 

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 49/09
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Kommentare

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Rafael Brägger     09.12.09 18:08

Gut gemacht, Herr Thiel, dass sogar Weltwoche-Leser nicht sicher sind, ob Ihr "Interview" nur Erfindung ist.
Sie mögen mir jedoch nachsehen, dass auch ich nicht stumm bleiben kann bei einem Volksentscheid, der verfassungsrechtliche Garantien und Minderheitenschutzrechte verletzt. Die Verfassung enthält eine verfassungswidrige Bestimmung!

Herr Köppel sagt, es gehe ein Gespenst namens Demokratie um in Europa. Charles Lewinsky antwortet darauf treffend: Nein, Herr Köppel: Das Gespenst heisst "Populismus".

"Populus legibus absolutus est?" Nicht einmal Rousseau wäre das in den Sinn gekommen.

Bernhard Zueger     09.12.09 09:09

Dragan Slovjenic
macht auch Show.
Ich bin seit längerer Zeit überzeugt, dass Du Deutsch gut verstehst. Vielleicht heisst Du ja tatsächlich auch Dragan Slovjenic.
Manchmal versteht man deine lustigen auflockernden Voten recht gut. Ich denke, Du must den Dragan nicht übersetzen. Gruss

Dragan Slovjenic     08.12.09 21:52

Das ischt aber grosses BRAVO!
Komm Du mal nach Serbien, würde dort Leuten gut gefallen solche Satire!
A. Thiel macht Show, Dragan Uebersetzen, ok?
Ischt super Text, lese gerne!
Dragan

Bernhard Zueger     07.12.09 17:46

Korrektur: vor lauter Gewohnheit und Höflichkeit ist mir das Sie herausgerutscht.
Gemeint habe ich natürich:
Eine Satire. Wenn sie nicht so real... wäre..

Bernhard Zueger     07.12.09 17:20

Eine Satire
Wenn Sie nicht so real, so beissend, stechend, ja so schmerzhaft und, oh, so zutreffend und wahr wäre, dann möchte ich sagen
BRAVO dem Autor für die exakte Wiedergabe der Realität.

Peter Fritz     06.12.09 19:49

... bis zur vierten, fünften Frage/Antwort hielt ich es doch tatsächlich für echt.

Nein, nein, ich bin nicht naiv; aber für Anworten solcher Geisteshaltung (speziell in diesem Themen-Zusammenhang) sind - vor allem - unsere Grünen und Roten jederzeit gut.

Werner Widmer     06.12.09 16:19

Thomas Stuber,
Die ganze Zeitungslandschaft der Schweiz schoss sich auf den Blocher ein. Bald auf wird es Reimann sein. Und Sie tun sich schwer mit der WeWo und der Widmer? Das mit der Widmer ist so wie mit den alten Östericherwitzen. Es ist wahr.
Werni

Monika Bühler     04.12.09 16:35

@Thomas Stuber
ich finde den Artikel lustig und unterhaltsam, und eine erfrischende Alternative zum sonstigen Einheitsbrei, der uns serviert wird. Es gibt mehr als genug Presseerzeugnisse, die die bisherigen Versuche und den neuesten Versuch von EWS rechtfertigen, den Volkswillen nicht umzusetzen.

Thomas Stuber     04.12.09 09:29

Für eine intellektuelle Zeitschrift vermittelt die Weltwoche bezüglich BR E. Widmer-Schlumpf ständig ein sehr einseitiges, undifferenziertes Negativbild. Dieses Schwarzpeter-Spiel ist kaum für eine mündige Person zu lesen. Betreffend dieser "Satire": Sie ist weder lustig noch sonst irgendwie unterhaltsam. Sehr spezielle Art von Humor....

Alexej Buergin     03.12.09 13:50

Das ist so gut, dass die Weltwoche ganz klar machen müsste, das es erfundene Satire ist. Widmer hat das so nicht gesagt.
Das ist doch so, oder?

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