Es war der perfekte Stoff für den grössten Prominentenskandal der vergangenen Jahre, als der Zürcher Klubbesitzer und Millionärssohn Carl Hirschmann Anfang November auf offener Strasse verhaftet wurde. Konkrete Vorwürfe und wilde Spekulationen waren in den Schlagzeilen seither kaum zu trennen. Fest stand bisher einzig, dass gegen Hirschmann zwei Verfahren wegen Körperverletzung laufen. Dem gleichen Vorwurf muss er sich auch in einem weiteren Verfahren diese Woche vor dem Basler Strafgericht stellen.
Unbelegt geblieben sind bis heute die Anschuldigungen von Frauen, die in verschiedenen Medien erzählten, wie sie von Hirschmann sexuell genötigt worden seien. Der gewiefte PR-Stratege und Hirschmann-Sprecher Sacha Wigdorovits liess die Vorwürfe geschickt ins Leere laufen – am vergangenen Wochenende berichteten erste Zeitungen bereits von einer angeblichen «Intrige» gegen den millionenschweren Frauenhelden. Wurde der Erbe des Business-Fliegerei-Unternehmens Jet Aviation (Familienvermögen: geschätzte 800 Millionen Franken) bloss hereingelegt?
Recherchen zeigen ein anderes Bild. Tatsächlich laufen bei der Zürcher Staatsanwaltschaft nicht nur die erwähnten zwei Verfahren wegen Körperverletzung, sondern auch drei Verfahren wegen sexueller Nötigung. Die Vorwürfe sind gravierend – und konkret: Den Anfang machte bereits Ende 2008 Maria C.*, die Anzeige wegen sexueller Nötigung und Körperverletzung erstattete. Hirschmann soll sie in seinem Klub «Saint Germain» zum Oralverkehr gezwungen haben. Als sie sich weigerte, sei er tätlich geworden und habe ihr das Nasenbein gebrochen. «Ich bestätige eine dementsprechende Anzeige», sagt der Zürcher Staatsanwalt Daniel Kloiber.
Nach der Anzeige von Maria C. nahmen die Behörden ihre Ermittlungen auf, bei denen sie auch Hinweisen auf mutmassliche weitere Sex-Opfer von Hirschmann nachgingen. Nach Informationen der Weltwoche ging damals eine weitere Anzeige wegen sexueller Nötigung ein, welche das Opfer allerdings gegen die Bezahlung einer hohen Summe von Hirschmann wieder zurückzog. Die Zürcher Behörden übernahmen ausserdem ein Verfahren aus einer Anzeige wegen Körperverletzung, die der junge Geschäftsmann Lionel B.* im vergangenen Jahr im Berner Kurort Gstaad erstattet hatte. Hirschmann soll ihn – mit Hilfe seines Bodyguards – auf einer Toilette hinterrücks angegriffen und mit den Fäusten niedergeschlagen haben.
Hausdurchsuchung im «Saint Germain»
Besonderen Eindruck machten die Ermittlungen Hirschmann nicht. Trotz des laufenden Verfahrens schlug er erneut zu, diesmal in seinen Sommerferien in St-Tropez, wo er gegenüber seiner damaligen Freundin Lisa M.* tätlich wurde. Ende Oktober reichte die Tochter eines vermögenden Zürcher Sportmanagers Anzeige wegen Körperverletzung ein, am 2. November wurde Hirschmann verhaftet. Als er wegen Verdunkelungsgefahr für vier Tage in Untersuchungshaft sass, führten die Behörden mehrere Hausdurchsuchungen durch – unter anderem auch in Hirschmanns Klub «Saint Germain» an der Zürcher Bahnhofstrasse. Ob dabei auch belastendes Video- oder Fotomaterial konfisziert wurde, will Staatsanwalt Kloiber nicht preisgeben. «Wir sind daran, sämtliche sichergestellten Beweise auszuwerten», sagt Kloiber.
Mittlerweile meldete sich bei der Zürcher Stadtpolizei ein weiteres Opfer, das Hirschmann wegen sexueller Nötigung anzeigte. Staatsanwalt Kloiber bestätigt die Anzeige von Pascale W., einer zierlichen, hübschen Frau Anfang dreissig, die nie in der Zürcher Partyszene verkehrt hat und überhaupt nicht dem Bild eines Klub-Groupies entspricht. Sie erzählt der Weltwoche, wie sie sich damals in einem Zürcher Lokal mit Hirschmann unterhielt. «Er war sehr höflich, zuvorkommend und humorvoll», sagt Pascale. Sie hätten auch «überhaupt nicht geflirtet», so dass sie «nie im Leben» habe erahnen können, was danach passieren sollte. Hirschmann habe sie ein paar Meter weiter um die Ecke gelockt, er müsse ihr etwas zeigen. Dann habe er sie in einen abschliessbaren Raum gedrängt und die Türe versperrt. Als sie sich wehrte, habe er sie nach unten gedrückt und zum Oralsex gezwungen. Danach sei sie «total verstört» rausgeeilt, vor der Türe sah sie noch einen Bodyguard, der nach ihrer Wahrnehmung dafür gesorgt hatte, dass niemand das Treiben störte. Hirschmann sagte zum Abschied: «Gäll, das bliibt dänn unter üs.»
Warum ist sie nicht sofort zur Polizei gegangen? «Aus Angst und Scham», sagt Pascale. Erst als sie gerüchteweise von weiteren sexuellen Übergriffen Hirschmanns hörte, habe sie Mut gefasst. «Ich will nicht, dass es noch zu weiteren Opfern kommt.»
Hirschmann soll auch andere Frauen zum Oralsex genötigt haben, sagen Quellen aus seinem Umfeld. Die meisten Opfer wollen allerdings keine Anzeige erstatten. Sie erhielten dafür Geld, haben damit abgeschlossen, befürch- ten einen medialen Gegenangriff von Hirsch- manns Beratern, oder sie verkehren weiterhin in seinen Kreisen und wollen nicht aus der exklusiven Partyszene ausgeschlossen werden.
Die zwei Gesichter des Partykönigs
Es zeichnet sich das Bild eines Mannes ab, der sich derart mächtig und unangreifbar fühlte, dass er nicht nur die Kontrolle über seinen Sexualtrieb verlor, sondern scheinbar auch über seinen Verstand. Ehemalige Geschäftspartner wollen sich «aus rechtlichen Gründen» offiziell nicht äussern. Hinter vorgehaltener Hand beschreiben sie ihn aber ausnahmslos als «grössenwahnsinnig» und «absolut beratungsresistent». Von einer Sekunde auf die nächste könne er «komplett die Beherrschung verlieren» und anfangen zu «täubelen, bis er endlich das bekommt, was er will». Öfters habe Hirschmann auch ganz offen mit seinen gewalttätigen Neigungen kokettiert. «Er besass einen diamantbesetzten Anhänger, der auf der einen Seite schwarz und auf der anderen weiss war», sagt ein ehemaliger Kollege. Der Schmuck symbolisiere seine Persönlichkeit, habe Hirschmann erzählt. Die helle, freundliche Seite und die dunkle, bösartige.
Warum ist diese Seite des einstigen Medienlieblings nie an die Öffentlichkeit gedrungen? Warum hielt seine Entourage weiter zu ihm? Dank Geld und Einfluss konnte Hirschmann stets auf Leute zählen, die ihm bedingungslos ergeben waren. Er umgab sich mit Jasagern, die nichts nach aussen dringen liessen und hofften, an seinem Ruhm und Geld teilhaben zu können. «Alles tanzt nach meiner Pfeife. Und ich sorge dafür, dass alle beim Tanzen Spass haben», sagte Hirschmann in einem seiner zahlreichen Interviews.
Sein schweizweit einzigartiger Glamour und die Beziehungen zu Weltstars wie 50 Cent, Paris Hilton oder Snoop Dogg machten ihn nicht nur für die Zürcher Partyszene attraktiv, sondern auch für die Boulevardblätter. Mehrere geplante kritische Geschichten im Blick konnte Hirschmann dank seinem engen Kontakt zu Jürg Marquard verhindern, der ihn zeitweilig als Ziehsohn betrachtete und über beste Kontakte zum Verlagshaus Ringier verfügt. Legendär sind auf den Redaktionen vor allem aber Hirschmanns Droh-E-Mails – verfasst in vier Zentimeter grosser, roter Schrift , in denen er ausfällig vor (finanziellen) Konsequenzen allfälliger negativer Artikel warnte.
Doch das bunte Treiben wurde zu viel, wichtige Leute wandten sich von ihm ab. Darunter auch Marquard, der von Hirschmanns Unbelehrbarkeit genug hatte. Übrig blieb eine Entourage, die ihm wohl bis zum letzten Franken die Treue hält. Die wenigen anderen, die finanziell unabhängig sind und trotzdem zu ihm halten, betrachten ihn als «Patienten», dem geholfen werden muss. Doch selbst wenn nur einige der laufenden Verfahren zur Anklage führen, könnte es eng werden für Hirschmann. Auf mehrfache sexuelle Nötigung in Verbindung mit Körperverletzung steht eine Gefängnisstrafe von bis zu fünfzehn Jahren. Carl Hirschmann will sich «aufgrund des laufenden Verfahrens» nicht zu den Vorwürfen äussern. «Er bestreitet aber in aller Deutlichkeit, jemals in seinem Leben Frauen zu sexuellen Handlungen gezwungen zu haben», sagt sein Sprecher Wigdorovits.

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