Spielwaren-Kataloge

Mein Castle Grayskull

Der Katalog von Franz Carl Weber ist ein Klassiker, für viele die Neuerscheinung des Jahres. Unser Autor bespricht das aktuelle Werk. Er stösst auf altbekannte Spielzeughelden und darf endlich kaufen, was er sich schon immer wünschte.

Von Gion Mathias Cavelty

Eine gewisse Zuneigung: Vulkan Playset, Kota, der Dino, Teddybär Elmar und weiteres Spielzeug aus dem aktuellen Katalog von Franz Karl Weber. Bild: Hans-Jörg Walter

Als Bub konnte ich die Publikation des neuen Franz-Carl-Weber-Katalogs jeweils kaum erwarten. Unvergesslichen Eindruck machte mir die Abbildung von Castle Grayskull, einer etwa fünfzig Zentimeter hohen Burg aus Plastik, deren Front die Form eines furchterregenden Totenschädels aufwies. Sie war das magische Zentrum Eternias, ständig bedroht vom totenköpfigen Dämonenmeister Skeletor, verteidigt von He-Man und seiner Battle Cat, einem grünen Tiger mit einer roten Rüstung.

He-Man – Skeletor – Stratos – Beast-Man – Tri-Klops und Konsorten: Wie es ihnen wohl geht?

Nach über zwanzig Jahren halte ich zum ersten Mal wieder ein Exemplar des legendären Werks in den Händen. «Franz Carl Weber – Weihnachten 2009» lautet sein genauer Titel. 98 Seiten ist es dick, Format A4 (das war früher A5), Autor: Anonymus. Ein erstes Durchblättern offenbart: Farbfotografien dominieren – diesbezüglich hat sich seit meiner Kindheit also nichts geändert. Und sonst?

Beginnen wir von vorn. Auf der ersten Seite findet sich ein Vorwort aus der Feder von Franz-Carl-Weber-CEO Thomas Bombeli. Der freundlich klingende Nachname passt perfekt zum gutmütigen rundlichen Gesicht seines Trägers. Einen lieben Onkel wie Bombeli zu haben, das wäre das Schönste auf der Welt! Bombeli wünscht dem Leser «eine besinnliche und wunderbare Adventszeit» und verabschiedet sich mit einem herzlichen Gruss.

Braunbär Urs und Pferd Molly

Ab jetzt ist der Leser allein auf sich gestellt.

Schon auf den folgenden zwei Seiten wird er mit einer gigantischen Anzahl von Protagonisten konfrontiert. Gut vorstellbar, dass sich der eine oder andere heillos überfordert sieht und das Werk zur Seite legt. Vierzehn Charaktere sind es, um genau zu sein, die eingeführt werden; darunter Teddybär Elmar, Braunbär Urs und Pferd Molly.

Was verbindet die drei, was trennt sie, was treibt sie an? Es wird nicht klar. Doch alle drei suchen den direkten Augenkontakt mit dem Betrachter, scheinen ihm sogar zuwinken zu wollen. Rasch stellt sich eine gewisse Zuneigung ein. Die Wesen auf dieser Doppelseite – allesamt Tiere aus Plüsch – sind einem sympathisch. Sie sind sorgfältig frisiert, Teddybär Molly (verwandt mit Pferd Molly?) trägt eine rote Schleife um den Hals, die anderen sind unbekleidet. Teddybär Elmar scheint bei genauerem Hinsehen missgestimmt zu sein. Er scheint sich nicht recht wohl zu fühlen, zieht ein Schnütchen. Den Grund erfährt man nicht. Plagen den Bären Sorgen? Zu gerne wüsste man, welcher Art diese sind. Schulden? Sexuelle Probleme? Der Dämon Alkohol? Crystal Meth? Der anonyme Verfasser schweigt sich aus.

Gehen wir weiter.
Auch die nächsten acht Seiten sind voll mit Plüschviechern; es wird ein bisschen langweilig, muss man offen und ehrlich sagen. Insgesamt 43 Rehe, Robben, Elefanten und so weiter sind es, alle werden namentlich vorgestellt, doch über ihre Biografie erfährt man nichts. Die Bären und das Pferd von vorhin kommen überhaupt nicht mehr vor. Das ist die Hauptproblematik des Werks: Die Figuren werden kurz introduziert, danach verschwinden sie sang- und klanglos. Dabei gäbe es vom Optischen her durchaus interessante Typen (ich denke etwa an den YooHoo Sugar Glider, einen Kurzkopfgleitbeutler, lateinisch Petaurus breviceps, der einen überdreht-paranoiden Eindruck macht); gerne wüsste man mehr über sie.

Nun: Es folgen die Kapitel «Kleinkind Holz» und «Kleinkind». Sprachlich ist Letztgenanntes eindeutig der Höhepunkt des bisher Gelesenen. Bislang präsentierte sich die verwendete Sprache ausgesprochen schlicht, es wurden praktisch keine Verben verwendet, ganze Sätze waren eine Seltenheit (Beispiele von typischen syntaktischen Konstruktionen: «Aus streichelweichem Webpelz» – «Waschmaschinenfest bis 30 Grad» – «Mit Glöckchen, Prisma und Spiegeldruck»). Stellenweise wird sie jetzt ausführlicher, blumige Adjektive werden eingebaut, Pronomen verwendet, Relativsätze gebildet et cetera. Und inhaltlich wird es ziemlich gewagt. Zitat von Seite 26:

«Kota, der Dino. Mit insgesamt 9 Sensoren reagiert er auf sämtliche Berührungen an Kopf, Bauch und Schwanz. So wackelt Kota beim liebevollen Kraulen des Kinns munter mit dem Schwanz und gibt niedliche Dino-Laute von sich.» Und das, wie gesagt, im Kapitel «Kleinkind». Ich möchte ein grosses Fragezeichen dahinter setzen.

Als bedenkenlos konsumierbar erweisen sich dagegen die schön plastisch formulierten Sätze «Beim Verzehren der Blätter schmatzt er [gemeint: der Stoffdinosaurier Kota] genüsslich drauflos. Beim Reiten ertönen dumpfe urzeitliche Stampfgeräusche. 299.–».

Denjenigen, die punkto der Zahl überfragt sind, möchte ich erläutern, was es damit auf sich hat: Es handelt sich um eine Preisangabe in Schweizerfranken. Für das obige Beispiel bedeutet das also: Ein Exemplar des Stoffdinosauriers Kota kostet 299 Franken.

Noch ein Beispiel, zur Sicherheit: «Kartonhuus mit vielen farbigen Selbstklebebögen. 84.95» – das bedeutet nichts anderes als: Das Kartonhuus mit den vielen farbigen Selbstklebebögen ist für 84.95 Franken bei der Franz Carl Weber AG käuflich zu erwerben.

Castle Grayskull habe ich übrigens nie gekriegt. Obwohl ich meine Eltern auf den Knien angefleht habe. Ich habe meistens Geschenke bekommen wie diese langweilige Brio-Eisenbahn aus Holz. Die gibt es noch heute, wie ein Blick auf die Seiten 20 und 21 zeigt. Der Preis der De-luxe-Variante wird mit sage und schreibe 399 Franken beziffert. Auf www.brio-shop.ch kostet sie sogar 499.25 Franken! Ist ja irre!

Weitere alte Bekannte von mir tauchen auf: der Fisher-Price-Bus oder das Playmobil-Feuerwehrauto (Seite 29). Playmobil-technisch gibt es fantastische neue Errungenschaften, wobei die Playmobil-Pyramide auf Seite 31 alles schlägt: Sie verfügt über eine geheime Drehtür, eine Falltreppe, eine Falltür mit Rutsche, eine Skorpionfalle, eine drehbare Grabkammer, einen Pharaonensarkophag, einen Hohepriester mit Anubismaske . . . Ich merke, wie mein Puls schneller wird. (Ein kleiner Tipp an die Geobra Brandstätter GmbH & Co. KG: Wie wär’s mit der Lancierung eines Playmobil-Minaretts mit einem grummeligen Playmobil-Muezzin obendrauf? Für Roger Köppel und seinen kleinen Karl das perfekte Geschenk!)

Das mit «Girls» betitelte Kapitel (auf den Seiten 46–51) will ich besonders genau studieren, habe ich doch eine siebenmonatige Tochter, die in Sachen Weihnachtsgeschenke bestimmt bald Ansprüche anmeldet.

Sinnvolles Spielzeug, bravo!

Gegen die Nähmaschine, das Bügeleisen, den Staubsauger «mit wirklicher Saugfunktion» und die Küche mit Backofen und Herd kann ich nichts haben, im Gegenteil. Das gute Kind soll schliesslich früh lernen, für seinen Vater zu kochen, zu nähen, zu bügeln und zu putzen. Das ist sinnvolles Spielzeug, bravo. Wünschenswert wären noch Gerätschaften wie etwa ein Defibrillator mit wirklicher Stromstossfunktion, falls mir einmal das Herz stillstehen sollte. Was beim Betrachten der folgenden vierzehn Seiten leicht passieren könnte. Diese muss ich aus dem Katalog entfernen, bevor sie Angelina (meine Tochter; bevor die obligate Frage kommt: Nein, sie ist nach meiner Grossmutter benannt – die aber durchaus etwas von Angelina Jolie hatte) in die Fingerchen bekommt. Ein pinkfarbener Schminkkoffer? Ein pinkfarbener Motorroller? Ein Barbie-Pony mit pinkfarbenen Sternchen auf dem Hintern, das mit paris-hiltonesker Miene in einer pinkfarbenen Badewanne mit pinkfarbenem Duschvorhang steht (auf Seite 45; Zusatzinformation: «In Verbindung mit Wasser zeigen sich in der Mähne und am Schweif pinkfarbene Strähnchen»)? Wer denkt sich so etwas aus?

Eines schwöre ich hiermit feierlich: Kein Pony wird je die Schwelle meiner Wohnung überschreiten, oder ich köpfe es mit meinem Star-Wars-Double-Secret-Lichtschwert (bei Franz Carl Weber für 84.95 zu haben).

Seiten 52–65: «Spiele». Schach, Scrabble, Cluedo, Monopoly, Vier gewinnt et cetera. Ein Zauberkasten. Spielkonsolen. Instrumente.
Nichts wirklich Überraschendes auch in den Kapiteln «Kreativ», «Konstruieren» und «Technik»: Puzzles, ferngesteuerte Autos, Softeismaschinen für Kids, Laubsägekästen, Mikroskope, Carrera-Rennbahnen, Lego-Pistenraupen mit irgendwelchen Servomotoren, die in Forstmaschinen umgebaut werden können – das hat mich nie interessiert. Technik und Physik: Damit kann man mich jagen.

Ich will den Katalog schon zur Seite legen, da stosse ich im Kapitel «Boys» doch noch auf etwas Bemerkenswertes: Das ist ja . . . das ist ja mein Castle Grayskull! Nicht ganz zwar, aber Ähnlichkeiten sind durchaus vorhanden, vor allem die aus einem weit aufgerissenen Maul mit langen Zähnen bestehende Vorderfront . . . Vulkan-Playset heisst das Plastikding («mit beweglichem Drachenkopf, Maul zum Öffnen, Feuerzungen-Rutsche und vielem mehr») . . . Der Fall ist klar: Ich werde es mir heute noch besorgen. Ja, ein Mann muss tun, was ein Mann tun muss.

PS: Als bestes Spielzeug für Angelina stellt sich übrigens der Franz-Carl-Weber-Weihnachtskatalog selbst heraus. Begeistert stürzt sie sich in einem unbeobachteten Moment darauf und zerfetzt ihn mit grossem Gusto. So vergnügte Laute habe ich sie noch selten ausstossen gehört: «Aaaaaaa! Da da da! Da da da daaaaa! A-A-AAAAAAAAAAA!» Ein grösseres Kompliment kann man einer Publikation nicht machen.

 

Kommentare

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  • Sergio Frei
  • 03.12.09 | 10:38 Uhr

es fehlt wert/qualität des spieles, zu wort kommen zu lassen.
total.
mehr ist nicht besser. weniger und vorallem zeit und involvierung der erziehenden ist massgebend. hier gehen die wertmassstäbe auseinander. denn spiel wird zu geschenk und delegation = jetzt aber ruhig, habe schliesslich was geschenkt!
der staat in seiner funktion als krippenförderer klagt über geburtenrückgang. klar bei dieser geisteshaltung. irgendwer soll erziehen. für was hat man dann kinder?
kinderkriegen ist keine sache, aber erziehen. wir sehen's an der perspektivenlosigkeit der videogamesgeneration.

 
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