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02.12.2009, Ausgabe 49/09

Editorial

Demokratie

Die Anfeindungen im Ausland beweisen: Die Schweiz ist ein leuchtendes Beispiel für Europa.

Von Roger Köppel

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Ein Gespenst geht um in Europa: die Schweizer Demokratie. Seit dem letzten Wochenende überbieten sich die Kommentatoren und Politiker in besorgten Stellungnahmen. Die Süddeutsche Zeitung spricht von einem «Kollateralschaden der direkten Demokratie». In der FAZ lesen wir, die Schweizer Stimmbürger seien einer Aufwiegelungskampagne aus der «Grüsel»-Ecke der Schweizerischen Volkspartei (SVP) auf den Leim gekrochen. Die Uno prüft Sanktionen. Die europäischen Gerichte gehen in Stellung. Ein Grossmufti fordert die in der Schweiz lebenden Muslime auf, den demokratischen Fehlentscheid auf «legalem Weg» per Gerichtsbeschluss wieder rückgängig zu machen. Den unterschiedlichen Deutungen liegt eine empörte Verachtung der Schweizer Stimmbürger zugrunde. Die Bevölkerung der ältesten Demokratie Europas wird als knetbarer Pöbel in den Händen nationalkonservativer Demagogen dargestellt. Dass ausgerechnet und vor allem deutsche Journalisten mit diesem Reitpeitschen-Menschenbild die Verhältnisse in ihrem südlichen Nachbarland zu beurteilen versuchen, weckt ungute Erinnerungen an überwunden geglaubte Zeiten.

Mehr zum Thema: Videokommentare von Roger Köppel, Kommentare und Auftritte in Presse und TV, Dossiers «Direkte Demokratie», «Islam» und «Meinungs- und Redefreiheit»

Aber auch in der Schweiz ertönen schrille Klänge. Saïda Keller-Messahli, Sprecherin der fortschrittlichen Schweizer Muslime, ist der Meinung, dass es Jahre dauern werde, bis sich ihre Glaubensgenossen von diesem Urnengang erholt haben werden. In der Neuen Zürcher Zeitung dürfen die gereizten Verlierer der Abstimmung kritiklos Szenarien ausbreiten, die auf eine juristische Abwürgung des Minarettverbots hinauslaufen sollen. Den Tiefpunkt an einseitiger Verunglimpfungspropaganda allerdings liefert am Montag der sich «unabhängig» nennende Zürcher Tages-Anzeiger. Auf geschlagenen vier Seiten bringt es die Redaktion fertig, den Abstimmungsgewinnern keinen einzigen Artikel zu widmen. Stattdessen betrauern die Muezzins der Tamedia wortreich den aus ihrer Sicht verfehlten Volksentscheid. Als Ausfluss eines fortschritts- und fremdenfeindlichen Hinterwäldlernationalismus diskreditiert ihn auf der Frontseite Co-Chefredaktor Res Strehle. In Bern denkt der Bundesrat darüber nach, wie er sich gegenüber dem aufgebrachten Ausland für das unerwünschte und unerwartete Resultat am besten entschuldigen kann. Justizministerin Eveline Widmer-Schlumpf reist nach Brüssel und gibt zu Protokoll, dass solche Ergebnisse zu den «Risiken» einer direkten Demokratie gehören. Trotzig schiebt Nationalratspräsidentin Pascale Bruderer nach, man nehme «dieses Resultat zur Kenntnis». Mehr nicht.

 

Es geht nicht mehr darum, ob Minarette gebaut oder verboten werden sollen. Das ist entschieden. Die Frage hat sich auf ein wichtigeres Niveau verlagert: Wer steht in der Schweiz eigentlich noch zu unserer Demokratie? Wer setzt sich gegenüber Kritik und Anfechtungen entschlossen für die schweizerischen Institutionen und Interessen ein? Die Minarett-Initiative offenbarte eine beträchtliche Fallhöhe zwischen dem Wollen der Obrigkeit und dem Willen der Bürger. Letztmals so gross war die Kluft zwischen Volk und Elite bei der EWR-Abstimmung 1992. Wie begossene Pudel traten die Bundesräte damals vor die Mikrofone, um der Schweiz den baldigen Untergang zu prophezeien. Mit vergleichbarer Wehleidigkeit betonen die heutigen Magistraten, was alles auf die Schweiz zukomme, nur weil das Volk gegen die Absichten der Elite stimmte. Man kann es belächeln, aber eigentlich ist es ein Skandal. Als Vollzugsorgan des Volkswillens hat unsere Landesregierung den Auftrag, sich hinter die Entscheide des Souveräns zu stellen. Die Bundesräte werden nicht dafür bezahlt, dass sie sich in Brüssel ausweinen oder einen Volksentscheid im Nachhinein für illegal erklären. Es gibt kein Menschenrecht auf Minarette. Aber es gibt ein demokratisches Grundrecht, nein zu sagen. Die ewige Angst vor dem Imageverlust wird als Drohkulisse zur Einschüchterung der Bürger hochgezogen. Dabei wäre es ein Leichtes, wenn Aussenministerin Micheline Calmy-Rey statt zu jammern den irregeleiteten ausländischen Kritikern einfach klipp und klar erklären würde, dass es sich bei der Schweiz nicht um eine Monarchie handelt, wo die Machthaber unliebsame Regungen von unten missachten können. Nach diesem Prinzip wird heute die EU regiert. In Demokratien jedoch gilt: Mehrheit vor Wahrheit.

 

Es wird ein unlauteres Spiel gespielt. Die Kritiker der direkten Demokratie stellen einen künstlichen Gegensatz her zwischen Völkerrecht und Volkssouveränität. Durch die Beschwörung internationaler Gerichte sollen die Mitspracherechte der Schweizer Stimmbürger beschnitten werden. Der Bezug auf die hehren Werte und Ideale des weltumspannenden Völkerrechts bemäntelt einen kalten Willen zur Macht. Die selbsternannte Elite will sich das unbotmässige Volk vom Hals schaffen. Wer die direkte Demokratie gegen den Rechtsstaat ausspielt, beabsichtigt die Einschränkung der Demokratie auf Kosten ihrer Bürger. Das ist ein fataler Trend, und er steht im klaren Gegensatz zu den historischen Erfahrungen unseres Landes. Die Eidgenossenschaft ist seit Anbeginn als Rechtsgemeinschaft konzipiert, wobei ihre entscheidende Qualität eben darin besteht, dass die Eidgenossen sich zutrauten, selber die Verantwortung für ihre Gesetze zu übernehmen. Weil man offensiv den Beweis antrat, dass es auch ohne gesalbte Könige und Päpste ging, wurde die Schweiz zur Provokation eines stets von oben nach unten gesteuerten Europa.

Daran hat sich bis heute nichts geändert. Bei der Entstehung des Bundesstaates klagten die Preussen, die Österreicher, die Franzosen und die Italiener gegen die «Pöbelherrschaft» in Helvetien und drohten mit dem Einmarsch. Inzwischen werden die Schweizer als «Rassisten» beschimpft, weil sie sich die Freiheit herausnehmen, gelegentlich ihr Grundrecht auf eine von der politischen und medialen Klasse abweichende Meinung in einer Volksabstimmung wahrzunehmen. Tatsache ist: Die Schweiz bleibt ein leuchtendes demokratisches Beispiel für Europa und die Welt. Bereits wird in den Niederlanden, Dänemark und sogar Frankreich diskutiert, Volksbefragungen zu brisanten Themen abzuhalten. Die Schweizer Stimmberechtigten haben Mut und Rückgrat bewiesen, indem sie sich von den Belehrungen ihrer Elite nicht beirren liessen. In den Irritationen, die diese Standhaftigkeit auslöst, kommt der Respekt zum Ausdruck, den eine unabhängige Schweiz erzeugt.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 49/09
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Kommentare

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Dimitrios Papadopoulos     07.12.09 03:14

Ich kann Roger Köppel, einmal mehr, nur zustimmen. Natürlich bricht für einige Leute ein Weltbild zusammen: Plötzlich können die, die einer weiteren Barbarisierung Europas nicht zustimmen, nicht mehr einfach nur als tumbe Faschos abgetan werden. Hoffentlich kommt die Botschaft endlich an. Hoffentlich findet die Wende statt. Hoffentlich werden die Eintrittstore für extremistische Ideologien (auch die, die sich auf vormittelalterliche Bücher berufen) nach und nach geschlossen. Unsere Kinder werden es uns danken, dass wir am 29.11.2009 die demokratische Notbremse gezogen haben.

Werner Widmer     06.12.09 16:27

Die Gratulationen aus Europa sind schön. Besser wären Instruktionen wie man den Bundesrat in den Senkel stellten könnte.
Wie war das mit Blocher in Ankara und dem Antirassismusgesetz. Wo ist der Aufschrei der Presse jetzt, wo der Bundesrat sich schleicht?
Vertretung der Schweiz? Machen sie nur, wenn es in ihren Kram passt. Kollegial sind sie nur, wenn's geht die SVP anzuschwärzen.

Es können alle seht leicht wählen. Briefwahl. Das Problem liegt wohl eher, dass wenn man die Stimme abgibt, sich selber festlegt. Ohne Stimmen hat man so immer auch einen innerlichen Ausweg.
Werni

Dieter Schwarz     05.12.09 08:53

Herr Bernhard Zueger, ich hoffe meine schwarze Ironie, eher Sarkasmus kam an der richtigen Stelle an.

Meine Ironie bezog sich nicht auf die Schweiz und ihre Bürger, im Gegenteil, ich zolle den Schweizern den größten Respekt.

Wir Deutsche aus Deutschland besitzen mittlerweile das gekrümmte Rückrat eines Quasimodo, unfähig noch aufrecht zu gehen, reden, handeln.

Und das war einmal das Volk der Dichter und Denker..

Nein, nicht Ironie, bitterböser Sarkasmus und Endzeitstimmung.

Ich denke viele Deutsche wie ich bewundern zur Zeit aufrichtig den Schweizer Weg der Eigenbestimmung und Demokratie.

Zoltan Metlagel     04.12.09 21:19

Glücklicher Weise und Dank der klugen Staatsgründern haben wir als einziges Land in Europa die gemischte Demokratie mit Parlament und direkter Demokratie. Hätten wir nur das linkslastige Parlament und das korrupte Justizapparat, wären wir schon lange Mitglied der EU mit allen Konsequenzen. Die Schweizer sind gefordert die Institution der direkten Demokratie mit allen Mitteln zu verteidigen um nicht von einer überheblichen politischen Klasse entmündigt und bevormundet zu werden. In der Niederlage zeigt die politische Klasse ihr wahres Gesicht. Kein Eingeständnis, eher Verunglimpfung des Volkes.

Christian Knakal     04.12.09 20:07

Meine Gratulation an die letzte Demokratie in Europa.
Ein vom Staat entmündigter Österreicher

Bernhard Zueger     04.12.09 15:28

Herr Dieter Schwarz
Ich habe Ihre leichte Ironie, so glaub ich wenigstens, und auch den ernsthaften Teil mitbekommen.
Es ist tatsächlich so, dass ein Grossteil der Schweizer noch an ihren demokratischen Rechten festhalten will. Deshalb momentan auch der Aufschrei und die Empörung gegen die Selbstherrlichkeit und Arroganz der Elite und die generell Skepsis gegenüber der EU.
Unsere Freiheit hält sich noch in Grenzen. Vielen Dank und herzliche Grüsse an Sie an unsere Freunde in Deutschland.

Carla Kägi     04.12.09 09:49

Herr Hiestand Sie haben recht.
Das bedingt aber das Stimmvolk sich in der Mehrzahl an die Urnen bemüht - und das immer!
Erst hat uns vielleicht der Wohlstand faul werden lassen und danach haben wir uns die längste Zeit einschüchtern, dumm quatschen und manipulieren lassen. Stimmbeteiligungen von unter 50% waren normal. Die jetzige hohe Beteiligung muss künftig überboten werden können. Wenn wir respektiert werden wollen müssen wir uns äussern! Dann können wir nicht mehr einfach so übergangen & dazu gezwungen werden in Umständen zu leben die wir nicht wollen.

Hanspeter Bühler     04.12.09 08:07

Lieber Werni
Da ist mir doch tatsächlich ein Lapsus passiert. Ich meine damit NEIN zur Haltung der internationalen Empörung. Ich habe selbstverständlich und mit Überzeugung ein glasklares JA eingelegt. Sorry ich war unklar - wir werden alle nicht jünger - leider - aber etwas erfahrener wenn wir die Augen und Ohren aufsperren...

Dieter Schwarz     04.12.09 07:52

Ich bin leider Deutscher aus Deutschland.
Damit bin ich einer der Millionen zu integrierenden Nazis, Punks und Dummen, die eh nichts verstehen oder Rassisten sind.

Deswegen habe ich selbstverständlich keine demokratischen Rechte, eine Elite entscheidet an den Wahlen vorbei für mich.
Und das ist dann wohl gut so....

Ich bewundere die Schweizer, die Weltwoche und Herrn Köppel.

Demokratie, freie Meinungsäußerung und sympathische Menschen, die noch ohne Brechstange argumentieren, mit klugen Argumenten.

Ach, was wäre ich so gerne Schweizer und frei.....

Ernst Hiestand     04.12.09 07:19

Demokratie und Bundesrat.
Das Beschähmende ist, dass bis heute noch kein geschlossene Stellung des BR zur Verteidigung der Schweizer Demokratie genommen wurde.
Die BR sind die Treuhänder der Schweiz und Ihres Volkes and als solche haben sie jegliche Statute des BR mit Füssen getreten.
Starkes Volk - Schwacher BR.
Das Volk muss BR aus dem allgemeinen Volke erwählen oder (die Parteien) bestimmen und nicht von der Gelehrten Elite.

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