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02.12.2009, Ausgabe 49/09

Abstimmung

«Sie sind nicht richtig angetreten»

SP-Nationalrat Andreas Gross über die Schwächen der direkten Demokratie und die Versäumnisse von Medien und Politikern.

Von Pierre Heumann

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Auf Ihrer Facebook-Seite forderten Sie nach der Abstimmung über das Verbot der Minarette eine Erneuerung der «Infrastruktur der Demokratie». Was würden Sie verbessern wollen?

Am meisten beelendet mich am Resultat dieser Abstimmung, dass jetzt so viele Menschen an der direkten Demokratie zweifeln. Diese Leute verkennen, dass nicht die direkte Demokratie das Problem ist, sondern die Art und Weise, wie sie funktioniert.

Was läuft denn schief?

Das Parlament, der Bundesrat, die Medien und vor allem auch die Parteien haben schlechte Arbeit geleistet, weil es ihnen mit Ausnahme des Bundesrates an Ressourcen mangelt. Die Qualität des Abstimmungsergebnisses hängt vom Prozess ab, der zu ihm führte: Der war diesmal katastrophal.

Nehmen wir die Medien und die Parteien: Die haben sich mehrheitlich gegen die Initiative ausgesprochen. Das ist doch ganz in Ihrem Sinn.

Es geht nicht darum, an einem Parteitag die Ja- oder Nein-Parole zu verabschieden.

Sondern?

Weder Parteien noch die Medien haben zur Meinungsbildung der Bürgerinnen und Bürger beigetragen. In Zürich, Basel oder Luzern gab es an öffentlichen Orten kaum ein sichtbares Plakat gegen die Initiative – den Befürwortern wurde das Feld überlassen. Die Parteien hatten zudem nicht die inhaltliche Kompetenz, zu zeigen, dass diese Initiative kein Problem lösen wird, wohl aber die Fundamentalisten auf beiden Seiten stärken wird.

Mit der Berichterstattung in den meisten Medien müssten Sie aber zufrieden sein.

Die Deutschschweizer Zeitungen berichteten leider nur oberflächlich und viel zu weit weg von den Menschen. Heute glauben viele Medien nicht mehr, sie müssten die Wirklichkeit reflektieren, kritisieren und spiegeln. Sie möchten die Wirklichkeit selber setzen. Die Journalisten gehen nicht mehr an Veranstaltungen, wo die Meinungen aufeinanderprallen. Wären die Journalisten hingegangen, hätten sie erleben können, wie sehr das Thema Minarette den Leuten unter den Nägeln brennt.

Die Medien sind Ihrer Meinung nach zu wenig volksnah?

Sie scheuen abstrakte, schwierige Themen, weil sie Angst haben, dass sie damit das Blatt nicht verkaufen können. Sie trauen dem Markt nur zu, seichte und süffige Themen zu verkraften.

Unterstellen Sie denn, dass die direkte Demokratie Volk und Bürger überfordere?

Nein. Es fällt indessen kein Demokrat vom Himmel. Doch der Bürger kann zum Demokrat werden. Diese Arbeit hat die Schweiz zu lange der Familie und der Schule überlassen heute die am meisten überlasteten aller Institutionen. Die Schweiz investiert zu wenig in die Qualifikation der Bürgerinnen und Bürger. Wenn das Fundament ungenügend ist, erodiert am Ende die Demokratie. Die Seele der direkten Demokratie ist die Diskussion. Je besser sie funktioniert, desto besser fällt das Ergebnis von Abstimmungen aus. Im Zusammenhang mit der Minarett-Initiative hat die Diskussion leider nicht funktioniert.

Wo haben denn die Parteien versagt?

Sie sind nicht richtig angetreten. Die Gegner der Initiative waren zu wenig qualifiziert. Die CVP hat gemerkt, dass es heiss werden könnte, und eine einzige Zürcher Nationalrätin allein im Schilf stehengelassen. Und vor allem: Niemand hat den Parteien Geld für einen Abstimmungskampf gegeben. Die Wirtschaftsverbände haben viel zu spät gemerkt, dass auch ihre Interessen tangiert sein könnten. Doch die Parteien müssen auch funktionieren können, wenn keine Wirtschaftsinteressen an der Abstimmung tangiert sind.

Die Kritik muss sich wohl auch an Ihre Partei richten.

Durchaus. Wir hätten zum Beispiel zeigen müssen, dass es in Europa viele Menschen islamischen Glaubens gibt, die die Verfassung von Staaten genauso achten wie wir. Es gibt keine starke direkte Demokratie ohne Integration von Menschenrechten, und es gibt keine starke Durchsetzung von Menschenrechten ohne Integration einer partizipativen Demokratie. Diese Verschmelzung ist der Schweiz nicht gelungen. Das ist eines der dringendsten Probleme, das wir lösen müssen.

Muslime haben vorgeschlagen, den Volksentscheid juristisch anzufechten und am Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte zu klagen. Was halten Sie davon?

Dass in den nächsten Jahren jemand nach Strassburg geht, dem Gerichte in der Schweiz den Bau eines Minaretts verweigert haben, ist unvermeidlich. Unser Verfassungsgericht ist de facto in Strassburg.

Aber dort haben wir fremde Richter.

Deshalb brauchen wir dringend ein eigenes Verfassungsgericht in Lausanne.

 

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 49/09
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Kommentare

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Christine Joos     09.12.09 06:51

G. Kreis aus dem Club Helvétique hat sich gestern im "Club SFDRS" von einer Initiative gegen das Minarettverbot distanziert, resp., den Gedanken relativiert. Mit seinem gleichzeitigen Rüffel an die SP signalisiert er in einer Kehrtwende Annäherung an die Befürworter.. Herr Samir bekundete ausser Aerger nichts und D. Vischer zerlief in nichtssagenden Worten.

Danke Herren Somm und Wobmann für die klaren und sachlichen Statements. Herrn Mörgeli verschlug es angesichts des Tohuwabohus auf Seite der Verlierer verständlicherweise die Sprache. Mir z.Teil auch.

Ernst Hiestand     08.12.09 00:26

NR Gross, glauben sie wirklich, dass das Schweizer Volk so dumm ist, dass es nicht zum eigenen Entschluss kommen kann. Das Volk braucht weder Leute wie Sie noch den BR noch Parteien um ihren Willen zu äussern.
Diese Initiative hat genau bewiesen, dass weder die Intellektuelle Elite noch der BR noch die Parteinen nötig sind um zu einem für die SCHWEIZ positiven Erfolg zu gelangen.
Sie sind einer der schlechten Verlierer und zusammen mit dem BR verstehen sie anscheinend die Direkte Demokratie, die der Schweiz während den letzen hunder Jahren sehr gut diente, kaum.

Reinhart R. Fischer     07.12.09 14:06

@Carla Kägi

Des elenden Andreas Gross Theorien sind in einer ganzen Reihe von Ländern praktiziert worden oder werden es noch – überall mit katastrophalen Resultaten, am spektakulärsten in Russland. Aber für Leute seines Schlages zählen nicht die Resultate, sondern nur die Ideologie. Auch mit Bezug auf die EU. Sozialismus ist eine Glaubensfrage, Ungläubige sind Ketzer und werden folglich auch mit bis zum Paroxysmus (z.B. nach der Minarettinitiative) reichender Feindseligkeit bekämpft.

Werner Widmer     07.12.09 08:12

Es ist bejkannt, dass Gross mit flascher Zunge spricht. Das Ziel aller Sozialdemokraten der Schweiz ist klar, nur merkt es der Wähler nicht. Darum ist er im Parlament. Sind sie einmal an der Macht, das heisst kontrollieren des Gewaltmonopüols, ist es aus. Siehe Lenin, Stalin, Mao und Hitler.
Darum, der Schweizer muss das Gewehr zur eventuellen Gegenwehr zuhause aufbewahren. Die Taschenmunition ghet ja 2010 ins Zeughaus. Verstehen Sie?
Werni

Rainer Selk     04.12.09 15:13

'Durchsetzung von Menschenrechten ohne Integration einer partizipativen Demokratie'

1990 wurden durch die islam. Aussenmin.-Konf. die MR, die als zu christlich gelten, dem Islam und der Scharia unterstellt. Somit gibt es also 2 MR Wertigkeiten. Es gbit auch keinen 'EURO Islam'. Das schweiz. Demokratieverständis steht im Denkkern dem Islam diametral gegenüber. Hier betätigt sich eine 'Schlupfwespe', die durch ihre Eier ihr Opfer von innen auffrist, bei immer grösser werdenden Appetit-Ansprüchen.
Bei Schönredner A. Gross gibt es nur eins: bei den nächsten Wahlen abwählen.

Carla Kägi     04.12.09 13:48

@ Herr Gross,
Der Schweiz ist es, trotz zahlreicher Angriffe (auch aus ihren Lagern), bis jetzt gelungen, als einzige real funktionierende 100% direkte Demokratie im Wohlstand zu überleben & nebenbei für u.a. Ihre gigantischen Spesenaufwendungen aufzukommen.
Die Bürgerinnen & Bürger dieses Landes sind sehr gut dafür qualifiziert, erfolgreich im realen direkt-demokratische ALLTAG zurecht zu kommen.
Sie sind immer noch ein Theoretiker, der die Qualität seiner Theorien noch nie in der Praxis beweisen musste. So what?

Reinhart R. Fischer     04.12.09 11:12

Dem Andreas Gross ist elend. Sagt er selbst. Da darf man doch, besonders auch mit Blick auf sein Demokratieverständnis, seine schamlose Spesenreiterei und seinen konstant praktizierten geistigen Landesverrat, vom elenden Andreas Gross sprechen? Viele der Sozialistischen Internationale Entsprungene sind halt tatsächlich vaterlandslose Gesellen.

Paul Russak     04.12.09 02:10

Wer nicht im Sinne von NR Andreas Gross stimmt, scheint in seinen Augen keine Demokrat zu sein. Ein ganz schlechtes Beispiel von Demokratieverständnis von jemandem, der eigentlich die Schweizer Demokratie vorleben sollte. Auch ich stimmte gegen die Initiative und "verlor", doch ärgere mich heute über die schlechten Verlierer, die dem Volk unterstellen, es sei reiner Rassismus, der das Resultat erbrachte habe. Sind tatsächlich 57.5% aller Stimmbürger Rassisten? Wohl kaum. Ein schlechter Verlierer, dieser Andreas Gross.

Heinrich Hasler     03.12.09 20:26

Andreas Gross ist ein Sozialist.
Und im Sozialismus gibt es keine Demokratie!

Jo Roth     03.12.09 18:59

Für NR Gross nachweislich Spesenkönig des Parlaments geht es doch nicht um Demokratie. NR Gross will Geld. Steuergeld missbraucht um den Bürgerinnen und Bürger hohle Phrasen an den Kopf zu werfen. Wenn Politiker ihr Volk ernst nehmen würden, gehen sie zum Volk und erklären ihnen ihre Meinung im Hirschen, Löwen oder Schwanen und bezahlen ihren Kaffe selber.

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