Stil & Kultur

Neue Ufer

Von Daniele Muscionico

Das Wasser als Spiegel atmosphärischen Lichts: «Herbstmeer XI» von Emil Nolde gehört seit 1950 zur Sammmlung des Kunsthauses Zürich. Bild: 2009 Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde

Die See brennt, die Himmel sind offen. Sturmböe brüllt, Salzflut schnaubt Gischt. Wind peitscht Wellen zur immer wilderen Jagd. Wasser ist Luft, und Luft ist Wasser. Teilt sich der Ozean?

Man schreibt das Jahr 1910. Der Wettstreit um den Besitz von Himmel und Erde ist im vollen Gang, Flugzeuge hier, U-Boote dort; in den Akademien wird die Eroberung der Materie durch die Relativitätstheorie debattiert. Die hellsten Geister vermessen Raum und Zeit neu und erkennen: Sie bewegen sich in Bezug aufeinander. Und es bewegt sich auch die Malerei. Sie rast mit voller Kraft weg vom Gegenstand hin zur Idee, zur Abstraktion. Die Wurzel aus Wirklichkeit sei Expressionismus! Malewitsch beschleunigt das Tempo höllisch, 1913 malt er sein «Schwarzes Quadrat», pure Kunst, vom Gewicht der Dinge befreit.

Der deutsche Maler Emil Nolde (18671956) steht am Ostseestrand und malt das Meer. Luft und Wasser in leuchtenden Farben; das Wasser als Spiegel atmosphärischen Lichts, die Küste nur Andeutung. Die Natur ist aufgewühlt, und aufgewühlt ist auch die Seele des Malers. Nolde malt die Serie der «Herbstmeere».

Man schreibt das Jahr 1910, auch in Zürich. Und auch in Zürich bricht eine neue Zeit an. 1910 eröffnet das Kunsthaus, ein Schritt hin zur Welt. Ermöglicher und Anstifter sind vor allem die Mitglieder der Zürcher Kunstgesellschaft, eines im Ursprung kleinen Kreises von Künstlern und Liebhabern, die sich seit 1787 regelmässig zu freundschaftlicher Diskussion und wechselseitiger Förderung treffen. Auf dem von Stadtrat Landolt vermachten Landoltgut steht der Bau des Architekten Karl Moser. Mit hehrem Ziel: Das Zürcher Kunsthaus, so der Name, sei kein Museum, sondern ein Haus in der Tradition demokratischer Institutionen wie ein Rathaus oder Schulhaus.

Man schreibt das Jahr 2010, das Zürcher Kunsthaus feiert sein 100-jähriges Bestehen. Die Kunstgesellschaft, auf rund 20 000 Mitglieder angewachsen, zählt zu einem der ältesten Kunstvereine Europas. Zum Jubiläum zeigt sie eine ganz besondere Ausstellung. Sie heisst «Bilderwahl!» und hat in ihrem Zentrum ein «Herbstmeer» von Emil Nolde. Es gehört seit 1950 zur hauseigenen Sammlung. Neue Ufer? 2015 soll David Chipperfields Erweiterungsbau des Kunsthauses eingeweiht werden. Die Zeit steht nie still, es wäre unser aller Stillstand.

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