-A  A  A+
25.11.2009, Ausgabe 48/09

Kommentar

Krieg ums Klima

Hacker haben die E-Mail-Korrespondenz renommierter Klimaforscher veröffentlicht. «Climategate» erschüttert die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft zutiefst.

Von Kai Michel

Anzeige

Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt werden können: Das ganze Jahr mehren sich die Anzeichen, dass die am 7. Dezember in Kopenhagen startende Weltklimakonferenz ein Fehlschlag werden wird. Dann geraten die Klimaforscher in Erklärungsnot: Seit einer Dekade steigen die globalen Durchschnittstemperaturen nicht mehr an – niemand hat eine schlüssige Erklärung dafür. Und jetzt platzt eine Bombe, die die Klimawissenschaft in den Festen ihrer Glaubwürdigkeit erschüttert.

«Climategate» – der Name für den Skandal war schnell gefunden. Unbekannte Hacker knackten in einer kriminellen Aktion einen Computer-Server der East Anglia University im englischen Norwich und erbeuteten mehr als 1000 E-Mails sowie viele weitere Dokumente aus der renommierten Climatic Research Unit (CRU). Flugs stellten sie die Daten ins Internet, wo sich seither jeder durch die vertraulichen Dokumente wühlen kann.

Die Aufregung ist gross: Schliesslich gehört die CRU unter ihrem Leiter Phil Jones zu den wichtigsten Datenlieferanten des Weltklimarats IPCC, der seit Jahren vor einer von Menschen verschuldeten Klimakatastrophe warnt. In der geraubten Korrespondenz finden sich E-Mail-Wechsel mit den renommiertesten Klimaforschern der Welt. Da werden schon einmal «Tricks» ausgetauscht, mit denen sich Klimakurven optimieren lassen, um sinkende Temperaturverläufe zu kaschieren. Es wird gejammert, wie peinlich es doch sei, dass es nicht gelinge den Temperaturstillstand zu erklären. Und immer wieder wird über die «Klimaskeptiker» hergezogen und beratschlagt, wie man sich ihrer am besten erwehren könnte.

«Eine rauchende Waffe»

Für den US-Klimaforscher Patrick J. Michaels, einen jener, die nicht daran glauben, dass der Klimawandel sehr drastisch ausfällt, sind die E-Mails «der eindeutige Beweis», dass Daten gezielt manipuliert wurden. «Das ist nicht nur eine rauchende Waffe», die den Täter verrät, sagte er der New York Times, «sondern ein ganzer Atompilz.»

Viele Internet-Blogs setzen eins drauf: Die Enthüllungen bewiesen endlich, dass die Rede vom menschengemachten Klimawandel nur ein gigantischer Schwindel sei – ausgeheckt von einer Clique karrieresüchtiger Wissenschaftler. Doch zu diesem «ultimativen Beweis» taugen die Mails nicht. Wohlgemerkt sind viele der inkriminierten Stellen aus dem Zusammenhang gerissen. Und ausserdem sei, schreibt «Realclimate», eine von Klimaforschern betriebene Website, viel wichtiger, was sich nicht in den E-Mails finde. Es gäbe keine Hinweise, dass die Erderwärmung nur ein Jux sei oder dass Daten gefälscht wurden, ebenso wenig wie Indizien für eine Weltverschwörung «und auch keinen Marschbefehl unserer sozialistischen/kommunistischen/vegetarischen Führer».
Das ist richtig. Doch solch süffisanter Ton ist fehl am Platz. In den E-Mails findet sich zu viel Bedenkliches: Institutsdirektor Jones forderte Forscher auf, bestimmte E-Mail-Korrespondenzen zu vernichten – um zu verhindern, dass sie, wie durch den «Freedom of Information Act» vorgeschrieben, an die Öffentlichkeit gelangen. Wer sich im Dienst der guten Sache wähnt, glaubt, sich alles anmassen zu können.

Der Schaden für die Klimawissenschaft ist enorm: Die Dokumente zeugen von grosser Arroganz. Natürlich ist es anstrengend, sich immer und immer wieder mit den Argumenten von Skeptikern auseinanderzusetzen, also mit Leuten, die oft nicht vom Fach sind und die manchmal gar in den Diensten mächtiger Industrielobbys stehen. Aber das müssen sie sich gefallen lassen: Die Klimaforscher beanspruchen schliesslich, unser aller Zukunft vorherzusagen. Weil das aber ein Unterfangen ist, mit dem sich die Wissenschaft stets blamierte, kann sie nicht verlangen, dass diesen Prognosen widerspruchslos Glauben geschenkt wird. Zumal es um Billionen-, wenn nicht gar Billiarden-Summen geht und alle Menschen ihren Lebensstil ändern sollen. Da wird Zweifel zur ersten Bürgerpflicht.

Der Ruhm mag vielen Forschern zu Kopf gestiegen sein. Die Klimawissenschaft hat in den letzten Jahren einen Imagegewinn sondergleichen erlebt. Man gastiert in Talkshows, gefällt sich als Souffleur der Politik. Solche Karrieren (und Forschungsgelder) gilt es zu schützen. Jeder Zweifel wird als Bedrohung empfunden – und deshalb als Ketzerei gebrandmarkt. Entartet Forschung aber zum Glaubenskrieg, ist die Wissenschaft selbst bedroht: Man muss sich als Forscher trauen dürfen, alles anzuzweifeln. Sonst wird Wissenschaft zum fundamentalistischen Dogma – und dafür liefert Climategate viele Hinweise.

Statt den Skandal aufzuarbeiten, lavieren die beteiligten Wissenschaftler nur. Oder sorgen für Gegenfeuer: Mitten hinein in den Rummel verkündeten am Dienstag 21 renommierte Forscher: Ums Klima steht es noch viel schlimmer als gedacht! Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte die Erdtemperatur um sagenhafte sieben Grad steigen. «Dies ist der letzte wissenschaftliche Aufruf an die Unterhändler von 192 Staaten, den Klimaschutz-Zug in Kopenhagen nicht zu verpassen», verkündete dabei Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimaforschung. Nach Climategate klingt das seltsam hohl.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 48/09
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Login mit Facebook        Registrierung
oliver tanzer     07.12.09 20:57    

Schön, dass die Weltwoche das Zweifeln zur ersten Bürgerpflicht erhebt. Ich hätte da auch gleich eine erste Anregung von wegen "erschütterter Glaubwürdigkeit": Ihr Bildtext lautet: "Zweifeln wird zur ersten Bürgerpflicht: Eisbär in der Antarktis."
Nun ich zweifle gerne: Am Klimawandel, am "Vorteil Frau", an Herrn Köppels Auslassungen über die Killer der Demokratie und den Islam etc. Aber das Grundschulwissen, dass es in der Antarktis keine Eisbären gibt hätte ich dann doch vorausgesetzt.
Es grüßt Sie Walfisch
..und wünscht Ihnen neben dem Zweifel an anderen auch mal den an sich selbst.

.

Alexej Buergin     05.12.09 13:30    

Wieder ein Schritt beim Wachstum von Climategate: Die Schweizerische Einheitszeitung muss es zur Kenntnis nehmen, da ja jetzt das IPCC untersucht, ob das IPCC die Wahrheit sagt.
Der Journalismus ist, wie nicht anders zu erwarten, voreingenommen und inkompetent; Leserdiskussion nicht erlaubt.
(Klar, man muss ja die Erde retten).

Alexej Buergin     03.12.09 17:32    

Wie uns die schweizerische Einheitszeitung informiert, habe es im Mittelalter Ackerbau in Grönland gegeben (und Weintrauben bis nach Schottland) und ein fast eisfreies arktisches Meer.
Trotzdem meint die SEZ, dass es keine INDIZIEN gäbe, dass es damals wärmer gewesen sei als heute. Nein, es war 1°C kälter, so die SEZ!
Hallo?

Alexej Buergin     03.12.09 11:40    

Algore hat selbst einen Energieverbrauch, der schlicht unanständig ist (das zwanzigfache eines Durchschnittsamerikaners). Aber er zahlt Ablass an eine Firma, die Algore gehört.
In Kopenhagen wird man wohl eine beeindruckende Sammlung von Privatjets sehen. Die 20'000 Klimatouristen werden etwa 41'000 t CO2 erzeugen, gleich viel wie das Land Marokko im Jahr 2006. Und nächstes Jahr gehts auf Staatskosten nach Mexiko. Zum meinem Glück bin ich nicht Klimatologe, ich wäre korrupt.

Alexej Buergin     03.12.09 11:26    

Lieber Herr Kaufmann
zu Algore sollte man noch beifügen, dass es in seinem neuen Buch nicht nur einen Hurrikan vor Florida gibt (dieses Jahr gab es keinen, in Zentralflorida nicht mal einen tropischen Sturm), sondern dass dieser auch noch verkehrt herum rotiert. Dazu hat er einen weiteren Hurrikan genau auf dem Äquator. Das Meer ist bei ihm soweit gestiegen, dass halb Florida unter Wasser ist, und das wesentlich höhere Kuba ganz. Ferner hat er in der Show von Conan O'Brien erklärt, dass die Temperatur im Erdinnern bereits in geringen Tiefe mehrere Millionen Grad betrage.

Alexander Kaufmann     03.12.09 09:08    

@Renato Neidhart:

Vielen Dank für den Link. Endlich eine informative, nicht ideologisch gefärbte Darstellung der Tatsachen.

Ich habe nun wieder stichhaltige Argumente für die Diskussionen mit meinen Kindern, welche in der Schule unter Anderem mit Al Gore's Propagandafilm auf penetrante Art und Weise bearbeitet werden.

Jan Dörig     02.12.09 22:28    

Danke, Weltwoche. Ich habe so gaaaanz nebenbei unter ferner liefen in der NZZ davon gelesen - unter dem Titel "ein Sturm im Wasserglas". Dann weiter recherchiert. Keiner Zeitung scheint dies eine Meldung wert zu sein, von einer nähreren Beleuchtung ganz zu schweigen. Sie haben einen neuen Abonnenten gewonnen.

Renato Neidhart     02.12.09 20:45    

Fortsetzung:

Und wenn wir gigantisch abgezockt werden sollen mit manipulierten Daten, interessierts offenbar kein Schwein!

Irgendwie beängstigend, diese Gleichschaltung der Medien.

Renato Neidhart     02.12.09 20:16    

Unbedingt lesenswert im Zusammenhang mit dem Klimawandel aus Sicht der sog. Skeptiker oder "Leugner" ist der folgende Bericht:

http://www.eike-klima-energie.eu/news-anzeige/die-klimakatastrophe-der-groesste-hype-des-jahrhunderts/

Dieser Bericht stammt von Dr. Labohm, offizieller Gutachter beim IPCC und wurde v o r dem Hackerangriff auf CRU publiziert.

Was ist nur mit unserer Gesellschaft los, dass solche Vorkommnisse praktisch totgeschwiegen werden können?

Wenn Heidi Klum eine Pizza bestellt, berichten es alle Medien.

Und wenn wir gigant

Alexej Buergin     02.12.09 17:50    

Wie die Weltwoche so schön sagt: Die Anzeichen mehren sich, dass in Kopenhagen kein Riesenblödsinn beschlossen wird. Mit Anzeichen meine ich nicht unbedingt Australien, wo die Liberalen (in unserem Sinn) einen hochgebildeten neuen Leader haben und KRudd einen Schuh voll herauszog.
Aber dass in den USA neuerdings Jon Stewart von "Saturday Night Live" über Gore und AGW spottet, das ist eine Wasserscheide.

    Weitere Themen aus dem Dossier

    Zur Dossier Übersicht

    Weitere Autoren

    alle Autoren
    Ausgaben