Kommentar

Krieg ums Klima

Hacker haben die E-Mail-Korrespondenz renommierter Klimaforscher veröffentlicht. «Climategate» erschüttert die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft zutiefst.

Von Kai Michel

Der Zeitpunkt hätte kaum besser gewählt werden können: Das ganze Jahr mehren sich die Anzeichen, dass die am 7. Dezember in Kopenhagen startende Weltklimakonferenz ein Fehlschlag werden wird. Dann geraten die Klimaforscher in Erklärungsnot: Seit einer Dekade steigen die globalen Durchschnittstemperaturen nicht mehr an – niemand hat eine schlüssige Erklärung dafür. Und jetzt platzt eine Bombe, die die Klimawissenschaft in den Festen ihrer Glaubwürdigkeit erschüttert.

«Climategate» – der Name für den Skandal war schnell gefunden. Unbekannte Hacker knackten in einer kriminellen Aktion einen Computer-Server der East Anglia University im englischen Norwich und erbeuteten mehr als 1000 E-Mails sowie viele weitere Dokumente aus der renommierten Climatic Research Unit (CRU). Flugs stellten sie die Daten ins Internet, wo sich seither jeder durch die vertraulichen Dokumente wühlen kann.

Die Aufregung ist gross: Schliesslich gehört die CRU unter ihrem Leiter Phil Jones zu den wichtigsten Datenlieferanten des Weltklimarats IPCC, der seit Jahren vor einer von Menschen verschuldeten Klimakatastrophe warnt. In der geraubten Korrespondenz finden sich E-Mail-Wechsel mit den renommiertesten Klimaforschern der Welt. Da werden schon einmal «Tricks» ausgetauscht, mit denen sich Klimakurven optimieren lassen, um sinkende Temperaturverläufe zu kaschieren. Es wird gejammert, wie peinlich es doch sei, dass es nicht gelinge den Temperaturstillstand zu erklären. Und immer wieder wird über die «Klimaskeptiker» hergezogen und beratschlagt, wie man sich ihrer am besten erwehren könnte.

«Eine rauchende Waffe»

Für den US-Klimaforscher Patrick J. Michaels, einen jener, die nicht daran glauben, dass der Klimawandel sehr drastisch ausfällt, sind die E-Mails «der eindeutige Beweis», dass Daten gezielt manipuliert wurden. «Das ist nicht nur eine rauchende Waffe», die den Täter verrät, sagte er der New York Times, «sondern ein ganzer Atompilz.»

Viele Internet-Blogs setzen eins drauf: Die Enthüllungen bewiesen endlich, dass die Rede vom menschengemachten Klimawandel nur ein gigantischer Schwindel sei – ausgeheckt von einer Clique karrieresüchtiger Wissenschaftler. Doch zu diesem «ultimativen Beweis» taugen die Mails nicht. Wohlgemerkt sind viele der inkriminierten Stellen aus dem Zusammenhang gerissen. Und ausserdem sei, schreibt «Realclimate», eine von Klimaforschern betriebene Website, viel wichtiger, was sich nicht in den E-Mails finde. Es gäbe keine Hinweise, dass die Erderwärmung nur ein Jux sei oder dass Daten gefälscht wurden, ebenso wenig wie Indizien für eine Weltverschwörung «und auch keinen Marschbefehl unserer sozialistischen/kommunistischen/vegetarischen Führer».
Das ist richtig. Doch solch süffisanter Ton ist fehl am Platz. In den E-Mails findet sich zu viel Bedenkliches: Institutsdirektor Jones forderte Forscher auf, bestimmte E-Mail-Korrespondenzen zu vernichten – um zu verhindern, dass sie, wie durch den «Freedom of Information Act» vorgeschrieben, an die Öffentlichkeit gelangen. Wer sich im Dienst der guten Sache wähnt, glaubt, sich alles anmassen zu können.

Der Schaden für die Klimawissenschaft ist enorm: Die Dokumente zeugen von grosser Arroganz. Natürlich ist es anstrengend, sich immer und immer wieder mit den Argumenten von Skeptikern auseinanderzusetzen, also mit Leuten, die oft nicht vom Fach sind und die manchmal gar in den Diensten mächtiger Industrielobbys stehen. Aber das müssen sie sich gefallen lassen: Die Klimaforscher beanspruchen schliesslich, unser aller Zukunft vorherzusagen. Weil das aber ein Unterfangen ist, mit dem sich die Wissenschaft stets blamierte, kann sie nicht verlangen, dass diesen Prognosen widerspruchslos Glauben geschenkt wird. Zumal es um Billionen-, wenn nicht gar Billiarden-Summen geht und alle Menschen ihren Lebensstil ändern sollen. Da wird Zweifel zur ersten Bürgerpflicht.

Der Ruhm mag vielen Forschern zu Kopf gestiegen sein. Die Klimawissenschaft hat in den letzten Jahren einen Imagegewinn sondergleichen erlebt. Man gastiert in Talkshows, gefällt sich als Souffleur der Politik. Solche Karrieren (und Forschungsgelder) gilt es zu schützen. Jeder Zweifel wird als Bedrohung empfunden – und deshalb als Ketzerei gebrandmarkt. Entartet Forschung aber zum Glaubenskrieg, ist die Wissenschaft selbst bedroht: Man muss sich als Forscher trauen dürfen, alles anzuzweifeln. Sonst wird Wissenschaft zum fundamentalistischen Dogma – und dafür liefert Climategate viele Hinweise.

Statt den Skandal aufzuarbeiten, lavieren die beteiligten Wissenschaftler nur. Oder sorgen für Gegenfeuer: Mitten hinein in den Rummel verkündeten am Dienstag 21 renommierte Forscher: Ums Klima steht es noch viel schlimmer als gedacht! Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte die Erdtemperatur um sagenhafte sieben Grad steigen. «Dies ist der letzte wissenschaftliche Aufruf an die Unterhändler von 192 Staaten, den Klimaschutz-Zug in Kopenhagen nicht zu verpassen», verkündete dabei Hans-Joachim Schellnhuber, Direktor des Potsdam-Instituts für Klimaforschung. Nach Climategate klingt das seltsam hohl.

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