Die Winter sind lang in der Schweiz, die Täler eng, schon immer. Und Hundertschaften gibt es, eine isolationistische Konstante. Doch während die einen den Selbstausschluss zelebrieren, greifen andere zur Selbsthilfe – und spielen Theater, zum Beispiel.
Nirgendwo in Europa existieren so viele Amateurtheatergruppen wie in der Schweiz. Vor allem in den Bergen, im Kanton Graubünden, in der Innerschweiz, im Kanton Bern. Der Zentralverband Schweizer Volkstheater (ZSV) zählt über 600 angeschlossene Vereine, 30 000 ehrenamtliche Aktivmitglieder und 45 000 Passivmitglieder bei jährlich 820 000 Zuschauern, die Romandie und das Tessin nicht mitgerechnet. Die in Millionenhöhe subventionierten Häuser der deutschen Schweiz erreichen im gleichen Zeitraum 980 000 Menschen.
Volkstheater ist Privatinitiative. Volkstheater ist, wenn sich Kunst und Volk auf derselben Bühne treffen. Die fünf grössten Berner Amateur-Freilichttheater ziehen im Juli und August mehr Besucher an als das Berner Stadttheater im ganzen Jahr. Gottfried Keller hat die Schweiz «einen Holzboden für die Kunst» genannt. Das stimmt in Bezug auf das Volkstheater wortwörtlich. Und im besten Sinn: Die Schweiz hat im Volkstheater Bemerkenswertes geleistet.
Was auf dem Holzboden alles gedeiht, ist ein Phänomen mit Geschichte. Die Laienspieltradition in Uri beispielsweise, die Tradition der Tellspiele, ist fast 500 Jahre alt. 1512 wurde in Altdorf das «Urner Spiel vom Tell – Ein hübsch Spyl gehalten zu Uri in der Eydgnoschaft, von dem frommen und ersten Eydgnossen Wilhelm Tell genannt» aufgeführt. Zur Wiederbelebung der Tradition gründete sich 1898 aus dem Männerchor Altdorf die Tellspielgesellschaft. Deren erste «Tell»-Aufführung besorgte ein Wiener, Gustav Thiess, damals Direktor des Stadttheaters Luzern. Zum 500-Jahr-Jubiläum 2012 hat man für die Regie einen sinnenfreudigen Deutschen aus dem Moselgebiet verpflichtet, Volker Hesse. Bereits 2008 hat er mit seinem eigenwilligen Zugriff auf den Mythos in der inneren Schweiz für Aufsehen gesorgt.
«Grosses Welttheater»
Von «Liebhaberbühnen» zu sprechen und dabei zu glauben, dass im Volkstheater nur persönlichen Hobbys gefrönt und reine Unterhaltung geboten wird, wäre ein grosser Irrtum. Ein weitverbreitetes Missverständnis allerdings, wie Hannes Zaugg-Graf, Gemeindepräsident von Uetendorf bei Thun und Chefredaktor der Theater-Zytig (das Monatsbulletin des ZSV), weiss: «Viele denken, Volkstheater hat mit Kunst und Kultur nichts zu tun.» Der Erfolg der «Kleinen Niederdorfoper» ist für ihn deshalb eine zweischneidige Sache. Er zementiere das Bild, dass sich das Volkstheater um moderne Texte und Themen foutiere.
Dass das falsch ist, dafür ist die Person Hesses ein Beleg. Der Co-Direktor der erfolgreichsten Ära des Zürcher Neumarkttheaters (1993– 99), Intendant am Gorki-Theater Berlin, zählt zu den Erneuerern des Genres. Und das wird allenthalben goutiert. Hesse inszeniert nicht nur in Altdorf, sondern wiederholt auch in Einsiedeln Pedro Calderóns «Grosses Welttheater», 2007 gemeinsam mit dem Schriftsteller Thomas Hürlimann. Gegen 70 000 Besucher aus dem In- und Ausland reisten dafür in die Innerschweiz.
Die Liebhaber sind professionell
Die Tradition des «Welttheaters» verdankt Einsiedeln einem anderen Rheinländer, Peter Erkelenz. Der damalige künstlerische Leiter der Calderón-Gesellschaft in Berlin erkannte auf seiner Durchreise durch Einsiedeln 1924 das besondere Ambiente des Klosterplatzes als perfekte Szenerie für das «Welttheater», setzte sich gegen anfängliche Widerstände des Klosters durch, berief sich auf die barocke Tradition der Wallfahrtsspiele und inszenierte Calderón 1924 zum ersten Mal. Seitdem haben rund eine Million Zuschauer das Stück gesehen, gespielt von den Amateuren des Vereins Welttheatergesellschaft Einsiedeln.
Die Pioniere eines zeitgenössischen Volkstheaters sind die Dramatiker und Regisseure, die tradierte Stoffe neu interpretieren oder neue schreiben. Etwa Paul Steinmann, einer der aktivsten und im deutschsprachigen Raum meistgespielten modernen Schweizer Autoren überhaupt. Sein letztes grosses Stück war «D’Gotthardbahn», aufgeführt als Freilicht-Inszenierung in Göschenen anlässlich des 125-Jahr-Jubiläums des Gotthardtunnels 2007.
Die Erneuerer eines Volkstheaters für morgen sind aber auch die Theatervereine selber. Sie gehen kompromisslose Wege in der Stückwahl und verzichten auf Versuche zur Reanimation der Klassiker wie Gotthelf und Konsorten. Wegweisend sind hier zum Beispiel die Amateure des Luzerner Theaters Aeternam, die Liebhaberei mit Professionalität verbinden. Für ihre Verdienste ist die Bühne letztes Wochenende von der Kunst- und Kulturkommisson der Stadt Luzern mit dem Anerkennungspreis 2009 ausgezeichnet worden. Eine kleine Ehre für die Bühne, eine grosse für das Volkstheater als Kulturvermittlerin.













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