Der neue Film des deutschen Erfolgsregisseurs Roland Emmerich – «2012» – handelt vom Untergang der Welt durch eine aufgrund erhöhter Sonnenaktivität verursachte Auflösung der äusseren Erdkruste. In gewaltigen Computerbildern erleben wir den Höllensturz der westlichen Zivilisation, unter anderem rutscht Los Angeles seitlich in den Pazifischen Ozean. Der amerikanische Flugzeugträger «John F. Kennedy» wird von einer Flutwelle landeinwärts getragen und zerschmettert in einem der gelungensten Arrangements das Weisse Haus in Washington.
Videokommentare von Roger Köppel
Mitleidlos wird abgeräumt: Bis ins tibetanische Himalajagebirge schrauben sich Roland Emmerichs Tsunamis hoch, um ein schönes Dalai-Lama-Kloster mit majestätischer Wucht in seine Einzelteile zu zerlegen. Unter dem Wehklagen der Gläubigen stürzt nach einem Erdbeben der Vatikan samt der Sixtinischen Kapelle ein.
Die grosse Jesusstatue auf dem Zuckerhut von Rio de Janeiro lässt Regisseur Emmerich in grossartigen Bildern kollabieren. Erstaunlicherweise allerdings endet das Wüten der Naturgewalten im arabischen Raum. Der schwarze Gebetsblock der Muslime in Mekka, die Kaaba, wird zwar gezeigt, bleibt aber auf wundersame Weise unversehrt.
Der Regisseur hatte ursprünglich auch das Wahrzeichen des Islam versenken wollen, doch sein Drehbuchautor stoppte ihn aus Angst vor den Islamisten: «So was müssen wir in der westlichen Welt nun einmal bedenken», erklärte Emmerich in zahllosen Interviews, «christliche Symbole kann man jederzeit zusammenkrachen lassen. Aber wenn man das mit einem arabischen Symbol macht, bekommst du eine Fatwa, so ist eben zurzeit der Zustand der Welt, und also habe ich die Kaaba stehengelassen.»
Die deutschen Feuilletonisten reagierten aufgebracht angesichts der «Feigheit» des aufgrund seiner Popularität ohnehin skeptisch beurteilten Regisseurs. Die Süddeutsche Zeitung sprach von einer «intellektuellen Katastrophe». Man warf Emmerich «ängstliche Kapitulation» und «würdelose Unterwerfung» vor. Der Regisseur hätte niemals einknicken dürfen vor den «Drohgebärden des Islam». Den leicht reizbaren Muslimen sei die filmische Zertrümmerung ihrer Tempel genauso zuzumuten wie den zahmen Katholiken. Die Journalisten waren sich einig: Emmerich habe ein falsches, ja fatales Zeichen gesetzt.
Die Kritik irrt. Emmerichs Verhalten ist berechtigt. Seine Befürchtungen sind nachvollziehbar. Hätte der Regisseur die eigene Sicherheit und die seiner Mitarbeiter wegen ein paar Spezialeffekten leichtfertig aufs Spiel setzen sollen? Das Problem liegt nicht beim Filmemacher, sondern bei der Politik. Offensichtlich sind die westlichen Staaten nur unzureichend in der Lage, ihre Bürger vor den Übergriffen fanatisierter Muslime zu beschützen.
Wo der Staat versagt, muss sich der Privatmann selber helfen. Unter Umständen eben dadurch, dass er den Erpressungen und Drohungen militanter Minderheiten nachgibt, die seine Behörden zu Unrecht tolerieren. Es ist nicht die Aufgabe von Regisseuren, Schriftstellern und Künstlern, den Rechtsstaat durchzusetzen. Die Staaten und ihre Regierungen haben dafür zu sorgen, dass sich Künstler frei betätigen können. Man darf von einem Filmemacher nicht erwarten, dass er die Konflikte riskiert, denen die Politiker lieber aus dem Weg gehen.
Sollen wir die Minarett-Initiative annehmen? Oder sollen wir, analog zu Emmerich, aus berechtigter Sorge um muslimische Gegenaktionen die Initiative verwerfen? Der Wirtschaftsnobelpreisträger Friedrich August von Hayek hat es einmal so formuliert: «Eine wirksame Verteidigung der Freiheit muss daher notwendig unbeugsam, dogmatisch und doktrinär sein und darf keine Zugeständnisse an Zweckmässigkeitserwägungen machen.» Westliche Demokratie und islamische Theokratie schliessen sich wechselseitig aus. Wer den Islam ernst nimmt, sieht ihn als politreligiöse Eroberungsideologie, die ihre Standards überall dort durchsetzt, wo sie sich niederlässt. Das Minarett ist das sichtbare Symbol der islamischen Landnahme. Innerhalb der Moscheen predigen Imame von unterschiedlicher Radikalität ihre Lehren. Es gibt im Grunde keine Koexistenz zwischen dem säkularen Westen und einem Islam, der an seinen heiligen Schriften festhält. Die Freiheit, um es mit Hayek zu sagen, sieht sich durch den Islam mit ihrer Verneinung konfrontiert.
Wir beschäftigen uns zu sehr mit der Frage, warum die Schweiz Minarette erlauben oder verbieten soll. Viel zu wenig beschäftigen wir uns mit der Frage, warum die Muslime unbedingt Minarette haben wollen. Minarette sind mehr als blosse Gebäudedekorationen. Im Minarett versinnbildlicht sich für alle erkennbar der weltliche und metaphysische Herrschaftsanspruch, den der Islam im Unterschied zum Christentum niemals aufgegeben hat.
Es ist paradox: Während in Europa Gerichte verfügen, dass in Schulen Kruzifixe abzuhängen seien, weil sie Andersgläubige provozieren oder diskriminieren könnten, sollen sich Muslime im Namen der Religionsfreiheit unbehelligt ausdehnen dürfen. Minarette sind keine Kirchtürme: Sie stehen nicht für einen Glauben, der ins Private zurückgedrängt wurde, sondern für ein politisches Herrschaftssystem, das an die Öffentlichkeit will.
Schweizer Wirtschaftsführer wie etwa Peter Spuhler und die Verantwortlichen von Economiesuisse lehnen die Minarett-Initiative ab, weil sie dadurch Image und Absatzmärkte der Schweiz gefährdet sehen. Die utilitaristischen Geschäftemacher liegen falsch. Die Frage ist viel grundsätzlicher: Die Schweiz ist keine Multikulti-Organisation ungezählter Parallelgesellschaften.
Unser direktdemokratischer Rechtsstaat setzt Anerkennung und Beteiligung voraus. Beteiligung wiederum erfordert die Bereitschaft, eigene Traditionen und Werte aufzugeben, sofern sie den Grundwerten des Gastgeberlands widersprechen. Wenn die ohnehin schwer integrierbaren Muslime auf ihren Minaretten bestehen, unterstreichen sie dadurch ihre politische Absicht, auf Schweizer Boden ihre eigene Kultur exklusiver und sichtbarer auszuleben. Niemand, der sich wirklich integrieren will, beharrt auf Symbolen, die ihn von der Leitkultur abgrenzen. Niemand, der wirklich integrieren will, erlaubt Symbole, die für eine Kultur stehen, die mit der eigenen Kultur nicht vereinbar ist. Wer Minarette verbietet, fördert die Integration der Muslime.

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