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18.11.2009, Ausgabe 47/09

Google Street View

Zensur im Namen der Freiheit

Nicht «Street View» von Google gehört abgeschafft sondern der Datenschutz, der den Internetdienst verbieten will. Die Zensurmassnahme hat System: Unter dem Deckmantel der Persönlichkeitsrechte soll der freie Informationsfluss unter staatliche Kontrolle gebracht werden.

Von Alex Baur


«Eine nicht hinnehmbar grosse Zahl von neuen schwerwiegenden Persönlichkeitsverletzungen»: Das Weltwoche-Redaktionsgebäude in Google Street View.

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Den «Betroffenen» drohe «ein nicht leicht wiedergutzumachender Nachteil», warnt Datenschützer Hanspeter Thür in einer Klageschrift gegen die Firma Google Inc., die er letzte Woche beim Bundesverwaltungsgericht einreichte, «eine nicht hinnehmbar grosse Zahl von neuen schwerwiegenden Persönlichkeitsverletzungen». Mit diesen dramatischen Worten verlangt Thür ein vorsorgliches Verbot von Street View, einem Google-Service, welcher einen virtuellen Rundgang durch die Strassen einiger Schweizer Städte erlaubt. Google hatte im letzten Sommer ganze Strassenzüge fotografisch eingefangen und stellt diese nun den Kunden zur Verfügung. Der Stein des Anstosses: Trotz moderner Filter konnten «nur» 98 Prozent aller zufällig und ungewollt mitfotografierten Gesichter und Autonummern unkenntlich gemacht werden.

Umfrage: Wer muss gestoppt werden - Google Street View oder der Datenschützer?

Dringt der Datenschützer mit seiner Klage durch, käme das einem Verbot von Street View in der Schweiz gleich. Denn die geforderten Auflagen sind technisch nicht umsetzbar. Obwohl «Betroffene» die Möglichkeit haben, ihre Gesichter und Autoschilder mit ein paar Clicks aus dem Netz zu entfernen, verlangt Thür de facto eine hundertprozentige Anonymisierung. Ausserdem soll sichergestellt werden, dass private Vorgärten nicht abgelichtet werden. Vor «heiklen» Orten (Sozialämter, Bordelle, Spitäler) reiche es überdies nicht, wenn nur die Gesichter verwischt würden. In «reinen Wohngebieten», die Thür generell zur «Privatsphäre» erklärt, sei das Fotografieren gänzlich zu unterlassen.

Der Spiesser mokiert sich

Der Kreuzzug gegen die Strassen-Bilder ist weltweit einzigartig, Thürs Ausdehnung der Privatsphäre auf den öffentlichen Raum abenteuerlich. Nüchtern betrachtet erweisen sich die behaupteten Bedrohungsszenarien als akademische Gedankenspiele mit marginalem Realitätsbezug. Wer interessiert sich schon für unbekannte, zufällig ins Web geratene Gesichter und Autonummern? Was ist mit derartigen Zufallsfunden überhaupt anzufangen? Das Recht auf das eigene Bild, doziert Thür, sei in jedem Fall höher zu gewichten als die «kommerziellen Interessen» einer privaten Firma. Millionen von Usern, die Street View nutzen, sind für ihn dagegen keine Erwähnung wert.

Man mag sich mokieren über den Spiesser, der in grandioser Verkennung der eigenen Bedeutungslosigkeit über seine Daten wacht, so als wären sämtliche Geheimdienste der Welt hinter diesen her. Dabei übersieht man allerdings den Einfluss, den die meist anonymen Funktionäre des Datenschutzes mitunter auf unseren Alltag ausüben. Ohne solide demokratische Legitimation mischen sie sich ein in politische Entscheidungsprozesse, reden bei Gesetzgebung und Rechtsprechung mit und bestimmen letztlich, wer mit welchen Informationen versorgt wird – und wer nicht.

Der einstige Poch-Aktivist Hanspeter Thür hat den unzensierten Informationsfluss im Internet schon lange im Visier. Im Juli 2008 versuchte er, das Internetportal Okdoc.ch zu stoppen, das Patienten erlaubt, Ärzte zu bewerten. Der Aussagewert solcher Ratings sei «sehr, sehr fragwürdig», rechtfertigte Thür seine Intervention, Manipulationen seien nicht auszuschliessen. In der Sache mag er recht haben. Doch solche Überlegungen kann man getrost dem mündigen Nutzer überlassen. Für allfällige Ehr- oder Persönlichkeitsverletzungen ist nach wie vor der Richter zuständig. Es stellt sich vielmehr die Frage: Wer hat Thür eigentlich die Befugnis erteilt, über gute und böse, nützliche und überflüssige, wohltätige oder kommerzielle Informationen im Web zu richten und Zensur zu üben?

Der Datenschutz, eine deutsche Erfindung, hat seinen Ursprung in den Erfahrungen mit dem Nazi-Regime und sollte den Bürger vor den Übergriffen eines bedrohlichen Staates schützen. Doch von ihrer ursprünglichen Funktion hat sich die Institution längst entfremdet. Während deutsche Steuerfahnder auf Konten unbescholtener Bürger herumspionieren, durchleuchten Scharen von Datenschützern die Privatwirtschaft. Der Schutzgedanke hat nur mehr eine Alibifunktion, von der hauptsächlich Kriminelle profitieren. Für den einfachen Bürger ist der Datenschutz in aller Regel belanglos. Im Vordergrund steht die Kontrolle von Information – also Macht.

In den USA, wo die Bürger ein anderes Verhältnis zum Staat haben als in Deutschland, ist Datenschutz im europäischen Sinn ein Fremdwort. Das System garantiert dem Bürger gleichwohl Freiheiten, von denen Europäer nur träumen können. Obwohl die Schweiz Amerika in dieser Beziehung viel näher ist, kopieren wir blind und ohne Not, was uns der nördliche Nachbar vormacht. Dabei vergessen wir, dass jede staatliche Datenkontrolle eine Beschränkung des freien Informationsflusses bedeutet. Datenschutz heisst immer auch Zensur, wie das Vorgehen von Hanspeter Thür gegen Street View illustriert.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 47/09
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Kommentare

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Alexej Buergin     25.11.09 19:51

ClimateGate ist bereits jetzt Stoff für eine Studie, wie die freiwillige Zensur der Mainstream-Medien nicht funktioniert. Man kann rekonstruieren:
Wann es auf Blogs erschien
Wann in der ersten Zeitungen
Wann auf Fox-News
Wann (kritisch) im Guardian
Heute auf CBS!
usw
Dann in der Weltwoche?
usw
In der NZZ erscheinen 2 kritische Zeilen?
usw
Die Schweizerische Einheitszeitung SEZ bleibt hart und wartet bis nach "Kopenhagen".

Alexej Buergin     25.11.09 17:46

Die E-Mails der "ClimatIC Research Unit" sind wohl kaum gehackt und auch nicht von einem desillusionierten Forscher an die Öffentlickeit gebracht worden, sondern von einem inkompetenten Mitarbeiter in ein öffentliches (statt in ein geheimes) Verzeichnis transferiert worden. Das würde mit dem öffentlich gewordenen Fortran-Spaghetti-Code übereinstimmen, der mich an meine Commodore-64-Zeit erinnert.
Nun lachen nicht nur die Statistiker über die Klima-Genies, nun lachen auch die Informatiker. Aber viele, viele fallen immer noch darauf herein.
Im Übrigen stimme ich Herrn Bättig zu.

Werner Widmer     25.11.09 07:30

Womit wir beim wehrhaften Bürger sind. Waffen wegsperren, Internet sperren und der Bürger funktioniert wie der Staat, die Macht will.
kennen wir doch aus Orwell 84, Fiktion die langsam whar wird.
Perry Rodan lässt grüssen.
Werni

Alexej Buergin     23.11.09 16:26

Das sind nur Vorgeplänkel; die wirkliche Zensur muss dem Internet drohen.
Wer sich z.B. im Internet über den "Hacker"-Angriff auf Hadley CRU informiert hat, weiss bestens Bescheid über die "wissenschaftlichen" Grundlagen des "anthropogenischen" Erderwärmung.
Wer sich über die Main-Stream-Medien informiert, versteht "Bahnhof".

Gianni Weidmann     23.11.09 15:04

Gratuliere Herr Baur zu diesem hervorragenden Artikel. Wie viel Blödsinn braucht es noch von Herr Thür bis sein Posten endlich liquidiert wird? Seit er im Amt ist hat er sich und die ganze Schweiz lächerlich gemacht, Verbrechensbekämpfung behindert und sinnvolle Datenbanken verunmöglicht. Zentrale Datenbanken im Gesundheitswesen, wie ich sie in Italien schätzen gelernt habe sind in der Schweiz gar nicht denkbar. Bei einem Unfall irgendwo, im ganzen Lande, ist überall sofort ersichtlich: Achtung, hat Herzprobleme, Allergien, Blutverdünnung etc. Zudem: Wer nichts zu verbergen hat....

Julian Bättig     23.11.09 14:01

Zensur hin oder her. Herr Köpel heute wurden Daten, bzw. E-mails der CRU(climate research unit) gehackt und dabei kamen brisante Fälschungen der Daten, auf welchen die ganzen ipcc-Modelle der UNO basieren, zum Vorschein. Ich denke dieser Fakt hat einen Artikel verdient und nicht bloss einen Eintrag auf Englisch in ihrem Blog "Achse des Guten". Sie als Journalist sind dazu verpflichtet genau solche Berichte zu veröffentlichen und weiter nachzuforschen. Das Internet sollte genau darum ein freier Raum bleiben, weil sonst solche Informationen im Sumpf der verblödeten Massenmedien untergehen.

Julian Bättig     23.11.09 12:47

Zensur hin oder her. Herr Köpel heute wurden Daten, bzw. E-mails der CRU(climate research unit) gehackt und dabei kamen brisante Fälschungen der Daten, auf welchen die ganzen ipcc-Modelle der UNO basieren, zum Vorschein. Ich denke dieser Fakt hat einen Artikel verdient und nicht bloss einen Eintrag auf Englisch in ihrem Blog "Achse des Guten". Sie als Journalist sind dazu verpflichtet genau solche Berichte zu veröffentlichen und weiter nachzuforschen. Das Internet sollte genau darum ein freier Raum bleiben, weil sonst solche Informationen im Sumpf der verblödeten Massenmedien untergehen.

Marianne Levron     23.11.09 11:47

Der Datenschutz treibt manchmal merkwürdige Blüten.So wurde das Bürgerbuch der Stadt St.Gallen, das alle 10 Jahre erscheint und eine lange Tradition hat, abgeschafft - aus Datenschutzgründen; dabei steht gar nichts Intimes drin, es ist nur ein Verzeichnis aller Stadtbürger. Was ich bisher von Street View gesehen habe, rechtfertigt meiner Meinung nach kein Verbot; wenn man keine öffentlichen Räume mehr fotografieren darf, ist es ja bald unmöglich, Reportagen zu machen für Zeitungen oder das Fernsehen; irgendwelche Personen kommen immer zufällig ins Bild; man kann nicht alle Gesichter verwischen

Lars Grigo     23.11.09 00:24

Lieber Herr Baur,
es ist schon eine abenteuerliche Argumentationskette, die Sie hier knüpfen. Es ist keineswegs ein deutscher Alleingang, sich gegen Google StreetView zu wehren. Viele andere Staaten (z.B. Frankreich, Großbritannien) tun das auch. Es geht hier auch nicht um "staatliche Zensur" (völliger Quatsch) oder Freiheit, sondern allein um die wirtschaftlichen Interessen von Google (sind Sie Aktionär?). Wie würde es Ihnen gefallen, wenn Sie beim in-der-Nase-bohren fotografiert und dann in der Zeitung abgedruckt werden?
Das ist kein seriöser Journalismus, was Sie hier abliefern. Peinlich!

Laurent Meier     20.11.09 14:56

Wie es Herr Baur richtig analysiert, durchleuchtet uns der Staat um Steuern zu kassieren, wer garantiert mir, dass die so gewonnen Erkenntnisse nur für diesen Zweck genutzt werden? Wann werden wir die Tagesschauberichte nur noch mit anonymisierten Gesichtern und Autonummern sehen? Thür ist ganz einfach lachhaft, ob es an seiner Vergangenheit als POCH'ler und der Fichenaffäre liegt? Streetview ist für alle frei zugängliche, PC mit Internetanschluss und bezahlte Billaggebühren vorausgesetzt, wo bitte soll da das Problem liegen?

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