Replik

Alte Klischees

Die Jesuiten haben sich nicht dem Zeitgeist angepasst, wie die Weltwoche behauptet, sondern die wahren Absichten ihres Gründers wiederentdeckt: Ignatius von Loyola dachte global, und nicht bloss europäisch.

Von Franz-Xaver Hiestand

Franz-Xaver Hiestand.

Als kürzlich in der Minarett-Debatte vergleichbare Herausforderungen in der Schweizer Geschichte gesucht wurden, erinnerten Geschichtskenner daran, dass in der Schweizer Bundesverfassung der Jesuitenorden von 1848 bis 1973 verboten war. Und auf die Nachricht hin, dass die Schweizer Jesuitenzeitschrift Orientierung ihr Erscheinen einstelle, kramte die Weltwoche alle Klischees antijesuitischer Polemik hervor, mit welchen (auch katholische) Ordensgegner seit Jahrhunderten herumfuchteln. Sie unterstellte dem Jesuitenorden eine opportunistische und in Finanzfragen heuchlerische Veranlagung und wertete die Schliessung der Orientierung als Beleg dafür, dass der Orden, der früher von den einen als päpstliche Elitetruppe gefeiert und von den anderen als Bollwerk intriganter Dunkelmänner diffamiert wurde, einem fatalen Zerfall ausgesetzt sei, weil er sich dem linken Zeitgeist angepasst habe.

Oberflächlich betrachtet, wirkt der Kommentar der Weltwoche plausibel. Der politische Einfluss des Ordens in katholischen Ländern und die Zahl seiner Mitglieder sind gesunken. Gleichzeitig engagieren sich mehr Jesuiten als früher für arme Menschen sowie für mehr Gerechtigkeit und Frieden; in den USA genauso wie in Pakistan, Simbabwe oder der Schweiz. Deswegen wurden zwischen 1970 und heute mehr als fünfzig von ihnen in Lateinamerika, Afrika und Asien ermordet. Würden die Jesuiten primär aus einer Logik heraus agieren, in welcher nur der Sieg zählt, müssten sie spätestens jetzt ihre Strategie ändern.
In der Tat hat sich der Orden jedoch seit Mitte der sechziger Jahre von Grund auf gewandelt. Aber weder aus politischem Kalkül noch aus Zeitgeist-Versessenheit, sondern weil er seine mystischen Wurzeln und die Intentionen seiner Gründer besser kennt und weil er, schon immer von einer globalen Vision beseelt, aussereuropäische Impulse früh umsetzte.

Frauenheld, Karrierist und Schläger

Erst im vergangenen Jahrhundert wurde die Autobiografie von Ignatius von Loyola, dem Mitbegründer des Jesuitenordens, wiederentdeckt. Darin schildert der 1491 geborene Baske, ein Zeitgenosse Luthers und Calvins, wie Gott ihn führte: Mit dreissig Jahren lag der Frauenheld, Karrierist und Schläger ans Bett gefesselt da, zum Krüppel geschossen. Nur zwei Bücher waren in seiner Nähe greifbar. Sie handelten vom Leben Jesu und einiger Heiligen. Deren ungewohnte Lektüre eröffnete ihm neue Perspektiven. Wieder genesen, wollte er Jesus in Armut und Machtlosigkeit nachfolgen und – so sagte er – «den Seelen helfen». Die folgenden Jahre führten ihn zu mystischen Erfahrungen und häufigen Konfrontationen mit der Inquisition. Schliesslich gründete er mit einer Gruppe Männer einen Orden.

Loyola war überzeugt, dass Gott sich ihm unmittelbar mitgeteilt und ihn trotz seines privaten Desasters bedingungslos angenommen habe. Um diese Erfahrung anderen Menschen zu vermitteln, konzipierte er die sogenannten Exerzitien. Von etwa 1815 bis 1960 wurden diese meist in Vorträgen vermittelt. Doch dann entdeckte die Forschung, dass Loyola und seine Freunde oft Einzelexerzitien erteilt hatten; und zwar keineswegs nur an Ordensleute. Auch Frauen machten dabei die Erfahrung, dass Gott sie bedingungslos liebt und ein armer und machtloser Jesus sie aufruft, ihr Umfeld zu verändern.
Während ein junger Jesuit bis Mitte des 20. Jahrhunderts vor allem zu intellektuellen Höchstleistungen getrieben wurde und mittels ausgefeilter Techniken seine Emotionen zu beherrschen lernte, spielt in der heutigen Jesuitenausbildung die innere Biografie von Loyola eine zentrale Rolle. Der Baske erscheint dabei als weltzugewandter Mystiker, der Konflikte mit der Kirchenleitung austrug und gleichzeitig darum rang, um Jesu willen solidarisch mit den Armen zu leben. In seinen jährlichen Exerzitien meditiert der junge Jesuit seinerseits, wo er Erfahrungen unbedingter Annahme machte und wie er sie umsetzen will.

Offen für alle Einflüsse

Und wenn er ein kastenloser Inder, ein südafrikanischer Jude oder ein Aymara-Indio aus Bolivien ist, sollen seine Antworten, die von seinem jeweiligen kulturellen Wertesystem grundiert sind, die ordensinternen Diskussionen mitprägen. Denn Letztere stehen seit 1960 aussereuropäischen Einflüssen weit offen. Etwa 4000 der 18 000 Jesuiten stammen heute aus Indien. Aufgrund seiner Steuerungselemente, die hierarchisch geprägt sind und dem Einzelnen gleichzeitig grosse Freiheit lassen, und aufgrund des intensiven Informationsaustausches hat der Orden vergleichsweise früh auf die Impulse seiner Mitglieder aus Asien und südlichen Ländern der Erde reagiert. Die Auseinandersetzungen der Jesuiten Japans mit dem Zen-Buddhismus oder derjenigen El Salvadors mit der lokalen Oligarchie widerhallen auch in Osttimor, Kenia oder im Lassalle-Haus in der Schweiz.

Welche kirchen- und weltpolitische Bedeutung der Orden dabei künftig spielen wird, ist weniger wichtig als die Frage, ob es den einzelnen Mitgliedern trotz aller persönlichen Limiten gelingt, die mystischen Impulse der Gründerzeit individuell und als dialogfähiges Kollektiv aufzunehmen und an Interessierte weiterzugeben.

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