MvH

Meine Mädchen

Unser Kolumnist beschreibt Fussballer von ganz nah. Und Carl Hirschmann, aus der Nähe ebenfalls.

Von Mark van Huisseling

Vergangene Woche fuhr ich nach Marseille, ich war Gast von Provence-Alpes-Côte d’Azur Tourismus. Die zweitgrösste Stadt Frankreichs liegt schön (hinter Kalkfelsen und an dem Golfe du Lion), zudem kann man wegen des mediterranen Klimas im November im Freien Mittag essen (Restaurant «Miramar» am Quai du Port, ziemlich gut). Doch sonst wurde ich nicht warm: Für meinen Geschmack zu viele recht neue Häuser in der Farbe von Toilettenpapier (wie überall in Südfrankreich). Ferner meint man, vor allem zwischen dem St-Charles-Bahnhof und dem Hafen, in Nordafrika unterwegs zu sein. Und es gab viel Abfall in den Strassen (die für die Beseitigung zuständigen Mitarbeiter befanden sich in einem Streik, um Präsident Sarkozy, der auch gerade in der Stadt war, herauszufordern).

Über das Spiel Olympique de Marseille gegen FC Zürich braucht man nicht mehr viel zu schreiben. Das heisst, vielleicht so viel: Bei 6:1 kommen einem Matches aus der Schulzeit in den Sinn, wenn die Jungen, die im Verein waren, gegen die Nerds (plus zwei Mädchen sowie den Klassenhomo) spielten. So alt sah die Mannschaft aber nicht aus, in meinen Augen. In den Augen der Marseillais schon. «L’OM écrase Zurich», stand in La Provence (écraser = zerreiben, zertreten).
On the bright side: Auslandsspiele verschaffen Anhängern, die hinfahren, Nähe zu Fussballern und wichtigen Leuten des Klubs. Auf jeden Fall wenn man ein Zimmer hat im gleichen Hotel («Villa Massalia Concorde», in Ordnung). Alexandre Alphonse sowie Xavier Margairaz etwa checkten als Letzte aus (mit Verspätung), die anderen warteten bereits. Bei Alphonse ist das fast egal – er hat das Tor geschossen. Doch Margairaz, habe ich gehört, sei seit einiger Zeit nicht stark, nehme aber trotzdem den höchsten Lohn. Heliane Canepa, der Frau des Klubpräsidenten, werde ich zu einer anderen Haarfrisur und -farbe raten, falls ich sie privat treffe (MvH mag Naturrot, nicht Pumuckl-Rot). Vielleicht lag es auch an dem starken Mistral, doch es war kein schönes Bild, als sie vor dem Haus stand. Und dann Bernard Challandes: Es geht zu Herzen, wenn der Chef bei seinen Untergebenen ist. Aber José Mourinho würde vermutlich dennoch nicht einen Bus vom Flieger zu dem Terminal nehmen.
In Zürich wurde zu dieser Zeit Carl Hirschmann verhaftet. Seither haben mir wenigstens zwei Bekannte gesagt, sie seien mit ihm verabredet gewesen an diesem Tag angeblich, um irgendetwas zu besprechen (ferner hatte der Chef der Schweizer Illustrierten ein Date mit ihm, hat er geschrieben). Ich, nebenbei, wollte Carl nicht treffen. Ich habe entschieden, nachdem er Gaststar an einem kleinen Auftritt von mir war, im «Kaufleuten» vor Monaten, nicht mehr mit ihm zusammenzuarbeiten. Ich mag ihn, auf eine Art. Aber mit ihm in Verbindung zu stehen, macht mir Kopfschmerzen.
Über das Strafverfahren gegen ihn weiss man noch nichts Genaues. (Eine ehemalige Freundin klage wegen Körperverletzung; andere Mädchen sollen angeblich auch klagen, mehrere soll er genötigt haben.) Lesen und hören konnte man in Zeitungen und am TV, von Frauen übrigens, dass diese Mädchen vermutlich selber Schuld tragen. Streng genommen sei jede, die zu ihm in das «Saint Germain» ging, eine Schlampe und habe bloss Geld gewollt. Well, well, well. Ich habe keine der Frauen, die das sagen, in Carls Nachtlokal recherchieren sehen. Ich habe dort aber einige Mädchen kennengelernt, denen ich glauben würde.
Ferner, schreiben andere jetzt, Carl habe es auch nicht leicht (Mutter weg, seit er zwölf ist; Vater nahm immer junge, sagen wir, Freundinnen . . .). Give me a break. Hatten wir es nicht alle hart als Kinder? (Das heisst, alle ausser dem kleinen MvH – in seinem Leben war nur Sonnenschein, im Hochhaus in Bümpliz.) Carl möchte im Grunde gefallen. Er hat eine angenehme Seite, doch es fällt ihm oft schwer, diese zuzulassen. Eigene Ideen anderer bereiten ihm Mühe, Widerspruch oder Ablehnung grosse Mühe. Ich bin von Beruf Gesellschaftskolumnist, kein rent-a-quote. Deshalb urteile ich nicht, sondern beschreibe. (Mehr Beschreibungen, die in einem gewissen Sinn an Carl erinnern, stehen in dem Buch «Without Conscience» von Robert Hare.)
Er wolle eine Zeit im Ausland leben, in L.A. oder so, hat Carl gesagt. Diese Zeit wäre jetzt, finde ich. Resp. in ein paar Monaten oder Jahren. Sobald er den Pass zurückbekommt halt.

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