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11.11.2009, Ausgabe 46/09

Editorial

Zuwanderung

Die schrankenlose Einwanderung beschert der Schweiz eine gewaltige Umverteilung zugunsten der Unternehmer und auf Kosten der Schweizer «Büezer».

Von Roger Köppel

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Es kann keine unbegrenzte Einwanderung geben in ein Land mit einem historischen Parkplatzkompromiss.» Dieser Satz stammt vom Freiburger Ökonomen Reiner Eichenberger und drückt das Unbehagen aus, das sich in der Schweiz gegen die aktuelle Massenzuwanderung regt. Die Schweiz ist nicht die Vereinigten Staaten von Amerika. Es fehlt uns an Fläche, aber auch die Motive der Leute, die zu uns kommen, sind ganz andere als bei den Immigranten, die in die USA einreisen. Wer nach Amerika auswandert, will sich neu erfinden und Amerikaner werden.

Wer in die Schweiz kommt, sucht ein intaktes Umfeld und höhere Löhne. Es ist weltfremd, die Schweiz unter Zurechtbiegung des amerikanischen Vorbilds zum Einwanderungsland zu erklären. Ein Kleinstaat funktioniert nach dem Muster einer Elite-Universität: Man bemüht sich um Leute, die klaren Mehrwert bringen. Das ist weder hartherzig noch arrogant, sondern der einzige Weg, um Qualität und Wohlstand zu bewahren.

Die Schweiz stösst an die Grenzen ihres Fassungsvermögens. Davon kann man sich bei einer Fahrt in der Zürcher S-Bahn am Morgen oder nach Feierabend überzeugen. Die vielen Ausfälle, Pannen und Verspätungen der SBB in letzter Zeit sind nicht das Resultat von schlechtem Management, sondern werden durch Übernutzung und Überlastung verursacht. Zwischen Bern und Zürich winden sich kilometerlange Autoschlangen. Trotz komfortablen Mehrspurtunneln staut sich der Verkehr. Da es an bebaubaren Zonen fehlt, wuchern seelenlose Wohnquartiere. Thomas Held, Chefdenker des Think Tanks Avenir Suisse, verwies in einer Fernsehdiskussion zum Thema kürzlich auf die japanische Metropole Tokio. Will die Schweiz mit ihren sperrangelweit geöffneten Grenzen zum europäischen Pendant eines asiatischen Molochs werden?

Die schrankenlose Zuwanderung ist ein Verlustgeschäft für die Schweizer «Büezer». Die ökonomische Logik dahinter leuchtet ein. Die Unternehmer können dank der Personenfreizügigkeit aus einem gewaltigen Reservoir an vergleichsweise billigen Arbeitskräften in der EU schöpfen. Das Angebot drückt den Preis und damit auch die Löhne. Wenn die Arbeitskosten sinken, steigen die Gewinne. Die Firmeneigentümer profitieren, aber auch die neuen Arbeitskräfte. Verlierer sind die Schweizer Arbeitnehmer, die entweder tiefere Löhne akzeptieren oder entlassen werden müssen. Es ist ein Mythos, dass die neue Konkurrenz nur aus Professoren, Ingenieuren und Topmanagern besteht. Nach wie vor wandern auch mittel- bis schlechtqualifizierte Ausländer in die Schweiz ein. Ihr Vorteil besteht darin, dass sie unseren Firmen tiefere Kosten und damit höhere Profite bescheren. Die Zuwanderung bringt der Schweiz eine gewaltige Umverteilung zugunsten der Unternehmer, auf Kosten der Schweizer Angestellten. 

 

Unsere Wirtschaftsverbände, der Bundesrat und ein Grossteil des Parlaments haben gelogen, als sie das Stimmvolk im Vorfeld der Personenfreizügigkeit beschwichtigten, die Zuwanderung reguliere sich in einer Krise von selbst. Genau das ist falsch. Der Zustrom geht weiter trotz Finanzmisere und Rezession. Kürzlich wurde bekannt, dass pro Monat weiterhin rund tausend neue Deutsche kommen. Das ist nicht überraschend: Die Zahl der Erwerbstätigen steigt in der Schweiz seit Jahren. Sprunghaftes Wachstum verzeichnet das Bundesamt für Statistik vor allem bei den werktätigen Ausländern (insgesamt 974 0000), während die Zahl der beschäftigten Schweizer tendenziell konstant bleibt. Da gleichzeitig die Zahl der Arbeitslosen in der Schweiz zunimmt, und hier wiederum besonders unter Ausländern, sind drei Befunde abzuleiten. Erstens: Wir holen mehr Ausländer ins Land, als unser Arbeitsmarkt verkraftet. Zweitens: Die von den Freizügigkeitsbefürwortern geäusserte These, arbeitslose Ausländer würden von sich aus nach Hause gehen, ist falsch. Drittens: Es ist unwahrscheinlich, dass die arbeitslos gewordenen Ausländer beim nächsten Aufschwung wieder in den Schweizer Arbeitsmarkt zurückkehren. Wieso sollten ausgerechnet sie wieder angestellt werden, wo doch das verfügbare Angebot an frischen billigen Leuten in der EU ungebrochen gross bleibt? Unsere Sozialwerke werden zum Endlager für arbeitslose Ausländer, die laufend geholt, aber nicht mehr gebraucht werden.

 

Man sollte den Tatsachen ins Auge sehen: Die Schweiz zahlt einen zu hohen Preis für die Masseneinwanderung. Es stimmt, dass unsere Unternehmer dank den tiefen Löhnen und neuen ausländischen Kunden profitieren. Aber das sind kurzfristige Gewinne, die von den langfristigen Standortschäden zunichtegemacht werden. Die Schweizer Wirtschaft wächst nicht. Sie bläht sich auf mit billigen Arbeitskräften, während die Produktivität pro Kopf nachlässt. So sieht es der eingangs zitierte Ökonom Reiner Eichenberger. Zudem: Die Überlastung unserer Sozialkassen treibt mittelfristig die Steuern und Abgaben nach oben. Was die Wettbewerbsfähigkeit unserer Wirtschaft beeinträchtigt. Im Infrastrukturbereich kommen gewaltige Kosten auf uns zu, wenn die Schienen- und Strassennetze den neuen Benutzerwellen angepasst werden sollen. Schon jetzt ist Wohnraum in attraktiven Lagen knapp und für viele Schweizer unerschwinglich. Durch den Lohndruck bei gleichbleibend hoher Immobiliennachfrage aus dem Ausland wird die Kaufkraft des durchschnittlichen Schweizer Arbeitnehmers weiter sinken. Die Zersiedelung und Verschandelung der Landschaft schreitet ungebremst voran.

        Letzte Woche wurde an dieser Stelle ein Lösungsansatz präsentiert. Die Schweiz muss ihre Handlungsfähigkeit in der Ausländerpolitik wieder zurückgewinnen. Der freie Personenverkehr mit der EU produziert zwiespältige Resultate, obschon die Grenzen für Bulgarien und Rumänien noch gar nicht geöffnet worden sind. Die Schweiz hat – im Unterschied zu den Mitgliedstaaten der EU – das Recht, die bilateralen Freizügigkeitsverträge zu künden und neu auszuhandeln. Von diesem Recht sollte sie jetzt Gebrauch machen mit dem Ziel, unsere Sozialwerke migrationsfest zu gestalten. Die Fristen sind zu erhöhen, bis hier tätige arbeitslose Ausländer in den vollen Genuss unserer Sozialleistungen kommen können. Die Freizügigkeitsbefürworter in Parlament, Verwaltung und Regierung haben sich geirrt. Sie sollten jetzt wenigstens die Grösse haben, eine Schadensbegrenzung einzuleiten.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 46/09
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Kommentare

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Daniel Aegerter     07.12.09 14:32

Warum muss die Wirtschaft immer noch wachsen? Lieber auf gutem Niveau konsolidieren. Innovative Ökonomen sollten Instrumente entwickeln, welche eine Wirtschaft auch mit Nullwachstum wettbewerbsfähig erhält, ohne in die Planwirtschaft zu verfallen. Die Steigerung des BSP ist nicht mehr das Mass aller Dinge. Nicht der Wohlstand, sondern die Wohlfahrt sollte zunehmen. Zuwanderung bringt uns sicher Wachstum und Wohlstand, aber nicht mehr Wohlfahrt. Der Preis dafür ist hoch: überlastete Infrastruktur und Sozialwerke, belastete Umwelt und kaum mehr Freiräume. Überall ein Gedränge und ein Puff. Aeg

Patrick Tanner     20.11.09 16:14

Herr Schlegel

Halten wir fest, dass die Statistik des BFS klar zeigt, dass Ihre Aussage, dass die Löhne real seit Einführung der PF so stark angestiegen seien wie lange zuvor nicht, unwahr ist:

Allein 2001 (vor Einführung der PF) erhöhten sich die Nominallöhne um 2,5% und die Reallöhne um 1,5%.

Von 2005-2008 (wh der Hochkonjuktur und Masseneinwanderung) erhöhten sich die Nominallöhne jährlich nur um 0,1% und die Reallöhne insgesamt innerhalb von 4 Jahren nur um 0,4%. 2008 nahmen sie sogar um 0,4 ab.

Bitte machen Sie sich kundig, bevor Sie etwas behaupten.

Patrick Tanner     20.11.09 15:43

Die Statistik des BFS über die Reallohnentwicklung zeigt eindeutig, dass der Reallohn von 2003-2008 insgesamt um mikrige 1,3% zugenommen hat.

Bemerkenswert ist jedoch, dass die Reallöhne sogar wh der Hochkonjuktur von 2005-2008 stagnierten resp. nur um 0,4 zunahmen und 2008, wh der grössten Einwanderung, um 0,4% abnahmen.

Masseneinwanderung dank Personenfreizügigkeit führt tendenziell zu tieferen Reallöhnen.

Sogar der Nominallohn stagnierte von 2005-2008 (0,1 jährliche Zunahme).

Die Unwahrheiten der Befürworter der PFK sind sogar durch die Statistik des BFS widerlegt worden.

Patrick Tanner     20.11.09 14:43

Herr Schlegel offensichtlich kennen Sie die Statistik des BFS und den Unterschied zw Nominal- und Reallohn nicht.

BFS: Reallohnerhöhung 2001 1,5%
2002 1,1%
2003 0,8%
2004 0,1%
2005 -0,2%
2006 0,1%
2007 0,9%
2008 -0,4%
Zw 03-08 mikrige 1,3%

Patrick Tanner     20.11.09 13:49

Die Statistik der unabhängigen OECD beweist eindeutig, dass die Arbeitsproduktivitätszunahme von 1992 bis und mit 2002 deutlich über 1% lag und sie seit der Einführung der PFK deutlich unter 1% (ca. 0,83%) gefallen ist und 2003 u. 2008 sogar gesunken ist (03 -0,6% und 08 -0,2%). Auch das BIP pro Kopf der Schweiz sank seit Einführung der PFK und nahm von 2008 auf 2009 (wh der grössten Masseneinwanderung in die CH seit Menschengedenken) ab. Unter Volkswirtschafter ist dies schon lange bekannt und bereitet Anlass für Kopfzerbrechen. Herr Gaillard wüsste dies auch. Er ist jedoch nicht unabhängig.

Patrick Tanner     20.11.09 12:30

Die Zahlen der OECD sind eindeutig: Seit Einführung der PFK nahm Abeitsroduktivität in der Schweiz 2003 und 2008 ab und war allgemein tiefer als in den 90er Jahren. Auch BIP pro Kopf (GDP per capita) nahm 2008 auf 2009 ab. Die Beschönigungen und Desinformationen des SECO und insbesondere ihres Chefökonomen Gaillard sind unglaubwürdig und werden alle aufgedeckt. Es gibt jedoch immer noch Befürworter der PFK, die offensichtlich von Volkswirtschaft keine Ahnung haben und den Partei-Statistiken des BFS glauben. Da sind die Statistiken der OECD zutreffender und v.a. glaubwürdiger.

fabio rechsteiner     18.11.09 20:49

Dann ist dies ja auch nur eine Falschmeldung von den Isolationisten:

http://www.20min.ch/finance/news/story/31091262

Peter Schlegel     18.11.09 16:08

Marianne Studer,

Völlig richtig! Das zeigt auch die Reallohnentwicklung der letzten Jahre. Seit der Einführung der PF sind die Löhne real so stark angestiegen wie lange zuvor nicht.

Gerade in der Zeitspanne zwischen EWR-Nein und Inkrafttreten der Bilateralen haben die Reallöhne stagniert.

Das BFS räumt auf mit den falschen Behauptungen von Köppel und den anderen Isolationisten!

Patrick Tanner     18.11.09 15:29

Ausländische Arbeitnehmer verdienen bei gleichem Ausbildungsstand 10% mehr als einheimische Arbeitnehmer, weil sie bei den Lohnverhandlungen besser pokern (was der Schweizer wegen seiner Mentalität nicht tut). Das Problem ist, dass der Einheimische weniger leicht zu gewissen Qualifikationen kommt. In Deutschland liegt die Abiturquote zwischen 35-65%, in der CH ist sie viel tiefer. Die Facharztausbildungen sind in allen Nachbarländern kürzer und weniger aufwändig. Wegen der PFK wurde die Gewerbefreiheit (Niederlasssung der Ärzte) eingeschränkt. Unser Ausbildungsystem diskriminiert Inländer.

Patrick Tanner     18.11.09 15:06

Peter Schlegel es trifft zu, dass die Masseneinwanderung für die Unternehmer und Kapitalbesitzer, sprich Aktionäre (mehrheitlich in ausländischem Besitz) positiv ist. Für den hiesigen Arbeitnehmer ist sie jedoch eine Bedrohung. 2008 war die Netto-Einwanderung seit 40 Jahren am höchsten: Einwanderung 157271, Auswanderung 54131. 2007 wh der Hochkonjunktur Einw. 139685, Ausw. etwas höher als 2008. In den 90er Jahren bei tieferen Einwanderungsraten, wanderten jährlich zw. 58000-80000 aus. Mehr als vier Fünftel der neuen Arbeitslosen im letzten Monat waren Ausländer.
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