Stil & Kultur

Wir Wunderkinder

Von Daniele Muscionico

Längs gerillt und flach gemacht: Tomodel Claudia Schiffer. Bild: Horst Diekgerdes (Collection Rolf Heyne)

Das ist die deutsche Claudia im Harnisch des preussischen Designers: die Schiffer eingepackt von Wolfgang Joop. Längs gerillt und flach gemacht, au revoir érotisme, bonjour tristesse.

Als Joop die Rheumawäsche entwarf, übte er wohl für die Kompressionsstrümpfe, die er kürzlich vorgestellt hat. Oder für seinen Geburtstag, den er nächstens feiern wird. Zu diesem Jubiläum hat der Modemacher seine Autobiografie veröffentlicht, die den Namen seines neuen Labels und den seiner alten Heimat trägt: «Wunderkind. 14467 Potsdam».

Das 5,2 Kilogramm schwere Wunderwerk ist ein Stück Familien- und zugleich auch Modegeschichte. Es zeichnet Joops Anfänge in den Achtzigern nach, ein Leben an der Seite von Drogen und Freundin Jil Sander; es widmet sich den ersten Erfolgen mit dem Unternehmen JOOP! und dem Neubeginn in Potsdam mit «Wunderkind». Dekoriert wird die Theorie mit Joops besten Entwürfen, Fotos aus Privatbesitz sowie Beiträgen von Mutter Charlotte und dem Maler Neo Rauch.

Erzählt wird von der Freundschaft mit Nadja Auermann und von der Feindschaft mit Helmut Newton («Newton war launisch und bösartig. Er wollte in Berlin fotografieren, brüllte aber ständig: ‹Ich begehe Rassenschande.›»).Erzählt wird die Geschichte des schlechten Schülers mit Zeichentalent («Fürs Abschreiben in Mathe bezahlte ich mit nackten Frauen»), der erst die Erwartungen seiner Eltern erfüllt er heiratet, obwohl er schwul ist –, dann aber dem Tafelsilber seiner Vorfahren den Rücken kehrt. Und ab dann beginnt, Erfolg zu haben.

Wolfgang Joop ist der Modemacher, dem auch die Politik nicht einerlei ist. Angela Merkel rät er: «Brust raus!», obwohl er, siehe den Abschiffer Claudia, seine Frauen mehr flach denn gebirgig mag. Und auch für die Jugend hält er Ratschläge bereit: Träume pflegen, Computer abschalten, bescheiden bleiben, Konzentration üben, Bücher lesen und selber machen, lautet sein Sixpack für den Erfolg. Und fürs Kalenderblatt hält Wolfgang aus Potsdam Sätze bereit wie diesen: «Kein Leben ist lang genug, um das Glück auf später zu verschieben.» Mit den Glückwünschen an ihn soll hier dennoch zugewartet werden. Das Wunderkind feiert seinen 65. Geburtstag erst am 18. November.

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