Die Stadtzürcher Sozialdemokraten haben vor kurzem beschlossen, dass sie die Hausaufgaben abschaffen möchten. Begründet wurde diese Petition mit dem Argument, nicht alle Kinder hätten Eltern zu Hause, die ihnen beim Lösen von Stöcklirechnungen oder beim Schreiben von Aufsätzen beistehen könnten. Um die «Chancengleichheit» wiederherzustellen, schlägt die Partei stattdessen obligatorische Aufgabenstunden in der Schule vor – die allen angeboten würden.
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Dass ehrgeizige oder wohlmeinende Eltern – darunter ohne Zweifel etliche Sozialdemokraten – ihren Kindern helfen, ist also ein Missstand, den es rasch zu beheben gilt. Man fragt sich, warum die SP konsequenterweise nicht ein Verbot anstrebt, das es Eltern untersagt, ihre Kinder in irgendeiner Weise zu fördern. Theaterbesuche, Bücher, intelligente Tischgespräche oder ab und zu ein Lob: All dies widerspricht der «Chancengleichheit» – wenn andere Kinder nicht davon profitieren. Ein allgemeines Kinderförderungsverbot wäre deshalb der einzige Weg in ein «chancengerechtes» Bildungssystem. Vielleicht ist die Verzweiflung der Partei, die seit geraumer Zeit nur noch verliert, tatsächlich bald so gross, dass sie auch dieses Projekt unterstützt.
Alle sind glücklich
Der Vorschlag ist grotesk – und die Tatsache, dass sich eine 23-jährige Jungsozialistin mit einer solchen Idee in der wählerstärksten Regierungspartei der grössten Stadt der Schweiz durchsetzt, sagt einiges über den Zustand der SP aus. Dennoch kommt er nicht zufällig – sondern entspringt einem alten Anliegen der Linken, das darin besteht, den Begriff «Chancengleichheit», der einst durchaus einem klassisch liberalen Anliegen entsprach, umzudeuten. Nicht mehr die Gleichheit der Chance, sich zu verwirklichen, zu tun, was man kann oder will, wird angestrebt, sondern eine Gleichheit im Ergebnis: Alle sollen gleich gute Noten haben und gleich engagierte Eltern, gleich reich werden und gleich glücklich sein. Die erste Interpretation von Chancengleichheit ist ohne weiteres mit Freiheit vereinbar, die zweite widerspricht ihr fundamental.
Forschungsergebnisse, die an der Pädagogischen Hochschule der Fachhochschule Nordwestschweiz in Solothurn erarbeitet und neulich in den Medien zitiert worden sind, haben die SP vermutlich beflügelt. «Ehrgeizige Eltern beeinflussen die Schulnoten massiv», titelte der Tages-Anzeiger und forderte spezielle Kurse für Eltern, die es am nötigen Einsatz für ihre Kinder mangeln lassen. Denn laut Tages- Anzeiger sind «bis zu 50 Prozent der schulischen Leistung eines Kindes von den Erwartungen und vom Verhalten der Eltern» bestimmt. «Da sich Eltern aus sozial benachteiligten Schichten wenig engagieren, haben deren Kinder erhebliche Nachteile. Das gilt vor allem für Migrantenkinder.»
Noch sind diese Resultate unveröffentlicht. Deren Autor, der Bildungsexperte Markus Neuenschwander, hat sie bisher erst an einer Tagung vorgestellt. Es handelt sich um Erkenntnisse aus einer aufwendigen Langzeitstudie, die er und weitere Wissenschaftler seit einigen Jahren betreuen. Finanziert von Bund und Kantonen, untersucht dieses Forschungsprojekt (Familie - Schule - Beruf/FASE B), wie Jugendliche den «Übergang von der Schule ins Erwerbsleben» meistern. Dafür wurden junge Leute wiederholt im Verlauf von mehreren Jahren (seit 2002) befragt, insgesamt nahmen gegen 2000 Schüler teil – aus den Kantonen Bern, Zürich und Aargau.
Für Schweizer Verhältnisse ist die Untersuchung beispiellos: Noch nie wurden so wertvolle Daten zu einem bildungspolitisch so relevanten Thema in diesem Umfang und über so viele Jahre hinweg erhoben. Was den Schulerfolg ausmacht, was die jungen Leute dazu bewog, eine Lehre anzufangen oder ins Gymnasium zu streben, waren dabei die zentralen Fragen – unter vielen andern, die die Forscher bearbeiteten. In verschiedenen Aufsätzen, die er bereits publiziert hat, breitete Neuenschwander einige bemerkenswerte Einsichten aus. Als Wissenschaftler hält er sich zwar zurück und gibt keine politischen Empfehlungen ab – doch nimmt man seine empirischen Befunde ernst, wird einem umso bewusster, wie weltfremd die Idee der SP ist, die Hausaufgaben im Interesse der Chancengleichheit zu beseitigen.
Neuenschwander kam zum Schluss, dass neben Noten und Leistungstests vor allem ein Faktor voraussagt, wer in der Schule reüssiert: die Erwartung der Eltern. Merken die Kinder, dass ihre Eltern auf gute Leistungen in der Schule Wert legen, strengen sie sich offensichtlich mehr an und haben Erfolg. Erwarten ihr Vater oder ihre Mutter, dass sie ins Gymnasium kommen, schaffen sie es meistens. Kümmern sich die Eltern dagegen nicht um die Schule, bleiben ihre Kinder zurück. Nicht auf die Stunden, die Eltern darin investieren, ihrem Kind die Hausaufgaben zu erklären, kommt es an, sondern ganz schlicht auf ihren Ehrgeiz.
Der Ehrgeiz der Armen
Ebenso bedenkenswert ist der Befund, dass der soziale Status allein wenig bedeutet. Selbstverständlich wirkt er indirekt auf die Erwartungen der Eltern ein: Dass gutausgebildete Eltern ihrem Kind mehr abfordern, ist wahrscheinlich – aber nicht unbedingt immer der Fall. Auch kommt es vor, dass Leute aus einfachen Verhältnissen ihre Kinder intensiv fördern, gerade weil sie hoffen, ihnen damit ein besseres Leben zu verschaffen, als sie es sich selbst leisten konnten. Am Anfang mancher Erfolgsgeschichte eines Aufsteigers steht ein tüchtiger Vater oder eine fleissige Mutter.
Von Belang ist schliesslich der Erziehungsstil, den Eltern pflegen. Neuenschwander unterscheidet verschiedene Typen, unter anderem einen «permissiven», wo die Kinder «wenig Führung» erdulden müssen, und einen «autonomieorientiert-anregenden»: Hier bringen die Eltern ihren Kindern «hohe Zuwendung» entgegen, gleichzeitig pochen sie auf gute «Leistungen» und bieten «ein kognitiv stimulierendes Umfeld». Beide Typen, so der Solothurner Bildungsexperte, sind eher in höheren Schichten verbreitet. Doch während das antiautoritäre Laisser-faire zu ziemlich lausigen Schulleistungen führt, erzielen Schüler, die von ihren Eltern «autonomieorientiert-anregend» erzogen werden, mit Abstand die besten Noten. Mit andern Worten, wer Akademiker-Eltern hat, die wenig verlangen, brilliert fast ebenso wenig in der Schule wie ein Kind, das sogenannt «bildungsfernen» Schichten angehört – was im Übrigen vielfach eine Umschreibung für Leute ist, die vor kurzem eingewandert sind.
Die oft geäusserte Gleichung – soziale Herkunft bestimmt Schulerfolg – trifft also nur bedingt zu. Meistens wird im gleichen Atemzug damit unterstellt – ohne es explizit sagen zu müssen –, dass unser Bildungssystem unfair ist. Dass intelligente, begabte Schüler übersehen werden und keine Chance haben, wenn sie aus der falschen Schicht stammen – oder heute häufiger: aus dem falschen Land. Ein sozialromantisch wirkungsvolles Bild, das einen an einen DDR-Film erinnert, der die Zustände im deutschen Kaiserreich anprangert: Unfähiger Kapitalisten-Sohn macht Abitur, brillantes Arbeiterkind darf nicht aufs Gymnasium und wird Kommunist.
Tatsächlich belegt eine neue Studie, die Urs Moser vom Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich vor kurzem veröffentlicht hat, dass solche Geschichten an schweizerischen Schulen selten, wenn überhaupt je vorkommen. Mit dem Ziel, die Aufnahmeprüfung für das Langzeitgymnasium zu verbessern, hat der Kanton Zürich im Jahr 2008 alle Kandidaten zusätzlich zur herkömmlichen Prüfung einem Intelligenztest unterzogen. Moser und seine Mitarbeiter wurden damit beauftragt, den Test zu entwickeln und die Ergebnisse des Versuchs auszuwerten. Das Resultat war erfreulich: In der Regel entsprachen die Erfahrungs- und Prüfungsnoten der Schüler den Leistungen, die sie in den Intelligenztests erreichten. Es offenbarten sich keine auffälligen Unterschiede. Mit anderen Worten, die Lehrer hatten mit ihren Noten die Fähigkeiten ihrer Schüler sehr präzis erfasst – was im Vorbeigehen auch das Vorurteil widerlegte, dass Noten eine höchst subjektive und ungerechte Beurteilung darstellten. Vor allem zeigte sich, dass unsere Schulen kaum einen hochbegabten, aber unterprivilegierten und daher nicht erkannten Kandidaten übersehen hätten.
Hoffen auf die Gentechnologie
Dass Menschen ungleich begabt sind, ist ein Gemeinplatz. Dennoch fällt es einigen Bildungspolitikern schwer, dies zu akzeptieren. Wie viel Talent und Intelligenz ein Kind erbt, wie viel es den Eltern – ihrer Erziehung oder ihrem Reichtum – verdankt, darüber wurden seit Jahrhunderten epische Debatten geführt. Vielleicht waren auch die Hausaufgaben ab und zu ein Thema. Platon, der griechische Philosoph und Ursozialist, hat sich nicht damit befasst. Er war konsequenter als die Stadtzürcher SP. Um alle Menschen gleichzumachen, hatte er gefordert, man müsste die Kinder umgehend den Eltern wegnehmen, damit alle die gleichen Startchancen erhielten und nicht vom üblen Geschick abhingen, das darin bestehen konnte, einen dummen Vater oder eine faule Mutter zu haben. Wäre Platon die Gentechnologie bekannt gewesen, mit Sicherheit hätte er verlangt, den Nachwuchs rechtzeitig genetisch auszulesen und anzugleichen.

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