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04.11.2009, Ausgabe 45/09

Minarette: Pro

Brandstifterei

Minarette sind keine Zeichen der Eroberung. Schweizer Muslime wollen zeigen, dass sie in diesem Land angekommen sind und sich wohl fühlen. Gewalt und Hass werden im Untergrund gesät, nicht in öffentlichen Moscheen.

Von Semih Kutluca

Das hat nichts mit Eroberung zu tun. Illustration: Jörg Dommel

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Die Minarett-Initiative hat bei uns eine sehr emotionale öffentliche Diskussion ausgelöst. Mittlerweile haben alle erkannt, dass es eine reine Stellvertreterdebatte ist. Stellen wir uns mal vor, irgendeine muslimische Gemeinde käme auf die Idee, eine Moschee zu bauen mit der dazugehörenden typischen Architektur. Die gleiche diffuse Angst und dieselben Argumente würden vorgebracht werden.

Minarette: Das Kontra-Essay von Beni Frenkel

Wozu braucht es plötzlich Minarette in der Schweiz, es ging ja schliesslich jahrzehntelang ohne? Eigentlich ein geniales Argument, das aber bei näherer Betrachtung seine Wirksamkeit verliert. Denn Muslime wollen weder irgendwelche Zeichen setzen noch mit dem Islam eine Eroberung starten. Ihre Motivation ist viel simpler: Sie wollen für ihr Gebetshaus auch gegen aussen ein entsprechendes Bild abgeben und zeigen: Wir sind hier, wir fühlen uns wohl und wollen aus den Hinterhof-, Keller- und Gewerbemoscheen heraus. Schweizer Muslime respektieren, dass sie hier in der Schweiz mit deren Kultur und deren geschichtlichem Erbe leben. Doch irgendwann kommt das Bedürfnis, seine eigene Religion zu manifestieren – selbstverständlich innerhalb der Verfassung. Es gibt eine ganze Generation von Muslimen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, die ihre Religion mit der Kultur hier erfolgreich zusammengefügt hat.

Kein Grund zu kapitulieren

Zu behaupten, der Islam passe nicht in die westliche Kultur und es würde zwingend eine Konfrontation geben, spiegelt nicht die Realität wider. Natürlich gibt es Konflikte und Probleme, die uns beschäftigen, doch diese sind nicht so zahlreich, dass wir kapitulieren müssten. Gemessen an der Zahl der Muslime in der Schweiz, haben wir ganz wenige Probleme. Es wird auch argumentiert, der Islam habe keine Säkularisierung durchgemacht. Staaten wie die Türkei (seit 1923 ein laizistischer Staat), Bosnien, Syrien oder die zentralasiatischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind einige Beispiele von unterschiedlich ausgestalteten muslimischen säkularen Staaten.

Die Initianten der Minarett-Initiative wollen erkannt haben, dass sich der Islam in der Schweiz innert kürzester Zeit rapide ausgebreitet und dass die Scharia immer mehr an Bedeutung gewonnen habe. Wir hatten im Osten Europas den Balkankrieg. Das Resultat dieses Kriegs war für uns Mitteleuropäer eine Flüchtlingswelle: Bosnier und Kosovo-Albaner mussten flüchten. Diese Menschen sind grösstenteils (sehr moderate) Muslime. Dieser Zuzug ist verantwortlich dafür, dass sich die Anzahl der Muslime innerhalb kürzester Zeit erhöht hat. Das hat auch nichts mit Eroberung oder Missionierung zu tun, sondern mit menschlichen Schicksalen während eines schrecklichen Krieges.

In der Schweiz leben rund 400 000 Muslime. In den Herkunftsländern der meisten dieser Menschen gibt es gar kein Scharia-Recht. Wenn SVP-Nationalrat Walter Wobmann düster die Entstehung islamischer Parallelgesellschaften schildert, wo es angeblich Ehrenmorde, Beschneidungen und Steinigungen gibt, kann man das nur als gesellschaftliche Brandstifterei abtun. Parallelgesellschaften entstehen aus sozialen Motiven und nicht aus religiös motiviertem Handeln.

Oft wird eine Parallele zwischen Muslimen in der Schweiz und Muslimen in krisengeschüttelten Ländern der Dritten Welt gezogen. Es ist die Rede von Frauen, die sich in anderen Ländern verschleiern und verstecken müssen, und von Massen, die nur gegen westliche Staaten auf die Barrikaden gehen und nicht gegen den Terror – welcher übrigens nur von einer kleinen Minderheit der Muslime verübt oder gutgeheissen wird. Warum werden Muslime hierzulande für das Unrecht verantwortlich gemacht, das in anderen totalitären Staaten geschieht? Warum wird eine Schweizer Muslima, die hier ganz anständig lebt und arbeitet, mit diesen Menschen gleichgesetzt? Das unsägliche Plakat der Initianten stellt ebendiesen Zusammenhang her.

Die Abwehrhaltung ist massiv

Wir müssen uns bewusst werden, dass man Gewalt und Hass im Untergrund und nicht in der Öffentlichkeit sät. In Hinterhäusern, Kellern und Lagerhallen sind die Pläne für die Anschläge in London geschmiedet worden. Dies ist auch nachvollziehbar, denn Gewalt verbreitende Menschen können in den Moscheen nicht tun und lassen, was sie wollen. Viel zu gross ist der Widerstand der Muslime.

Je mehr diese Radikalen unter sich im Geheimen sind, desto einfacher ist es, ahnungslose Mitglieder zu rekrutieren. In der Schweiz haben wir seit Jahrzehnten zwei Moscheen mit Minaretten. Nur weil dort Minarette stehen, haben wir keine Gewaltprobleme, Intoleranz oder Terroristen.

Auch die den hiesigen Muslimen vorgeworfene mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik hängt damit zusammen: Sie befinden sich oft in einer massiven Abwehrhaltung, so dass es ihnen nicht leichtfällt, gewisse Themen von sich aus kritisch zu diskutieren. Dennoch ist es unabdingbar, tabulos, über real existierende gesellschaftliche Probleme und ihre Lösungen zu sprechen. Nicht Minarette entscheiden, ob zugewanderte Muslime in der Schweiz integriert werden, sondern Bildung, Chancengleichheit und Perspektiven für die Menschen.

Semih Kutluca.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 45/09
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Kommentare

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Markus Gasser     27.11.09 15:56

Unsere Muslime bekennen sich im allgemeinen in Wort und Tat zu den Errungenschaften der Aufklärung und zu unserem Rechtsstaat. Andererseits bekennen sie sich zum Koran, der in vielem gerade diesen Werten widerspricht.
Solange unsere Muslime sich nicht in Wort und Schrift von diesem Zwiedenken verabschieden und sich nicht einen verbindlichen Euro-Koran schaffen, der ihre angepasste Haltung kodifiziert und rechtfertigt, bleiben sie verdächtig. Ein JA zur Initiative könnte ein notwendiges Zeichen sein..

Markus Gasser     27.11.09 14:56

Die Forderung, man müsse dem Islam zur Reform nur genügend Zeit einräumen riecht nach Verzögerungsstrategie, denn:
Unsere Muslime müssen ja nicht mehr - wie die europäischen Philosophen der letzten Jahrhunderte - die Werte der Aufklärung neu erfinden und erkämpfen, sie müssen sie nur übernehmen und dies auch zu ihrem eigenen Schutze.
Mit einem JA zur Initiative fordern wir die willigen Muslimen auf, nun endlich sichtbar und glaubhaft den Weg in die Moderne zu beschreiten. Wohl jedermann, der in einigen Jahren den neuen Verfassungsartikel liest, wird auf dessen Symbolgehalt stosssen und sich erinnern, dass auch die konfessionellen Ausnahmeartikel abgeschafft werden konnten, nachdem sie ihre heilsame Wirkung auf unser Zusammenleben entfaltet hatten.

Markus Gasser     27.11.09 08:11

Die Minarettinitiative hat den „Makel“, dass sie etwas verbietet, das ohnehin kaum jemand will. Aber gerade mit der Bedeutungslosigkeit des Objektes (Minarett) steigt sein Symbolgehalt. Es symbolisiert den wahren, auf dem Koran (Gottes Wort) beruhenden, Islam. Ein JA zur Initiative wäre somit eine Mahnung an die moderaten Muslime der europäischen Diaspora sich nun endlich in Wort und Schrift von dem korrekt gelesenen Islam zu verabschieden. Solange dies nicht geschieht, solange sie nicht den Koran zu einem menschlichen, den westlichen Werten verpflichteten, „Euro-Koran“ modifizieren, erwecken sie den Verdacht, dass sie dies, entweder nicht können oder nicht wollen. Die Forderung, man müsse ihnen zu einer Reform nur genügend Zeit einräumen riecht nach Verzögerungsstrategie, denn:
Un

Martin Caflisch     27.11.09 05:18

Soviel ich weiss gibt es keine "Schweizer" Religion.
Also waren alle "Glaubensväter" Ausländer.
Jesus hat im Tempel gepredigt und im Freien.
Die Jünger in Synagogen.
Der Papst ist in Italien und lässt hier Kirchtürme aufstellen,die zu allem Übel auch die Unkatholischen wecken und es ist normal und akzeptiert.
Die Geldgläubigen bauen ihre Geldtürme,
Die Konsumisten die Konsumtempel.
Jeder wird von dem angezogen was er im Herzen hat.
Es ist ein persönliches Recht des Menschen seinem Glauben Ausdruck zu verleihen WIE ER DAS WILL,also lässt man Ihn.
Was stellt hier eine Bedrohung dar?

Daniel Coray     27.11.09 01:50

Ist die Religionsfreiheit wirklich in Gefahr?
Absichtlich falsche Aussagen führen zu Zwietracht und Hass, hüben wie drüben.
Ich sehe mich veranlasst, zu den Entwicklungen in der Schweiz bezüglich Volksinitiative „Gegen den Bau von Minaretten“ Klartext zu schreiben.
All diese für die Schweiz unrühmlichen Begebenheiten und Streitigkeiten die im Zusammenhang mit dieser Initiative entstanden, sind einmal mehr nur auf Grund bewusst geschürtem Hass, Ängsten und Falschaussagen entstanden.
Dabei handelt es sich bei dieser Initiative ausschliesslich um eine bautechnische Frage.

Sergio Frei     25.11.09 11:53

sicher wichtig einen beitrag aus betroffenen kreisen zu hören.
zum wiederholten mal: welcher gute muslim würde sich gegen 9/11 stellen? eben! und nach wie vor - in demokratischen ländern gilt keine meinung als falsche meinung. den zu kriminellen organisationen und menschenverachtenden leitsätzen gehört kein christlicher leitsatz.
sicher wurde unter dem kommunismus (welcher religion ausblendete) ähnliches begangen, gilt nicht als entschuldigung.
beides sind ideologien.
nun ist ja erklärtes ziel (oder?) sich zu integrieren. wir warten : gute taten,schritte, gem. unserem rechtsverständnis.

Carla Kägi     13.11.09 08:08

Bitte beachten Sie den Leserbrief von Herrn Josef Stutz,Locarno, in der neuen Ausgabe der Ww.
Besser wurde nie formuliert, was als Erstes zu tun ist um jeglicher Art von religiösem Fanatismus die Grundlage zu entziehen & zu verhindern, dass ganze Völker im Namen irgendeines "vorgeschobenen" Gottes aufeinander losgehen.
"Ayathollas" arbeiten mit Angst, Hass, Fanatismus, Unterdrückung der Massen, um die eigenen territorialen/monetären Interessen durchzusetzen
Vernunft ist nicht erwünscht.
Deshalb fürchte ich, dass die "heiligen Bücher" nie im Sinne der Vernunft korrigiert werden können.

Thomas Läubli     12.11.09 22:55

Ein Minarettverbot schafft Gegen-Unrecht. Nach dem Motto „wenn die fortschrittliche Schweiz religiöse Minderheiten unterdrückt, dürfen wir auch“ könnten Christen in islamischen Ländern erst recht unter Druck geraten und konservative Kreise auch in bislang unproblematischen Ländern über ein Kirchenverbot diskutieren. Extremistische Islamisten halten das Minarett für unislamisch. Eine solche Islam-Auslegung muss man nicht unterstützen. Mit einem Minarettverbot werden Probleme wie Scharia, Muezzin, Unterdrückung der Frauen oder Hassprediger nicht gelöst. Die Initiative ist deshalb abzulehnen.

Walter Staub     12.11.09 21:36

50 % der Insassen der zürch. Strafanstalt Pöschwies waren Ende 2008 Muslime, dies bei einem Bevölkerungsanteil von ca. 5 %. Allein dieses äusserst krasse Verhältnis genügt mir, klare Rückschlüsse zu ziehen. Mir soll keiner schön reden, das habe mit dem Islam nichts zu tun. Deshalb unterstütze ich alles, was sich gegen eine weitere Islamisierung richtet. Man muss sich nur einmal in gewisse Stadtviertel von Brüssel, Berlin, Malmö, Amsterdam mit muslim. Bevölkerungsanteilen über 20%hineinwagen. Ueberall dasselbe: Kriminalität zum abwinken, man wird gewarnt, diese Zonen zu betreten.

Carla Kägi     12.11.09 08:10

Herr Schlegel:
Christentum & Islam unterscheiden sich punkto Taktik & Grausamkeit kein bisschen: Beide missbrauch(t)en einen Gott in dem sie in dessen Namen grauenhafte Verbrechen an der Menschheit begehen/begingen. Götter sind anscheinend dazu da den Machtbesessenen als Ausrede zu dienen! Islamisten sind nicht die "heiligeren" Mörder als es die Christen waren. Es wird auch im Islam mit Angst operiert, um die Gläubigen auf Kurs zu bringen und die "Anderen" werden verteufelt damit man sie besser "ausrotten" kann. Es ist alles schon mal dagewesen. Muss es nochmal sein? Widerstand ist Pflicht!

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