Die Minarett-Initiative hat bei uns eine sehr emotionale öffentliche Diskussion ausgelöst. Mittlerweile haben alle erkannt, dass es eine reine Stellvertreterdebatte ist. Stellen wir uns mal vor, irgendeine muslimische Gemeinde käme auf die Idee, eine Moschee zu bauen mit der dazugehörenden typischen Architektur. Die gleiche diffuse Angst und dieselben Argumente würden vorgebracht werden.
Minarette: Das Kontra-Essay von Beni Frenkel
Wozu braucht es plötzlich Minarette in der Schweiz, es ging ja schliesslich jahrzehntelang ohne? Eigentlich ein geniales Argument, das aber bei näherer Betrachtung seine Wirksamkeit verliert. Denn Muslime wollen weder irgendwelche Zeichen setzen noch mit dem Islam eine Eroberung starten. Ihre Motivation ist viel simpler: Sie wollen für ihr Gebetshaus auch gegen aussen ein entsprechendes Bild abgeben und zeigen: Wir sind hier, wir fühlen uns wohl und wollen aus den Hinterhof-, Keller- und Gewerbemoscheen heraus. Schweizer Muslime respektieren, dass sie hier in der Schweiz mit deren Kultur und deren geschichtlichem Erbe leben. Doch irgendwann kommt das Bedürfnis, seine eigene Religion zu manifestieren – selbstverständlich innerhalb der Verfassung. Es gibt eine ganze Generation von Muslimen, die in der Schweiz geboren und aufgewachsen ist, die ihre Religion mit der Kultur hier erfolgreich zusammengefügt hat.
Kein Grund zu kapitulieren
Zu behaupten, der Islam passe nicht in die westliche Kultur und es würde zwingend eine Konfrontation geben, spiegelt nicht die Realität wider. Natürlich gibt es Konflikte und Probleme, die uns beschäftigen, doch diese sind nicht so zahlreich, dass wir kapitulieren müssten. Gemessen an der Zahl der Muslime in der Schweiz, haben wir ganz wenige Probleme. Es wird auch argumentiert, der Islam habe keine Säkularisierung durchgemacht. Staaten wie die Türkei (seit 1923 ein laizistischer Staat), Bosnien, Syrien oder die zentralasiatischen Staaten der ehemaligen Sowjetunion sind einige Beispiele von unterschiedlich ausgestalteten muslimischen säkularen Staaten.
Die Initianten der Minarett-Initiative wollen erkannt haben, dass sich der Islam in der Schweiz innert kürzester Zeit rapide ausgebreitet und dass die Scharia immer mehr an Bedeutung gewonnen habe. Wir hatten im Osten Europas den Balkankrieg. Das Resultat dieses Kriegs war für uns Mitteleuropäer eine Flüchtlingswelle: Bosnier und Kosovo-Albaner mussten flüchten. Diese Menschen sind grösstenteils (sehr moderate) Muslime. Dieser Zuzug ist verantwortlich dafür, dass sich die Anzahl der Muslime innerhalb kürzester Zeit erhöht hat. Das hat auch nichts mit Eroberung oder Missionierung zu tun, sondern mit menschlichen Schicksalen während eines schrecklichen Krieges.
In der Schweiz leben rund 400 000 Muslime. In den Herkunftsländern der meisten dieser Menschen gibt es gar kein Scharia-Recht. Wenn SVP-Nationalrat Walter Wobmann düster die Entstehung islamischer Parallelgesellschaften schildert, wo es angeblich Ehrenmorde, Beschneidungen und Steinigungen gibt, kann man das nur als gesellschaftliche Brandstifterei abtun. Parallelgesellschaften entstehen aus sozialen Motiven und nicht aus religiös motiviertem Handeln.
Oft wird eine Parallele zwischen Muslimen in der Schweiz und Muslimen in krisengeschüttelten Ländern der Dritten Welt gezogen. Es ist die Rede von Frauen, die sich in anderen Ländern verschleiern und verstecken müssen, und von Massen, die nur gegen westliche Staaten auf die Barrikaden gehen und nicht gegen den Terror – welcher übrigens nur von einer kleinen Minderheit der Muslime verübt oder gutgeheissen wird. Warum werden Muslime hierzulande für das Unrecht verantwortlich gemacht, das in anderen totalitären Staaten geschieht? Warum wird eine Schweizer Muslima, die hier ganz anständig lebt und arbeitet, mit diesen Menschen gleichgesetzt? Das unsägliche Plakat der Initianten stellt ebendiesen Zusammenhang her.
Die Abwehrhaltung ist massiv
Wir müssen uns bewusst werden, dass man Gewalt und Hass im Untergrund und nicht in der Öffentlichkeit sät. In Hinterhäusern, Kellern und Lagerhallen sind die Pläne für die Anschläge in London geschmiedet worden. Dies ist auch nachvollziehbar, denn Gewalt verbreitende Menschen können in den Moscheen nicht tun und lassen, was sie wollen. Viel zu gross ist der Widerstand der Muslime.
Je mehr diese Radikalen unter sich im Geheimen sind, desto einfacher ist es, ahnungslose Mitglieder zu rekrutieren. In der Schweiz haben wir seit Jahrzehnten zwei Moscheen mit Minaretten. Nur weil dort Minarette stehen, haben wir keine Gewaltprobleme, Intoleranz oder Terroristen.
Auch die den hiesigen Muslimen vorgeworfene mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik hängt damit zusammen: Sie befinden sich oft in einer massiven Abwehrhaltung, so dass es ihnen nicht leichtfällt, gewisse Themen von sich aus kritisch zu diskutieren. Dennoch ist es unabdingbar, tabulos, über real existierende gesellschaftliche Probleme und ihre Lösungen zu sprechen. Nicht Minarette entscheiden, ob zugewanderte Muslime in der Schweiz integriert werden, sondern Bildung, Chancengleichheit und Perspektiven für die Menschen.
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