Die Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich: Das jüdische Gotteshaus aus rotem Sandstein ist kein Blickfang. Menschen, die zum ersten Mal in diese Synagoge kommen möchten, blicken unsicher herum. Wo ist der Eingang? Gleiches lässt sich über die Synagogen in Bern, Luzern, Baden sagen. Und selbst die wohl prächtigste Synagoge der Schweiz, nämlich die in Lausanne, ist in ihren Ausmassen etwa gleich wie eine normale Dorfkirche.
Es ist die Mimese im Stadtbild, die auch typisch ist für das Grundverständnis dieser semitischen Religion. Das Judentum, das manchmal fast verkrampft seine Loyalität zur Schweiz demonstrieren möchte, will auf gar keinen Fall auffallen. Als im Zuge der russischen Pogrome 1918 und später während des Zweiten Weltkriegs viele Ostjuden in die Schweiz flüchteten, stiessen sie bei den hiesigen Juden nicht nur auf offene Arme. Zu fremd, zu unschweizerisch sahen diese Bärtigen mit ihren langen Schläfenlocken aus. Auch heute noch schämen sich manche Schweizer Juden für ihre orthodox aussehenden Glaubensgenossen.
Dieses Unbehagen schwindet aber, wenn es um Muslime geht. Aktuell ist dies bei der Diskussion um die Anti-Minarett-Initiative zu beobachten. Viele Juden verstehen ihre Religion als Einsatz für den Artenschutz orientalischer Auswüchse. Wie wohl kein anderer Verein setzt sich der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) für die Anliegen der Muslime ein. Für den SIG-Präsidenten Herbert Winter steht nichts weniger als der religiöse Frieden auf dem Spiel. Und der Chefredaktor der jüdischen Wochenzeitschrift Tachles, Yves Kugelmann, schreibt seit Wochen pastorale Plädoyers gegen die Initiative der
«SVP-Apologeten». Nicht zum ersten Mal. Der SVP werden faschistoide Züge angedichtet, die langsam zum Running Gag verkommen. Jüdisch und SVP-Anhänger sein zu können, ist auch heute noch ein Ding der Unvorstellbarkeit. Jüdische Politiker in der Schweiz finden ihr Zuhause in der FDP oder in der SP, niemals aber in der SVP.
Es ist denn auch manchmal paradox, wenn sich gerade SVP-Vertreter für jüdische Anliegen einsetzen. So zählt beispielsweise die parlamentarische Gruppe Schweiz-Israel immerhin 37 SVP-Mitglieder und lediglich ein SP-Mitglied. Diese unilaterale Liebe ist das Ergebnis linker Meinungsführer in der jüdischen Schweiz.
Religionsfreiheit bedroht? Blödsinn!
Dabei würde den Muslimen ehrlicher geholfen werden, wenn man ihnen, gerade aus jüdischer Sicht, die Grenzen der Religionsausübung darlegen würde. Dass zum Beispiel die realen Ängste der Bevölkerung wichtiger sind als die Zelebrierung des religiösen Stolzes. Und manchmal reichen Tage der offenen Moscheetüren nicht, um Urängste zu bekämpfen. Diese nicht nur zu akzeptieren, sondern auch damit umzugehen, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit für religiöse Entscheidungsträger sein. Deswegen macht es eigentlich keinen Unterschied, ob die Abstimmung mit dreissig oder vierzig Prozent Nein-Stimmen verlorengeht. Religion war noch nie ein demokratischer Mehrheitsbeschluss.
Von der Gegenseite hört man häufig, dass die Religionsfreiheit bedroht sei. Das ist Blödsinn beziehungsweise romantisches Plärren. Ähnlich wie die Juden, die nur Geflügel schächten dürfen und trotzdem ein unbehelligtes Leben in der Schweiz führen, müssen auch religiöse Muslime gewisse Abstriche an ihrer Observanz erdulden. Auffällig ist aber die ungestüme Einforderung totaler Religionsfreiheit für die Muslime. Diese hat es aber in der Schweiz noch nie gegeben.
Ein gutes Beispiel ist die Plakatreihe «Es gibt wahrscheinlich keinen Gott». Die Kirchen sind ziemlich machtlos gegen die frechen Atheisten. Doch zum Glück gibt es keine breit abgestützte christliche Fatwa gegen die Verantwortlichen. Denn auch die Landeskirchen haben eingesehen, dass Rom zwar gesprochen, der Wind sich aber längst gedreht hat.
Verzicht auf gewisse Rechte
Die Muslime berufen sich in der Diskussion um die Gewährung ihrer Minarette immer wieder auf die Durchsetzung der Religionsfreiheit. Freiheit des einen bedeutet jedoch immer ein Verzicht des anderen. Es darf ruhig einmal die Frage gestellt werden, warum dies stets von der Gegenseite erwartet wird.
Wenn ich als religiöser Jude in den WK gehe, fordere ich lediglich ein früheres Abtreten am Freitagnachmittag, damit ich nicht den Sabbat entweihe. Selbstverständlich rücke ich als «Kompensation» am Sonntag früher ein, auch wenn ich dann nur blöd in der Kaserne herumhocke. Würde ich die Religionsfreiheit total ausnutzen, müsste ich mich vor dem Appell entschuldigen, um beten zu dürfen. Das habe ich aber noch nie gemacht. Auch eine «Mundportion» werde ich nie verlangen. Etwa fünfzehn Franken würden mir nämlich täglich zustehen, weil ich nicht mit den anderen Soldaten essen kann. Ich hoffe, kein Jude verlangt das.
Das alles entspringt einer grossen Dankbarkeit der Schweiz gegenüber. Dafür, dass man hier als religiöse Minorität nicht nur geduldet wird. Da verzichtet man gerne auf gewisse Rechte.
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