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04.11.2009, Ausgabe 45/09

Minarette: Kontra

Grenzen der Religion

Absolute Religionsfreiheit hat es in der Schweiz nie gegeben. Wie die Juden müssen auch die Muslime respektieren, dass es für die Glaubensausübung einen Rahmen gibt. Religiöser Stolz ist fehl am Platz.

Von Beni Frenkel

Ungestüme Forderungen. Illustration: Jörg Dommel

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Die Synagoge der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich: Das jüdische Gotteshaus aus rotem Sandstein ist kein Blickfang. Menschen, die zum ersten Mal in diese Synagoge kommen möchten, blicken unsicher herum. Wo ist der Eingang? Gleiches lässt sich über die Synagogen in Bern, Luzern, Baden sagen. Und selbst die wohl prächtigste Synagoge der Schweiz, nämlich die in Lausanne, ist in ihren Ausmassen etwa gleich wie eine normale Dorfkirche.

Es ist die Mimese im Stadtbild, die auch typisch ist für das Grundverständnis dieser semitischen Religion. Das Judentum, das manchmal fast verkrampft seine Loyalität zur Schweiz demonstrieren möchte, will auf gar keinen Fall auffallen. Als im Zuge der russischen Pogrome 1918 und später während des Zweiten Weltkriegs viele Ostjuden in die Schweiz flüchteten, stiessen sie bei den hiesigen Juden nicht nur auf offene Arme. Zu fremd, zu unschweizerisch sahen diese Bärtigen mit ihren langen Schläfenlocken aus. Auch heute noch schämen sich manche Schweizer Juden für ihre orthodox aussehenden Glaubensgenossen.

Dieses Unbehagen schwindet aber, wenn es um Muslime geht. Aktuell ist dies bei der Diskussion um die Anti-Minarett-Initiative zu beobachten. Viele Juden verstehen ihre Religion als Einsatz für den Artenschutz orientalischer Auswüchse. Wie wohl kein anderer Verein setzt sich der Schweizerische Israelitische Gemeindebund (SIG) für die Anliegen der Muslime ein. Für den SIG-Präsidenten Herbert Winter steht nichts weniger als der religiöse Frieden auf dem Spiel. Und der Chefredaktor der jüdischen Wochenzeitschrift Tachles, Yves Kugelmann, schreibt seit Wochen pastorale Plädoyers gegen die Initiative der

«SVP-Apologeten». Nicht zum ersten Mal. Der SVP werden faschistoide Züge angedichtet, die langsam zum Running Gag verkommen. Jüdisch und SVP-Anhänger sein zu können, ist auch heute noch ein Ding der Unvorstellbarkeit. Jüdische Politiker in der Schweiz finden ihr Zuhause in der FDP oder in der SP, niemals aber in der SVP.

Es ist denn auch manchmal paradox, wenn sich gerade SVP-Vertreter für jüdische Anliegen einsetzen. So zählt beispielsweise die parlamentarische Gruppe Schweiz-Israel immerhin 37 SVP-Mitglieder und lediglich ein SP-Mitglied. Diese unilaterale Liebe ist das Ergebnis linker Meinungsführer in der jüdischen Schweiz.

Religionsfreiheit bedroht? Blödsinn!

Dabei würde den Muslimen ehrlicher geholfen werden, wenn man ihnen, gerade aus jüdischer Sicht, die Grenzen der Religionsausübung darlegen würde. Dass zum Beispiel die realen Ängste der Bevölkerung wichtiger sind als die Zelebrierung des religiösen Stolzes. Und manchmal reichen Tage der offenen Moscheetüren nicht, um Urängste zu bekämpfen. Diese nicht nur zu akzeptieren, sondern auch damit umzugehen, sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit für religiöse Entscheidungsträger sein. Deswegen macht es eigentlich keinen Unterschied, ob die Abstimmung mit dreissig oder vierzig Prozent Nein-Stimmen verlorengeht. Religion war noch nie ein demokratischer Mehrheitsbeschluss.

Von der Gegenseite hört man häufig, dass die Religionsfreiheit bedroht sei. Das ist Blödsinn beziehungsweise romantisches Plärren. Ähnlich wie die Juden, die nur Geflügel schächten dürfen und trotzdem ein unbehelligtes Leben in der Schweiz führen, müssen auch religiöse Muslime gewisse Abstriche an ihrer Observanz erdulden. Auffällig ist aber die ungestüme Einforderung totaler Religionsfreiheit für die Muslime. Diese hat es aber in der Schweiz noch nie gegeben.

Ein gutes Beispiel ist die Plakatreihe «Es gibt wahrscheinlich keinen Gott». Die Kirchen sind ziemlich machtlos gegen die frechen Atheisten. Doch zum Glück gibt es keine breit abgestützte christliche Fatwa gegen die Verantwortlichen. Denn auch die Landeskirchen haben eingesehen, dass Rom zwar gesprochen, der Wind sich aber längst gedreht hat.

Verzicht auf gewisse Rechte

Die Muslime berufen sich in der Diskussion um die Gewährung ihrer Minarette immer wieder auf die Durchsetzung der Religionsfreiheit. Freiheit des einen bedeutet jedoch immer ein Verzicht des anderen. Es darf ruhig einmal die Frage gestellt werden, warum dies stets von der Gegenseite erwartet wird.

Wenn ich als religiöser Jude in den WK gehe, fordere ich lediglich ein früheres Abtreten am Freitagnachmittag, damit ich nicht den Sabbat entweihe. Selbstverständlich rücke ich als «Kompensation» am Sonntag früher ein, auch wenn ich dann nur blöd in der Kaserne herumhocke. Würde ich die Religionsfreiheit total ausnutzen, müsste ich mich vor dem Appell entschuldigen, um beten zu dürfen. Das habe ich aber noch nie gemacht. Auch eine «Mundportion» werde ich nie verlangen. Etwa fünfzehn Franken würden mir nämlich täglich zustehen, weil ich nicht mit den anderen Soldaten essen kann. Ich hoffe, kein Jude verlangt das.

Das alles entspringt einer grossen Dankbarkeit der Schweiz gegenüber. Dafür, dass man hier als religiöse Minorität nicht nur geduldet wird. Da verzichtet man gerne auf gewisse Rechte.

 

Beni Frenkel.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 45/09
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Kommentare

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Uri Liebeskind     11.11.09 21:02    

...und obwohl sie in der schweizer Bevölkerung auch auf viel Ablehnung gestossen sind, weil sie sich unbedingt integrieren wollten. Sie haben sich integriert, weil sie es selbst so sehr wollten. Muslime die sich in der zweiten Generation nicht integrieren, integrieren sich nicht weil sie es nicht wollen, weil sie zuviel Religion im Kopf haben. Damit schaden sie allen Muslimen, die so freiheitlich leben wollen wie wir. Nähere Kenntnis des Islams macht den Islam überhaupt nicht sympathischer, im Gegenteil. Nur das Kennenlernen von sympathischen und modernen Muslimen schafft Vertrauen.

Uri Liebeskind     11.11.09 20:57    

Anlässlich der Antiminarettinitiative wird die heutige Situation der Muslime, auch von Juden, immer wieder mit der Situation der Juden verglichen. Dieser Vergleich ist so grundfalsch, dass er geradezu obszön ist. Sicher, es wird damit versucht das "schlechte europäische Gewissen" zu mobilisieren und damit die kritische Diskussion über die schlechte Integration vieler Muslime abzustellen. Juden haben sich vorbildlich integriert, ohne Heerscharen von Sozialarbeitern, Konfliktbewältigern und Integartionsbeauftragten, ohne Sozialhilfe und ohne dass sie die Kriminalitätsstatistik angeführt haben...

Uri Liebeskind     11.11.09 20:44    

@Scheuring: Die Stammväter: Abraham, Jitzchak und Ja'akov. Jaakov wurde nach seinem Kampf mit dem "Gottesengel" auch Israel genannt. Die Nachkommen Israels (Ja'akovs) sind die 12 Stämme Israels. Israeliten ist die korrekte Bezeichnung der Religionszugehörigkeit der "Juden". Die Babylonier haben die Israeliten nach der Eroberung dieses Gebietes verschleppt. Aus dem babylonischen Exil kamen nur die zwei Stämme Jehudah, der grösste Stamm und Benjamin zurück. Wenige Jahrhunderte später tritt zum ersten mal der Begriff Jehudim (Juden) auf. Israelitisch ist also nicht israelisch.

Markus Scheuring     10.11.09 20:34    

Hab ich jetzt etwas verpasst? Heisst jüdisch=Israel? Für mich waren das noch immer zwei verschiedene Angelegenheiten, oder ist eine Religion ein Staatsgebilde?

Bernhard Zueger     10.11.09 18:46    

Das Ganze kommt mir irgendwie vor, wie wenn im nächsten Sommer in Italien am Meer den Feriengästen gratis Radios abgegeben würden gegen das Versprechen, das Radio nie einzuschalten. Das wäre auf jeden Fall eine originelle Idee gegen Lärm und Musik am Strand.

Jetzt müsse ich tolerant sein und dafür stimmen, dass Verkündungstürme auf unseren Schweizer Moscheen errichtet werden. Sagen Sie.

Bernhard Zueger     10.11.09 10:41    

Schweizer Minarette

Neunundneunzig Prozent unserer Schweizer Muslime sind sehr tolerant, hervorragend integriert und haben unsere Kultur total angenommen. Sagen sie.

Anfangs der Siebzigerjahre gab es bei uns nur eine verschwindend kleine Anzahl von Muslimen. Sie sind in den letzten drei Jahrzehnten in die Schweiz geflüchtet und haben um rund 3‘000 Prozent zugenommen. Bald sind es 500‘000, die meisten Schweizer geworden.

Dank unserer Religionsfreiheit darf jeder glauben was er will. Kirche und Staat sind aber klar getrennt. Gesetze darf nur der Staat erlassen. Echte Muslime sind eigenen, religiösen Gesetzen unterworfen. Moscheen haben Verkündungstürme, um ihre Botschaft auszusenden: „Es gibt keinen Gott ausser Allah“.

Das Ganze

Sergio Frei     10.11.09 09:24    

scheinbar ist mehrheitlich immer noch unklar was im koran steht:
neben x-mal von aktiver tötung (aufforderung dazu) der abfall und zuwiderhandlung immer mit strafe bis ins paradies belegt. erinnert mich eher ans 3reich.
man sieht also die linke und (traurigerweise) mitte kommentare,welche mit der heuchlerischen variante der religionsfreiheit auch minarette verlangen. diesen ist sowieso alles gleich. welches auch den kontinuerlichen beitritt zur EG , entgegen dem volksnein, belegt.
wem sollte man A)politisch und B)moralisch trauen? 2011 wird's belegen!
ich freue mich.

Orhan Arikci     08.11.09 21:55    

Was sollte dieser Artikel? Wohl eher ein Tribut an das Judentum als ein ehrlich gemeintes Plädoyer gegen den Islam.

Christine Joos     06.11.09 07:53    

"Ich fordere kein früheres Abtreten, keine Mundportion, wir Juden erdulden gewissen Abstriche, wir verzichten auf gewissen Rechte".

Wie lange noch wird es dauern, bis solch moderates Denken und Handeln einer Religionsgemeinschaft sich dem "ungestümen Einfordern von "Religionsfreiheit" ", wie dies im Namen des Islam mit Nachdruck getan wird, anschliessen wird?

Matthäus Steiner     05.11.09 21:41    

"Das Judentum, das manchmal fast verkrampft seine Loyalität zur Schweiz demonstrieren möchte, will auf gar keinen Fall auffallen," - ist es aber, besonders während dem ganzen Nazigold-Debakels, als von dieser Loyalität keine Spur zu erkennen war...!

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