Vergangene Woche war ich in Bern, meiner Heimatstadt, die ich 1991 verlassen hatte. In einem Lokal mit Namen «Reismusketenkeller» fand ein Treffen derer statt, die vor zwanzig Jahren eine höhere Wirtschaftsschule abgeschlossen hatten. Einer davon – yours truly. Bevor er MvH wurde, machte er eine Ausbildung, im Ernst; als Gesellschaftskolumnist kommt man nicht auf die Welt. Vermutlich waren die meisten Leser bereits an einer reunion und haben das Bild, das man dort zu sehen bekommt, im Kopf. Deshalb erzähle ich darüber nicht viel (und auch weil, streng gesehen, keine Namen halbfett wiederzugeben wären). Was ich aber erzähle, weil es interessiert, so sah es aus: wie man zu einer Stellung wie meiner kommt.
Ich hätte gerne geantwortet, es sei mein grand plan gewesen, einer der besten und bestverdienenden Kolumnisten (Schweizer Illustrierte) zu werden, von Anfang an. Doch so war es nicht. Im Frühling 2002, die Weltwoche kam neu als Zeitschrift heraus, sagte mein Chefredaktor von damals und Verleger von heute, ich solle eine «Konsumkolumne» schreiben. Seine Idee war, in jeder Ausgabe ein Gespräch über Markenartikel zu bringen («Herr Rolex über Uhren, Herr Bally über Schuhe, Herr Strauss über die Metaphysik der Levi’s-Jeans»). Eine gute Idee, für Leser und Anzeigenkunden.
Es war, wie geschrieben, die Idee des Chefs. Ich hatte in London, wo ich zuvor Korrespondent für die Weltwoche und andere Zeitschriften gewesen war, gelernt: Man wird als Schreiber bekannt, wenn man über berühmte Menschen schreibt (und über sich selber, sooft es geht). Ferner sehen in London, anders als in Switzerland, auch grösste Autoren, dass sie nicht zu gross sind für solche angeblich kleinen Geschichten. Darum befragte ich Stars und «Stars» über Markenartikel oder Restaurants usw., am Anfang wenigstens. Ich hatte ein wenig Erfolg, wurde ein bisschen bekannt.
Ich hatte auch ein Problem. (Nicht das, was Sie jetzt meinen – dass bald kein Star sich mehr von mir befragen lassen wollte. Stars und Leute in ihrem Gefolge lesen wenig, noch weniger über andere people.) Mein Problem: Man lernt niemanden kennen, der wichtig ist. Man trifft Public-Relations-Mädchen («Mäuse» von mir aus), die sind süss manchmal, aber das bringt einen nicht weiter auf der Laufbahn.
Und the talent, die Stars? Die lernt man nicht kennen. Man hat fünf Minuten oder so mit ihnen, während deren sie von sich reden. Und Minuten später wissen sie nicht mehr, ob da jemand war in ihrer Suite. Ich neige zu Zweifeln, wenn Journalisten erzählen, Stars würden sie kennen. Mich hat Sting z. B. nicht zurückgerufen, obwohl er mich mochte, glaubte ich, im Interview. Und von Mariah Carey habe ich keine Weihnachtskarte bekommen, auch nicht nach dem zweiten Treffen. (Kylie Minogue dito.)
Dann begegnete mir Dominick Dunne von Vanity Fair. Er war fast ein Star in Amerika, Grossbritannien (Dominick ist vor zwei Monaten gestorben, mit 83). In seiner Kolumne ging es manchmal um Gerichtsfälle, manchmal um Stars und immer um ihn selber («Vor kurzem erzählte mir einer im Wartezimmer meines Urologen . . .»). Die besten Ideen sind gestohlen, denke ich. Und meinem Verleger sagte ich, ich möchte eine Gesellschaftskolumne. Das ist die Geschichte der Geschichte. Was ich noch sagen will: Es ist nicht so, dass ich keine Probleme mehr habe. Aber ein Problem habe ich nicht mehr – dass ich niemanden kennenlerne, der wichtig ist. Es ist eher so, dass viele Leute, die wichtig sind (in ihren Augen sogar W-I-C-H-T-I-G), meinen, ich bzw. MvH sei auch wichtig und diese Spalte ebenfalls und deshalb ihre Erwähnung (oder Nichterwähnung) ein Fall für Anwälte et cetera. Aber das ist vermutlich das, was man als Berufsgefahr bezeichnet. Und im Grunde ein niedriger Preis dafür, an einer reunion gefragt zu werden, wie man eigentlich zu seiner Stellung kam.
Vergangene Woche veranstaltete ich zudem ein kleines Abendessen chez moi (Sonntag, 18 Uhr, bester Zeitpunkt, finde ich – keiner hat etwas vor, und um 22.30 sind alle wieder weg, weil am Montag Leben B weitergeht). Ein Eingeladener liess vorher einen Blumenstrauss überbringen. So mache man das, hat mir einmal ein äthiopischer Prinz und Schreiber eines Benimmbuchs gesagt. Ich wusste nicht, dass es noch Gäste gibt, die das auch wissen.













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