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28.10.2009, Ausgabe 44/09

Geschichte

Optimismus dank Zweitpass

Der israelische Ex-Politiker Avraham Burg will seinem Land helfen, das Holocaust-Trauma und den Streit mit den Palästinensern zu überwinden. Was taugen seine Vorschläge?

Von Pierre Heumann

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Der Holocaust ist in Israel Teil des nationalen Diskurses. Kaum ein Tag vergeht, ohne dass in den Medien der sechsmillionenfache Mord thematisiert wird. Schulklassen pilgern vor der Matura nach Auschwitz, offizielle Gäste müssen in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem einen Kranz niederlegen. Dass das Andenken politisch instrumentalisiert wird, wurde Israel mehrfach vorgehalten – zum Beispiel von Norman Finkelstein in seinem Bestseller «Die Holocaust-Industrie».

Gegen das Zelebrieren des Andenkens wehrt sich nun erstmals ein Mann, der aus dem innersten israelischen Establishment stammt. Die Holocaust-Durchdringung des Alltags habe verheerende Konsequenzen, mahnt Avraham Burg. Die Verewigung des Traumas belaste sowohl die Politik als auch die Kultur im modernen Israel. Die Erinnerung an den Holocaust sei ein Hindernis auf dem Weg zur Normalität und zum Frieden im Nahen Osten. Israel müsste sich deshalb von den Nazi-Fesseln befreien, um zu seinem eigentlichen Selbst zu finden. «Es war Hitler ein Leichtes, uns unser Leben zu nehmen, und es ist schwierig für uns, Hitler aus unserem Leben zu verbannen», schreibt Burg. Israel müsse Auschwitz verlassen, da es ein mentales Gefängnis sei.
Burg ist in der Schweiz kein Unbekannter. Er war an vorderster Front dabei, als amerikanisch-jüdische Organisationen in den neunziger Jahren für die Rückgabe der Gelder kämpften, die seit dem Zweiten Weltkrieg auf Schweizer Bankkonten lagerten. Um den Eigentümern nachrichtenloser Vermögen zu ihrem Recht zu verhelfen, rückte er den Holocaust wortgewaltig ins Zentrum seiner Argumentation.
Inzwischen hat Burg seine Meinung über den Stellenwert des Holocaust radikal geändert. Weil der Holocaust bis heute in den Köpfen präsent sei, habe Israel eine Mentalität von «Alle sind gegen uns» verinnerlicht. Jeder Kritiker gelte als Nazi oder als Israel-Hasser. Feinde Israels würden zu Supermächten hochstilisiert. Mit politischen Manipulationen würden die Araber als Hitlers Nachfolger verteufelt, mit der Konsequenz, dass Israel «alles erlaubt ist». Auch bei Juden in Nordamerika verzerre die Erinnerung an den Holocaust den Blick auf das Heute. In Israel und in den USA führe die Besessenheit mit der Schoah zu einer «überzogenen Sicherheitspolitik». Das damit verbundene Machtstreben gehe «oft in primitive Kriegslust» über. Wieso eigentlich?, wundert sich Burg. Juden werden heute weder verfolgt noch unterdrückt. Israel verfüge über eine Armee in Nato-Stärke, die amerikanischen Juden hätten einen angesehenen und einflussreichen Platz in der Gesellschaft. Trotzdem liessen sie sich bei der Aussenpolitik von Angst leiten, hätten Existenzsorgen und würden ein anderes Volk unterdrücken. Auf entsprechende Kritik reagiere Israel stets wie ein kleiner, verwundbarer Staat. Die Möglichkeit, dass Israels Sicherheit tatsächlich verwundbar ist, zieht er nicht in Betracht. Weder die Radikal-Islamisten in Gaza noch die im Libanon sind für ihn ein Thema. Und zur atomaren Aufrüstung des Irans meint er beschwichtigend, dass «wir nicht die führende Rolle in der Auseinandersetzung mit dem Iran übernehmen sollten, sollen andere sich ebenfalls darum kümmern». Burg kritisiert die Panik, die sich in Israel angesichts der Nuklearpläne Teherans breitmache. Er, Burg, werde seinen Optimismus und seinen Glauben an die Weltgemeinschaft nicht aufgeben und nicht «durch die klassische jüdische Paranoia ersetzen». Fragt sich bloss, ob Burg selber an seinen Optimismus glaubt. Kaum, denn für den Fall der Fälle hat er, der von Paranoia angeblich nichts wissen will, sich einen zweiten Pass besorgt – und empfiehlt dasselbe allen israelischen Bürgern. Als eine Art Lebensversicherung.

Verräter oder Verrückter

Seine Forderung, sich vom Andenken an den Holocaust zu befreien, löste in Israel einen Skandal aus. Israelis brandmarkten ihn entweder als Verräter oder als Verrückten. Nie zuvor hatte sich ein Angehöriger der Crème de la Crème dermassen vernichtend über den Einfluss des Holocaust auf die israelische Kultur und Politik geäussert. In den neunziger Jahren war er einer der prominenten Vertreter der Arbeitspartei gewesen, Teil des politischen Establishments, eine führende Figur der zionistischen Elite. Er beriet Schimon Peres, wurde ins Parlament gewählt, und man vertraute ihm den einflussreichen und renommierten Posten des Parlamentspräsidenten an. Später war er Chef der Jewish Agency, die sich unter anderem um die Beziehungen zwischen Israel und der Diaspora kümmert. Dem ehrgeizigen Sohn eines langjährigen Ministers reichten diese Posten aber nicht. Er wollte Premierminister werden. Doch die Genossen zogen einen anderen Kandidaten vor, als sie einen Parteichef zu wählen hatten. Schmollend zog sich Burg aus der Politik zurück.
Statt den Abschied als Konsequenz seiner Wahlschlappe zu erklären, begründet er ihn vornehm mit einem staatsphilosophischen Exkurs. Er habe die politische Bühne wegen seines Gefühls verlassen, dass «Israel zu einem Reich ohne Prophezeiung geworden ist». Der Staat funktioniere zwar, aber niemand wisse, «in welche Richtung wir gehen». Viele würden ihm da durchaus recht geben. Aber wäre es nicht gerade deshalb seine Pflicht gewesen, für seine Ideale einzustehen und in der Politik für deren Umsetzung zu kämpfen? Oder verlässt er sich auf einen europäischen Zweitpass?

Doch wahrscheinlich ist es besser, dass Burg jetzt seinen privaten Geschäften nachgeht. Denn aus seinem Werk spricht ein messianisch durchsetzter Glaube, der in der Politik gefährlich wäre. Burg versteht sich als moderner Prophet, argumentiert mit der Bibel und versteigt sich zu fantastisch anmassenden Behauptungen wie: «Juden besitzen das Potenzial, die Welt zum Besseren zu verändern.» Dabei hat Israel schon reichlich Mühe, ein normales Land zu werden. Aber das wäre Burg offenbar zu banal. Wenn es nach ihm ginge, müsste Israel «ein Licht für die Völker sein, ein Licht der universellen Menschlichkeit». In Jerusalem möchte er zum Beispiel einen internationalen Gerichtshof für Verbrechen gegen die Menschheit einrichten, dessen Richter aus allen Nationen kommen sollen. Dort solle ebenfalls der dritte Tempel entstehen, und zwar «als moralischer Tempel der ganzen Welt».

Erstaunliche Naivität

Immer wieder tun sich bei Burg Widersprüche auf. Der Mann, der die Last des Holocaust-Andenkens abwerfen möchte, fordert ein neues Ministerium für historische Angelegenheiten, das für Gedenken, Erinnerungen und den Kampf gegen Rassismus zuständig wäre. Burg erhofft sich davon eine Läuterung des israelischen Geschichtsverständnisses, weil das Land seine Holocaust-Besessenheit in einen grösseren Zusammenhang stellen würde. Gleichzeitig, so Burg, sei es an der Zeit, dem «Trauma seinen angemessenen Platz im jüdischen und israelischen Kalender zu geben».

Wegen Israels Umgang mit dem Holocaust-Trauma lasse sich der Konflikt mit den Palästinensern nicht lösen, meint Burg warnend. Die Lösung des jüdischen Flüchtlingsproblems habe nach dem Zweiten Weltkrieg bei den Palästinensern direkt und indirekt die Tragödie verursacht, von der sie sich in den vergangenen sechs Jahrzehnten nicht erholt haben. Doch die führenden Politiker Israels hätten nie die Verantwortung des jüdischen Staates anerkannt. Deshalb sei es an der Zeit, dass sich Israel jetzt entschuldige. Der Ex-Politiker, der zu den Gründern der israelischen Friedensbewegung gehörte, legt eine erstaunliche Naivität an den Tag, wenn er sich dem Konflikt mit den Palästinensern zuwendet. Nach der Entschuldigung, schwärmt Burg, «werden wir [den Palästinensern] von unserem talmudischen Erbe erzählen, nach dem wir leben» und sagen: «Bitte verzeiht uns, gemeinsam werden wir der ungesunden Flüchtlingsmentalität ein Ende setzen, die uns alle quält.»
Der virtuelle Friedensprophet bietet seinen Nachbarn allerdings nichts Konkretes an: Eine Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge in die israelischen Städte schliesst er aus – da bleibt er dem Mainstream seines Landes verpflichtet. Deshalb ist sein «mea culpa» nicht nur weltfremd, sondern auch falsch kalkuliert. Denn jeder Palästinenser wird solches als arrogante Schmeicheleien abtun. Burg erwartet von den Palästinensern, ganz im Ernst, dass sie «Israel in die einzige Umklammerung nehmen, aus der es sich nicht befreien kann: die Umarmung des Friedens». Das hört sich wie ein Traumspiel an, in dem nur Gutmenschen eine Rolle spielen.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 44/09
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Kommentare

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Reto Biscontin     30.10.09 16:11

Ich bin kein Fan von Avraham Burg, finde es aber nicht gerade Fair wie Sie ihn hier als naiven Friedenssuchenden abkanzeln. Er hat ganz offensichtlich eine Lernkurve hinter sich und versucht neue Wege aus der verfahrenen Situation zu zeichnen. Was wären Ihre Vorschläge nach 60 Jahren Besatzung und ohne diplomatische Beziehungen zu 1/3 aller Länder?
Mich würde ja generell mal interessieren wieso Sie als einer der wenigen eigenen Auslandskorrespondenten der Weltwoche praktisch nichts über Ihre Region berichten? Praktisch nix über das Gaza-Bombardement, dito den Goldstone-Report!?

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