Freuden der Unterwerfung

Jahrzehntelang wurden Männer dazu erzogen, ihren Partnerinnen einfühlsamen und emanzipierten Sex zu bieten. Jetzt zeigen Untersuchungen: Vom Kuscheln halten Frauen wenig. Sie sehnen sich nach Hingabe und dunkler Lust.

Von Franziska K. Müller

Im «Männerforum» herrscht helle Aufregung: User «Kinkyjoe» fand in einem vertraulichen Gespräch mit seiner Freundin heraus, dass die den einfühlsamen Kuschelsex mit ihm eher langweilig findet. «Ihre erotischen Träume betreffen gesichtslose, unbekannte Männer, die sich unmanierlich an ihr vergehen und, ohne ein Wort zu verlieren, in der Dunkelheit verschwinden», berichtet der geschockte Mann. Er fühle sich veräppelt: «Jahrelang versuchte ich mich auf romantische Bedürfnisse einzustellen. Jetzt schwafelt sie etwa von rauen Kerlen, die sich nehmen, was sie wollen.»

53 Männer trösteten «Kinkyjoe» und sparten auch nicht mit Erklärungsversuchen für die seltsamen Ideen seiner Frau. Missbrauch in der Kindheit? Abnormale Veranlagung? Ödipuskomplex? Nur «Jennybird69», eine der wenigen weiblichen Besucherinnen der Internetplattform, findet es «völlig in Ordnung, was sich deine Miss wünscht. Und falls ihr es noch nicht bemerkt habt, Männer: Viele Frauen haben ähnliche Fantasien.»

Was der Salat rüstende Softie nicht glauben kann und sich manch kämpferische Frau nicht vorstellen will, interessiert zurzeit Sexualforscher und Evolutionsbiologen, Buchverlage und Szenefrauen: die neue weibliche Lust an der Unterwerfung. Angesichts der Häufung des Themas fragt man sich: Kommen hier Facetten der weiblichen Sexualität zum Vorschein, von denen die Emanzipationsbewegung nichts wissen wollte?

Jüngere Untersuchungen und Zahlen scheinen dies zu belegen. Die Kulturwissenschaftlerin Corinna Rückert untersuchte die sexuellen Präferenzen ihrer Geschlechtsgenossinnen: 81 Prozent der befragten Frauen berichteten von Fantasien, in denen sie dominiert werden, 66 Prozent gaben an, sich im Kopf freiwillig zu unterwerfen. Im Cyberspace sind Rollenspiele, bei denen sich die Userinnen gehen und nehmen lassen, an der Tagesordnung. Und bei den Anbieterinnen privater erotischer Websites sind Frauen, die sich überwältigen lassen, überproportional und öfter vertreten als die Männer.

Auch handfeste Aktionen, die im gegenseitigen Einvernehmen stattfinden, stossen auf weiblichen Zuspruch. Ina Küper interviewte für ihr Buch «Bester Sex» 33 Frauen zu ihren Abenteuern. Auffällig sei, so Küper, dass viele Befragte den Sex mit dominanten Fremden am meisten genossen haben. «In Zusammenhang mit bestem Sex sprach zudem keine einzige von Kerzenschein, wehenden Gardinen und Satin-Bettwäsche. Es ging überdurchschnittlich häufig um rohen, triebhaften Sex.»

Metrosexuelle Typen, die das Bad länger besetzten als ihre Freundinnen und sich im Bett nur fügten, seien ihren Geschlechtsgenossinnen verleidet, sagt Küper, Mitinitiantin des ersten deutschen Erotik-Hochglanzmagazins für Frauen (Alley Cat). Als Verlegerin trage sie dem Umstand Rechnung, dass Frauen von den Kuschelverhältnissen im Bett genug hätten. Viele seien es leid, sich dauernd als aktive Verführungskünstlerinnen aufführen zu müssen. «Wir wollen aus unseren Leserinnen keine Blowjob-Spezialistinnen oder halbprofessionelle Liebesdienerinnen machen. Sie sollen entdecken, was ihnen wirklich Spass macht: Der romantische Blümchensex gehört nicht unbedingt dazu.»

Die Peitsche an den Nagel hängen

«Es hat ein Umschwung stattgefunden», sagt auch Jennifer Hirte, Programmleiterin beim deutschen Buchverlag Schwarzkopf & Schwarzkopf. Bisher lauteten die erfolgreichsten Titel «Lust an der Dominanz», «Die Kunst der weiblichen Dominanz» oder «Hera. Rechtsanwältin am Tage Domina in der Nacht». Dass eine Walküre im glänzenden Latexanzug in erster Linie eine männliche Fantasie darstellt und peitschenschwingende Frauen allenfalls einen psychologischen Kick aus ihren Aktionen ziehen, sexuell aber auf der Strecke bleiben, schrieb die amerikanische Neurowissenschaftlerin Louann Brizendine («Das weibliche Gehirn») vor Jahren. Heute verkauften sich die Romane und Ratgeberbücher unterwürfig veranlagter Autorinnen zehntausendfach, so Hirte. Die Kundschaft sei vorwiegend weiblich.

Dass Frauen so Zugang zu ihren geheimen Wünschen erhielten, zeige sich auch in der Menge und der Qualität der ungefragt zugesandten Manuskripte, die allesamt über die Freuden der sexuellen Unterwerfung berichteten. Die Dunkelziffer der Frauen mit entsprechenden Neigungen bleibe trotzdem riesig, vermutet Hirte. «Als moderner und emanzipierter Frau fällt es mir schwer, eine solche Präferenz zu akzeptieren.» Dabei könne die sexuelle Unterwürfigkeit im postfeministischen Zeitalter auch als «aktive Subjekthandlung» praktiziert werden. Zu Deutsch: Auch wenn sich eine Frau im Dienstmädchenlook von drei Männern überwältigen lässt, ist sie weit davon entfernt, ein wehrloses Sexobjekt zu sein, da sie sich aus freiem Willen für eine solche Aktion entscheidet.

Die Schweizer Paar- und Sexualtherapeuten Doris Christinger und Peter A. Schröter sprechen nicht von Unterwerfung, sondern von Hingabe und dem verschütteten Wunsch vieler Frauen, «genommen zu werden». Die Emanzipation habe das Prinzip der männlichen und weiblichen Polarität ausser Kraft gesetzt, schreiben die Autoren in ihrem Bestseller («Vom Nehmen und Genommenwerden»). Niemandem komme es in den Sinn, die Gleichstellung der Geschlechter im sozialen und politischen Bereich sowie im Arbeitsleben wieder abzuschaffen. Doch mit der Emanzipation der Frau hätten sich die Grenzen zwischen den Geschlechtern verwischt. Doris Christinger: «Die Folgen für Sexualität, Lust und Leidenschaft sind verheerend.»

Christinger weist auf problematische Aspekte hin: Auf der einen Seite stünden erfolgsorientierte Frauen, die sich im rauen Berufsalltag durchsetzen können. Das Pendant seien Männer, die die Frauen erobern und besitzen wollten. Im Wettbewerb um den Erfolg seien solche Männer jedoch der natürliche Feind der ehrgeizigen Frau. Also habe sich diese öfter für einen Softie entschieden. Die Erotik des staubsaugenden Mannes, der auf jede Gefühlsäusserung eingehe, halte sich jedoch in Grenzen, wie man heute wisse. Als Liebhaber erweise er sich bald einmal als Enttäuschung.

«Das weitverbreitete Modell Softie/Karrierefrau ist das pervertierte Gegenstück zur Konstellation Macho/Hausmütterchen und der Grund dafür, dass Erotik und Leidenschaft in vielen Paarbeziehungen zu kurz kommen», sagt Peter A. Schröter. Die Paartherapeuten gehen davon aus, dass achtzig Prozent aller Frauen in ihrem sexuellen Kern feminin sind. Das Bedürfnis nach sexueller Hingabe sei somit bei einer Mehrheit der Frauen vorhanden. Wenn sie den Mut hätten, in sich hineinzuhorchen, was sie wirklich wollten, lautete der häufigste Satz: «Ich will genommen werden.»

Nur: Welche Männer können diesem Wunsch gerecht werden? Jene, die beim samstäglichen Shoppen folgsam hinter den Frauen herzotteln? Jene, die die Blusen der vielbeschäftigten Partnerinnen bügeln und behaupten, Pornos nicht zu mögen? Oder jene, die sich mit vollbepacktem Kinderwagen am Mittwochnachmittag zu einer Limonade im Park treffen?

«Keine Sorge», meinen die Buchautoren Christinger und Schröter. Auch die Angepasstheit neuzeitlicher Pantoffelhelden sei nichts anderes als Augenwischerei: «Im Kern halten die meisten Männer nichts von Kuschelsex. Sie wollen nehmen und, wenn sie den Mut haben, auch mitreissen, überwältigen und besitzen.» Auch die Gleichstellung der Geschlechter habe die archetypischen weiblichen und männlichen Qualitäten nicht eliminieren können, die eine partnerschaftliche Leidenschaft und Erfüllung ermöglichten.

Allerdings: Die Hingabe müsse Hand in Hand gehen mit der Liebe, sonst ende ein Überwältigen in der Gewalt. Die Freude an der Unterwerfung könne zu einer negativen Verbindung von Aggression und Lust ausarten, bei der die Machtausübung an oberster Stelle stehe, mahnen die Experten.

«Sexualität und Gewalt waren sich immer sehr nah», gibt der Evolutionsbiologe Karl Grammer zu bedenken. «Männer und Frauen verfügen in diesen Bereichen über vergleichbare Gehirnstrukturen und schütten ähnliche endokrinologische Substrate aus, wie man heute weiss.» So gesehen schockierten ihn auch die Ergebnisse einer Studie nicht, die im amerikanischen Journal of Sex Research publiziert wurden: Über zwei Drittel der befragten Frauen gaben an, Vergewaltigungsfantasien zu haben. Was andere Forscher vor Rätsel stellt und zur verzweifelten Frage veranlasst: «Wie kann man etwas wollen, was einem Schaden zufügt?», findet Grammer nachvollziehbar.Man könne von einem Urverhalten sprechen, das aus purem Pragmatismus verändert worden sei: Die kulturelle Entkopplung von Sexualität und Gewalt fand statt, weil Männer und Frauen im Verlauf von Millionen von Jahren lernen mussten, sich kooperativ zu verhalten. «Die Sexualität wurde zum belohnenden Element, nachdem beide Geschlechter begriffen hatten, dass partnerschaftliche Bindung die Chancen auf Erfolg bei der Aufzucht der Nachkommenschaft vergrössert», so Grammer. Der weibliche Wunsch nach Hingabe, das männliche Bedürfnis nach Dominanz hätten nie aufgehört zu existieren. «Diese Präferenzen passten in den vergangenen Jahrzehnten einfach nicht in die gängige Ideologie.»

Sind Frauen Masochisten?

Was bedeuten diese Erkenntnisse? Ist ein gesellschaftlicher Rückschlag zu befürchten? Fachleute sehen es gelassen. Der Wunsch nach einem Draufgänger, der im Bett weiss, was er will, stehe dem Selbstverständnis moderner Frauen nicht im Weg und habe mit ihrem persönlichen Geschmack zu tun, sagt Ina Küper. Devot oder dominant: Emanzipierte Frauen bestimmen heute selbst, was Spass macht.

Von einem Rückschritt in die Steinzeit will auch Anna Bunt nichts wissen. Die Berliner Autorin («Subjektiv») bezeichnet sich als «submissiv». Sie stehe heute offen zu einem Bedürfnis, das sie lange Zeit nicht einordnen konnte. Die Behauptung Sigmund Freuds, alle Frauen verfügten über masochistische Grundvoraussetzungen, hält sie für ebenso falsch wie die Annahme, beim dominanten Mann handle es sich grundsätzlich um einen egoistischen Macho, der die partnerschaftlichen Verpflichtungen von sich weise. Die Lust auf sexuelle Hingabe habe in erster Linie mit dem Bedürfnis nach Kontrollverlust zu tun. «In dieser Passivität liegt ein riesiges Entspannungspotenzial, das einen sehr nah an die Glückseligkeit bringen kann», findet Anna Bunt.

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