Show-Kochen am Fernsehen ist wie Sex im Internet: irgendwie unbefriedigend. Kein Zuschauer wird satt, wenn TV-Köche auftischen. Trotzdem brutzelt und dampft und köchelt es auf allen Kanälen. Die Quoten zeigen: Das Publikum liebt es, jemandem beim Kochen zuzuschauen. Auch das Schweizer Fernsehen ist auf den Geschmack gekommen: Alle zwei Wochen präsentiert Sven Epiney seine Koch- und Quizshow «Al dente» (mit 29,3 % Einschaltquote). Letzten Freitag endete zudem die dritte Staffel der erfolgreichen «Landfrauenküche» (mit 38,5 %).
Die beiden Formate könnten unterschiedlicher nicht sein. «Al dente» ist austauschbare Fernseh-Kost, die auf jedem anderen Sender laufen könnte: Zwei Profis kochen vor, zwei Laien messen ihr Können. Dazu mimt der ewig fröhliche Sven Epiney den beflissenen Gastgeber. Er ist der Typ Moderator, der selbst einen Atomreaktorunfall gutgelaunt anmoderieren würde.
«Landfrauenküche» bildet das Kontrastprogramm. Hier ist ehrliche Arbeit angesagt. Kein Firlefanz wird serviert, weder auf dem Teller noch von den Protagonistinnen. Sieben Landfrauen aus verschiedenen Regionen liefern sich, wie es im Begleittext heisst, ein «friedliches Kochduell». Statt in einem sterilen Studio empfangen die Bäuerinnen bei sich zu Hause. Auf den Tisch kommen lokale Spezialitäten und heimische Produkte. Die Frauen bewerten einander – und zwar so, wie sie kochen: schnörkellos. Wenn eine der Kandidatinnen getrennt von den anderen zum Menü befragt wird, kommt sie rasch auf den Punkt: Frische, Qualität, Zubereitung, fertig ist das Urteil.
Auch die Tessiner RSI lässt am Bildschirm kochen und setzt auf das klassische Konzept Moderator mit Spitzenkoch. Das Duo bestreitet für eine Woche die Sendung, dann wechselt die Paarung. Christa Rigozzi, erfolgreichste Miss Schweiz ever, gehört zum Moderationsteam. Ihre Kochshow «I Cucinatori» blickt über den Polentarand hinaus: «Il Sud incontra il Nord: Cucina con le stelle», der Süden trifft auf den Norden. In diesem Fall der Sternekoch Ilario Vinciguerra aus dem südlichen Neapel auf den Tessiner Fernsehstar Christa Rigozzi. Sie verkörpert den Job glaubwürdiger als die üblichen Hungerhaken, die im Modelbusiness herumklappern. La Rigozzi traut man zu, dass sie einen Teller Pasta nicht nur anschaut.
Eine Portion Voyeurismus
Kochsendungen waren selten so populär wie heute, auch wenn schon früh erkannt wurde, dass sich die Fernsehküche bestens als bewegte Kochanleitung eignet. Zu den Urgesteinen der didaktischen Küche zählte eine Schweizerin, die ihr Wissen beim deutschen Südwestfunk (SWR) weitergab. Zusammen mit ihrem Kollegen Werner O. Feisst kochte die Tessin-Aussteigerin Kathrin Rüegg von 1982 bis 2006 «Was die Grossmutter noch wusste» hergebrachte, einfache, natürliche Rezepte.
Längst haben Privatsender das Kochen am TV revolutioniert. Vox lässt täglich und interessanterweise zur Essenszeit fünf Kandidaten gegeneinander antreten. «Das perfekte Dinner» ist zwar meistens weit davon entfernt, perfekt zu sein, aber exakt diese Differenz zwischen Anspruch und Wirklichkeit trägt zur Unterhaltung bei – und eine Portion Voyeurismus: Die Kamera schaut in die Pfanne, in die gute Stube und sogar in die Schubladen. Während der Hausherr den Hauptgang zubereitet, dürfen sich die Gäste hemmungslos in der Wohnung umsehen.
«Tim Mälzer kocht!», «Die Küchenchefs», «Kocharena», «Lafer! Lichter! Lecker!», «Kochduell», «Unter Volldampf», «Rach, der Restauranttester» woher rührt dieser Boom von Kochsendungen? Der Familientisch von früher ist nicht mehr. Single-Haushalte, berufstätige Mütter, die räumliche Trennung von Wohnen und Arbeiten lassen das gemeinsame Essen zur Ausnahme werden. Doch die Sehnsucht nach der mütterlichen Fütterung bleibt. Das Fernsehen sorgt für einen virtuellen Familienersatz: als flimmerndes Lagerfeuer im vereinsamten Wohnzimmer.













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