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21.10.2009, Ausgabe 43/09

Islam

Ex-Jugoslawien sei Dank

Schweizer Glück: Die meisten Muslime im Land kommen aus Gegenden, wo Religion praktisch keine Rolle spielt. Für die Scheinheiligkeit hiesiger Politiker sind sie gut genug.

Von Eugen Sorg

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In der Schweiz leben geschätzte 350 000 Muslime, mit fünf Prozent einer der höchsten Bevölkerungsanteile in einem europäischen Land. Und doch gibt es bei uns keine ethno- religiösen Enklaven, keine Radikalen-Subkultur, keine vermummten Gespenster, keine Terroranschläge von hier aufgewachsenen Gastarbeiter-Kindern. Unser Glück hat einen Namen: Ex-Jugoslawien. Rund 200000 der hiesigen Muslime sind ethnische Albaner aus dem Kosovo und Mazedonien, weitere 50 000 sind Bosnier. Sie sprengen sich nicht in vollbesetzten U-Bahnen in die Luft. Die Bosnier und vor allem die noch schitterer beleumundeten Albaner pflegen einen äusserst lockeren, toleranten, halb heidnischen Islam.

Der albanische Islam kennt keine Missionsgelüste, keinen Überlegenheitswahn, keinen Antisemitismus. Während der Nazibesetzung wurde kein Jude ausgeliefert. Man erwies sich als immun gegenüber dem Fanatismus, der Politisierung, dem Todeskult, der in den letzten Jahrzehnten weite Teile des Islam erfasst hat. Bei den weltweit über 11 000 islamistischen Terroranschlägen seit dem 11. September 2001 tauchte nie ein albanischer Name auf. Das aggressive Werben saudischer Prediger mit Prämien fürs Kopftuchtragen machte trotz Armut keinen Eindruck. Durch Tirana spazieren weiterhin attraktiv angezogene Frauen. Als sich kein englisches Blatt getraute, die dänischen Mohammed-Karikaturen abzudrucken, wurden diese von einer Zeitschrift in Pristina veröffentlicht. Niemand rührte einen Finger dagegen.
Das Volk verehrt nicht Religionsstifter, sondern Freiheitskämpfer wie den mythischen Skanderbeg, der einen Aufstand gegen die türkisch-muslimischen Eroberer angeführt hatte. Oder den kosovarischen Politiker und Literaturkritiker Ibrahim Rugova. Man erzählte sich, dass er zum Katholizismus übergetreten sei. Undenkbar in arabischen Ländern, kümmerte dies die überwiegend muslimischen Kosovaren nicht. Als der «Gandhi des Balkans» 2006 starb, pilgerte eine halbe Million Trauernde zu seinem Sarg. Die Religion des Albaners sei das Albanertum, verkündete vor 130 Jahren der Nationalist und Gelehrte Pashko Vasa. Er hat recht behalten.

Übertriebene, unehrliche Botschaft

Der aktuelle Streit um das Plakat der Volks- initiative gegen den Bau von Minaretten ist phantomatisch und gleicht einem ritualisierten Vorgang. Die SVP lanciert mit dem ihr eigenen Mut zur Hässlichkeit eine Kampagne, präzis hineingezirkelt in jenen Grenzbereich zwischen Unanständigkeit und Straftatbestand. Die anderen Parteien reagieren empört, die Medien machen die politische Rüpelei zu einem nationalen Ereignis, und die Strategen der Volkspartei registrieren, dass ihr Kalkül aufgegangen ist. Alle reden von ihnen.

Den Aufstieg zur stärksten Partei im Lande verdankte die SVP aber nicht einfach dem abgebrühten Spiel mit der Provokation. Die meisten ihrer Wähler sind bodenständige, nüchterne Zeitgenossen, und wenn die Botschaft hohl ist, geben sie dem Übermittler keine Stimme. Partei-Leviathan Blocher aber hatte eine ausgeprägte Witterung für gesellschaftliche Probleme, die von den neuen, überheblich gewordenen linksliberalen Eliten in Politik, Kultur, Medien ignoriert oder nicht ernst genommen wurden.
Doch der neueste Streich wird der Partei kaum Glück bringen. Das Kampagnenbild mit der verschleierten Frau und den schwarzen Minaretten auf der Schweizer Flagge soll warnen, aber die meisten empfinden es sofort: Diese Botschaft ist nicht nur übertrieben, sondern unehrlich. Sie entspricht nicht der helvetischen Alltagserfahrung.
Wer eine «notwendige Diskussion» aus- lösen will, wie die SVP-Initianten mit Unschuldsmiene beteuern, hätte sich vorher ernsthaft über das Thema informiert und würde offen darlegen, worum es ihm wirklich geht. Glauben die Minarettgegner, dass der Islam eine inhumane Religion ist, nicht vereinbar mit unseren Werten? Wenn dies ihre Überzeugung ist, warum sagen sie es nicht? Die jahrhundertealte kulturelle Dominanz des Westens verdankt sich dem freien Wettstreit der Ideen. Und glauben sie wirklich, dass die Schweiz von einer islamistischen Infiltration bedroht ist? Der Bericht 2008 über die innere Sicherheit der Schweiz aus dem ehemaligen Departement Blocher kann ihnen nicht unbekannt sein. «In Südosteuropa», heisst es dort, «stossen islamistische Strömungen in der lokalen Bevölkerung mehrheitlich auf Ablehnung.» Aber sogar wenn: Wird die Schweiz gerettet, wenn die Dekorationstürmchen verboten werden? Dies glauben nicht einmal die strammen Initianten selbst. Jeder merkt sofort, dass es sich um Schikaniererei und Profilierungsrasseln handelt.
Doch der Auftritt der Plakatgegner überzeugt ebenfalls nicht. Die hiesigen Muslime haben keinen tantenhaften Beistand nötig, etwa indem man ihnen mit einem Verbot den Anblick der Plakate zu ersparen sucht. Sie leben einen Alltag, in dem verschiedenste Religionen, Weltanschauungen, Meinungen nebeneinander existieren, kritisiert, geglaubt, verspottet, geliebt werden, und sie leben offensichtlich gerne hier. Die allermeisten wünschen sich keinen Bart- und Burka-Islam. Ein in Zürich wohnhafter albanischer Bekannter drückte dies zusammengefasst so aus: «Huereverdammti arabische Arschlochextremisten.» Der noble Einsatz der Weltoffenen für die durch das Plakat scheinbar beleidigten Muslimas und Muslime ist parfümiert mit dem Hautgout des Gönnerhaften und dem Geruch des Angstschweisses. Denn der Tolerante möchte ebenfalls keine archaische Minarettkultur vor seiner Haustüre, aber noch mehr fürchtet er den Vorwurf der Intoleranz. Insbesondere von Seiten derer, die er insgeheim tatsächlich für leicht zurückgeblieben hält, die sogar im Menschenrechtsrat der Uno sitzen und deren Missfallen er mit übereifrigem, servilem Zuvorkommen vermeiden möchte.

Vorauseilende Selbstzensur des Westens

Über diese Haltung freut man sich in der islamischen Welt, wo über jeden angeblich antimuslimischen Vorfall irgendwo auf diesem Globus berichtet wird. Vor eineinhalb Jahren unterhielt ich mich in Khartoum mit einer Gruppe jüngerer Männer, die ich zufällig getroffen hatte. Es waren Bauernsöhne aus dem Westsudan, die nichts von der Welt wussten. Plötzlich fragten sie, ob es wahr sei, dass die Schweiz Moscheen verbieten wolle. Sie hatten es am TV gehört. Vor allem die korrupten, arabischen Clan-Diktaturen versuchen ihre rechtlosen und unzufriedenen Bevölkerungen in Schach zu halten, indem sie die Fiktion einer westlichen Verschwörung gegen die Muslime verbreiten lassen.

Dies ist die schlechte Nachricht: Seit der Blut-Fatwa gegen den Schriftsteller Salman Rushdie vor zwanzig Jahren kann man im Westen eine sinkende Bereitschaft beobachten, sich gegen die Zumutungen eines wildgewordenen Islam zu wehren. In vorauseilender Selbstzensur werden Theaterstücke abgesetzt und Bücher nicht veröffentlicht.
Und dies nochmals die gute Nachricht: Die Mehrheit der schweizerischen Muslime vertritt einen toleranten, europäischen Islam. Dies ist zwar nicht der Weitsicht der Politiker zu verdanken, sondern dem Zufall. Aber ein Glück ist es trotzdem. Zeit, die Ex-Jugos willkommen zu heissen und groteske Debatten zu beenden.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 43/09
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Kommentare

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Milos Djordjevic     24.02.10 19:52

Ich kann den Autor beim besten Willen nicht verstehen. Er schreibt von einem halb heidnischen Islam und davon, dass der tolerante Glauben ein Zufall sei.

Meiner Meinung nach widerspricht er sich. Er sagt die Religion des Albaners sei das Albanertum und demnach nicht der Islam. Aus dieser Aussage schliesse ich eine absolut radikale Einstellung der Albaner aus dem Kosovo und Makedonien. Wenn das Albanertum die Religion ist, dann kann aus der Definition des Wortes "Albanertum" nichts anderes hervorgehen, als dass alles nicht-albanische keinen Platz hat und demnach auch nicht respektiert wird.

arian uka     10.11.09 15:01

Herr Endrich, wieso bringen Sie eigentlich das Judenthema hier?
Zur Erklaerung: Kein einziger Jude (!!) wurde im albanischen Raum getoet waehrend dem 2. WK geoetet (siehe "Besa: Muslims Who Saved Jews in World War II" von Norman Gershman).
SS Scanderbeg wurde im Nordalbanien (Kosovo) im Sommer 1943 gegruendet und ueberlebte sage und wahre 6 Monate und wurde Anfang 1944 wieder geschlossen an mangelnden lokalen Soldaten.
Wenn wir schon beim Thema sind: Den Juden in Serbien ging es WESENTLICH schlechter, sie wurden fast(!!) alle getoet oder vertrieben (siehe Jennie Label: The Jews in Belgrade...)

Wolfgang Endrich     31.10.09 19:30

Sorry aber der Autor schwafelt irgendwas daher, als so eine Art Sprachrohr der Albaner Mafia!

Diese Sätze stimmen in keinerlei Weise! "Der albanische Islam kennt keine Missionsgelüste, .........Bei den weltweit über 11 000 islamistischen Terroranschlägen seit dem 11. September 2001 tauchte nie ein albanischer Name auf."

Festnahmen u.a. Fort Dix, oder der Iman von Durres wegen Terrorismus. Im Kosovo betrieben die Albaner durchaus als Handlanger des Nazi Regimes mit der SS Skenderberg Division Ethnische Säuberungen und Morde. Juden wurden nur im richtigen Albanien geschützt!

Orhan Arikci     28.10.09 16:42

Kompliment an den Autoren. Endlich jemand, der sich die Mühe gemacht hat, die guten von den bösen Muslims zu unterscheiden. Wer also kein Albaner ist, der hat Pech gehabt und gehört in den anderen Topf mit all den üblen Terroristen, Frauen-Schändern und Minarett-Fetischisten. Richtig so, denn es wäre ja auch für einen einigermassen logisch analysierenden Journalisten zu aufwändig gewesen, eine andere d.h. fundierte und sachliche Schlussfolgerung zu ziehen.

Die Meinungsfreiheit erlaubt mir zu sagen, dass ich mit diesem miesen Beitrag am liebsten die Lokalitäten der SVP tapezieren würde!

Jeanna     26.10.09 22:29

:-)

Ja, Herr Webmaster, kann ich bestätigen !
. Also, weiss ich noch Sachen wie, Szeretlek nagyon! = "Ich liebe dich sehr"
. Das Wetter ist schön, nicht wahr?
. Morgen gehen wir schwimmen !
. Ich schicke viele Küsschen:
. Dragan und Familie

Kedves üdvözletek és mégegyszer minden jòt. (Liebe Grüsse und nochmals alles Gute)

DraganSlovjenic     26.10.09 22:16

Uij, Jeanna, das ist ja sehr international hier alles!
Super, war ich mal sehr verliebt in schöne, ungarische Frau, viele Jahre, bevor ich Frau Ana traff..
Wohnte sie nahe Budapest und ich lernte fleissig ungarisch, damit ich schreiben kann schöne Gedichte, liebe ich Sprachen lerne zur Zeit Japanisch.
Also, weiss ich noch Sachen wie, Szeretlek nagyon!
Szép az idö, ugye?
Holnap megyünk uszni!
Sok puszit küldök:
Dràgan és csalàd.
Dragan
PS: Für Censor, ist keine wüste Sachen hier, bloss schöne ungarisch Worte.
Kann Jeanna bestätigen.

Jeanna     26.10.09 21:04

Danke-danke, Dragan, Deine Darlegungen im "Toleranz"-Forum haben mich einfach berührt, was ich als Dank mit dem Cheruvismkaja pesna von Bortnyanski "unterstreichen" wollte ... er hat wunderbare, russische Liturgien komponiert ... unter anderem.

Ich mag ehrliche Menschen, wie eben z.B. Zara (und seine bezaubernde Frau), wir kennen uns persönlich sehr gut.
Unehrliche Menschen, die vorgeben etwas anders zu sein tun mir vor allem leid. Auch solche, die andere nur schon wegen ihrer Herkunft oder ihres Anderssein "im Verdacht" haben und verurteilen. Gerade auch die "Welt"woche verbreitet viele Vorurteile.

Meine "Hauptsprache" ist deutsch und meine zweite Mutter-Sprache ist ungarisch. Russisch spreche ich auch

Christine     26.10.09 20:17

Das Video, Sen., repräsentiert d i e Provokation, wenn man sie denn als Provokation aufzunehmen dumm genug ist, die Bergmann im Plakat zu erkennen meint.

DraganSlovjenic     26.10.09 20:09

Ist Vom Koritnher 13, Vers 4 und andere, geht um Liebe und Licht!
Siehst Du Zara und andere, Gott ist gut und hat Liebe gern über allem!
Ihr Dragan.

DraganSlovjenic     26.10.09 20:08

Ach, so viel Glück mit Leuten!
Kannst Du auch slawische Sprachen, Jeanna?
Kommst Du aus Yugoslawien oder Russland?
Macht nicht, Menschen sind wir ja überall und alle, oder?
Gut so.
Danke für Tip mit youstube, hat mir Sohn gezeigt Seite, Chor tönt sehr gut, unsere Gemeinde singt nicht so gut, obwohl meine Frau und Freundin von Familei Stimmen haben wie Engel!
Musst auch mal kommen in unsere Gemeinde in Zürich, Orthodoxe Kirche!
Nimm schnell auch Zara mit, trinken wir zusammen Wein, aber moderat, und gibt es für Weihnchtszeit Gebäckwaren mit Kuchen!
Gestern war ich kochen, für Frau und Kind, gab Mischung mit Rösti und serbischen Würste, lecker, würden viele hier auf Seite sich freuen über so gutes Gericht.
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