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21.10.2009, Ausgabe 43/09

Editorial

Toleranz

Der Islam ist eine gefährliche Religion. Sonst würden unsere Eliten entschiedener dagegen antreten.

Von Roger Köppel

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In den aktuellen Diskussionen um Minarette und Islam werden die Begriffe Toleranz und Respekt verwechselt. Oft ist von verärgerten Muslimen zu hören, die Kritiker der Minarette würden es am nötigen Respekt fehlen lassen. Die Schweiz, bisher bekannt für ihre grosse Toleranz, handle respektlos, wenn sie die Gebetstürme verbiete. Es wird, mit anderen Worten, aus dem Prinzip der Toleranz ein neues Grundrecht auf Respekt abgeleitet. Dieser Gedanke begegnet uns auch in anderen Diskussionen. Als ich einer Debatte über Rassismus in der Schweiz die Meinung einer Rassismusbeauftragten, es gebe immer mehr Rassismus bei uns, als «grossen Quatsch» bezeichnete, warf mir die Beauftragte «fehlenden Respekt vor anderen Meinungen» vor.

Mehr zum Thema: Roger Köppels Videokommentare und das grosse Weltwoche-Dossier «Islam»

Hier ist eine Klarstellung nötig. Toleranz ist die Bereitschaft, auf dem Boden einer verbindlichen Rechtsordnung andere Glaubensbekenntnisse zuzulassen, solange sie die Rechtsordnung nicht gefährden. Der Westen begann das Toleranzprinzip nicht auf Grund höherer Einsichten zu installieren, sondern dank einem geistigen Ermüdungsbruch nach dem Dreissigjährigen Krieg (16181648). Die konfessionellen Auseinandersetzungen zwischen Katholizismus und Protestantismus hatten zu gewaltigen Verwüstungen Europas geführt. Aus dem religiösen Fanatismus war keine stabile Ordnung abzuleiten. Die Kirche wurde in ihrem weltlichen Machtanspruch zurückgedrängt. Die Fürsten durften in ihren Territorien über die Konfession bestimmen (cuius regio, eius religio).

Es war die Absage an eine totalitäre Staatsauffassung, in der die Politik zur Fortsetzung der Religion mit anderen Mitteln wurde. Diese Trennung, die Europa unter grossem Leid zustande brachte, ist in den muslimischen Ländern weder vorhanden noch vorgesehen. Es ist denkbar, dass der Islam irgendwann einmal mit der weltlichen Kultur Europas vereinbar sein wird. Genauso wahrscheinlich aber bleibt bis auf weiteres das Gegenteil.

Toleranz setzt die Anerkennung einer politischen Ordnung voraus, die den religiösen Bürgerkrieg beendet. Wenn eine säkulare Kultur wie die christliche einer noch immer nach politischer Herrschaft strebenden Konfession wie der islamischen gegenübersteht, ergeben sich Unverträglichkeiten. Die Christen haben akzeptiert, dass ihre Werte und Traditionen indirekt das politische Leben und die Institutionen prägen, aber es gibt keine unerfüllte Sehnsucht nach politischer Machtergreifung mehr. Die Muslime hingegen haben bis heute den Verlust ihres Weltreichs nicht überwunden. Und der seit einigen Jahren immer militanter auftretende Islamismus ist der Phantomschmerz, den sie durch Ausdehnung, Unterwanderung und Eroberung heilen wollen. Die Tatsache, dass Christentum und Islam unversöhnliche politische Haltungen verkörpern, wiegt schwer. Beide Religionen stehen für Staatsideen, die sich wechselseitig ausschliessen. Der Toleranzbegriff verliert in dieser Gegenüberstellung seinen Sinn. Keine Ordnung kann tolerant sein gegenüber einer anderen, die ihr feindlich gegenübersteht. Der heutige Islam ist die politische Verneinung des säkularen Rechtsstaats. Die Muslime müssen ihren Glauben reformieren oder aufgeben, um im Westen wirklich anzukommen.

Das führt uns zum Begriff Respekt. Es gibt tatsächlich ein im Westen akzeptiertes Menschenrecht auf freie Rede. Wer immer etwas sagen will, soll sprechen. Dieses Recht gilt es zu respektieren und gegen alle Anfechtungen zu verteidigen. Das Menschenrecht auf freie Rede muss auch für Aussagen gelten, die unerwünscht bis hassenswert sind. Zensurbehörden, Wächterräte, politische Geschmacksrichter haben in einer offenen Gesellschaft nichts zu suchen. Man soll sagen dürfen, was man will. Aber: Niemand kann einen Anspruch darauf erheben, für den Unsinn, den er unter Umständen verbreitet, respektiert zu werden. Das Recht auf freie Meinungsäusserung ist unbestritten. Den Respekt für die geäusserte Meinung aber muss man sich zuerst verdienen. Auch dies ist ein wichtiger Unterschied zwischen der christlich-abendländischen und der islamischen Kultur. Wir haben jahrhundertelang dafür gekämpft, dass die höchsten Autoritäten und Würdenträger öffentlich kritisiert und verspottet werden dürfen. Es gibt kein Recht auf Verschonung. Ansehen und Zustimmung sind keine natürlichen Gegebenheiten, sondern das Ergebnis von Leistungen, die im Wettbewerb immer wieder zu erbringen sind. Die voraussetzungslose Akzeptanz von Aussagen und Handlungen, seien sie noch so religiös, sind unserer Kultur wesensfremd.

Die Minarett-Diskussion zeigt, dass auch viele Schweizer Muslime nach wie vor ganz anders funktionieren. Sie verkraften es nicht, wenn ihre religiösen Praktiken nicht widerspruchsfrei hingenommen werden. Es genügt schon, die Möglichkeit eines Minarett-Verbots in Erwägung zu ziehen, um giftige Reaktionen auszulösen. Politische Plakate werden als Majestätsbeleidigung empfunden. Man fordert Respekt und verwahrt sich gegen die pointierte Darstellung von kritischen Gegenpositionen. Die aggressiv betonte Opferrolle soll die Kritiker lähmen und einschüchtern. Am Ende wird ein Klima der Befangenheit erzeugt, in dem eine offene Diskussion nicht mehr stattfindet.

Was wir in den zahlreichen TV-Debatten im Moment verfolgen können, sind die Allergien der Muslime gegen die direkte Demokratie. Die Entrüstung über die Plakate ist nur ein Vorwand, um den heiklen Fragen auszuweichen, eine Drohkulisse, die abschrecken soll. Darauf dürfen wir nicht einsteigen. Es ist vernünftig, hart und intensiv über eine Religion zu diskutieren, in deren Namen immer noch Staaten erobert, Frauen gesteinigt und Bomben geworfen werden.

Auch die Schweizer Wirtschaftsdachorganisation Economiesuisse spricht sich gegen Minarett-Verbote aus. Die Position ist vertretbar, das Argument dahinter beunruhigend. Man wolle, heisst es, das Image der Schweiz und ihrer Wirtschaft nicht gefährden. Toleranz, sagte Economiesuisse-Präsident Gerold Bührer, gehöre zum Fundament unseres Landes. Bührer irrt. Toleranz ist wichtig, aber Toleranz aus Angst ist keine Toleranz, sondern Angst. Bührers Begründung veranschaulicht die Selbstzensur, der wir uns gegenüber dem Islam bereits heute unterwerfen. Wir geben Freiheiten auf, um Konflikten zu entgehen. Der Islam ist eine gefährliche Religion. Sonst würden unsere Eliten entschiedener dagegen antreten.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 43/09
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Kommentare

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Alexander Steinacher     02.11.09 16:38

Roger Köppel hat wieder einmal Recht, lässt sich im Gegensatz zu vielen anderen exponierten Köpfen von Politik, Wirtschaft und Medien nicht einschüchtern.
Ganz einfache Frage: Was ist das Resultat von Toleranz gegenüber der totalen Intoleranz?
auf einem anderen Forum, das ich heute gesehen habe, droht man unserer Demokratie, bzw. einer demokratischen Entscheidung schon wieder mit fremden Richtern (aus Strassburg)! Dann erst recht! Ein weiterer fataler Trugschluss ist das wiederholte Ausspielen von Rechtsstaat gegen Demokratie! Das ist unzulässig. Rechtsstaat kommt von Demokratie, nicht umg

Carla Kägi     29.10.09 09:36

@Rudolf A. Thoma Maag
Sie haben recht, Extreme sind zu vermeiden.
Soweit ich feststellen kann, sind die Eidgenossen mittlerweile auch aufgewacht und äussern sich zum Thema engagiert und deftig. Aber werden sie auch zur Urne gehen und ihrer Meinung mit dem Stimmzettel Ausdruck geben? Da habe ich meine Zweifel.... bei einer durchschnittlichen Stimmbeteiligung von jeweils höchstens 40%!
Mich interessiert, wie die Weichen aus ihrer Sicht jetzt richtig gestellt werden müssten, um "Unfälle" auszuschliessen?

fabio rechsteiner     28.10.09 21:22

@Peter Schlegel
Frage an Sie: Was sind Ihre Vorschläge um den Kreationisten und ID-Verehrern sammt ihren pseudowissenschaftlichen Ideen den Zugang zum Schulunterricht zu verwehren?
Fabio Rechsteiner - aka digitaltraveler

Rudolf A. Thoma Maag     28.10.09 21:18

"Schwarzmalerei" bringt ebenso wenig wie "Weisswäsche", ich denke dass die Eidgenossen, auch wenn sie oft einen sehr langen und tiefen Schlaf haben, wissen was Sache ist und wo Zeichen gesetzt oder weggelassen werden müssen!
Eines aber weiss ich ganz sicher, wenn die Weichen jetzt falsch gestellt werden, wird es vermehrt zu Unfällen kommen...und eben diese gilt es zu verhindern!

Carla Kägi     28.10.09 20:06

@Peter Schlegel
Es ist nicht so, dass es niemanden stört, was christliche Fundamentalisten in unsere Schulen zu tun versuchen. Das weiss ich aus eigener Erfahrung.
Ich habe mit der Vorstellung Mühe, dass die Anzahl fundamentalistisch lebender Muslime in der CH so verschwindend klein sein soll. Woher wollen wir das wissen, wie ist das zu eruieren?
Unsere Möglichkeiten festzustellen wieviele der hier lebenden Muslime streng nach der Scharia leben und wieviele von ihnen offen und tolerant uns gegenüber eingestellt sind, sind wohl ziemlich eingeschränkt, denke ich.

Peter Schlegel     28.10.09 19:38

Interessant ist, dass es offensichtlich niemanden stört, wenn christliche Fundamentalisten in der Schweiz versuchen, den Biologieunterreicht religiös zu untergraben...

Peter Schlegel     28.10.09 19:37

@Rainer Selk:

Nur Fundamentalisten nehmen die Scharia wortwörtlich!

Die Schweizer Muslime sind gut integriert, 90% besuchen so gut wie nie eine Moschee. Nur eine winzig kleine Minderheit lebt nach der Scharia!!!

Auch weltweit lebt nur eine kleine Minderheit der Muslime nach der Scharia!

Auch andere religiöse Schriften widersprechen unserer Gesetzgebung! Wer nach einer solchen religiösen Schrift lebt, gehört verurteilt. Dafür haben wir ja unsere Gesetzgebung!

Ausserdem: Ein Minarett-Verbot bewirkt rein gar nichts!

Andreas Thut, Leiter Weltwoche online     28.10.09 17:08

@Hanspeter Bühler

Grundsätzlich gehen wir davon aus, dass unsere Nutzer uns die Wahrheit sagen. Wenn wir Anlass haben anzunehmen, dass jemand unter einem Pseudonym kommentiert, so werden wir diesen User näher unter die Lupe nehmen und ggf. sperren.

Rainer Selk     28.10.09 17:02

Peter Schlegel 28.10.09 16:48
Stimmt, das sind wohl keine mehr.... Es geht aber nicht um Zahlen, sondern um den Werteanspruch, den Islamisten stellen und der steht in Vielem im krassem Widerspruch zu unserer Gesetzgebung (siehe Scharia etc.) . Das ist die eigentlich brisante Diskussion der Sache.

Peter Schlegel     28.10.09 16:49

Ich bins

Peter Schle(gel)mihl

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