Stil & Kultur

Muster von Frau

Von Daniele Muscionico

Brennende Zigarette als Waffe: Lisa Fonssagrives, fotografiert von Irving Penn. Bild: Irving Penn, Harlequin Dress, New York, 1950 (Schirmer/Mosel)

Er war der Michelangelo der Fotografie. Die Haut seiner Models war Alabaster, flüssig das zerfliessende Fleisch, stählern das Korsett dahinter: Irving Penn war der Fotograf, der der Kunst ihre Natürlichkeit ausgetrieben hat.

Mit Vorzug jene von Lisa Fonssagrives, seiner Frau, dem ersten Supermodel des 20. Jahrhunderts und jahrzehntelang Penns Lieblingsmotiv. Niemand war so oft auf dem Cover von Vogue zu sehen, keine hat das Gesicht der Modefotografie beeinflusst wie die Schwedin. Penns «Harlequin Dress» mit Fonssagrives gilt als eines der wichtigsten Modefotos überhaupt. Als das Bild im Jahr 2007 versteigert wurde, bezahlte der höchste Bieter 406 454 Dollar.
Hat Fonssagrives Penn erfunden oder Penn Fonssagrives? Man weiss wenig über sie, doch alles über ihn, den letzten Klassiker der Fotografie: Als Modefotograf beerbte er die Pariser Vorkriegsavantgarde, Hoyningen-Huene und Horst P. Horst. Zunächst als Taschenspieler formaler Extravaganzen, wie die Aufnahme durch eine Flasche, «Man Lighting Girls Cigarette»; später mit zwanghaft komponierten, minutiös ausgeleuchteten Szenen, dem Spiel mit Kontrasten; berstender Reichtum schwarz-weisser Valeurs. Man kennt Penns Aktaufnahmen, Porträts, Stillleben, man kann ihn zitieren, kopieren und wird ihn einbalsamieren in den Kunstkanon, eine Woche nach seinem Tod.
Doch wer war Lisa Fonssagrives? Die Frau mit der Taille! Ihre Taille, ein achtes Weltwunder, mass 43 Zentimeter gemessen an ihrer lebenslangen Diät ein irdisches Wunder. Fonssagrives war eine Künstlerin, und weit mehr als eine Hungerartistin. Sie war Fotografin und Bildhauerin und stellte, nach dem Rücktritt vom Modelgeschäft, in den führenden Galerien Amerikas aus.
Der Nachwelt aber ist Fonssagrives in Erinnerung als Frau, die sich von Penn fotografieren liess und die ihre eigene Karriere auf dem Altar der Kunst ihres Mannes begrub. Denn mit der Heirat war entschieden: Sie sollte nicht das Subjekt ihrer eigenen Fantasie sein, sondern das Objekt fremder Fantasien.
Oder doch nicht? Was wäre «Harlequin Dress» ohne ihre unnachahmlich mokante Mimik? Ihren Blick, der den Betrachter zum Abschuss freizugeben scheint? Ihre Gestik, die verrät, dass die brennende Zigarette auch Waffe sein kann? Als Lisa Fonssagrives am 6. Februar 1992 im Alter von achtzig Jahren verstarb, wurden keine Hommagen geschrieben. Hier ist sie, zum Anlass des Todes von Irving Penn.

Kommentare

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  • Crasta Mora
  • 21.10.09 | 18:17 Uhr

10:42 ist auch okay, knechtli. Bin sicher, dass Du rund um die Uhr zu Deinen Haferflocken kommst.

Schätze womöglich die Zunft der Harlekins falsch ein, Blicke selten.

  • Miggu,dasKnechtli
  • 20.10.09 | 10:42 Uhr

@Crasta

06:01 The early bird picks the worm

Ich vermute freilich, Du unterschätzst die Zunft der Harlekins. Vordergründigkeit ist deren Sache nicht, die lassen sich nicht in 2 Sätzen Matt setzen.

  • Crasta Mora
  • 20.10.09 | 06:01 Uhr

Der Blick provokant, leicht erstaunte und im Widerspruch zum Mund fast belustigte Aufforderung, auf dem Mantel nicht Schach zu spielen, sondern ihn zu öffnen;darunter trägt Fonssagrives weder Schwarz noch Weiss.

  • Miggu,dasKnechtli
  • 19.10.09 | 21:22 Uhr

Schwarzer Hut und weisses Gesicht, schwarze Handschuhe und weisse Zigarette, schwarzer Schal, schwarze Lippen und schwarze Augenbrauen kombiniert mit weissen Perlen an Hals und Ohren. Schwarz-weiss auch die Haare. Das ergibt ein Bild einer wirklichkeitsfremden, unnahbaren, elitären, aber friedfertigen, passiven Frau mit resignativer Grundhaltung und starker Individualisierung. Hier wird die Gothic-Kultur vorweggenommen. Kein Wunder, hat dieses Bild seinen Preis.

MfG
Miggu, der Frauenversteher

 
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