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14.10.2009, Ausgabe 42/09

Debatte

Wir müssen handeln

Die gezielte Unterwanderung muslimischer Gemeinschaften durch Islamisten muss gestoppt werden.

Von Alice Schwarzer

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Den vorletzten Silvester habe ich in Algier gefeiert. In meiner «algerischen Familie». Wir haben bis nachts um vier getanzt, nach arabischen wie westlichen Klängen, klar. Wir, das war auf der algerischen Seite: meine Kollegin Djamila, die fünf Jahre lang bei mir in Köln Zuflucht gesucht hatte, weil sie in ihrer Heimat in Lebensgefahr war; als unverschleierte Frau und kritische Journalistin stand sie ganz oben auf den Todeslisten der marodierenden Islamisten in den sogenannten années noires, die über 100 000 Menschen das Leben kosteten. Neben ihr rockte ihre gläubige, unverschleierte Schwester Zohra mit Ehemann Zahar; ein Händler, der in die Moschee geht und gerne Wein trinkt. Und die Töchter Lili und Mounia, die es in den schwarzen Jahren gewagt hatten, jeden Tag ohne Kopftuch zur Uni zu gehen, und die so manches Mal nur knapp überlebt haben. Nicht dabei war Djamilas alte Mutter, die jedes Jahr nach Mekka pilgert (und dort auch für mich betet).

Doch am ausdauerndsten tanzte der Sohn des Hauses, Ganoud, tief gläubig und tief lebenslustig. Wenn er mit uns durch die Stadt und an der Küste entlangstreifte, lautete jeder dritte Satz, mal ernst, mal lachend: «Alice, le prophète a dit . . .» Natürlich habe ich ihn damit aufgezogen. Aber ich habe ihn auch ernst genommen. Und er ist bis heute mein Massstab. Ganoud ist sauer über die «Arroganz und Hegemonie des Westens». Und wenn ich mal wieder die Islamisten angreife, frage ich mich: Was würde Ganoud wohl dazu sagen? Es würde mich tief beschämen, wenn er eines Tages auch mich in einen Sack mit den «arroganten Westlern» stecken würde. Bisher ist das nicht geschehen. Ganoud und ich, wir bleiben im Dialog. In einem echten Dialog.

Falsche und richtige Toleranz

Denn der falsche Dialog und die so lange praktizierte falsche Toleranz haben allen geschadet, nicht nur uns Westlern, sondern allen voran der Mehrheit der nichtfundamentalistischen Menschen im muslimischen Kulturkreis, Gläubigen wie Ganoud und Ungläubigen wie Djamila.

Diese falsche Toleranz hat den Westen dreissig Jahre lang wegsehen lassen: beim Iran, wo die Menschenrechte seit 1979 mit Füssen getreten werden; in Afghanistan, wo die Taliban mit Unterstützung Amerikas die sowjetischen Besatzer verjagten und 1992 die Terrorherrschaft übernahmen; in Tschetschenien, wo nicht nur die russische Soldateska von Übel ist, sondern auch die Islamisten ein Problem sind, die bereits 1996 (!) die Scharia einführten; in Algerien, wo die sogenannten Afghanen, die aus dem Krieg zurückgekehrten Söldner, das bis heute tieftraumatisierte Land in den 1990er Jahren erzittern liessen; in Schwarzafrika, wo der von den Gotteskriegern gezündelte Flächenbrand um sich greift – und in Europa, wo wir es zugelassen haben, dass mitten unter uns Menschen als «die Anderen», als Bürger/innen zweiter Klasse behandelt werden. «Die Kulturfalle» nannte das die Fatwa-verfolgte Khalida Messaoudi-Toumi, die als Mathematiklehrerin jahrelang auf der Flucht war und heute algerische Kulturministerin ist.

Dabei war alles von Anfang an klar. Als ich 1979 zusammen mit einer kleinen Gruppe französischer Intellektueller wenige Wochen nach der Machtergreifung Chomeinis im Iran war – dem Hilferuf entrechteter Frauen folgend –, haben wir mit vielen Verantwortlichen des neuen Regimes gesprochen: mit Ministerpräsident Bazargan (der wenig später ins Exil floh), mit Oberajatollah Talegani (der später ermordet wurde) und mit den neuen Führerinnen der Iranischen Frauenunion (von denen bald viele spurlos verschwanden). Diese in Granit gemeisselten «Heldinnen der Revolution» hatten den Schah mit der Kalaschnikow unter dem Tschador verjagt oder waren aus dem Exil zurückgekehrt.

Sie alle waren aufgeklärte und hochgebildete Menschen. Und sie alle antworteten auf unsere Fragen: Ja, wir wollen den Gottesstaat! Ja, wir werden die Scharia einführen, das ist Allahs Wille! Ja, selbstverständlich steht dann Tod durch Steinigung auf Homosexualität oder Ehebruch (der Frau)! Und dabei lächelten sie liebenswürdig.

Weltweiter Kreuzzug

Nein, die Islamisten haben nie einen Hehl aus ihren Absichten gemacht. So wenig wie einst die Nationalsozialisten. Auch in «Mein Kampf» stand ja schon alles drin. Auch damals hätten wir es wissen können, ja müssen. Und auch die fortschrittlichen Muslime haben lange, zu lange geschwiegen aus Angst, des «Verrats» bezichtigt zu werden. Die ersten, die redeten, waren die Töchter, die sich nicht länger wegsperren und zwangsverheiraten lassen wollten.

Als ich damals nach drei bewegenden Tagen den Iran wieder verliess, schrieb ich: «Sie alle waren gut genug, für die Freiheit zu sterben – sie werden nicht gut genug sein, in Freiheit zu leben.» Und seither habe ich nicht aufgehört, in Emma über den weltweiten Kreuzzug der Islamisten zu berichten und vor den Folgen zu warnen.

Mit der Folge für mich, dass mir das Etikett einer «Schahfreundin» und «Rassistin» angehängt wurde. Zahllose Artikel, ja ganze Bücher sind über die angebliche «Islamfeindin» Alice Schwarzer veröffentlicht worden; meist kamen sie aus dem universitären, linken Milieu. Und oft von Konvertiten/-innen. Denn da hatte längst ein Schulterschluss stattgefunden zwischen Alt-Linken und Neu-Islamisten. Die alten Götter – Mao, Che Guevara, Pol Pot – sind tot, es lebe der neue Gott: Allahu akbar!

Islamisten auf dem Vormarsch

Seit Mitte der 1980er Jahre haben wir im Westen eine gezielte Unterwanderung der muslimischen Communitys durch die Islamisten zu verzeichnen. Ausgebildet werden die Agitatoren im Iran, in Ägypten oder Afghanistan, das Geld kommt aus Saudi-Arabien (ein Land, mit dem auch wir gerne Geschäfte machen). Diese Rattenfänger erzählen den arbeitslosen jungen Männern, sie seien die Grössten – und hätten das Recht, ihre sprachlosen Mütter ins Haus zu sperren und ihre freiheitsliebenden Schwestern unter den Schleier zu zwingen.

Zu den Fanatischsten gehören die Konvertiten/-innen, die eine grosse Rolle im pädagogischen und juristischen Bereich spielen. Auch innerhalb unseres Rechtssystems ist seit Anfang der 1990er Jahre eine systematische Unterwanderung zu verzeichnen. Ziel: die «Islamisierung» des Rechtsstaates, im Klartext: die Einführung der Scharia mitten in Europa. Partiell ist das bereits gelungen.

Ja, ich werde immer wieder gefragt, ob ich keine Angst hätte, die Islamisten zu kritisieren. Angst wovor? Selbstverständlich müssen wir handeln! Und ich schätze mich glücklich, wenn es mir gelungen sein sollte, zur Aufklärung über diese Dunkelmänner (und ihre Gehilfinnen) beigetragen zu haben. Und ich freue mich über die vielen freundlichen Gesichter in aufgeklärten Ausländervierteln, wo Frauen wie Männer mir zustimmend zuwinken.

Doch auf einem bestehe ich als Nicht-Muslimin auch weiterhin: Mir geht es nicht um den Islam als Glauben – dessen beunruhigenden Reformstau sollen die Muslime/-innen bitte unter sich regeln, und zwar möglichst bald. Mir geht es ausschliesslich um den Missbrauch des Islam als politische Strategie. Denn eines ist klar: Das ist der Faschismus des 21. Jahrhunderts. Und diesmal im Weltmassstab.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 42/09
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Kommentare

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Christine     17.10.09 10:25

Es brennt ein bisschen in Westeuropa.

Die Gründe mögen vielfältiger Natur sein, als nur dieser, was ihn jedoch nicht vernachlässigbar macht:
http://news.search.ch/ausland/2009-10-17/minarette-auch-thema-in-westeuropa
Am 4.10.07 nannte Giordano die geplante Grossmoschee "eine Kriegserklärung" und "eine Landnahme auf fremdem Territorium".

Nekla Kelek dazu: "In der FAZ schrieb N.K., Giordano habe Recht mit seiner Kritik am Moscheebau, da der Islam Politik sei und Politik betreibe. Moscheen dienten nicht der Integration, sondern seien „Keimzellen einer Gegengesellschaft“. Muslime müss

Tankred     16.10.09 21:07

@Christine
"Blicken die Wissenschaftler hinter die Suren und ihre Bedeutung, und wäre es ihre Aufgabe, Gläubigen eine moderate Auslegung nahe zu legen, falls es diese gibt?"

Es steht leider zu befürchten, dass solches zu versuchen schnell den wissenschaftlichen Kopf kosten würde.

Christine     16.10.09 09:08

Das ist das Tragische, Nachtkrokodil, dass der Mensch sich an alles gewöhnt (es gibt solche, die den Frauen unterstellen, die Burka freiwillig zu tragen.. als ob es nicht den unsäglichen Zwang der Gewohnheit gäbe, der Scheussliches normal erscheinen lässt). Das Schöne wird sein, dass sich dannzumal das, woran sich Generationen werden gewöhnt haben müssen, normal und richtig erscheint, man also nicht mehr leiden wird. Doch bis dahin wird man leiden. Danach höchstens noch ein bisschen unter dem Glaubenszwang und seiner religiösen Rituale und der Angst vor religiös bedingter Strafe, der man jedoch entgehen kann, wenn man nicht mehr "sündigt". Es wird dann den einigen vorbehalten bleiben, die sich der Gewöhnung haben entziehen können, anzuprangern und Aufklärung zu betreiben.

Nachtkrokodil     15.10.09 23:49

Ich lebe in einem Land mit Scharia, alles kein Spass. Bin nicht islamophob, verdiene mein Geld hier. Aber mit Sicherheit will ich keine Zustaende wie hier jemals in der Schweiz sehen. Das Geschrei vom Muezzin, daran gewoehnt man sich mit der Zeit wie an die Kirchenglocken, aber die allgegenwaertige Intoleranz, Rassismus, Arroganz und Heuchelei ist fast unertraeglich.

Christine     15.10.09 22:38

Womit genau beschäftigt sich ein Islamwissenschaftler? Ist das Studieren des Koran überhaupt eine Wissenschaft? Ist es eine nutzlose Pseudowissenschaft? Blicken die Wissenschaftler hinter die Suren und ihre Bedeutung, und wäre es ihre Aufgabe, Gläubigen eine moderate Auslegung nahe zu legen, falls es diese gibt? Ist der Gläubige zu dumm zu wissen, woran er glaubt, wenn er den Koran liest, ohne dass er ihn erklärt bekommt?

Tatsächlich sind solche Schriften erschreckend, wenn sie wortwörtlich ausgelegt werden und den Gläubigen keine relativierende Auslegung (Modernisierung des Islam) erlaubt ist.

@Tankred. Näme mich Wunder, wer ;-). Der Anwurf "Islamophob" ist an sich ein Schrei der Verzweiflung, der gleichbedeutend ist mit "hört endlich auf mit

Tankred     15.10.09 21:13

Allah und die Fauen
Koran, Sure 4:34. "Die Männer stehen den Frauen in Verantwortung vor, weil Allah die einen vor den anderen ausgezeichnet hat und weil sie von ihrem Vermögen hingeben. Darum sind tugendhafte Frauen die Gehorsamen und diejenigen, die (ihrer Gatten) Geheimnisse mit Allahs Hilfe wahren. Und jene, deren Widerspenstigkeit ihr befürchtet: ermahnt sie, meidet sie im Ehebett und schlagt sie! Wenn sie euch dann gehorchen, so sucht gegen sie keine Ausrede. Wahrlich, Allah ist Erhaben und Groß. "

Der zweitletzte Satz ist grandios: Er unterbindet jegliche Reue im Ansatz. Das ist Islam in Reinstkultur. Genau auf sowas können wir hier gerne verzichten. Da bin ich lieber Islamophob

@Christine
"Wer hier würde es wagen, A. Schwar

Christine     15.10.09 15:01

Aus welchem Grund sollte sie ihre Aussagen nicht so meinen, wie sie sie geäussert hat?

http://www.faz.net/s/RubCF3AEB154CE64960822FA5429A182360/Doc~EC571BB6580C0428A9398E65F500827BA~ATpl~Ecommon~Sspezial.html

Sie wird sich wie Bassam Tibi nicht derart kritisch äussern und den Zorn der muslimischen Welt auf sich ziehen, nur um der westlichen Welt zu gefallen. Nein, das ist Kritik an der Sache. Sie ist selber beschnitten, und egal in welchen Angelegenheiten sie sich (vielleicht zurecht) Kritik gefallen lassen muss: Zu ihrer Kritik am Islam ist sie weitaus mehr berechtigt als

Bleiker494     15.10.09 14:16

Ayaan Hirsi Ali

Das ist doch die widerwärtige Person, welche sich mit Lügen und Gaunereien in der Niederlande breit gemacht hat, über Frauenbeschneidung in der dritten Welt der ganzen Welt Märchen auftischt und sich als UNO-Botschaftern gegen Beschneidung eingeschlichen hat, obwohl sie die Kastration von Männern propagiert!

Welche "Glaubwürdigkeit" bitte soll denn dieser Person abgesprochen werden (können)?

Christine     15.10.09 13:15

Mit solchen Begründungen, wie Du sie hier aufführst, Bleiker494, wird ja z.B. auch versucht, Necla Kelek oder Ayaan Hirsi Ali in eine Ecke zu rücken, wo versucht wird, ihnen die Glaubwürdigkeit abzusprechen, wenn sie sich gegen den Islam und die Unterdrückung der Frauen aussprechen.

http://de.wikipedia.org/wiki/Ayaan_Hirsi_Ali
http://de.wikipedia.org/wiki/Necla_Kelek

Ich wüsste nicht, weshalb A. Schwarzer sich nicht wie alle anderen äussern dürfte.

Bleiker494     15.10.09 12:39

Alice Schwarzer hier einen Beitrag schreiben zu lassen, ist ein böser Missgriff der ansonsten von mir so hoch geschätzten Weltwoche!

Da wäre mal zum Einen festzuhalten, dass die feministische Ideologie so ziemlich für alles steht, was der Weltwoche und ihren meisten Lesern zuwider ist: Staatsdirigismus, Sozialismus, Männerhass und Antiliberalismus! Glaubt die Weltwoche wirklich, sie würde dem Liberalismus, der Marktwirtschaft und der freien Selbstbestimmung der Bürger einen gefallen tun, wenn sie Vertretern der Staatsgängelung bis ins Privateste eine Bühne zur Verfügung stellt?

Zum Andern ist gerade der Hinweis auf den in der westlichen Welt grassierenden Feminismus ein wichtiger Trumpf in den Händen der Mullahs. Wer kann es Menschen aus anderen Kulturkreisen

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