Das Kreuz mit dem Halbmond

Die Zahl der Muslime in der Schweiz nimmt rasant zu, brennende Fragen bleiben tabuisiert. Wie steht es mit ihrem Willen und der Fähigkeit, sich zu integrieren? Ist der Islam mit Rechtsstaat und Demokratie vereinbar?

Von Andreas Kunz, Philipp Gut, Urs Gehriger, Peter Keller und Pierre Heumann

Protest gegen Mohammed-Karikaturen: Muslime am 11. Februar 2006 vor dem Bundeshaus in Bern. Bild: Yoshiko Kusano (Keystone)

Die Wogen gehen hoch. Seitdem letzte Woche mehrere Schweizer Städte ein Plakat der Minarett-Initiative verboten haben (Weltwoche 41/09), werden erregte Debatten über die neue staatliche Zensur und den Umgang mit dem Islam geführt. Mit einem einzigen Plakat haben es die Initianten geschafft, das Thema zuoberst auf die politische Agenda zu setzen. Die Beachtung ist hoch, Medien rund um den Globus berichten. Bereits sind aus dem arabischen Raum erste Drohungen an die Adresse der Schweiz eingegangen.

Die Frage, ob Minarette in der Schweiz verboten werden sollen, steht im Grunde für eine weit wichtigere Diskussion.

Es geht erst in zweiter Linie um bauliche Probleme, im Kern wird ein wachsendes Unbehagen sichtbar gegenüber den Muslimen in der Schweiz. Es stellt sich die Frage, ob die europäischen Trends auch in unser Land hineinreichen. Beobachten wir eine Radikalisierung der islamischen Szene? Verbirgt sich hinter dem Wunsch nach Minaretten eine politische Eroberungsstrategie? Ganz grundsätzlich: Welche Aussagen lassen sich über die Schweizer Muslime treffen und die Leute, die sie in der Öffentlichkeit vertreten? Und schliesslich: Wie reagiert die offizielle Schweiz?

Zunächst: Es fällt schwer, qualitative Aussagen über die muslimische Bevölkerung in der Schweiz zu machen. Die Muslime selber halten sich bedeckt. Amtliche Stellen sind sehr vorsichtig. Es fällt auf, dass der Diskurs über Muslime in der Schweiz ähnlich verquält verläuft wie die jüngst angelaufene Minarett- Debatte. Aus Angst, die Muslime allenfalls zu ärgern oder zu irritieren, schweigen Insider und Betroffene lieber.

1. Die Zahlen

           Die Zahl der Muslime in der Schweiz ist in den letzten vierzig Jahren rasant gestiegen: Von lediglich 16 000 (1970) auf heute rund 320 000. Damit hat sich ihr Anteil an der Wohnbevölkerung von 0,26 auf 4,3 Prozent erhöht. Auffallend ist nicht nur das extrem rasche Wachstum, sondern auch der hohe Anteil der Jungen. Rund die Hälfte der Muslime, die zwischen Genf und St. Gallen leben, ist unter 25 Jahre alt. Die Muslime sind «zu einer neuen Komponente in der schweizerischen Kulturlandschaft» geworden, heisst es in einem Bericht der Eidgenössischen Ausländerkommission (EKA).

Die Einwanderung erfolgte in mehreren Schüben. Die ersten Muslime kamen, als die Schweiz Ende der sechziger Jahre dringend Arbeitskräfte benötigte. Türkische Staatsangehörige machten den Anfang, bald kamen auch Jugoslawen. Sie hatten ursprünglich vor, Geld zu verdienen und dann rasch wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Die ersten muslimischen Immigranten verhielten sich völlig unauffällig: «Ihre Kultur und religiösen Praktiken blieben fast ausschliesslich auf den Privatbereich beschränkt», schreibt die EKA. Das änderte sich, als die Schweiz in den siebziger Jahren den Familiennachzug bewilligte. Damit wurde die muslimische Präsenz in der Schweiz dauerhaft, zumal sich mittlerweile auch politische Flüchtlinge niedergelassen hatten: aus Bosnien, dem Kosovo, Nordafrika und Ländern südlich der Sahara.

Fast 90 Prozent der Schweizer Muslime stammen aus Ex-Jugoslawien und der Türkei. Sie leben grösstenteils in städtischen Regionen. Dort haben sie ein dichtes Vereinsnetz aufgebaut. Insgesamt gibt es rund 50 muslimische Vereine, zudem 130 Kulturzentren und Gebetsstätten. Der grösste Teil der Muslime ist, wie die Christen, religiös nicht sehr aktiv. Auf etwa dreissig Prozent schätzen Fachleute die Anzahl praktizierender Muslime, auf etwa zehn Prozent die Zahl der regelmässigen Moscheebesucher. Stärker auf ihre religiösen Wurzeln besinnen sich die Muslime allerdings – ähnlich wie die Christen während der Weihnachtszeit – im Fastenmonat Ramadan.

Integrationshürden

Qualitative Aussagen sind weit schwieriger zu machen. Wie denken, wie verhalten sich die Schweizer Muslime? Die meisten leben eher zurückgezogen in kleinen Gruppen – eigentliche Gettos wie in London oder Berlin gibt es in der Schweiz höchstens in Basel (Quartier Kleinbasel) oder in den Vororten grösserer Städte. In die Öffentlichkeit traten Muslime in den vergangenen Jahren vor allem bei Debatten um muslimische Friedhöfe oder bei schulischen Forderungen wie der Befreiung vom Schwimmunterricht. Obwohl das Bundesgericht 2008 muslimischen Eltern verbot, ihre Kinder vom Schwimmunterricht fernzuhalten, steht es den Kantonen weiterhin frei, ob sie Schwimm-Dispensationen für muslimische Kinder gewähren wollen. Sorge macht den Schulbehörden allerdings nicht das Fernbleiben vom Schwimmen, sondern die damit verbundene Ausgrenzung der Kinder, die eine Integration zusätzlich erschwert. Besonders Mädchen fehlen auf Anordnung der Eltern regelmässig an Schulanlässen oder müssen selbst im Sportunterricht ein Kopftuch tragen, während die Knaben vom Elternhaus eher verwöhnt werden, wie es unter Lehrern heisst. Interessant ist, dass Schüler aus islamischen Kulturen verglichen mit anderen Migrationsgruppen schlechtere Leistungen erzielen, da sie mehrheitlich der sozialen Unterschicht angehören. Das lässt darauf schliessen, dass die Integration über Leistung und Wettbewerb in der Schweiz eher zäh verläuft.

 

Frauen unter der Knute

Die Stellung der Frau in muslimischen Gemeinschaften der Schweiz folgt den bekannten patriarchalischen Mustern. Auch hier gilt: Jungfräulichkeit vor der Ehe ist das oberste Gebot. Wer es missachtet, läuft Gefahr, diskriminiert oder mit dem Tod bedroht zu werden. Laut einer Untersuchung der Stiftung Surgir aus dem Jahre 2006 sind in der Schweiz «tausende Frauen» Opfer einer Zwangsheirat und leben häufig in unglücklichen Beziehungen, die mit häuslicher Gewalt einhergehen. Den Ausländerämtern liegen immer wieder Hinweise auf Zwang und Misshandlung vor, aber solange die betroffenen Frauen keine Anzeige erstatten und gedrängt werden, den Konflikt innerhalb der Familie zu lösen, gelangen nur die drastischsten Fälle an die Öffentlichkeit.

Beratungsstellen wie «zwangsheirat.ch» verzeichnen eine zunehmende Zahl an Hilfesuchenden. «Mit der Diskussion über das Thema fällt auch die Hemmschwelle für die Betroffenen», sagt Sprecherin Anusooya Sivaganesan. Besonders häufig seien sogenannte Ferienverheiratungen, die während Reisen in die Heimatländer erfolgen. Eine Integration der Frauen wird mit einem Partner, der kein Wort Deutsch spricht, aber sofort die Rolle des Familienoberhaupts übernimmt, weiter erschwert.

Verlässt eine muslimische Frau ihren Mann, geht sie fremd (oder wird auch nur des Fremdgehens verdächtigt), wird sie von ihrer Umgebung als Hure betrachtet. Selber schuld ist die Frau auch, wenn sie vergewaltigt wird oder sich ein «unpassender Mann» in sie verliebt. Innerhalb der Familien werden solche Frauen physisch und psychisch massiv unter Druck gesetzt und gelegentlich sogar mit dem Tod, einem «Ehrenmord», bedroht.

Anders als Deutschland oder Grossbritannien erfasst die Schweiz die Anzahl solcher Morde nicht. In die Medien gelangen jährlich vielleicht zwei bis vier Fälle. Fachleute befürchten allerdings eine hohe Dunkelziffer.

Für Aufsehen sorgte im Juli 2005 ein 26-jähriger Pakistaner, der seine Frau mit einem Hammer erschlug und zu 18 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Der Mann war einige Tage vor der Hochzeit in die Schweiz gereist, seine Ehefrau – die gleichzeitig seine Cousine war – lebte bereits seit ihrem dritten Lebensjahr im Tessin und hatte sich gut integriert. Sie machte eine Ausbildung als Verkäuferin und wollte nach der von den Eltern arrangierten Heirat weiter arbeiten und ein unabhängiges Leben führen. Der Ehemann verbot es, sie verlangte die Scheidung. Darauf erschlug er sie im Schlaf mit einem 1,5 Kilogramm schweren Hammer. «Sie folgte meinen Verboten nicht, las den Koran nicht, kochte und putzte nicht und liess es mir gegenüber an Respekt fehlen», sagte der Pakistaner vor Gericht.

2007 erstach ein 22-jähriger Türke einen Kollegen mit einem Messer. Der Grund: Das Opfer hatte zuvor in einer Disco eng mit einem Mädchen getanzt und es dabei an der Hüfte berührt. Darauf stellte ihn die türkische Clique auf dem Parkplatz zur Rede; «ungebührlich» und «anstössig» nannten sie sein Verhalten. Am nächsten Tag wurde er mit mehreren Stichen lebensgefährlich verletzt.

Wie stehen Muslime zu dieser rückständigen und brutalen Praxis ihres Kulturkreises? In Deutschland halten laut einer Umfrage dreissig Prozent aller türkischen Studenten Ehrenmorde für legitim. Zahlen für die Schweiz gibt es keine.

Gewalt gegen Abtrünnige

Bedroht werden überdies Muslime, die sich von ihrem Glauben losgesagt haben, auch in der Schweiz. Zum Beispiel die 19 Mitglieder des Schweizer Ablegers des Zentralrats der Ex-Muslime. Sie fühlen sich von den Islamverbänden nicht vertreten und beklagen, dass religiöse Eiferer in Europa immer mehr Einfluss gewinnen. «Wir sind geflüchtet, um hier ein freies Leben führen zu können, und jetzt werden wir von der gleichen Entwicklung bedroht», sagte die Gründerin Mina Ahdi bei der Präsentation des Vereins im vergangenen Frühling. Sie fordert sogar einen Baustopp für Moscheen, da diese «Stätten der Desintegra- tion» seien, wo «antiwestliche und antiemanzipatorische Gesinnung» verbreitet würden.

Den Moscheen in der Schweiz stehen schätzungsweise rund 150 Imame zur Verfügung. Sie stammen aus der Türkei, Albanien, Bosnien, Ägypten, Marokko oder dem Iran – und die wenigsten sind mit der Schweizer Kultur und Sprache vertraut. Was sie predigen und wofür sie stehen, ist unbekannt; sie publizieren ihre Reden weder in Büchern noch im Internet. In Österreich sorgte Anfang Jahr eine Studie für Aufregung, in der 210 islamische Religionslehrer ihre Ansichten kundtaten. Über zwanzig Prozent waren der Meinung, dass die Demokratie mit ihrem Glauben nicht vereinbar sei. Gar ein Drittel glaubte, dass ein Muslim nicht zugleich Europäer sein könne. Über 18 Prozent äusserten Verständnis, wenn vom Islam abgefallene Muslime mit dem Tod bestraft werden. 8,5 Prozent fanden es nicht abwegig, wenn zur Verbreitung des Islam Gewalt angewendet wurde.

Terrordrohungen gegen die Schweiz

In der Schweiz gibt es Tausende Muslime, die seit langem hier leben, kein oder kaum Deutsch sprechen, strenggläubig sind und ihre Kinder religiös erziehen. Eine Radikalisierung durchlaufen allerdings, wie im Ausland, eher Muslime der zweiten und dritten Einwanderergeneration – oder aber konvertierte Schweizer.

In der jüngeren Vergangenheit habe es keine konkreten Hinweise auf Anschlagspläne in der Schweiz gegeben, schreibt das Bundesamt für Polizei im aktuellen Bericht zur Inneren Sicherheit Schweiz (BISS) für das Jahr 2008. Allerdings gebe es in der Schweiz nicht bloss propagandistisches und logistisches, sondern auch ein «operatives Potenzial», wie Verbindungen etwa zum Umfeld der in Deutschland ausgehobenen Sauerland-Zelle belegen.

Schlagzeilen gemacht haben in den letzten Jahren Extremisten, die im Internet gegen die Schweiz hetzten. 2005 verbreitete der ägyptische Polizeioberst Mohammed al-Ghanam, der als politischer Flüchtling Asyl erhalten hatte, auf mehreren dem Terrornetzwerk al-Qaida nahestehenden Webseiten Drohungen gegen die Schweiz, welche er als «den verachtenswertesten unter den Feinden des Islam» bezeichnete. Letztes Jahr verbreitete ein in der Schweiz lebender Tunesier einen dreiseitigen Text mit dem Titel «Botschaft an die Völker der Bundesschweiz» in mehreren dschihadistischen Internetforen. Darin wurden die Schweizer Bevölkerung, ihre Regierung und Sicherheitsbehörden aufgerufen, sich dem Islam «unterzuordnen».

Im Juni 2007 wurde ein tunesisch-marokkanisches Ehepaar verurteilt, das im Internet Propaganda für Terror und Gewalt verbreitet hatte. Die beiden ermöglichten terroristischen Organisationen und Exponenten aus dem Umfeld der Qaida die Verbreitung von Drohbotschaften und Bekennerschreiben nach Attentaten und Geiselnahmen.

Insbesondere im Bereich Internet-Terrorismus offenbaren sich bei der Observierung und Fahndung bemerkenswerte Lücken. So hatte die Weltwoche 2005 einen Fall von zwei Nord-afrikanern aufgedeckt, die über eine längere Zeitspanne den Zentralrechner der Universität Genf missbraucht hatten, um dschihadistische Propaganda im Internet zu verbreiten. Weder die Genfer noch die Bundesbehörden hatten von dem Fall Kenntnis.

Aufgrund der Recherchen kam es zur Verhaftung und 2008 zur Verurteilung des Algeriers und des Marokkaners durch ein Genfer Gericht. In zahlreichen Ländern diente in jüngster Vergangenheit Kritik am Islam als Anschlagsmotiv. Prominentes Beispiel waren die gewalttätigen Reaktionen auf die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen in dänischen Medien. «Auch die Minarett-Initiative wird in einigen Kreisen als antiislamisch empfunden und könnte islamistischen Gewaltextremisten zur Legitimation und Motivation für einen terroristischen Anschlag dienen», schreibt das Bundesamt für Polizei im «Bericht Innere Sicherheit».

Bei den bekannten Fällen von propagandistischer und logistischer Terrortätigkeit traten Islamisten nordafrikanischer Provenienz am prominentesten in Erscheinung. So auch im aktuellsten Fall eines 32-jährigen Franzosen algerischer Abstammung, den die französi-sche Polizei am letzten Donnerstag verhaftet hat. Laut Behörden soll er übers Internet Kontakt zu Personen gehabt haben, die der nord-afrikanischen Qaida nahestehen. In E-Mails seien vage gehaltene Pläne für Terroranschläge in Frankreich erörtert worden.

Der Verhaftete hatte seit 2006 einen Studienauftrag des Schweizerischen Nationalfonds. Diesen erfüllte er hauptsächlich in Genf am Cern und an der ETH Lausanne, wo er expe- rimentelle Physik unterrichtete. Der Fall beschäftigte auch den Schweizer Inlandgeheimdienst. «Sie können davon aus- gehen, dass der Dienst für Analyse und Prävention im Rahmen der gestellten Aufgaben ein Auge auf die Geschichte gehabt hat und aktiv gewesen ist», sagte Sebastian Hueber, Sprecher des VBS.

Aufgrund der grossen Diaspora-Gemeinschaft aus dem Balkan ist für die Schweizer Behörden der Islamismus mit südosteuropäi-schem Hintergrund von Bedeutung. Auch in der Schweiz lebe ein Personenkreis aus dieser Region, welcher der salafistischen Bewegung vom Westbalkan zuzurechnen sei, hält der Sicherheitsbericht fest. Einzelne Aktivisten sind in der Schweiz bereits mit radikalen Äusserungen oder Aufrufen zum Dschihad in Erscheinung getreten.

2. Die geistigen Führer

In Fernsehen, Radio und Zeitungen tauchen immer wieder dieselben Köpfe auf. Die mächtigsten Muslime sind Hisham Maizar (siehe Interview S. 36), Präsident der Föderation Islamischer Dachorganisationen in der Schweiz (FIDS), und Farhad Afshar, Präsident der Koordination Islamischer Organisationen Schweiz (KIOS). Der eine ist gebürtiger Palästinenser und Arzt aus dem Thurgau, der andere stammt ursprünglich aus dem Iran und lehrt Soziologie in Bern.

Beide sitzen im Schweizer Rat der Religio-nen, den die NZZ als «Männerrat» kritisiert hat. Sie mögen sich gegenseitig nicht, aber in den entscheidenden Punkten vertreten sie ähnliche Ansichten. Zur Frage, ob in der Schweiz Scharia-Gerichte eingeführt werden sollen, sagte Afshar der NZZ, die staatliche Ordnung breche «nicht zusammen, wenn unterschiedliche Rechtssysteme parallel bestehen». Die Schweiz werde nicht darum herumkommen, Sonderrechte für die Muslime einzuführen.

Auch Hisham Maizar hat sich öffentlich zur Einführung der Scharia in der Schweiz bekannt. Allerdings halte er eine Diskussion zum jetzigen Zeitpunkt für «nicht opportun», wie er der NZZ erklärte: «Wir haben schon die Debatten um Terrorismus, Schwimmunterricht, die Minarette — da können wir nicht noch einen Streitpunkt gebrauchen.» Mittelfristig, da bestehen für Maizar keine Zweifel, müssen die Scharia-Gerichte kommen. Nur soll man derzeit aus taktischen Gründen nicht darüber reden.

Mit Fatih Dursun, Vorstandsmitglied der Vereinigung der Islamischen Organisationen in Zürich (VIOZ), rüttelt ein weiterer offizieller Islam-Vertreter an der Schweizer Rechtsordnung. Laut Tages-Anzeiger bekundet Dursun «grosse Sympathien» für Vorstösse zur Einführung der Scharia in der Schweiz. Das hiesige Rechtssystem müsse «flexibel» gestaltet werden, fordert der türkisch-schweizerische Doppelbürger, der die Muslime in der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) vertritt. Schon vor Jahren liess sich Dursun in der NZZ am Sonntag mit dem Satz zitieren: «Verzichtet eine Frau auf das Kopftuch, wäre dies eine Sünde, für die sie sich vor Allah rechtfertigen müsste.»

Was ist von solchen Ideen der obersten islamischen Repräsentanten zu halten? Die aus Jemen stammende Politologin Elham Manea sprach im Tages-Anzeiger Klartext: «Allein die Forderung nach einem Schwimmdispens für Mädchen ist eine grobe Diskriminierung. Und wie stark kämen die Frauen erst unter die Räder, wenn für sie nicht mehr der Schweizer Rechtsstaat gelten sollte, sondern die patriarchale Wertordnung konservativer Muslime.»

Der diskrete Charme der Steinigung

Tatsächlich erstaunt es, welche Positionen die offiziellen Vertreter der islamischen Verbände zu zentralen Fragen der Menschenrechte einnehmen, ohne dass darüber eine wirkliche Debatte in Gang gekommen wäre. Selbst beim Thema Steinigung konnte sich Farhad Afshar in einem Interview, das die Weltwoche vor vier Jahren mit ihm führte, nicht zu einer klaren Aussage durchringen. «Es ist absurd, sich von der Scharia distanzieren zu wollen», meinte Afshar.

Noch weiter gingen Hani und Tariq Ramadan, das berühmte Brüderpaar aus Genf. Hani Ramadan, Direktor des Islamischen Zentrums, hatte die Steinigung von Ehebrechern gerechtfertigt. Daraus wurde eine regelrechte Affäre: Ramadan wurde aus dem Schuldienst entlassen und erhielt schliesslich vom Kanton insgesamt 1,2 Millionen Franken. Sein Bruder Tariq, einer der international bekanntesten islamischen Gelehrten und Publizisten, in Frankreich als TV-Star gefeiert, legte kürzlich nach: Er schlug lediglich ein «Moratorium» für Steinigungen vor.

3. Die Kapitulationen der Schweiz

Ist eine Glaubensgemeinschaft mit solchen Ansichten überhaupt integrierbar? Wie verhält sich die Schweiz gegenüber einer Kultur, die jahrhundertealte Traditionen über den Rechtsstaat stellt? Die «Lust am Einknicken» (Henryk M. Broder) gegenüber islamischen Wünschen, Forderungen und Drohungen ist gross. Der katholische TV-Pfarrer Thomas Joller verlangte unlängst ein muslimisches Pendant zum «Wort zum Sonntag»: «Reli- giöse Minderheiten wie die Muslime in der Schweiz haben bislang keine Plattform im Fernsehen. Das muss sich ändern.»

Der Kirchenhistoriker und CVP-Politiker Professor Markus Ries schlug 2008 vor, dass katholische Feiertage an andere Religionen abgetreten werden sollten: «Warum beispielsweise nicht zwei freie Tage für die beiden höchsten Feiertage der Muslime?» Im Kanton Luzern will der Regierungsrat den Islam allen anderen Landeskirchen gleichstellen, womit auch das Recht auf Kirchensteuern verbunden wäre.

Unter Druck geraten zunehmend auch die Schulen, die sich mit einer rapide steigenden Zahl muslimischer Kinder auseinandersetzen müssen. In städtischen Gebieten wird Weihnachten, wenn überhaupt, nur noch als religionsneutrales Fest begangen. 2006 erklärte Beat W. Zemp, Präsident des Schweizer Lehrerverbandes, gegen-über dem Blick: «Adventskränze und Weihnachtsbäume haben im Klassenzimmer nichts zu suchen. Das gehört in die Familie.»

Noch weiter reicht die schleichende Anpassung der schweizerischen Rechtsordnung an die islamische — wie im geplanten Strafrechtsartikel zur «Verstümmelung weiblicher Genitalien». Unter Artikel 122a soll künftig stehen: «Ist die verletzte Person volljährig und hat sie in den Eingriff eingewilligt, so ist dieser straflos.» Damit würden nicht nur Intim-Piercings erlaubt, sondern faktisch auch die Klitoris-Beschneidung. Martin Killias, Strafrechtsprofessor an der Universität Zürich, hält diese neue Regelung für schockierend, weil damit die Praxis der sexuellen Verstümmelung legalisiert würde. Die Schweiz stünde mit dieser Liberalisierung europaweit allein da. «Es ist absehbar, dass die neue Regelung einen regen Genitalverstümmelungs-Tourismus auslösen wird», sagte er der Zeitung Sonntag.

Für Aufsehen sorgte 2006 die Asylrekurskommission, als sie einem anerkannten Flüchtling den Nachzug seiner Frau in die Schweiz erlaubte. Auf den ersten Blick ein Routinefall. Doch die Ehe wurde gemäss Scharia-Recht stellvertretend zwischen dem Vater des Flüchtlings und der Braut in deren Heimatland geschlossen. Der frischgebackene Ehemann, der sich noch in Ägypten mit dem damals 12-jährigen Mädchen verlobt hatte, pochte bei seinem Gesuch um Familienzusammenführung auf sein «völkerrechtlich geschütztes Eheleben». Die drei Richter, den Vorsitz hatte eine Juristin mit SP-Parteibuch, gaben dem Gesuch statt und erklärten, «das schweizerische Recht kann keine wie auch immer geartete Überlegenheit anderen Rechtsordnungen gegenüber beanspruchen». Womit die Asylrekurskommission faktisch eine in Ägypten geschlossene Stellvertreter-Ehe nach Scharia-Recht legitimierte.


Ein «anerkanntes Erziehungsmittel»

2008 erlaubte das Bundesgericht die Rückkehr eines 48-jährigen Türken in die Schweiz. Das St. Galler Ausländeramt und das Verwaltungsgericht hatten dem Mann zehn Jahre Landesverweis aufgebrummt. Seine Tochter hatte ihn angezeigt, da er sie 2006 mit einem Landsmann in der Türkei verheiraten wollte. Darauf flüchtete die junge Türkin auf einen Polizeiposten in St. Gallen und klagte ihre Eltern wegen Drohung und Nötigung ein. Vater und Ehemann hätten sie mit dem Tod bedroht. Die Bundesrichter stiessen das Urteil der St. Galler Behörden um.

Christian Giordano, Professor für Sozialanthropologie in Freiburg, will islamische Rechtsvorstellungen noch wesentlich stärker in der Schweizer Justiz verankern. 2008 forderte er in der Zeitschrift der Eidgenössischen Kommission gegen Rassismus (EKR) die Anerkennung von Scharia-Gerichten, etwa in Zivilprozessen, aber auch bei Delikten bis zur Körperverletzung. Giordano rechtfertigt seine Vorschläge damit, dass die kulturelle Distanz zu gross sei: «So sehr sich diese Migranten auch assimilieren, es bleibt immer eine Differenz bestehen. Auch zu unserem Rechtssystem.» Um diese Differenz zu beheben, solle künftig je nach Herkunft, Ethnie oder Religion anderes Recht gelten. Damit würde die Schweizer Rechtsordnung degradiert und teilweise ausser Kraft gesetzt.

Die gleiche Rassismuskommission, die kürzlich das Minarett-Plakat als «Geschlechter diskriminierend und rassistisch» verurteilt hatte, veröffentlichte in einem Artikel ihrer Zeitschrift auch Empfehlungen für muslimische Frauen und Kinder, die von den Familienoberhäuptern geschlagen werden. «Den Frauen wird am ehesten geholfen, wenn sie ihre Strategien, mit dem Geschlagenwerden umzugehen, anwenden können (z. B. Frauen ähnlicher Herkunft um sich haben, die ihre Erfahrungen teilen können).» Und an die Adresse der Kinder: «Schläge sind in muslimischen Familien ein anerkanntes Erziehungsmittel.» Blieben die Geschlagenen «fröhlich», seien Interventionen «nicht nötig».

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