Die Verdrängungsleistung beeindruckt. Le Corbusier, der grosse Schweizer Architekt und Designer, gilt weltweit als Lichtgestalt, seine Möbel sind Klassiker, seine Bauten Ikonen der Moderne. Doch neben Glanz und Ruhm gibt es in seinem Leben auch dunkle Seiten, die allerdings kaum beachtet werden. Der Schweizer, der 1930 die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, diente sich im Zweiten Weltkrieg dem Vichy-Regime an, das mit den Nazis kollaborierte. Le Corbusier wurde offizieller Mitarbeiter im Rumpfstaat von des Führers Gnaden. Mehr noch: Er bewunderte Hitler und verachtete die Juden (Weltwoche 40/09).
Am selben Tag, an dem Vichys Führer Marschall Henri Pétain die «Kollaboration» mit dem Dritten Reich ausgerufen hatte, schrieb Le Corbusier seiner Mutter einen hoffnungsvollen Brief. «Wenn es ihm mit seinen Ankündigungen ernst ist», heisst es im Schreiben vom 31. Oktober 1940, «kann Hitler sein Leben mit einem grossartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas.» Über die Juden schrieb Le Corbusier, «dass ihr blinder Durst nach Geld das Land korrumpiert hat». Der Antisemitismus ist eine Art Konstante in Le Corbusiers Biografie. Schon als junger, aufstrebender Künstler hatte er in Bezug auf seine Heimatstadt La Chaux-de-Fonds geschrieben: «Der kleine Jude wird sicher eines Tages bezwungen werden. Ich sage ‹kleiner Jude›, denn hier kommandieren sie herum, schlagen Krach und plustern sich auf, und ihre Väter haben praktisch die gesamte ortsansässige Industrie geschluckt.»
Es überrascht: Obwohl die historischen Fakten auf dem Tisch liegen, ist bis heute keine wirkliche Diskussion über Le Corbusiers politische Verstrickungen in Gang gekommen.
Gebaute Apartheid
Im Gegenteil: Der grosse Architekt ziert die Schweizer Zehnernote, eine Art offizielle Würdigung als herausragende Persönlichkeit des Landes. Das scheint, aus zwei Gründen, eher merkwürdig. Der erste entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Der Geehrte leugnete in einem Lebenslauf zuhanden des Vichy-Regimes seine Schweizer Herkunft, weil er glaubte, dass sie ihn an einer Karriere im Nazi-freundlichen Staat hindern könnte. Die Schweiz belächelte er, weil sie ihm mit ihren demokratischen Gepflogenheiten ungeeignet schien für seine urbanistischen Grossprojekte.
Zweitens stellt sich die Frage: War es wirklich ein durchdachter und richtiger Entscheid, einen rabiaten Antisemiten, Kollaborateur und Hitler-Bewunderer derart auszuzeichnen und zu ehren?
Der Verantwortung für die Wahl lag bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die aber auf eine Gruppe von Experten zurückgriff, mehrheitlich Professoren. Sie schlugen Le Corbusier vor, offenbar ohne die geringsten Bedenken und womöglich auch ohne Kenntnis des historischen Sachverhalts.
Jedenfalls fehlt in einem biografischen Abriss auf den Internetseiten der Nationalbank jeder Hinweis auf die Jahre, die Le Corbusier in Vichy verbrachte. Kein Wort davon, dass er im Kollaborations-Regime verschiedene Funktionen bekleidete. Kein Hinweis auch darauf, dass er für Stalin in Moskau baute, dass er Mussolini seine Dienste antrug. Darunter einen Plan für Addis Abeba, das er, auf der Grundlage einer strengen städtebaulichen Apartheid, zum repräsentativen Machtzentrum Italienisch-Ostafrikas ausbauen wollte.
Dass die problematischen Seiten Le Corbusiers so wenig diskutiert, ja grössteneils ausgeblendet und verdrängt werden, überrascht umso mehr, als es bei der Einführung der aktuellen Notenserie zu einer Debatte um eine andere Persönlichkeit kam: um Jacob Burckhardt, den originellen Basler Kulturhistoriker des 19. Jahrhunderts. Im Juni 1998 reichte der damalige Genfer SP-Nationalrat und heutige Uno-Funktionär Jean Ziegler eine Interpellation ein, in der er, unterstützt von prominenten Kollegen wie Regine Aeppli, Boris Banga, Franco Cavalli, Andrea Hämmerle oder Rudolf Strahm, vom Bundesrat wissen wollte, ob die neue Tausendernote «angesichts der antisemitischen Haltung von Jacob Burckhardt» nicht «sofort zurückgezogen werden» müsse.
In seiner Antwort beschied der Bundesrat, die Nationalbank sei dafür allein zuständig. Und diese wiederum verwies in einer Stellungnahme auf die «Empfehlung» der Expertengruppe. Eine «Würdigung des Gesamtwerkes» von Jacob Burckhardt dürfe nicht nur aus dem «Blickwinkel» des Antisemitismus erfolgen.
Das ist zweifellos richtig. Doch die Frage bleibt, und sie stellt sich bei Le Corbusier, der sich im Augenblick der Judenvernichtung antisemitisch äusserte und sogar Hitler bewunderte, in ungleich schärferer Form: Soll man solche Figuren auf Banknoten verewigen? Nicolas Haymoz, Sprecher der Nationalbank, sagt dazu bloss: «Zu Charakter und Vergangenheit von Le Corbusier geben wir keine Stellungnahme ab.»
In einem Kommentar zur Le-Corbusier-Titelgeschichte in der letzten Weltwoche schrieb das Architekturmagazin Hochparterre: «Wie kam es, dass im Bewusstsein der Öffentlichkeit Le Corbusier und seine Entourage ein Heldenbild aufbauen konnten, das bis heute so strahlenkräftig ist und all die dunklen Seiten ausklammert?»
Eine gute Frage, zu der man gern einmal Erhellendes von der Zunft erfahren würde. Jean Ziegler, der Anstösser der Debatte um Burckhardt, sagt heute: «In Architekturbüchern steht Le Corbusier als grosser Held da.» Der «Skandal» um seine Vergangenheit müsse endlich thematisiert werden.

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