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07.10.2009, Ausgabe 41/09

Schweiz

Kunst der Verdrängung

Der grosse Architekt Le Corbusier war ein Bewunderer Adolf Hitlers. Trotzdem ziert er die Schweizer Zehnernote. Eine kritische Diskussion findet nicht statt.

Von Philipp Gut

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Die Verdrängungsleistung beeindruckt. Le Corbusier, der grosse Schweizer Architekt und Designer, gilt weltweit als Lichtgestalt, seine Möbel sind Klassiker, seine Bauten Ikonen der Moderne. Doch neben Glanz und Ruhm gibt es in seinem Leben auch dunkle Seiten, die allerdings kaum beachtet werden. Der Schweizer, der 1930 die französische Staatsbürgerschaft angenommen hatte, diente sich im Zweiten Weltkrieg dem Vichy-Regime an, das mit den Nazis kollaborierte. Le Corbusier wurde offizieller Mitarbeiter im Rumpfstaat von des Führers Gnaden. Mehr noch: Er bewunderte Hitler und verachtete die Juden (Weltwoche 40/09).

Am selben Tag, an dem Vichys Führer Marschall Henri Pétain die «Kollaboration» mit dem Dritten Reich ausgerufen hatte, schrieb Le Corbusier seiner Mutter einen hoffnungsvollen Brief. «Wenn es ihm mit seinen Ankündigungen ernst ist», heisst es im Schreiben vom 31. Oktober 1940, «kann Hitler sein Leben mit einem grossartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas.» Über die Juden schrieb Le Corbusier, «dass ihr blinder Durst nach Geld das Land korrumpiert hat». Der Antisemitismus ist eine Art Konstante in Le Corbusiers Biografie. Schon als junger, aufstrebender Künstler hatte er in Bezug auf seine Heimatstadt La Chaux-de-Fonds geschrieben: «Der kleine Jude wird sicher eines Tages bezwungen werden. Ich sage ‹kleiner Jude›, denn hier kommandieren sie herum, schlagen Krach und plustern sich auf, und ihre Väter haben praktisch die gesamte ortsansässige Industrie geschluckt.»

Es überrascht: Obwohl die historischen Fakten auf dem Tisch liegen, ist bis heute keine wirkliche Diskussion über Le Corbusiers politische Verstrickungen in Gang gekommen.

Gebaute Apartheid

Im Gegenteil: Der grosse Architekt ziert die Schweizer Zehnernote, eine Art offizielle Würdigung als herausragende Persönlichkeit des Landes. Das scheint, aus zwei Gründen, eher merkwürdig. Der erste entbehrt nicht einer gewissen Ironie: Der Geehrte leugnete in einem Lebenslauf zuhanden des Vichy-Regimes seine Schweizer Herkunft, weil er glaubte, dass sie ihn an einer Karriere im Nazi-freundlichen Staat hindern könnte. Die Schweiz belächelte er, weil sie ihm mit ihren demokratischen Gepflogenheiten ungeeignet schien für seine urbanistischen Grossprojekte.

Zweitens stellt sich die Frage: War es wirklich ein durchdachter und richtiger Entscheid, einen rabiaten Antisemiten, Kollaborateur und Hitler-Bewunderer derart auszuzeichnen und zu ehren?

Der Verantwortung für die Wahl lag bei der Schweizerischen Nationalbank (SNB), die aber auf eine Gruppe von Experten zurückgriff, mehrheitlich Professoren. Sie schlugen Le Corbusier vor, offenbar ohne die geringsten Bedenken und womöglich auch ohne Kenntnis des historischen Sachverhalts.

Jedenfalls fehlt in einem biografischen Abriss auf den Internetseiten der Nationalbank jeder Hinweis auf die Jahre, die Le Corbusier in Vichy verbrachte. Kein Wort davon, dass er im Kollaborations-Regime verschiedene Funktio­nen bekleidete. Kein Hinweis auch darauf, dass er für Stalin in Moskau baute, dass er Mussolini seine Dienste antrug. Darunter einen Plan für Addis Abeba, das er, auf der Grundlage einer strengen städtebaulichen Apartheid, zum reprä­sentativen Machtzentrum Italienisch-Ostafrikas ausbauen wollte.

Dass die problematischen Seiten Le Corbusiers so wenig diskutiert, ja grössteneils ausgeblendet und verdrängt werden, überrascht umso mehr, als es bei der Einführung der aktuellen Notenserie zu einer Debatte um eine andere Persönlichkeit kam: um Jacob Burckhardt, den originellen Basler Kulturhistoriker des 19. Jahr­hunderts. Im Juni 1998 reichte der damalige Genfer SP-Nationalrat und heutige Uno-Funktionär Jean Ziegler eine Interpellation ein, in der er, unterstützt von prominenten Kollegen wie Regine Aeppli, Boris Banga, Franco Cavalli, Andrea Hämmerle oder Rudolf Strahm, vom Bundesrat wissen wollte, ob die neue Tausendernote «angesichts der antisemitischen Haltung von Jacob Burckhardt» nicht «sofort zurückgezogen werden» müsse.

In seiner Antwort beschied der Bundesrat, die Nationalbank sei dafür allein zuständig. Und diese wiederum verwies in einer Stellungnahme auf die «Empfehlung» der Expertengruppe. Eine «Würdigung des Gesamtwerkes» von Jacob Burckhardt dürfe nicht nur aus dem «Blickwinkel» des Antisemitismus erfolgen.

Das ist zweifellos richtig. Doch die Frage bleibt, und sie stellt sich bei Le Corbusier, der sich im Augenblick der Judenvernichtung anti­semitisch äusserte und sogar Hitler bewunder­te, in ungleich schärferer Form: Soll man solche Figuren auf Banknoten verewigen? Nicolas Hay­moz, Sprecher der Nationalbank, sagt dazu bloss: «Zu Charakter und Vergangenheit von Le Corbusier geben wir keine Stellungnahme ab.»

In einem Kommentar zur Le-Corbusier-Titel­geschichte in der letzten Weltwoche schrieb das Architekturmagazin Hochparterre: «Wie kam es, dass im Bewusstsein der Öffentlichkeit Le Corbusier und seine Entourage ein Heldenbild auf­bauen konnten, das bis heute so strahlenkräftig ist und all die dunklen Seiten ausklammert?»

Eine gute Frage, zu der man gern einmal Erhellendes von der Zunft erfahren würde. Jean Ziegler, der Anstösser der Debatte um Burckhardt, sagt heute: «In Architekturbüchern steht Le Corbusier als grosser Held da.» Der «Skandal» um seine Vergangenheit müsse endlich thematisiert werden. 

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 41/09
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Kommentare

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Pepperminta     12.10.09 16:47

Sehr lesenswert übrigens:
http://de.wikipedia.org/wiki/Antisemitismus_bis_1945

Aussprüche über "den Juden" von Geistesgrössen wie Fichte, Hegel, Pestalozzi und andern sind z. B. hier zu finden.

Pepperminta     12.10.09 16:10

Tja, etwas naiv, diese ganze Debatte ...

Antisemitische Äusserungen gehörten lange zum guten Ton, und bei manch einer Geistesgrösse des 19. oder 20. Jahrhunderts würde man sich die Augen reiben, wollte man nur einmal etwas danach förscheln. Im Nachhinein ist man halt immer klüger. Der Antisemitismus kann als "Verwissenschftlichung" des christlichen Antijudaismus

für nähere Informationen:
http://de.wikipedia.org/wiki/Judenfeindlichkeit

gelten, erfreute sich in ganz Europa einer grossen Akzeptanz und auch viele Schweizer wünschten sich anno 1938, wie man einer Rede, die Karl Barth dazumal hielt, entnehmen kann, eine

Miggu,dasKnechtli     09.10.09 12:16

Etwas weniger gross ist die Verdrängung im Fall des Clowns Grock. Dieser hat keineswegs nur Huldigungen der Nazis entgegengenommen (wie uns wikipedia weismachen will), sondern deutlich seine Bewunderung für Hitler ausgesprochen, weshalb er hierzulande nur mässige Beachtung fand und findet.

kurtkoblet     08.10.09 16:26

alles gem. ziegler oder was ? wen vertritt den der und wo ? zum leide von wem und wie lange noch?
da wären noch d.marty und konsorten , welche immer das rampenlicht suchen und konstrukten und ideologien gerne nestbeschmutzen. nun , dies darf man, falls aber fehlgeschossen- oder -geschlagen sollte man die courrage haben dies einzugestehen und vorallem die konsequenzen daraus zu ziehen. gerne hätte man bei den herren liberal-sozis mal eine statistik gesehen von aufwand - ertrag ..!

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