-A  A  A+
30.09.2009, Ausgabe 40/09

Mörgeli

Die Stunde der Tessin-Versteher

Von Christoph Mörgeli

Anzeige

Bei der Wahl eines Bundesrats aus der Romandie unter schnöder Missachtung des Tessins schlug die Stunde unserer politisch-publizistischen Gewissensträger. «Die Tessiner ernst nehmen» – titelte mit angemessenem Ernst und tiefempfundener Besorgnis Der Bund stellvertretend für viele ähnliche Zeitungskommentare. Angesagt war staatspolitisches Stirnrunzeln über den Umgang mit Minderheiten. Einfühlsames Verständnis für die enttäuschten Erwartungen südlich des Gotthards. Nachdrückliches Auffordern zu mehr als bloss rhetorischen Bekenntnissen zur uns allen so lieben Sonnenstube.

Ein Rudolf Friedrich aus Winterthur, gemeinsam mit einem Pascal Merz aus Sursee regelmässige Bereicherung unzähliger Leserbriefspalten, mahnte die Nation in der NZZ: «Die italienische Schweiz nicht vergessen.» Er plädierte für mehr Bundesräte, einen ständigen Tessiner Sitz und ein Präsidialdepartement mit «verlängerter Amtszeit». Seine eigene Amtszeit von gerade mal zwei Jahren mochte Friedrich seinerzeit als Bundesrat allerdings lieber nicht verlängern.

Frank A. Meyer erweiterte im Sonntagsblick das Tessin-Problem um eine neue Facette. Selber schuld, so sein Tenor. Denn früher war dort alles besser. Heute herrsche im Tessin Stammtisch statt intellektuelles Format. Lärmende Lega statt gepflegter Freisinn. Autistische Abschottung statt Weltoffenheit. Der hässliche Finanzplatz Lugano droht das schöne Filmfestival Locarno an Bedeutung zu übertreffen. Meyers ebenso elitäre wie undemokratische Kurzformel lautet: Die Tessiner stimmen falsch und haben darum jeden Sitzanspruch im Bundesrat verwirkt.

Tatsächlich sagte das Tessinervolk nein zum EWR, nein zum Uno-Beitritt, nein zu Schengen, nein zur Personenfreizügigkeit mit der EU. Die Tessiner verwarfen wuchtig die EU-Beitritts-Initiative, die Blauhelmvorlage, die bilateralen Verträge, die Bezahlung der EU-Ostmilliarde. Wer die Tessiner wirklich ernst nimmt und diesen Ernst nicht bloss heuchelt, müsste ihre Ansichten begreifen oder – noch besser – vertreten. Die journalistischen Tessin-Versteher, die Friedrichs und Meyers, aber auch die Pedrazzinis, Solaris, Pellis und Martys tun regelmässig das Gegenteil. Wir sollten mehr Politik betreiben, wie sie die Bevölkerung im Südkanton will. Das wäre besser für das Tessin. Und besser für die Schweiz.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 40/09
Link veroeffentlichen aufTwitterFacebookdel.icio.usFolkdLinkaARENAMister WongWebnewsYahooMyWebYiggItgoogle.comWeitere via addthis.com

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um diesen Artikel zu kommentieren

Login        Registrierung

shankara     11.10.09 01:54

In der klassischen Litaratur wird der Teufel von Mefistofeles dargestellt - der grosse Wiedersacher, Wiedersacher gegen das Leben, der grosse Lebensverhinderer.

Der Kopf ist ein Diener der Intuition, er ist keine Instanz per se - zuerst muss man gesund wahrnehmen und die gesunde Wahrnehmung via Kopf ins Bewusstsein steigen lassen, um diese dann in Worte zu giessen.

Die selbsternannte Intelligentia von heute - all die Kulturschaffenden und Linken Akademiker - sind Köpfe auf zwei Beinen, der ganze Mittelbereich fehlt, es sind verbildete, kopflastige Menschen, die keinen Zugang mehr zur Intuition haben.

Um die Anliegen der SVP zu verstehen, muss man gesund wahrnehmen können, seine Intuition walten lassen. Wer ein kastrierter Kopfmensch ist, wird di

Windrider51     05.10.09 20:01

Und, Mistermarch, wenn die SVP mit ihren Kampagnen keine Mehrheit erreicht, muss nicht zwingend das Ziel der Kampagne falsch sein. Es könnte durchaus auch sein, dass die Stimmbürger zuwenig oder gar falsch informiert wurden.

Beispiele irreführender, falscher, tendenziöser Informationen gibt es genügend in unseren "Qualitäts-"Medien!

Ein krasses Beispiel von Desinformation bot unser SF-Rotfunk im Zusammenhang mit der Berichterstattung über das Urteil über die beiden Controllerinnen vom ZH-Sozialamt. Die Zuschauer dieses Sendebeitrages wurden schlichtweg verarscht und für dumm verkauft.

Nur, wer sich nicht auch anderweitig informiert, glaubt dann halt, was ausgestrahlt wurde.

Und genau so werden Kampagnen der SVP "be

Windrider51     05.10.09 19:40

Mistermarch, Politik wird immer gegen Minderheiten gemacht, worüber sollte denn die Mehrheit siegen, wenn nicht über die Minderheit.

Ob das gut oder schlecht ist, kann nur im Einzelfall beurteilt werden, als Pauschalaussage ist dies untauglich.

Und eine Minderheit geniesst nicht automatisch Schutz, sie muss sich dessen auch würdig erweisen bzw. diesen verdienen.

Verbrecher sind auch eine Minderheit, gehören die jetzt auch geschützt ?

petter     04.10.09 13:17

46% Haben wieder so abgestimmt, wie die SVP vorgeschlagen
hat, beim IV-Skandal. Immerhin fast die Hälfte. Die SVP beweist damit die Richtigkeit ihrer Politik. Ist ihr Wähleranteil doch unter 30%.

Man kann es auch so sehen.

Und ich wünsche mir, dass es bald einmal wieder eine Abstimmung gibt, bei der alle anderen gegen die SVP verlieren, weil sie den Kontakt zum Wähler schon längst verloren haben, in ihrer Sattheit.

petter     04.10.09 13:13

Die SVP IST die Minderheit, auf Kosten der die anderen Parteien Politik machen. Sofern man das Politik nennen kann.

mistermarch     03.10.09 14:03

Einen anderen Menschen verstehen, ist beileibe keine leichte Aufgabe. Es setzt sehr viel Empathie voraus. Einen ganzen Kanton und seine Bewohner zu verstehen ich aus zwei Gründen unmöglich. Einerseits kann sich kein Mensch in tausende Mitmenschen hineinfüllen und andererseits werden diese Kantonsbewohner alle in einen Topf geworfen. Ich masse mir aus diesem zwei Aspekten in keinster Weise an ein Tessin-Versteher zu sein. Ich bin aber überzeugt, dass die Schweiz nur so stark und erfolgreich geworden ist, weil die Minderheiten in unserem Land in die politischen, kulturellen und wirtschaftlichen Bereiche miteinbezogen worden sind und damit ebenfalls Mitverantwortung an der Entwicklung der Schweiz übernehmen konnten. Gerade die SVP und Herr Mörgeli sollten sich dies zu Herzen nehmen. Ist nicht

Schweizerin     02.10.09 13:53

Politik, wie sie das Volk will. Leider entfernen wir uns im Parlament und im Bundesrat immer mehr von diesem Anspruch, der eigentlich unsere Demokratie stark gemacht hat.

Wir brauchen dringend Bundesräte, die die alten Werte leben und mutig verteten und gleichzeitig eloquent und vielsprachig sind, damit nicht immer nur die linke SP im Ausland vernommen wird.

Herr Mörgeli, bitte kandidieren Sie, denn sie vereinen all diese Ansprüche in Ihrer Person. Ja, Ch. Blocher ist hochkompetent und durchsetzungsfähig, aber sprachlich zieht er leider mit Herrn Brunner gleich.

Also krempeln Sie die Aermel hoch und auf geht's.

kurtkoblet     30.09.09 23:23

"mir scheint bald ihr seit die einzig wahren schweizer" sagte BR u. murer bei seinem 2009 besuch in lugano.
de fakto wurde seine präsenz zutodegeschwiegen (TSI) und diese auf "lapsus" angesprochen lapidar abgetan (vergessen).man stelle sich louisXV (couchepin ) bei selben vorfall vor.
hätte die D-CH eine überflutung von verkehr und vorallem grenzgänger wie das Ti (44.000 / 09) tagtäglich und ein lohnniveau von 60% der D-CH, wäre weder schengen noch eine annäherung an die EG je zustandegekommen.
wir sind bloss ein spielball der nation, sind auch nur 300.000 (6% CH) der bevölkerung..oder ?!

Schnellzugriff  

Mehr zum Thema

Weitere Themen aus dem Dossier

Zur Dossier Übersicht

Meist ...

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist kommentiert

kommentiertgelesen

zu den Top 20
meist gelesen

Weitere Autoren

alle Autoren

Stöbern

Ausgaben