Bei der Wahl eines Bundesrats aus der Romandie unter schnöder Missachtung des Tessins schlug die Stunde unserer politisch-publizistischen Gewissensträger. «Die Tessiner ernst nehmen» – titelte mit angemessenem Ernst und tiefempfundener Besorgnis Der Bund stellvertretend für viele ähnliche Zeitungskommentare. Angesagt war staatspolitisches Stirnrunzeln über den Umgang mit Minderheiten. Einfühlsames Verständnis für die enttäuschten Erwartungen südlich des Gotthards. Nachdrückliches Auffordern zu mehr als bloss rhetorischen Bekenntnissen zur uns allen so lieben Sonnenstube.
Ein Rudolf Friedrich aus Winterthur, gemeinsam mit einem Pascal Merz aus Sursee regelmässige Bereicherung unzähliger Leserbriefspalten, mahnte die Nation in der NZZ: «Die italienische Schweiz nicht vergessen.» Er plädierte für mehr Bundesräte, einen ständigen Tessiner Sitz und ein Präsidialdepartement mit «verlängerter Amtszeit». Seine eigene Amtszeit von gerade mal zwei Jahren mochte Friedrich seinerzeit als Bundesrat allerdings lieber nicht verlängern.
Frank A. Meyer erweiterte im Sonntagsblick das Tessin-Problem um eine neue Facette. Selber schuld, so sein Tenor. Denn früher war dort alles besser. Heute herrsche im Tessin Stammtisch statt intellektuelles Format. Lärmende Lega statt gepflegter Freisinn. Autistische Abschottung statt Weltoffenheit. Der hässliche Finanzplatz Lugano droht das schöne Filmfestival Locarno an Bedeutung zu übertreffen. Meyers ebenso elitäre wie undemokratische Kurzformel lautet: Die Tessiner stimmen falsch und haben darum jeden Sitzanspruch im Bundesrat verwirkt.
Tatsächlich sagte das Tessinervolk nein zum EWR, nein zum Uno-Beitritt, nein zu Schengen, nein zur Personenfreizügigkeit mit der EU. Die Tessiner verwarfen wuchtig die EU-Beitritts-Initiative, die Blauhelmvorlage, die bilateralen Verträge, die Bezahlung der EU-Ostmilliarde. Wer die Tessiner wirklich ernst nimmt und diesen Ernst nicht bloss heuchelt, müsste ihre Ansichten begreifen oder – noch besser – vertreten. Die journalistischen Tessin-Versteher, die Friedrichs und Meyers, aber auch die Pedrazzinis, Solaris, Pellis und Martys tun regelmässig das Gegenteil. Wir sollten mehr Politik betreiben, wie sie die Bevölkerung im Südkanton will. Das wäre besser für das Tessin. Und besser für die Schweiz.

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