Lust auf Abenteuer

Sex im Internet gilt als Männersache. Dabei ist fast jeder dritte Nutzer von Cybersex-Seiten weiblich, Tendenz steigend. Wonach suchen die Frauen im Netz? Vergnügen sie sich dort anders als Männer? Erleben sie Internet-Sex als Befreiung, oder droht die Sucht?

Von Franziska K. Müller

Schwatzen, schreiben, fantasieren: 9,4 Millionen Frauen weltweit surfen regelmässig auf pornografischen Websites. Illustration: eBoy

Die längste Rotlichtmeile der Welt reicht von Airolo bis Zulia, Venezuela, und ist in dieser Sekunde von einigen zehntausend Menschen bevölkert: Zurzeit gibt es im Internet 420 Millionen verschiedene Sexseiten. 72 Millionen User konsumieren jeden Monat pornografisches Film- und Bildmaterial. Oder sie tummeln sich in interaktiven Sex-Chaträumen, besuchen frivole Kontaktforen, räkeln sich vor Live-Kameras. Auf 42 Milliarden Dollar Umsatz wird das Sex-Business im Netz geschätzt. Ob durch erotische Bilderwelten oder virtuelle Begegnungen im Cyberspace: Sex im Netz ist stets verfügbar, erschwinglich und anonym.

Suchtexperten runzeln zwar die Stirn, und Sexualforscher warnen vor den negativen Auswirkungen des Online-Treibens auf Paarbeziehungen (siehe Kasten rechts).

Die Benutzer sehen es aber eher unbeschwert: Bei einer Online-Befragung in der Schweiz fanden 47 Prozent der über 21-Jährigen, Netz-Aktivitäten der frivolen Art hätten zu einer Bereicherung ihres Sexlebens geführt.

Frauen lieben das Experiment

Stillschweigend nahm man bisher an, beim virtuellen Freiertum handle es sich um ein männliches Phänomen. Das ist falsch, wie aktuelle Statistiken zeigen: Von den 30 000 Benutzern, die sich weltweit pro Sekunde im Netz verlustieren, ist jeder vierte eine Frau. Laut der amerikanischen Firma Internet Filter Review – sie bietet Privatpersonen Sicherheitsvorkehrungen im Internet an – war im vergangenen Jahr sogar jeder dritte netsex-Nutzer weiblich. 9,4 Millionen Frauen surfen weltweit regelmässig auf pornografischen Webseiten. 70 Prozent aller Userinnen halten ihre Aktivitäten geheim, und 17 Prozent geben an, mit einer Cybersex-Abhängigkeit zu kämpfen.

Interessant scheint die Frage, ob und inwiefern sich das Verhalten der Frauen von demjenigen der Männer unterscheidet. Tatsächlich gibt es deutliche Unterschiede. Während sich männliche Konsumenten tendenziell auf pornografisches Bildmaterial konzentrieren, heissen die Lieblingsbeschäftigungen der Frauen im Netz: schwatzen, schreiben, fantasieren. Sie engagieren sich doppelt so häufig wie Männer in Sex-Chaträumen und experimentieren ausgiebig mit den übrigen interaktiven Kontaktmöglichkeiten, die das virtuelle Milieu zu bieten hat.

Nicola Döring, Professorin für Medienpsychologie an der Technischen Universität Ilmenau, untersuchte das Sexualverhalten ihrer Geschlechtsgenossinnen im Netz und publizierte verschiedene Studien zum Thema. Innerhalb «fest gesteckter Grenzen cybersexueller Inszenierungen» sei vieles möglich, was im realen Leben kein Thema sein dürfe, sagt sie. «Für die Frauen bedeuten die zusätzlichen Möglichkeiten des Internets: mehr Sex, anderen Sex, besseren Sex.»

Wendy P., eine amerikanische Userin, formuliert es so: «Online kann ich unmoralische Dinge tun, die offline durch den Partner und das Umfeld sanktioniert würden.» Bürgerlicher Moralkodex und gängige Schönheitsvorstellungen spielten beim Cybersex keine Rolle. Aber auch andere Einschränkungen fallen weg, die einem ausschweifenden weiblichen Sexleben bisher im Weg gestanden haben mögen. Die körperliche Sicherheit ist gewährleistet. Mobilität spielt keine Rolle. Auch eine siebenfache Mutter, die hundert Kilogramm auf die Waage bringt und ohne Auto in Küblis lebt, kann heute zu einem Abenteuer kommen. Vorausgesetzt, sie hat einen Internetanschluss.

«Schnurrendes Kätzchen» strippt

So viel sexuelle Freiheit gab es noch nie, und die Frauen nutzen sie ausgiebig: Weibliche Netz-Aktive würden in der sicheren Atmosphäre des Cyberspace tendenziell von ihrem gewohnten Lebensstil abweichen, hätten mehrere oder wechselnde Partner, liessen Publikum an ihren Aktivitäten teilnehmen und seien zu Praktiken bereit, die im richtigen Leben kein Thema sind, schreibt Nicola Döring («Cybersex aus feministischen Perspektiven: Viktimisierung, Liberalisierung, Empowerment»).

Seit Frauen das Netz für erotische Abenteuer nutzen, sprechen Experten vom Triple-C-Modell (communication, collaboration, community). Es soll die Besonderheiten des Internets als Medium hervorheben, das den Benutzern nicht nur stimulierendes Bildmaterial bietet, sondern sie miteinander in Kontakt bringt. «Niemand, der mich im Alltag kennt, würde denken, dass sich diese unscheinbare Frau im mittleren Alter vor dem Computer in eine virtuelle Stripperin verwandelt, die auf den Namen ‹Schnurrendes Kätzchen› hört und unanständige Dialoge mit verschiedenen Männern gleichzeitig führt», bekennt Jane, eine amerikanische Grundschullehrerin, auf der Internetseite «How to Have Cybersex?».

Das Internet entpuppt sich als grenzenloser Freiraum, vorausgesetzt, man hat ein wenig Fantasie. Ob feenartige Wesen, die im Raumschiff Enterprise Gruppensex haben, oder ein schüchternes Dienstmädchen, das in einer Kellergruft von zwei asiatischen Raubrittern mit Erdbeeren gefüttert werden will: Inszenierungen und Rollenspiele gehören zu den weiblichen Lieblingsbeschäftigungen im Sexnetz. Draufgängertum war bisher eher ein männliches Prädikat. Im Internet ist das anders. Dort agieren Userinnen experimenteller und aktiver als das starke Geschlecht. Aktivitäten, die bisher aus Scham oder Unsicherheit kein Thema waren, würden von Frauen ebenso freudig umgesetzt wie herkömmliche Vorlieben so das Resultat der Genderforschung. Wird es peinlich oder laufen die Spiele aus dem Ruder, reicht ein Tastendruck, und man ist weg. Frauen scheinen, so legen Studien zu ihrem Online-Sex-Verhalten nahe, weniger romantisch und bindungsfixiert zu funktionieren, als man annehmen könnte. Schuldgefühle sind für die meisten ein Fremdwort.

Mit richtigem Sex bringen sie das frivole Treiben nur selten in Verbindung: «Ich hatte zum ersten Mal Cybersex und fand es toll. Ich werde den Online-Partner im wirklichen Leben nie treffen. Daher sehe ich mein Verhalten nicht als Untreue an», lautet eines von vielen ähnlichen Statements einer Umfrage, die das amerikanische Webportal Self-Help Magazine durchführte.

Eine deutsche Studie, die 300 private (nichtkommerzielle) Webseiten mit sexuellem Inhalt untersuchte, zeigte zudem: Frauen mögen die sexuelle Selbstdarstellung und stellen dabei ebenso hartes Bildmaterial ins Netz wie die männlichen Homepage-Betreiber. Homo- und Bisexualität sowie sexuelle Subkulturen (Sadomasochismus, Fetischismus, Exhibitionismus) werden bei den Webseiten-Anbieterinnen überproportional oft thematisiert. Über die Gründe für den Exhibitionismus in Bild, Text und Ton befragt, gaben die Studienteilnehmerinnen an, sie wollten Information und Unterhaltung anbieten, ihre Identitäten darstellen und Kontakte zu Gleichgesinnten knüpfen.

Nicht Mainstream-tauglich

Sozialer Austausch und Akzeptanz sexueller Präferenzen, die nicht Mainstream-tauglich sind: Auch dies sei ein Vorteil unkomplizierter Sexaktivitäten im Netz, heisst es in der Genderforschung. Was aufgeschlossene Feministinnen als neue Form der sexuellen Befreiung bezeichnen, bewertet die radikalfeministische Seite als negative Entwicklung. Sexuelle Aktivitäten im Internet werden dabei pauschal als heterosexuelle und sexistische Praxis verurteilt. Mädchen und Frauen würden durch Online-Belästigung, virtuelle Vergewaltigung, Cyber-Untreue und Cyber-Prostitution geschädigt. Dabei sei es immer der Mann, der Cybersex suche und ihn den Netzbenutzerinnen direkt oder indirekt aufdränge.

Der längste Strich der Welt als Kampfzone der Geschlechter? Die 22-jährige Nicole S., Bloggerin und Online-Sex-Fan, versteht das nicht: «Sexuell befreit bin ich schon lange, und wenn ich im Netz ein Abenteuer suche, macht das einfach Spass. Ich bin zwar eine Frau, weiss aber wie der Befehl ‹Ignore› funktioniert.»

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