Montag, 21. September, Kennedy Airport, New York. Hier wird der Präsident erwartet. Er ist noch in der Luft, stöbert ein wenig im Manuskript der Rede, die er am Mittwoch vor der Uno halten wird, nippt an einem Diet Pepsi, seinem Lieblingsgetränk, im Gepäck der mitfliegenden First Lady Michelle liegt das rote Kleid, das sie zum Anlass tragen und womit sie den kühlen Plenarsaal zum Strahlen bringen wird. Derweil warten die angereisten Oberhäupter der Welt gespannt auf Obamas Auftritt, den ersten vor der Uno — die will er nun auch mit einem Hauch von hope and change belüften.
«Bam», wie ihn die Boulevardpresse hier nennt, ist in dieser Stadt angesagt; ein grosses Mehr an Einheimischen hat ihn zum Präsidenten gewählt. Und auch ihm liegen ihre Einwohner am Herzen. Gleich nach der Landung trifft er Gouverneur Paterson, einen blinden Demokraten schwarzer Hauptfarbe, der so glücklos regiert, dass die Partei um einen Sieg in den anstehenden Wahlen bangen muss. Obama fordert ihn mit eiskalter Freundlichkeit zur Aufgabe seiner Kandidatur auf, zugunsten eines populäreren Parteigenossen.
Dienstagmorgen, Uno-Zentrale, Manhattan. Es beginnt der Klimagipfel, eine Art Vorprogramm zur Generalversammlung am Mittwoch. 192 Nationen zählt die United Nations Organization, fast jedes Land will eine Rede halten, da reicht es nicht für alle. Umweltminister Moritz Leuenberger kommt im Saal nicht zu Wort, ist aber trotzdem angereist. Representing Switzerland. Er deponiert eine Videobotschaft, wo er im Stil eines «Tagesschau»-Sprechers auftritt und in dramatischem Englisch fordert: «The polluters must pay!» mit einer Steuer auf Treibhausgas-Emissionen. In den Schweizer Alpen, so schildert Leuenberger,«the glaciers are melting very fast». Viele Berge, «such as our famous Matterhorn» (wird eingeblendet), würden zerbröckeln «under the increasing landslides», während auf der anderen Seite des Globus viele Inseln – wie die von Tuvalu (wird eingeblendet) — bald verschwinden könnten. «And this might happen very soon.»
Unterdessen vor den Pforten des Uno-Gebäudes, eines 39-stöckigen Turms, am East River in Manhattan gelegen, zwischen 42nd und 48th Street. Zuoberst, unter den Wolken, residiert Generalsekretär Ban Ki Moon, im Sockel befindet sich der Plenarsaal, dazwischen waltet die Bürokratie. Dass die Staatsoberhäupter, deren Residenzen und das Innenleben der Uno-Zentrale aufs schärfste bewacht werden müssen, ist für die Polizei eine langjährige Selbstverständlichkeit, der sie mit stoischem Pflichtbewusstsein nachkommt. Die Hauswächter, eine Art Securitas der Vereinten Nationen, rekrutiert aus aller Herren Ländern und ausgestattet mit eigener Uniform, haben die Aufgabe übernommen, das Hauptgebäude zu beschützen.
Frederick als alter Fuchs bei der Uno-Securitas (29 Dienstjahre) hat seine Augen überall. Der gemütliche Mann mit Schnauzer ist für den Eingang vor dem Röntgenzelt verantwortlich, wo alle Mappen und Kittel der Gäste durchleuchtet werden. Nach menschlichem Ermessen sei für alles vorgesorgt, sagt Frederick. Waffen kämen keine rein. Einzig Arafat habe 1974 seinen Revolver hineingeschmuggelt, mit dem er vor der Versammlung herumfuchtelte und sie aufforderte, sich vom Zionismus, «dieser rassistischen Ideologie», zu befreien.
Gaddafi hält Hof
16.15 Uhr, 48th Street East. Soeben ist Gaddafi gesichtet worden, wie er aus seiner Limousine tritt. Hier endet seine lange Odyssee. Wochenlang hatten seine Vasallen, teils unter falschem Namen, einen Zeltplatz oder ein Hotelzimmer für den Wüstendiktator gesucht. Vergeblich. Nun residiert er hier, in der libyschen Mission. Vom frei zugänglichen Gebäude gegenüber könnte man ohne Schwierigkeiten ein Attentat unternehmen, umso mehr, als Gaddafi seine Amazonen, die gefürchtete weibliche Leibgarde, zu Hause lassen musste. Welche Peinlichkeit für New York wäre es gewesen: ein toter Gaddafi, 300 Meter vom Uno-Hauptgebäude entfernt, bei seinem ersten Besuch seit vierzig Jahren und noch bevor er seine bereits im Vorfeld als «historisch» deklarierte Rede hätte halten können.
Im Halbstundentakt fahren Karossen vor, vorwiegend Delegationen aus Afrika, und Louis Farhakan, ein afroamerikanischer Muslimführer. Im Lauf der Woche wird hier auch Bundespräsident Merz absteigen, um gnädigst, aber vergeblich um die Freilassung der zwei Schweizer Geiseln, die mittlerweile versteckt worden sind, zu ersuchen.
Mittwochmorgen. Die 64. Uno-Vollversammlung, die jedes Jahr im September stattfindet, ist eröffnet. Alles wartet auf Obama. Punkt zehn Uhr sieht man ihn nahen. Lächelnd fährt er die chromstählerne Rolltreppe empor, winkt und verschwindet irgendwo. Geht er ins GA 200, das Wartezimmer hinter der Rednertribüne (renoviert mit Schweizer Steuergeldern anlässlich des Beitritts der Eidgenossenschaft zu den Vereinten Nationen 2004), wo sich die Redner während der Worte des Vorgängers geistig einturnen können? Man weiss es nicht, das Labyrinth des Uno-Molochs hat ihn verschluckt.
«Ein gutgläubiger Trottel»
10.12 Uhr. Der Präsident taucht am Portal des Plenarsaales auf, von wo ihn ein Uno-Weibel zur Rostra eskortiert. (Applaus.) Es war einmal, beginnt Obama seine Rede sinngemäss, eine amerikanische Regierung, die «unilateral, ohne Rücksicht auf die Interessen anderer» agiert habe. Antiamerikanismus sei aufgeflammt. Man habe das Land verachtet. Diese Zeiten seien nun vorbei. Stolz deklamiert er, was er in neun Monaten bereits alles geleistet hat: Klimaschutz, Abrüstung, Truppenabbau im Irak, die Schliessung Guantánamos beschlossen; dem Uno-Menschenrechtsrat beigetreten etc. (Applaus.) «Doch das war erst der Anfang.» Jetzt, so fordert er, müsse eine neue Ära der Zusammenarbeit beginnen.
Die Rede ist, wie alle Obama-Reden, kunstvoll geschliffen und taktvoll vorgetragen. «Es ist meine tiefe Überzeugung», fährt der Präsident fort, «dass 2009 mehr als je zuvor in der Geschichte der Menschheit die Interessen der Nationen und Völker die gleichen sind.»
Meint der Präsident wirklich, was er sagt? Ist ihm entgangen, dass Georgien Interessen hat, eine starke Nation zu werden, die sich verteidigen kann, und dass Russland Interessen hegt, genau dies zu verhindern. Dass es in Chinas Interesse liegt, Ostasien zu dominieren, und Japan sowie andere Nachbarn Interesse haben, diese Hegemonialinteressen einzudämmen? Dass der Iran wider alle Beteuerungen Interessen verfolgt, Atommacht zu werden, was nicht im Interesse der übrigen Welt sein kann? Doch nicht. Zu den Iranern sagt Obama: «Wenn sie die regionale Stabilität und Sicherheit des eigenen Volkes dem Streben nach einer Atombombe unterordnen, dann müssen sie zur Verantwortung gezogen werden.»
Die Republikaner werden ihn für seine Rede rügen. Er habe die USA kleingeredet und den Gefahren der sinisteren Regime zu wenig Beachtung geschenkt. Die Boulevardzeitung New York Post wird titeln: «Prez comes across as gullible sap» (Präsident kommt rüber wie ein gutgläubiger Trottel). Doch im Saal ertönt warmer Beifall. Mit Sankt Barack ist Amerika vom hohen Ross gestiegen.
Allein an Obamas Präsenzzeit in New York lässt sich ablesen, dass eine neue Ära begonnen hat. Während Bush jeweils bloss kurz für seine Rede in New York erschien, bleibt Obama vier Tage und drei Nächte. Jede Minute ist verplant. Zwei Mal war er am Vorabend an einer Gala erschienen. Zuerst bei «Clinton Global Initiative»-Sessions des demokratischen Ex-Präsidenten (Armutsbekämpfung). Dann in der Diesel-Limousine zurück in die Uno gebraust zu Ban Ki Moons Klimawandel-Dinner (Schadstoffbekämpfung). Jetzt, nach seiner Rede, geht’s erst richtig los.
Unterdessen Raunen im Plenarsaal. Ein paar Delegationen verlassen fluchtartig den Raum. Gaddafi, der «Star» der 64. Vollversammlung, wird auf der Kanzel erwartet, ziert sich aber, gestikuliert von seinem Saalsessel aus. Nach zehn Minuten und unzähligen Aufmunterungsversuchen seines Landsmanns, des Ratsvorsitzenden Ali Treki, der von der Empore aus unablässig mit seinem Hammer klopft, erhebt sich der Rais schliesslich.
11.01 Uhr. Gekleidet in eine eigenwillige Garderobe, einen asymmetrischen, rostbraunen Beduinenmantel, der aussieht wie eine Fantasieuniform aus «Star Wars», geschmückt mit einer faustgrossen Brosche in der Form Afrikas, schreitet er ans Rednerpult.
Was geht im Kopf dieses Mannes vor, der jahrzehntelang als Terrorist galt und seit der Aufgabe seines Atomprogramms wegen seiner Ölschätze hofiert wird? Die Antwort gibt er in einer 97-minütigen Rede (erlaubte Sprechzeit 15 Minuten). Der König der Könige Afrikas, wie er sich nennt, erzählt langfädig einen Mummenschanz, oszilliert zwischen Obama-Verklärung («Könnte er doch für immer Präsident sein») und Tiraden gegen den westlichen Imperialismus. Nichts scheint ihm zu entlegen, unerwähnt zu bleiben: von der Schweinegrippe (wahrscheinlich in einem Militärlaboratorium erfunden, damit kapitalistische Firmen Impfstoffe verkaufen könnten) über den Mord an JFK (Israelis hätten ihn töten lassen, weil er ihren Atomreaktor in Dimona untersuchen wollte) bis zu den Taliban (man sollte sie einen Gottesstaat gründen lassen, es gebe auch einen Vatikanstaat) führt seine rhetorische Achterbahn.
Gaddafi blättert wild in seinen Unterlagen. Physisch strahlt der Tyrann etwas Geselliges aus. Man kann nicht sagen, dass er unsympathisch wäre. Wohl verleihen ihm sein blasses Narbengesicht, seine schlechtgefärbte Lockenpracht bizarre Züge. Sein Lächeln aber, wenn er es kurz aufhuschen lässt, ist nicht schlecht. Es ist kein süffisantes Achmadinedschad-Lächeln, kein telegen einstudiertes Obama-Lächeln und auch kein gefrorenes Medwedew-Lächeln. Man glaubt ihm sogar, dass er glaubt, was er sagt.
Einiges davon trifft die Realität in einem Masse, dass es etlichen Landesvertretern, wären sie der Rede nicht demonstrativ ferngeblieben, die Schamröte ins Gesicht getrieben hätte: dass die Uno ein Rat der Ungleichheit sei, zum Beispiel, und die fünf Supermächte des Sicherheitsrats ihr Vetorecht ausnutzten, um eigene Interessen durchzusetzen. Oder dass die Vollversammlung dem Speaker’s Corner am Hyde Park gleiche, wo jeder rede, was ihm gerade in den Sinn komme, und niemand zuhöre.
Eine Handvoll streng selektionierter Reporter dürfen Gaddafis Philippika direkt aus dem Plenarsaal rapportieren. Der Rest der tausendköpfigen Gesandtschaft der berichterstattenden Zunft muss im Souterrain bleiben, wo ihr ein Saal zugewiesen ist, in dem es bald streng nach Körperausdünstung riecht. Zu sehen bekommen die Reporter die Staatsoberhäupter via Bildschirm. So gestaltet sich die Session als virtuelle Veranstaltung, die man komfortabler aus dem Redaktionsbüro verfolgen könnte, wobei man auf die Ortszeile «aus New York» verzichten müsste und somit nicht den Schein aufrechterhalten könnte, bei diesem grossen Ereignis hautnah dabei gewesen zu sein.
13.38 Uhr. Gaddafi hat geschlossen. Während sich der Medienraum durchfallartig entleert, ist oben im Plenarsaal der Teufel los. Der Libyer hat mit seiner epischen Rede den ganzen Sprechplan durcheinandergewirbelt. Über hundert Staatsoberhäupter stehen auf der Rednerliste, alle haben Wichtiges zu sagen, und nun wird sich die Prozedur bis in die Nacht hineinziehen. Was bei der Schweizer Delegation niemanden stört. Erstens weil Bundespräsident Merz erst am folgenden Tag terminiert ist. Zweitens – und vor allem – weil man ob der Rede Gaddafis erleichtert ist.
Aufmerksam hat man jedes Wort auf mögliche Kontamination untersucht. Doch Gaddafi hat seine Forderung, die Schweiz aufzuteilen, nicht geäussert. Er hat die Schweiz nicht erwähnt. Selbstbewusst wird versichert, Merz hätte andernfalls in seiner Rede sofort reagiert, ein entsprechender Text sei aufgesetzt gewesen. Was er denn ungefähr gesagt hätte, will man partout nicht nicht preisgeben.
Überhaupt gibt es viel Geheimnistuerei um den Besuch der drei (!) Schweizer Bundesräte Leuenberger, Merz und Calmy-Rey und deren Treffen am Rand der Versammlung, die man als «substanziell» oder «konstruktiv» apostrophiert. Selbst den Namen des Hotels, in dem die Magistraten nächtigen, will man nicht sagen.
Bis tief in die Nacht herrscht Geschäftigkeit. Schwarze Karossen pflügen sich durch die Häuserschluchten, chauffieren wichtige Menschen zu geheimen Treffen. Galas, Dinners, Benefiz überall. Und wer von anderen Staatschefs nicht dringend gebraucht wird, sonnt sich in den Lichtern der Grossstadt. Indio-Präsident Morales und Venezuela-Caudillo Chávez tänzeln im Lincoln Center über den roten Teppich, Arm in Arm mit Schauspielerin Susan Sarandon und Rockerin Courtney Love. Sie feiern die Premiere von «South of the Border», dem Film von Oliver Stone, der Chávez als Kreuzritter gegen die Armut verklärt.
Solidarität und Gemeinsinn überall
Donnerstag. Ab 9 Uhr wird die Redestafette fortgesetzt, den ganzen Tag lang und bis in die Nacht, wobei jeder wohlfeil von Solidarität und Gemeinsinn spricht, um in der Essenz eigene nationale Interessen zu propagieren. So fordert der Chinese Hu Jintao, dass jedes Land seine Entwicklung nach eigener Façon gestalten solle. Sarkozy reitet eine Attacke gegen die geldgierigen Manager. Sozialist Evo Morales aus Bolivien, von der Uno-Generalversammlung jüngst zum «World Hero of Mother Earth» gekürt, wettert, wie jedes Jahr, gegen den US-Imperialismus in Südamerika. Und im Namen der Schweiz nimmt Bundespräsident Merz, nachdem eine Replik auf Gaddafi hinfällig geworden war, die G-20 aufs Korn und kritisiert, deren Zusammensetzung sei wenig demokratisch legitimiert.
Bemerkenswerte Redner gibt es kaum. Ausnahmen sind: Achmadinedschad, der in seiner mit den Anrufungen heiliger Männer von Jesus bis Mohammed gespickten Rede mit keinem Wort auf den Streit um das Atomprogramm eingeht, aber den Juden vorwirft, «eine neue Form der Sklaverei» aufzubauen, und die Wahlen in seinem Land als «demokratisch und erfolgreich» preist. Oder Netanjahu, der das Plenum in den Senkel stellt, weil es den Saal nicht verlassen hat, als Holocaust-Lügner Achmadinedschad das Wort ergriff («Schämen Sie sich nicht?»), und die Baupläne von Auschwitz-Birkenau in die Luft streckt, wo eine Million Juden vergast wurden («Ist das eine Lüge?»). Und natürlich Chávez, der konstatiert, Mephisto Bushs Schwefelgeruch habe sich verzogen und habe einem Lüftchen der Hoffnung Platz gemacht, wobei er die versöhnlichen Worte eilig relativiert, indem er gegen die US-Militärbasen in Kolumbien ins Feld zieht.
Nach rund 120 Ansprachen und eingehender Meditation kommt der Reporter zur Überzeugung, dass er entweder den tieferen Sinn des Treffens, dem er erstmals beigewohnt hat, (noch?) nicht verstanden hat oder aber das Ritual mit dem gutturalen Akronym UNGA (United Nations General Assembly) ein überflüssiger Zirkus ist. Neue Ideen wurden keine entworfen. Beschlüsse hat man auch in der Vergangenheit selten gefasst. So bleibt der Anlass in Erinnerung als babylonisches Sprachgewirr, als sinnlose Scharade von Bonhomie und Schulterklopferei, bei der man letztlich die Differenzen überkleistert und nichts Substanzielles diskutiert. Aber vielleicht wird ja nächstes Jahr alles anders, wenn die Vollversammlung von Ex-Bundesrat Joseph Deiss geleitet wird. Eine entsprechende Kandidatur hat die Schweizer Regierung bereits eingereicht.













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