Le Corbusier

Grossbaumeister des Faschismus

Seine Möbel sind Klassiker, seine Bauten Ikonen der Moderne. Jetzt belegen historische Dokumente: Le Corbusier, der grosse Schweizer Architekt und Designer, war auch Antisemit und ein Bewunderer Adolf Hitlers. Bis heute werden die Schattenseiten verdrängt.

Von Philipp Gut

«Totalitärer Charakter»: Architekt Le Corbusier. Bild: Photopress-Archiv (Keystone)

Er ist eine Lichtgestalt der Moderne, manche halten ihn für den grössten Architekten des 20. Jahrhunderts: Charles-Edouard Jeanneret, der sich Le Corbusier nannte, geboren am 6. Oktober 1887 in La Chaux-de-Fonds. Seine Wohnblocks, Villen und Einfamilienhäuser gelten als Touristenattraktionen, ihre Adressen finden sich in jedem anständigen Reiseführer. Die berühmte Marienkapelle im französischen Ronchamp ist zu einem Wallfahrtsort der Kunstgläubigen aus aller Welt geworden. Le Corbusiers Möbel, sei es die elegante Liege, seien es die massiven Sitzquader mit bevorzugt schwarzem Lederüberzug, trifft man in Warteecken von Banken ebenso häufig an wie in Lofts und Mietwohnungen von besserverdienenden Sozialdemokraten. Ein Stück von Le Corbusier zu Hause zu haben, ist ein Statement, das den guten Geschmack des Besitzers bezeugt. Eine ganze Generation verdankt dem ingeniösen Designer eine Aufwertung des Lebensgefühls, ein Flair von Moderne, Leichtigkeit und Stil – selbst wenn man im hintersten Krachen wohnt. Denn Le Corbusier möbliert auch unsere Seelen, er hat uns von Mief und Firlefanz befreit und uns Klarheit geschenkt.

 

Das Treffen mit «Le M.»

Bisher, so schien es, trübte kein Makel die Karriere des Schweizer Autodidakten, der sich, ohne je ein Architektendiplom erworben zu haben, in der französischen Hauptstadt Paris durchsetzte und von dort aus die Welt eroberte. Ausser in Australien baute und plante Le Corbusier auf allen Kontinenten, in Indien entstand sogar eine vollständige Stadt nach seinen magistralen Entwürfen: Chandigarh, die Kapitale der Provinz Punjab.

Doch nun gerät das Monument ins Wanken, die schöne Fassade zeigt Risse. Es gibt ein längeres Kapitel in Le Corbusiers Biografie, das sein Bild als strahlender Apostel des Evangeliums der Moderne zu verdunkeln droht. Le Corbusier hatte engste Beziehungen zum französischen Vichy-Regime, das nach der Eroberung Frankreichs durch Hitler-Deutschland mit den Nazis kooperierte und Zehntausende von Juden in den Tod schickte. Der Architekt war, das dürfte den wenigsten bekannt sein, die seine Möbel besitzen und sich von seinen innovativen Ideen und Projekten begeistern lassen, offizieller Mitarbeiter des französischen Rumpfstaats von des Führers Gnaden. Mehr noch: Le Corbusier bewunderte Hitler und verachtete die Juden.

Erstaunlicherweise sind die gut belegten Vorgänge aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs kaum ins Bewusstsein der Öffentlichkeit gedrungen. Le Corbusier, das Idol so vieler fortschrittlich denkender Menschen, soll den Nazis nahegestanden sein? Das überrascht, doch die Fakten liegen auf dem Tisch, und sie sprechen eine klare Sprache. Im Jahr 2002 erschien eine Auswahl von Briefen (Le Corbusier: «Choix de lettres», Birkhäuser), die Le Corbusiers Sympathien für Hitler belegen. Und im vergangenen Jahr kam in den USA die erste wirkliche Biografie über ihn heraus, ein 800-Seiten-Band, der bei allem Verständnis für sein Objekt die dunklen Aspekte detailliert und ungeschönt darstellt (Nicholas Fox Weber: «Le Corbusier», Knopf).

Die Geschichte von Le Corbusier, Hitler und Vichy-Frankreich ist ein spannendes Stück Zeitgeschichte und keineswegs eine vernachlässigbare Episode im Leben des grossen Architekten. Erst dank der Kenntnis jener Jahre versteht man vermutlich wirklich, was Le Corbusier für ein Mensch war und was ihn zu seinem gigantischen Werk trieb.

Ende März 1942, Hitler hatte fast ganz Europa im Würgegriff, das freie Frankreich war vernichtet, die «Endlösung der Judenfrage» beschlossene Sache, schrieb Le Corbusier seiner Mutter, die in Vevey unglücklich in einem seiner modernen Häuser wohnte, einen triumphierenden Brief aus Vichy, dem Regierungssitz der Nazi-freundlichen Kollaborateure. Er sei, nach zwanzig Jahren Kampf und Bemühen, am Ziel seiner Träume, meldete er in die Schweiz. «Le M.» höchstpersönlich habe ihm in die Augen geschaut und volle Unterstützung des Regimes für seine grossangelegten Baupläne zugesichert. «Le M.», das war Henri Pétain, den viele ehrfürchtig nur «le Maréchal» nannten, der Held des Ersten Weltkriegs und autoritäre Führer der Vichy-Ära.

Eine «neue europäische Ordnung»

Wo Pétain politisch stand, darüber gab es keinen Zweifel. Im Oktober 1940, nachdem die Deutschen Frankreich in nur fünf Wochen besetzt und Paris erobert hatten, traf sich der greise Militär zu freundschaftlichen Gesprächen mit Hitler. Danach erklärte er die «Kollaboration» mit den Nazis offiziell zur obersten Staatsmaxime. Die Zusammenarbeit mit dem Dritten Reich diene dazu, eine «neue europäische Ordnung zu schaffen». Es war die mörderische «Ordnung» der Nationalsozialisten, die den gesamten Kontinent erobern und ihrer rassistischen Diktatur unterwerfen wollten.

Ein neues Europa zu bauen, das war das Ziel, auf das auch Le Corbusier – mit seinen architektonischen und städtebaulichen Mitteln – hinarbeitete. Das Têtê-à-Têtê mit Marschall Pétain schien ihm die Erfüllung eines langgehegten Traums zu bedeuten. Le Corbusier gab sich nämlich nie damit zufrieden, Häuser zu bauen, Möbel zu entwerfen und Bilder zu malen. Seine Ambitionen reichten weiter, seine eigentliche Utopie war der Urbanismus: Er wollte das Erscheinungsbild der Städte verändern, radikal. Zuerst in Paris, dann in Frankreich, im Empire und schliesslich in der ganzen Welt.

Schon 1922 hatte Le Corbusier einen Plan für eine Stadt von drei Millionen Einwohnern entworfen, eine Art Metropolis, die überallhin exportierbar sein sollte. Im Zentrum des durchorganisierten Entwurfs stand ein sieben Stockwerke hoher Terminal für Züge, Untergrundbahnen und Autos, auf dem Dach ein Flughafen. Darum herum waren 24 kreuzförmige Bürotürme aus Glas angeordnet, jeder sechzig Etagen hoch. Dann folgten standardisierte Apartmenthäuser, ein Typ für das Fussvolk, ein luxuriöserer mit Dachgarten für die Privilegierten. Den Abschluss bildete eine gigantische Gartenstadt, gedacht für zwei Millionen Bewohner.

 

Umzug nach Vichy

Bei diesem einen grössenwahnsinnigen Entwurf blieb es nicht. 1925 fertigte Le Corbusier Studien für den sogenannten Plan Voisin an, der auf eine Zerstörung von Paris zielte. Weite Teile der Innenstadt am rechten Seine-Ufer sollten abgerissen und flachgewalzt werden, um Platz zu schaffen für eine abstrakte, schematisierte City mit 245 Meter hohen, wiederum kreuzförmigen Wolkenkratzern. Die Zeit des historisch gewachsenen Paris sei abgelaufen, erklärte Le Corbusier. Die Stadt sei «zu alt»: «Im Zentrum ist eine Operation nötig. Wir müssen das Messer ansetzen.»

Ähnlich grundstürzende Pläne hatte Le Corbusier für Algier: Dort wollte er ein kilometerlanges Riesengebäude am Strand errichten, über dessen Dach eine Autobahn rollen sollte.

Unter demokratischen Verhältnissen war an eine Umsetzung solcher Projekte nicht zu denken, die Bürger hätten ihr niemals zugestimmt. Nur in einer mit unkontrollierter Machtfülle ausgestatteten Diktatur hätten sie ein Chance auf Verwirklichung gehabt. Konsequent, wenn auch ohne moralische Bedenken und frei von jeder menschlichen Regung, begrüsste Le Corbusier deshalb Hitlers Krieg. Der Überfall auf Frankreich am 10. Mai 1940 war für ihn nicht Anlass zu Bestürzung, sondern zu einer Art freudiger Erregung. Der Wendepunkt in der französischen Geschichte, mit dem eines der düstersten Kapitel des stolzen Landes begann, stimulierte ihn und weckte in ihm die Hoffnung auf eine «Verbesserung der Welt», wie er noch am selben Tag an seine Mutter schrieb.
Die Offensive der Wehrmacht war schon nach fünf Wochen beendet. 92 000 französische Soldaten wurden getötet, gegen zwei Millionen gefangen genommen. Blitzschnell war das freie Frankreich untergegangen. Während General de Gaulle in London einer Exilregierung vorstand und von dort aus den Widerstand koordinierte, installierte sich Marschall Pétain am 1. Juli mit dem Segen Hitlers im mittelfranzösischen Kurort Vichy. Und was tat Le Corbusier? Er verlegte seinen Wohnsitz umgehend ins neue Machtzentrum. Bereits am 3. Juli, nur zwei Tage später, traf er in Vichy ein. ››

Es begann ein fast zweijähriges Antichambrieren, der Architekt schlich regelrecht um die faschistischen und judenfeindlichen Granden herum, angetrieben von stechendem Ehrgeiz und der Hoffnung auf Grossaufträge. Die Szenerie hatte etwas Groteskes. Pétain, seine Entourage und die Bürokratie des «Etat français» (so nannten die Kollaborateure ihren Staat), hatten sich in den von Touristen und Kurgästen entvölkerten Luxushotels einquartiert. Die Büros des Marschalls lagen im dritten Stock des «Hôtel du Parc». Le Corbusier hielt sich stets in der Nähe jener Personen auf, von denen er vermutete, dass sie Einfluss auf den Machthaber ausüben könnten. Er residierte, zeitweise mit seiner Frau Yvonne zusammen, in verschiedenen Hotels. Gegen Ende seines Auf- enthalts in Vichy hatte er sogar freies Logis – und bezog ein Salär von jenem Staat, der die Juden entrechtete, beraubte, mit einem gelben Stern markierte und den deutschen Henkern auslieferte. Am Ende der Vichy-Episode waren es über 80 000 Deportierte.

 

Bizarre Annäherungen

Er klopfe «unermüdlich, Tag für Tag, an eine Tür nach der andern», schrieb Le Corbusier am 2. August 1940 an die Mutter. Jeder Kontakt mit Angehörigen des Regimes war ihm willkommen. Eine eher bizarre Annäherung ergab sich an Admiral François Darlan, einen fulminanten Antisemiten, der überzeugt war, dass Frankreich Teil eines nationalsozialistischen Europas werden sollte. Le Corbusiers Schnauzer Pinceau, den sein Herr häufig in den Parks von Vichy spazieren führte, wurde ausersehen, die Hündin von Darlans Sohn zu decken. Das Ereignis sollte in der Garage des Admirals stattfinden, doch Pinceau verweigerte den Dienst, zwei volle Tage lang.

Die Impotenz seines Hundes und die Sorge um sein berufliches Fortkommen beschäftigten Le Corbusier weit mehr als die Leiden der Kriegsopfer, von den deportierten und ermordeten Juden ganz zu schweigen. Die menschlichen Tragödien, die sich um ihn herum abspielten, das ganze unvorstellbare Drama des Zweiten Weltkriegs, nahm er nur am Rande wahr. Le Corbusier habe einen «Tunnelblick» gehabt, schreibt sein Biograf Nicholas Fox Weber. Empathie und Mitgefühl schienen ihm fremd gewesen zu sein, nicht einmal die Krankheit und das Elend seiner vernachlässigten Frau Yvonne, die sich an seiner Seite die Leber ruinierte und von einem fülligen Kraftweib auf unter fünfzig Kilogramm abmagerte, wusste er richtig zu deuten. Er vermutete die Menopause als Ursache.

Es hat etwas Monströses und Bizarres: Le Corbusier betrachtete die Geschichte, selbst diejenige des Zweiten Weltkriegs, einzig unter dem Gesichtspunkt, ob sie seinen Bau- und Karriereplänen diene. Am 31. Oktober 1940, dem Tag, an dem Marschall Pétain die Parole der «Kollaboration» mit Nazi-Deutschland ausgegeben hatte, schrieb er seiner Mutter: «Wenn es ihm mit seinen Ankündigungen ernst ist, kann Hitler sein Leben mit einem grossartigen Werk krönen: der Neugestaltung Europas.»

Der Satz war kein Ausrutscher. Er fasste in Worte, was Le Corbusier glaubte und hoffte. Den Untergang der sogenannten Dritten Republik und die Errichtung eines nationalsozialistischen Europas hielt er für eine durchaus positive Entwicklung. Ausdrücklich begrüsste er das Ende der «parlamentarischen Geschwätzigkeit». Die «Revolution» werde sich im Sinn der «Ordnung» vollziehen und «nicht ausserhalb menschlicher Bedingungen».

Die Résistance, den Widerstand gegen die deutschen Besatzer, verachtete Le Corbusier. Das französische Programm der britischen BBC, schrieb er im selben Brief, in dem er Hitlers «grossartiges Werk» pries, spucke eine Flut der Beredsamkeit aus, die für ihn «völlig hohl» klinge, aber dennoch «gefährlich» sei, wenn sie in die Ohren derjenigen falle, die sich von Rhetorik einlullen liessen. Gemeint war General de Gaulle, der per Radio zum Widerstand aufforderte.

Bei seinem Aufenthalt in Vichy konnte Le Corbusier auf eine ganze Anzahl faschistischer Freunde und Vertrauter zählen. Für ihn lobbyierte Marcel Bucard, Gründer des rechtsextremen Mouvement franciste, der zeitweise von Italiens Diktator Benito Mussolini unterstützt wurde. «Der grosse Corbusier. Der einzigartige Corbusier!», soll er ausgerufen haben. Nach dem Krieg wurde Bucard wegen Landesverrats zum Tode verurteilt.

Einen ebenso begeisterten Fürsprecher fand Le Corbusier in Georges Valois, der 1925 Le Faisceau ins Leben gerufen hatte, die erste faschistische Partei ausserhalb Italiens. Le Corbusier hatte die französischen Faschisten schon damals mit einem Vortrag zur Eröffnung der Parteizentrale beehrt, nicht ohne von ihrem Führer mit Lob überschüttet worden zu sein. Le Corbusiers städtebaulichen Konzeptionen drückten «die tiefsten Gedanken des Faschismus» aus.

Le Corbusiers Vertrauter Pierre Winter – die beiden redeten sich mit «Mon cher ami» an –, auch er ein überzeugter und aktiver Faschist, stiess ins selbe Horn. Das berühmte Projekt der «Cité radieuse» mit ihren «Wohnmaschinen» genannten Riesenblocks, das nach dem Krieg teilweise in Marseille gebaut wurde, pries Winter als Umsetzung des faschistischen Programms. Die Hoffnungen waren gegenseitig: Die Faschisten sahen in Le Corbusier einen Komplizen für ihre revolutionären Ziele, und der Architekt glaubte, dass er mit ihrer Hilfe seine radikalen urbanistischen Fantasien verwirklichen könne.

«Der kleine Jude»

Tatsächlich ging es nun vorwärts. Seinen teils lange zurückreichenden Beziehungen zu den Faschistenführern und seinem beharrlichen Türklopfen und Klinkenputzen in Vichy («Geduldig webe ich mein Netz») verdankte Le Corbusier seinen Aufstieg in den inneren Zirkel der Macht. Vichys Innenminister Marcel Peyrouton, auch er nach dem Krieg angeklagt, ernannte ihn zum Verantwortlichen für Städtebau in den zerstörten Gebieten Frankreichs. Weitere Aufgaben und Ämter folgten. Am 27. Mai 1941 unterzeichnete Marschall Pétain persönlich ein Dokument, das Le Corbusier in ein Komitee für Wohnbauprobleme berief. Auch um die alte Hauptstadt Paris sollte er sich kümmern, zusammen mit befreundeten Faschisten und Nazis wie dem ehemaligen Sozialisten Gaston Bergery, dem Schriftsteller Jean Giraudoux und dem Arzt und Euthanasie-Befürworter Alexis Carrel, der die französische «Rasse» von Minderheiten «reinigen» wollte – «mit geeignetem Gas».

Le Corbusier studierte Carrels üble Theorien angelegentlich, wie Anmerkungen in seinen Buchexemplaren zeigen. Er war stolz und erregt, zusammen mit dem irren Doktor die Zukunft von Paris planen zu dürfen. Biograf Weber schreibt: «Le Corbusiers Idee, alte und heruntergekommene Stadtteile zu zerstören, war ein Echo auf Carrels Konzept der Auslöschung.»

Der Umgang mit fanatischen Rassisten, Antisemiten und Nationalisten irritierte Le Corbusier nicht im Geringsten. Er selber schrieb im Oktober 1940 über die Juden, es scheine, «dass ihr blinder Durst nach Geld das Land korrumpiert hat». Antisemitische Äusserungen hatte er schon früher gemacht, etwa in einer Passage über seine Heimatstadt La Chaux-de-Fonds: «Der kleine Jude wird sicher eines Tages bezwungen werden. Ich sage ‹kleiner Jude›, denn hier kommandieren sie herum, schlagen Krach und plustern sich auf, und ihre Väter haben praktisch die gesamte ortsansässige Industrie geschluckt.»

Um im nationalistischen Vichy Karriere machen zu können, verleugnete Le Corbusier seine Schweizer Herkunft. In einem Lebenslauf zuhanden der Behörden verschwieg er, dass er als Schweizer geboren wurde. 1930 hatte er, so berechnend, wie er zuvor seinen bürgerlichen Namen aufgegeben hatte, um fortan als «Le Corbusier» zu glänzen, die französische Staatsbürgerschaft angenommen. Die Schweiz war ihm für seine hochtrabenden Pläne immer schon als zu «klein» erschienen. Jetzt befürchtete er, dass ihm die Herkunft aus dem demokratischen, antinazistischen Land schaden könnte.

Umso mehr strich er dafür heraus, dass er 1934 von Mussolini nach Rom gerufen worden sei. Tatsächlich hatte sich Le Corbusier intensiv um Aufträge des Duce bemüht. 1931 schickte er ihm ein Manifest, in dem er ihn aufforderte, seine Projekte zu unterstützen. Und 1934 reiste der Architekt nach Italien, um beim Führer des faschistischen Staates persönlich vorstellig zu werden. Das Treffen sollte zwischen dem 27. und 29. Juni stattfinden. Doch Mussolini liess Le Corbusier warten. Nach mehr als zwei Wochen, die er sozusagen im Vorzimmer des Duce verbrachte, reiste er enttäuscht wieder ab.

Am Ende blieben die furiosen Grossprojekte, die Le Corbusier in Hitlers «neuem Europa» zu verwirklichen hoffte, Makulatur. Die Geschichte nahm einen anderen Lauf, als es sich der egomanische Architekt gewünscht hatte. Hitler führte sein Reich in den Untergang und verübte Selbstmord. Pétains Vichy-Regime wurde aufgelöst, der Marschall nach dem Krieg zum Tode verurteilt, wenn auch, aufgrund seines Alters und seiner Senilität, nicht hingerichtet. Mussolini wurde erhängt. Die Alliierten gewannen den Krieg. General de Gaulle, den Le Corbusier verachtet hatte, richtete Frankreich wieder auf. Mit dabei war: Le Corbusier. In Marseille beispielsweise durfte er bauen, was die Faschisten als architektonische Umsetzung ihrer Programme betrachtet hatten: die «Cité radieuse».

Als sei nichts gewesen, setzte Le Corbusier seine Karriere fort, im Rückblick seine Haltungen und Handlungen beschönigend. Die Öffentlichkeit richtete keine kritischen Fragen an ihn. Sein Selbstbild als Held der Moderne, der seine Projekte als Wohltat an der Menschheit begriff, fand erstaunlich leichtgläubige Aufnahme.
Le Corbusiers intensiver Flirt mit dem Faschismus und seine Hoffnungen auf ein Europa unter nationalsozialistischer Führung sind kein Zufall. «Seinen rigorosen städtebaulichen Grossprojekten ist ein totalitärer Charakter nicht abzusprechen», sagt Hans Kollhoff, Professor für Architektur an der ETH Zürich. Noch schärfer urteilt der Lausanner Architekturhistoriker Pierre Frey: «Le Corbusier war ein radikaler Theoretiker einer Art räumlichen Eugenik und ein rabiater Antisemit», resümiert der Professor an der EPFL. «Le Corbusier hätte, ohne mit der Wimper zu zucken, auch für Hitler gebaut.»

Es kommen hier problematische, gern verdrängte Seiten der Moderne zum Vorschein. Die modernen Architekten und Stadtplaner des 20. Jahrhunderts liebten die Idee einer Tabula rasa, des Ausradierens gewachsener Strukturen, um radikal neu beginnen zu können. Totalitäre Diktatoren wie Hitler oder Stalin – für den Le Corbusier in den 1930er Jahren ebenfalls Pläne entwarf – schufen dafür die politischen Voraussetzungen.

Hätten sich Le Corbusiers architektonische Wünsche erfüllt, er wäre zu einem Grossbaumeister des totalitären Zeitalters geworden. Zu einem Architekten, der das einmalige Kunststück geschafft hätte, für Stalin, Mussolini und vielleicht sogar für Hitler gleichzeitig zu bauen. Zum Glück für ihn wurden seine Träume nicht wahr.

Bis heute werden die dunklen Seiten des grossen Architekten verdrängt und verwischt. Der Schweizer Schriftsteller Daniel de Roulet hat schon 2005 in einem Essay auf die politischen Verstrickungen Le Corbusiers hingewiesen. Der Text wurde kürzlich im Berliner Tagesspiegel und im Magazin Cicero nachgedruckt, dieser Tage erscheint er in einem Buch im Limmat-Verlag («Nach der Schweiz»). Die Reaktionen fielen eher bescheiden und merkwürdig aus. In einer Diskussion in Frankreich, erzählt de Roulet, wurde er als «négationniste» beschimpft, als «Leugner», ein Wort, das man sonst für Revisionisten verwendet, die den Holocaust an den Juden abstreiten.

Auch von offizieller Seite blieb eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema aus. Michel Richard, Direktor der Fondation Le Corbusier in Paris, zeigte sich «erstaunt», als die Weltwoche ihn um eine Stellungnahme bat. Inhaltlich, so der oberste Hüter von Le Corbusiers Erbe, wollte er sich zum Fall nicht äussern.

Kommentare

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  • petter
  • 07.10.2009 | 19:23 Uhr

Ich verbitte mir, dass Corbusier SChweizer genannt wird. C. wurde von den Franzosen 100% annektiert und sie rühmen sich dessen. Also überlasst ihn den Franzosen.
Corbusier hat mit seinen Wohmaschinen einen ganz üblen Einfluss auf die Architekur gehabt . In Frankreich nennt man solche Häuser "Sozialen Wohnungsbau" oder HLM, in der Schweiz zwingt man den Mittelstand in die Wohnfabriken. Und die sind zufrieden damit, die Dummen.
Sie kaufen diese Wohnungen sogar als Eigentumswohnungen. Fürchterlich.
Bei ihrem Eigentum reden ihnen zudem alle anderen Bewohner drein.
Welch ein Bschiss.

 
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