Film

Ersatzseele

Der surreale Spass «Cold Souls» lebt vom irren Schauspieler Paul Giamatti.

Von Wolfram Knorr

One-Man-Show eines Mimenvirtuosen: Schauspieler Giamatti. Bild: Pathé Films AG

Der New Yorker Schauspieler Paul Giamatti hat Probleme: Er kommt mit seiner Rolle in Tschechows «Onkel Wanja» nicht zurecht, kann sich von ihr kaum lösen und verpatzt damit das Regie-Konzept. Sein Agent gibt ihm einen Tipp: Er soll mal Dr. Flintstein (David Strathaim) aufsuchen. Der Medikus mit der superschicken Praxis kann helfen zu entspannen, indem er seinen Patienten die Seelen entfernt, sie für eine gewisse Zeit «in Miete» nimmt. Der Patient kann auch eine fremde ausprobieren. Giamatti fühlt sich total entblösst vor den anderen Besuchern, die in der Praxis hocken wie Gogols «tote Seelen». Er will wieder gehen, da wird er schon ins Sprechzimmer gelächelt. Flintstein, smart und alert, erklärt ihm die reinigende Wirkung einer zeitweisen Seelenlosigkeit. Giamatti will’s nicht glauben – gibt’s so was wirklich in New York?

Aber sicher, jedenfalls in «Cold Souls» , dem surreal-bizarren Erstlingswerk von Sophie Barthes, die als Cutterin und Autorin in der kreativen US-Independent-Szene verankert ist. Ihr schräges Debüt ist die One-Man-Show eines Mimenvirtuosen, der als Seelenloser seine Freunde und Bühnen-Kolleginnen vor den Kopf stösst und beleidigt und in Panik nach einer Ersatzseele greift, die ihn nur in lästige Regionen entführt. Als er seine zurückhaben will, ist die in Russland, im Körper eines «Maultiers», eines Seelenschmugglers. Der Aberwitz des durchgeknallten Wirrspiels funktioniert nur dank des Schauspielers Paul Giamatti, der sich selber spielt und die Seelenhatz zum Alptraum eines jeden Schauspielers macht, sich in den Rollen verlieren zu können.

Giamatti, wie Philip Seymour Hoffman («Capote») eine der grossen Entdeckungen der Independent-Szene, gehört zu den begnadeten Charakterdarstellern, die das Mainstream-Kino inzwischen bereichern. Zuletzt fiel Giamatti, dessen Physiognomie nie vom Hollywood-Meissel bearbeitet wurde, in der exzellenten HBO-Serie «John Adams» als Titelheld auf. Giamattis Adams, der Mitautor der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und erster Vizepräsident (1789–1797), glich einem Triptychon mit spannungsvoll aufeinanderwirkenden Schauseiten: Sprache und Ausdruck eines aggressiven Liberalen, Restskrupel eines britischen Untertans und herrischer Familienpatriarch. Aufgefächerter Seelenstriptease.

Seine Rolle in «Cold Souls» ist purer Spass, einzig von Giamattis Präsenz und Virtuosität getragen. Ein Jux-Höhepunkt des kurzweiligen Skurril-Vergnügens ist Giamattis Seele, die mittels eines gewaltigen tomografieartigen Apparats herausgelöst wird und gerade mal die Grösse einer Kichererbse hat. Moral von der Geschicht: Lasst bloss die Seele, wo sie ist!

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