Für Polizei, Gerichte und Medien ist es ein neues Phänomen: Jugendbanden, die in Schweizer Städten und Dörfern Einbrüche verüben, Passanten ausrauben und sie brutal verprügeln. Im Juli fasste die Kantonspolizei Zürich elf minderjährige Jugendliche, fast ausschliesslich mit Migrationshintergrund, die während Monaten in wechselnder Zusammensetzung kriminell aktiv waren. Einer davon ist L. G. aus einer Zürcher Vorortsgemeinde. Er wurde vor zwei Wochen aus dem Gefängnis entlassen. Meine telefonische Interviewanfrage beantwortet er gereizt: «Euch Scheisszeitungen sage ich sicher nichts!» Ich mache ihm klar, dass er sich und seine Taten hier ausführlich erklären könne. Je lauter und deutlicher ich dabei werde, desto zahmer und leiser reagiert er. Schliesslich willigt er ein.
Am Treffpunkt erkenne ich L. G. schon von weitem an seinen aufgepoppten Kleidern und gegelten Haaren. Als er vor mir steht, bin ich allerdings überrascht, wie zierlich, unsicher und kindlich er wirkt. Wir gehen in sein Lieblingslokal, einen Fast-Food-Laden. L. G. bestellt einen Hamburger und Eistee, ständig klingelt sein Handy, vor dem Fenster tauchen Kollegen von ihm auf, die ihm zuwinken und mich kritisch beäugen. L. G. winkt verlegen zurück. Er spricht gut Schweizerdeutsch mit albanischem Akzent.
Sie haben als Mitglied einer Jugendbande in den vergangenen Wochen für Schlagzeilen gesorgt. Mit Raubüberfällen, Einbrüchen, Diebstählen, Prügeleien . . .
Wir sind keine Jugendbande, die auf irgendwelchen Scheiss aus ist! Die Zeitungen haben einfach alle Vorfälle zusammengenommen und aus den verschiedenen Tätern eine «Jugendbande» gemacht. Die Leute, die diese Dinge angestellt haben, treffe ich vielleicht ein- oder zweimal pro Woche, sage meistens nur kurz hoi oder tschau. Wir sind keine organisierte Gruppe, die bewusst auf Gewalttaten aus ist. Die Sachen, die passiert sind, sind halt einfach passiert.
Das war nicht «irgendwelcher Scheiss». Sie haben geklaut, geprügelt, gedroht, und Sie sind dafür verurteilt worden.
Wir haben nie geplant, irgendetwas anzustellen. Diese Sachen sind immer einfach so passiert. Es gab halt eine Zeit, da sind wir zusammen in den Ausgang gegangen und haben Alkohol getrunken. Wie alle anderen Jugendlichen auch, das ist heutzutage doch normal.
Wie viel haben Sie getrunken?
Am Abend, als es zu dieser Schlägerei und zum Raub gekommen ist, für den ich festgenommen worden bin, eine Flasche Wodka.
Es ist nicht «normal», alleine eine Flasche Wodka zu trinken.
Ich weiss nicht genau, wie viel dort drin war. Danach sind wir jedenfalls in Zürich ins «X-tra» gegangen und haben dort weitergetrunken, wie viel genau, weiss ich nicht. Dann sind wir nach draussen gegangen und haben angefangen zu provozieren. Wie es zur Schlägerei gekommen ist, weiss ich nicht mehr so genau. Vielleicht haben auch die anderen begonnen, uns zu provozieren.
Was heisst «provozieren»?
Schräg anschauen zum Beispiel reicht.
Wer war die andere Gruppe?
Die haben wir nicht gekannt. Die kamen aus St. Gallen und haben dann Anzeige gegen uns gemacht. Obwohl es gar keine richtige Schlägerei war. Mein Kollege hat dem anderen bloss eine Faust gegeben. Eine einzige Faust, die nicht einmal so stark war. Dafür ist man doch nicht kriminell, oder? Die hatten dann halt einfach Angst vor uns, weil sie aus St. Gallen kamen und wir aus Zürich.
Was ist dann passiert?
Mein Kollege klaute einem das Natel, und weil ich damals grad auch kein Natel hatte, dachte ich, okay, dann nehme ich dem anderen sein Natel auch weg. Dann sind wir abgehauen.
Sie haben ihnen auch Geld geklaut.
Ich weiss nicht genau, wie das passiert ist. Mein Kollege hatte plötzlich hundert Franken in der Tasche. Nur hundert Franken. Die anderen behaupteten, wir hätten viel mehr geklaut. Dabei haben die uns das Geld ja angeboten, weil sie Angst hatten vor uns. Und wir haben es genommen, weil wir betrunken waren. Wir hatten eigentlich genug Geld und wollten gar nicht mehr trinken.
Seit diesem Vorfall sind Sie zwei weitere Male verhaftet worden. Was haben Sie schon alles verbrochen?
Ich war bei diesen Schlägereien dabei, habe das Handy geklaut und bin einmal in einem geklauten Auto mitgefahren. Das wusste ich damals gar nicht. Ich dachte, das Auto gehöre der Mutter meines Kollegen. Aber offenbar war es geklaut, und die Polizei hat meine Fingerabdrücke darin gefunden.
Sie sind nur mitgefahren?
Ein anderes Mal war ich auch dabei, als wir ein Auto geklaut haben.
Das ist alles?
Ich war auch bei einem Einbruch mit dabei. Wir hatten es eigentlich gar nicht vor, sind dann aber ins Jugendhaus eingebrochen. Aber wir haben nichts beschädigt, sondern sind dort einfach rumgehängt und haben Poker gespielt und Eistee getrunken. Das war eigentlich sehr easy.
Das klingt alles sehr verharmlosend. Die Schlägereien und Einbrüche sind einfach so «passiert». Das Geld wurde Ihnen «angeboten». Das Handy haben Sie nur genommen, weil Sie grade keines hatten. Sind Sie sich eigentlich bewusst, was Sie getan haben?
Ich will keine Schuld abschieben. Ich weiss, dass ich schuldig bin. Darum wurde ich ja auch verhaftet und war im Knast. Aber ich habe viel weniger getan, als in den Zeitungen über mich als Mitglied dieser Jugendbande steht. Jemand, der mich nicht kennt, liest jetzt die Zeitung und denkt, ich hätte das alles getan.
Aber Sie kennen die anderen Täter?
Natürlich. Wir kommen alle aus der gleichen Gemeinde. Aber wie gesagt: Die sehe ich höchstens einmal pro Woche.
Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie verhaftet worden sind?
Das war scheisse. Ich dachte: Wie ist es bloss so weit gekommen? Dann war ich einfach glücklich, als ich endlich wieder freigekommen bin. Ich habe etwas gelernt in meiner Zeit im Gefängnis und habe mir nun fest vorgenommen, einen anderen Weg zu gehen.
Wie lange waren Sie im Gefängnis?
Das erste Mal sechs Tage. Dann nochmals drei Wochen und sechs Tage.
Wie war es dort?
Du bist den ganzen Tag in deinem Zimmer. Eine Stunde gehst du vielleicht spazieren. Zwei bis drei Stunden konnte ich auch arbeiten. Es gibt zwar einen Fernseher, aber dort läuft längst nicht alles. Du sitzt einfach in deinem Zimmer und kannst nichts machen. Das war schon eine Strafe für mich, und ich habe viel gelernt.
Was?
Ich habe mir versprochen, ab sofort keinen Scheiss mehr zu machen. Seither laufe ich immer weg, wenn irgendwo jemand etwas plant. Ich will nichts mehr damit zu tun haben. Bei der Einvernahme habe ich der Polizei sogar Sachen erzählt, von denen die gar nichts gewusst haben. Ich wollte reinen Tisch machen.
Warum sind Sie überhaupt kriminell geworden?
Alkohol spielte sicher eine Rolle. Langeweile. Und Gruppendruck. Wenn du mit Kollegen zusammen bist, und die machen einen Scheiss, dann kannst du nicht einfach nicht mitmachen.
Was haben Ihre Kollegen gesagt, als Sie aus dem Gefängnis gekommen sind?
Sie fanden es gut, dass ich mich bessern will. Sie sagten: «Jetzt weisst du, wie es ist, im Knast zu sein.»
Sie kommen aus dem Kosovo und sind mit sechs Jahren in die Schweiz gekommen. Wie haben Sie das erlebt?
Daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Ich weiss eigentlich gar nicht, warum wir hier sind. Mein Vater lebte schon seit über zwanzig Jahren hier. Er hat dann seine Familie nachgezogen, meine Mutter und fünf Brüder. Wir wollten einfach zusammen sein und eine schöne Zeit haben.
Wie finden Sie die Schweiz?
Die Schweiz ist ein schönes und ruhiges Land. Natürlich musste ich mich daran gewöhnen, aber ich war ja noch jung, so ging es einfacher. Eigentlich ist alles immer gut gelaufen. Bis zu diesem Scheiss, den ich gemacht habe. Und jetzt geht alles den Bach hinunter.
Wie hat es in der Schule geklappt?
Ich bin gerne zur Schule gegangen, bin mit den Lehrern immer gut ausgekommen und war ein mittelguter Schüler, Sek B. Aber ich konnte einfach nicht mehr ruhig am Pult sitzen. Ich merkte, ich bin zu alt dafür und will arbeiten. Dann bin ich von der Schule geflogen.
Warum?
Ich habe nicht mehr gelernt, keine Hausaufgaben gemacht und nichts mehr nachgeholt. Ich hatte einfach den Anschiss und wollte arbeiten gehen. Irgendwann sagte der Lehrer: «So kann ich nicht mehr mit meiner Klasse arbeiten.»
Was passierte dann?
Ich habe überall ein bisschen geschnuppert, Ferienjobs gemacht, bin herumgehängt.
Und haben die Leute kennengelernt, mit denen Sie nun kriminell geworden sind?
Ja, schon. Aber es ist nicht so, dass das alles schlimme Typen sind. Die sind genauso wie ich. Wenn wir in den Ausgang gehen und jemand fickt uns an, dann können wir nicht einfach weglaufen. Sonst würde ich mich wie eine Memme fühlen. Aber ich bin keine Memme! Ich habe vor niemandem Angst und mache, was ich will. Mir sagt niemand, wohin ich gehen oder was ich machen soll.
Offenbar dauert es nicht lange, und Sie werden wieder straffällig.
Wenn mich jemand schlägt, kann ich doch nicht einfach weglaufen. Dann wehre ich mich, auch heute noch. Das ist doch normal so. Da geht es um meine Ehre.
Diese Ehre ist Ihnen sehr wichtig. Aber ist es nicht fern von jeglicher Ehre, jemanden zu verprügeln und auszurauben?
Nicht, wenn der andere zuerst provoziert!
Wenn Sie jemand provoziert, und Sie schlagen zu, dann hat er schon gewonnen.
Ja, ich weiss. Das versuche ich jetzt ja auch zu ändern. Wenn mich jemand anfickt, dann sage ich: «Okay, schon gut.»
L. G. schaut mir bei seinen Antworten kaum mehr in die Augen. Er sitzt gebückt da, spielt nervös mit seinem Handy, starrt auf den Boden und fragt immer wieder, wie lange das Gespräch noch dauere. Manchmal hat er Mühe, sich auszudrücken. Oft hat man aber auch das Gefühl, dass er die Antworten von einem Speicher abruft, den er sich in unzähligen Gesprächen mit Lehrern, Integrationsfachleuten und Polizisten erarbeitet hat.
Was für Leute sind das, die Sie provozieren oder schlagen wollen?
Meistens Ausländer, meistens vom Balkan.
Ist Jugendgewalt ein Ausländerproblem?
Das sind einfach Jugendliche, die provozieren und schlagen. Jeder will krasser sein als der andere.
Sie sagen selber, es seien meist Ausländer.
Ja, schon. Vielleicht sind wir vom Balkan tatsächlich aggressiver. Die Schweizer sind schon eher ruhiger. Aber wenn einer den Krieg miterlebt hat, ist es ja klar, dass er anders ist im Kopf. Ich kenne viele, die sagen: «Ich bin aggressiv wegen des Kriegs.»
Das ist doch eine Ausrede. Die Deutschen sind nach dem Zweiten Weltkrieg auch nicht gewalttätiger geworden, im Gegenteil. Ausserdem sind Einwanderer der zweiten Generation genauso gewalttätig wie solche, die den Krieg miterlebt haben.
Ich weiss nicht. Keine Ahnung, warum wir so aggressiv sind. Aber ich kenne auch viele Albaner, die noch nie etwas angestellt haben.
Was haben die besser gemacht als Sie?
Keine Ahnung. Sicher haben sie die Schule fertiggemacht.
Wenn Sie im Kosovo leben würden und die gleichen Dinge angestellt hätten was wäre mit Ihnen passiert?
Gar nichts wäre passiert. (Lacht) Wahrscheinlich wäre ich nicht einmal einen Tag in den Knast gekommen. Im Kosovo ist das Leben anders. Es gibt dort eigentlich gar kein Gesetz – oder man hält sich nicht daran. Das meiste wird untereinander geregelt.
Hier gibt es ein Gesetz, an das man sich zu halten hat.
Das finde ich auch gut. Ich hatte nie etwas gegen die Schweiz und bin sehr froh, in diesem Land zu sein. Ich habe auch noch nie etwas gegen Schweizer gemacht, das waren immer Ausländer.
Fühlten Sie sich als Albaner in der Schweiz je benachteiligt?
Nein, nie. Auch bei der Lehrstellensuche haben sie mich abgewiesen, weil ich keinen Schulabschluss habe, und nicht, weil ich kein Schweizer bin.
Wenn Sie so weitermachen, werden Sie vielleicht ausgeschafft.
Das wäre, wie soll ich sagen? Das Ende meines Lebens. Ich würde alles verlieren, meine Familie und Freunde. Dann hätte ich nichts mehr zu verlieren, und mein Leben wäre mir egal. Ich habe mir ja jetzt vorgenommen, weniger Kollegen zu treffen und mehr mit meiner Freundin zu machen. Wenn ich mit ihr unterwegs bin, mache ich nämlich garantiert keinen Scheiss.
Was hat Ihre Freundin gesagt zu Ihrem Gefängnisaufenthalt?
Sie war nicht gerade stolz auf mich. Eigentlich war sie sehr wütend. Aber ich habe es ihr erklärt, und sie konnte es verstehen.
Was sagten Ihre Eltern?
Die sind richtig ausgerastet.
Was heisst das?
Geschlagen haben sie mich nicht. Aber sie haben mir Hausarrest gegeben und mir verboten, mit gewissen Leuten herumzuhängen.
Was ist Ihr Vater von Beruf?
Irgendetwas auf dem Bau.
Denken Sie auch an die Opfer Ihrer Taten?
Ich denke schon auch an sie. Als wir damals die andere Gruppe ausgeraubt haben, sagte ich zu den anderen: «He, lasst uns die Sachen zurückbringen.» Die haben sicher teuer dafür bezahlt und wollten hier doch nur in den Ausgang gehen. Aber dann sagten alle: «Nein, nein, nein.» Und alleine konnte ich die Sachen ja auch nicht zurückbringen.
Aber danach, im Gefängnis zum Beispiel, hatten Sie kein schlechtes Gewissen?
Da habe ich vor allem an mich gedacht.
Wenn Sie Politiker wären – was würden Sie gegen die Jugendgewalt unternehmen?
Härtere Strafen machen. Das Gefängnis ist mir schon eingefahren. Ich fände es gut, wenn sie für Sechzehnjährige bereits das Erwachsenenstrafrecht einführen würden. Dann denkt man als Sechzehnjähriger: «Hey, ich bin erwachsen und muss mich verantworten, sonst komme ich ins Gefängnis.» Dann würde sicher auch weniger passieren. Aber aus dem Land schicken, das kann man mit uns doch nicht machen. Dann würde ich dort leben müssen und meine Familie hier.
Haben Sie Ihre Lektion gelernt?
Ich glaube schon. Sobald ich jemanden sehe, der Scheiss macht, laufe ich auf die andere Strassenseite. Die Jugendanwaltschaft hat mir auch gesagt, dass mich die Polizei ab sofort bei jedem kleinen Delikt aufgreifen werde. Ich will nicht nochmals ins Gefängnis. Ich habe ja Glück gehabt, dass ich noch nicht achtzehn bin.
Welche persönlichen Konsequenzen hatte die Verhaftung für Sie?
Alle denken jetzt von mir, ich sei ein Krimineller, der weiss Gott was getan hat. Aber ich bin eigentlich ein lieber Mensch und wünsche jedem immer alles Gute. Ich habe auch Freunde, die Serben sind, obwohl wir gegen sie Krieg geführt haben. Die sind in meinem Alter und können ja nichts dafür.
Wie sehen Sie Ihre Zukunft?
Ich will eine Lehrstelle finden. Und vor allem will ich nie mehr Probleme mit der Polizei bekommen. Dann will ich wieder Fussball spielen können. Nach der Verhaftung haben sie mich aus der Mannschaft geworfen, obwohl ich ein grosses Talent war und mit sechzehn schon in der dritten Liga spielte. Mein Traum ist es, Profi zu werden.
Wer ist Ihr Vorbild?
Cristiano Ronaldo. Ich wäre gerne so wie er. Aber das wird natürlich schwierig jetzt. Ich bin genau an dem Tag, als er in Zürich mit Real Madrid gegen den FCZ spielte, aus dem Gefängnis gekommen.
Als ich mich zwei Tage nach dem Interview bei L. G. melde, ist er auf dem Polizeiposten und «kann nicht sprechen». Seither ist sein Handy abgestellt.

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