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30.09.2009, Ausgabe 40/09

Editorial

Polanski

Die Verhaftung des polnischen Regisseurs war rechtmässig, aber nicht in Ordnung. Woran krankt die SPD? Lohnerhöhungen in Bern, Fortsetzung.

Von Roger Köppel

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Der polnisch-französische Starregisseur Roman Polanski hat vor über dreissig Jahren mutmasslich ein minderjähriges Mädchen vergewaltigt und entzieht sich seither dem Zugriff der amerikanischen Justiz, die ihn international zur Fahndung ausgeschrieben hat. Polanski hätte im Rahmen einer Galaveranstaltung am jungen Zürcher Filmfestival dieser Tage eine Ehrenauszeichnung entgegennehmen sollen, doch auf Grund eines pflichtbewussten Polizeibeamten, der die Behörden informierte, wurde der mutmassliche Kinderschänder am Flughafen Zürich festgesetzt. Kurz darauf erhob sich in der internationalen Kulturszene ein kollektiver Protestschrei. Man beklagte den Umstand, dass an Polanski ein rechtsstaatlich einwandfreier Vorgang vollzogen wurde. Der geniale Filmemacher, wurde sinngemäss gefordert, dürfe nicht verhaftet werden, ungeachtet des Delikts. Noch selten haben sich die Kulturschaffenden so geschlossen hinter einen Mann gestellt, dem vorgeworfen wird, er habe eine Dreizehnjährige mit Drogen und Alkohol betäubt, um sie im Swimmingpool eines Freundes zu missbrauchen.

Die Kulturelite irrt, aber nur zum Teil. Polanskis Verhaftung war rechtmässig, aber nicht in Ordnung. Staaten helfen sich auf der Jagd nach Verbrechern, aber man reisst sich kein Bein aus dabei. Jedes Land soll seine eigenen Kriminellen fangen, wobei die anderen nach Kräften helfen, aber auch nicht mehr. Das Vorpreschen der Schweiz wirkt vor dem Hintergrund, dass Polanski anscheinend jahrelang unbehelligt in sein Gstaader Luxuschalet reisen konnte, streberhaft bis bizarr. Warum schlugen die Polizisten, wenn schon, nicht viel früher zu? Die Erklärung aus dem Departement von Bundesrätin Widmer-Schlumpf klingt matt: Man habe nicht genau gewusst, wann der gesuchte Pole jeweils ins Berner Oberland gefahren sei. Beim Grenzübertritt in Kloten hingegen sei aus den USA die ultimative Forderung eingegangen, Polanski nach der Ankunft seines Fliegers zu verhaften. Woher aber wussten die Amerikaner, dass Polanski kommt? Den Tipp erhielten sie, so besagen Recherchen, von unseren Justizbeamten aus Bern. Widmer-Schlumpfs Behörde handelte in einer Mission, die sie selber lanciert hatte.

Die eleganteste Lösung wäre zweifellos gewesen, wenn man Polanskis Anwälte im Rahmen einer unverbindlichen Rechtsberatung vorab über die Folgen einer Einreise informiert hätte. Die Schweiz muss für die Amerikaner nicht den Fahnder spielen. Die Sache hätte sich gütlich unter dem Deckel halten lassen, und die Preisverleihung am Zürcher Filmfest wäre in Abwesenheit des Geehrten abgewickelt worden. So aber produziert die Inhaftierung eines prominenten Ausländers nichts als Stress und schlechte Beziehungen. Die Franzosen fühlen sich verletzt, die Polen gekränkt. Man versteht die schmallippige Schweizer Politik nicht mehr, die sich allzu eifrig in den Dienst der Amerikaner stellt.

 

In die Bocksgesänge mischt sich ein weiterer Vorwurf: Nicht nur die Justiz, auch die Leitung des Zürcher Filmfestivals habe versagt. Die Direktion, heisst es, hätte die rechtliche Lage abklären und Polanski warnen müssen. Mit Verlaub: Der Vorwurf ist Unsinn. Es kann nicht die Aufgabe einer Filmschau sein, das Vorstrafenregister seiner Gäste zu durchkämmen. Vielleicht haben sich die Zürcher zu sehr vom Glanz Polanskis blenden lassen, um alle möglichen Verstrickungen durchzudenken. Egal: Filmfestivals sind keine Frühwarnsysteme des Strafrechts, und sie haben auch nicht die Hausaufgaben zu erledigen, die Polanskis Anwälte verschliefen. Zudem hätte die Justiz der Festivalleitung die fraglichen Informationen gar nicht geben dürfen.

In der Summe bleibt ein tristes Bild. Auf den Fall Gaddafi folgt der Fall Polanski. Wieder einmal hat die Schweizer Justiz unnötigen Verdruss und turbulenten diplomatischen Grenzverkehr entfacht. Augenmass ist eine rare Kunst.

Roger Köppels Videokommentar zur Bundestagswahl in Deutschland

 

Es gibt eine einfache Erklärung für den historischen Absturz der Sozialdemokratie in Deutschland: Die Partei wusste nicht, was sie wollte. Ihr Spitzenkandidat Frank-Walter Steinmeier war eine hervorragende Nummer zwei. Ihr Programm war ein Sammelsurium von Unklarheiten. Die SPD stand nicht mehr zu den Reformen, die sie unter Kanzler Schröder vorangebracht hatte. Sie war ratlos, wie sie mit der Linkspartei verfahren sollte. Ihre Wirtschaftspolitik erschöpfte sich in unbezahlbaren Rezepten. Am Ende fehlte folgerichtig auch der Wille zur Macht.

Der Journalist Gabor Steingart hat die interessante Beobachtung vorgelegt, die Regierungsfähigkeit der SPD ergebe sich in aller Regel aus der Verbrauchtheit ihrer Gegner. Man kann es noch fundamentaler sehen: Eine Partei, die nicht weiss, was sie will, weiss nicht mehr, für was und wen sie eigentlich Partei ergreifen will. Ist die SPD die Partei der Aufsteiger und der Arbeitswilligen, denen das Leben nichts geschenkt hat? Oder ist sie eine Schutztruppe aller Profiteure und Trittbrettfahrer des öffentlichen Sektors, denen die harte Arbeitswelt nicht mehr behagt? Die Frage dürfte auch den Schweizer Genossen nicht unbekannt vorkommen.

Die Groteske um die Lohnerhöhungen, die sich unsere Bundesparlamentarier kürzlich mitten in der Krise genehmigten, wird um eine Peinlichkeit erweitert. Wir haben in der letzten Ausgabe vermeldet, dass sich National- und Ständerat auf die neuen Bezüge von 112 000 Franken pro Fraktion und 20 800 Franken pro Fraktionsmitglied und Jahr geeinigt hätten. Das ist falsch. Tatsächlich haben sich die Parlamentarier unwissentlich die Summen von 144 500 Franken pro Fraktion und 20 000 Franken pro Fraktionsmitglied und Jahr bewilligt.

Wie das? Sie haben bei der Ausmarchung die Tatsache übersehen, dass dem Nationalratsbüro in der Vorbereitung der Unterlagen ein Fehler unterlaufen war.Statt der beabsichtigten Summen wurden aus Versehen andere Zahlen auf die Vorlage notiert. Die Volksvertreter sagten dennoch ja, weil sie sich offensichtlich nicht die Mühe gemacht hatten, die Papiere zu studieren. Die Wurstigkeit, mit der man sich die Löhne hochschraubt, ist ein schlechtes Omen. Sie illustriert den Missstand, wie in Bern das Geld anderer Leute ausgegeben wird. Zur Strafe sind die Salärsteigerungen für die Fraktionen umgehend rückgängig zu machen.

Erschienen in der Weltwoche Ausgabe 40/09
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Kommentare

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turik     11.10.09 19:50

Nochmals zurück zu Polanskys Verhaftung:
Würde Prophet Mohammed heute in die Schweiz einreisen, müsste er ebenso verhaftet werden und zu Polansky in den Knast.
Er hat es bekanntlich "durch Heirat" mit einer Neunjährigen getrieben.

petter     07.10.09 19:10

Ritter und ritterliche Männer wären mir auch sympathisch. Aber das hat man ihnen abgewöhnt. Jetzt ist es ganz schlimm für Buben. Nur noch Frauen, die ihn in der Schule erziehen bzw. bilden. Nichts gegenFrauen, ich habe eigentlich nur sehr gute Frauen gekannt, u.a. auch als meine Chefinnen.
Die Buben lernen das männliche Element jetzt vor allem via Videos kennen und das ist im allgemeinen nicht positiv zu werten.
Seit 68 wird doch der Softy gefragt, der allen Frauen in der WG zu Diensten sein sollte. Kurz ein lieber, morgens wie abends.
Das verstärkte Auftreten ist die Wichtigtuerei der Schwulenszene. Schwul ist chic, könnte man meinen. Dabei ist es bloss abartig und sollte nicht so prononciert werden. Das schadet eher der Sache.

Die Väter hat man auch k

shankara     07.10.09 18:45

@petter

Doch, das Problem liegt einzig und alleine beim unmännlichen Mann - wäre der Mann noch wahrhaftig Mann, der in ritterlicher Funktion sich für die heilige, kosmische Ordnung einsetzen würde, dann sähe diese Welt anderst aus.

Es ist nicht die Aufgabe der Frau für die heilige Ordnung zu sorgen, es ist Aufgabe des Mannes - alles andere ist dummes, "modernes", selbstentfremdetes, infantiles Geschwäzt.

Wenn der Mann wahrhaftig Mann wäre, dann hätte auch eine Victoria von England abgedankt und wäre nie auf die Idee gekommen, dass sie einen Thron führen solle.

Die Frau will dem Mann dienen, es liegt in ihrer Natur zu umsorgen, doch der Mann muss es Wert sein - alles andere ist dummes, "modernes", selbstentfremd

petter     07.10.09 11:50

Shankara: Einige Frauen in der Schweiz besitzen grosse Macht. Die Erbinnen alter Vermögen bleiben aber im Hintergrund und lassen Männer für sich arbeiten.Männer suchen nun einmal den Challenge, die Frauen eher selten.
Frage: wer ist jetzt böse? Jene, die aus dem Hintergrund steuern oder jene, die im Vordergrund die Kärrnerarbeit erledigen?

petter     07.10.09 11:47

shankara. Es ist ganz einfach und hat nicht viel mit Mann/Frau zu tun. Es geht um Macht und Geld ist Macht.
Das weiss man nicht erst seit Nathan Meyer Rothschild. Und es gab auch ganz hässliche und brutale Königinnen. Eine der schlimmsten war doch die vielgelobte Viktoria von England. Ihre Geschichte ist eine Blutgeschichte der Kolonialzeit. Sie hat als "starke Frau" die Interessen des Imperiums wie niemand anders zu verteidigen gewusst.
Aber nach Ueberschuldung und overstretching brach es auseinander. Wir sehen jetzt das amerikanische Imperium zusammenbrechen. Eigentlich schade, denn ich warte nicht gerne auf Chinesen usf.Aber es muss sein und es wird sein.

shankara     06.10.09 19:39

@suschnoöpis

Es gibt 2 Facts: 1. Das erste Opfer eines Krieges, ist die Wahrheit. 2. Die Sieger schreiben die Geschichte.
Wenn die Menschen wüssten, was wahrhaftig hinter den Kulissen passierte und passiert, es würde eine unaufhaltbare Lynchwelle geben.

Auch diese Polansky-Affäre: Die USA wollen ihn ausgeliefert haben - als ob die USA eine moralische Instanz darfstellen DÜRFTE. Bevor sie ihm nacheifern, sollen sie zuerst mal all die die Kriegsherren und Kriegstreiber fassen, die unglaubliches Leid, Mord, Totschlag und Zerstörung über Vietnam, Irak, Afghanstan, ect gebracht haben.
Was nicht bedeutet, dass Polansky nicht verurteilt werden sollte...

Auch was diese Affäre und die Schweiz anbetrifft: Alle Medien hier beschäftigen sich m

suschnoöppis     06.10.09 16:22

Ich sehe sie haben verstanden, wie die Welt funktioniert.
Rein historisch gesehen, jagte eine Verschwörung die nächste, dies wird vieleicht nicht gerade ins Rampenlicht gerückt in den Geschichtsbüchern, die den Massen zugängig sind.

Warum auch? Die Leute sollen ihre Gedanken nicht darauf fokussieren, wie die globale Machtstruktur aufgebaut ist, sonst würden sie ja am Ende dahinterkommen, dass Demokratie ein illusionärer Zustand, eine Sinnestäuschung ist.

In der Schweiz scheint diese Illusion noch nicht ganz verloren, aber man sieht ja des Öfteren, wie die Schweiz sich dem Druck von aussen beugt.

Selbst wenn Demokratie existiert, kann sie "gelenkt" werden durch Medien, Lügen und Scaretactics seitens der Regierung usw.
<

shankara     06.10.09 15:33

von sehr dunklen Mächten beherrscht wird, es würde ihr lauwarmes Weltbild zu Fall bringen.
Schon Nietzsche wusste: Die erste wichtige Frage ist nicht, was ist wahr - die erste wichtige Frage ist, wieviel Wahrhet verträgt der jeweilige Mensch?!

Man kann das ganze auch anderst anschauen - wieso gibt es Kriege, wer will Krieg, Sie, er, ich? Der Mensch will doch in Frieden sein Leben leben und fertig, wieso gibt es denn Krieg? Weil im Hintergrund Leute davon profitieren, also manipulieren sie die Massen, gegen andere in den Krieg zu ziehen - jeder Krieg ist eine Verschwörung!

Auch die Medien dienen im Endeffekt irgendwelchen Interessen, auch sie sind Instrumente der Hintertanen.

Wie gesagt, wer offiziell an Verschörungen glaubt, der wird ins

shankara     06.10.09 15:18

@suschnoöppis

Mir ist sehr bewusst, dass es die Untertanen gibt - das sind wir Fussvolk, dann die Obertanen - das sind die öffentlichen Politiker, die eigentlich nur Hampelmänner sind, und dann die Hintertanen - die geheimen Machtträger im Hintergrund, die eigentlichen Fadenzhieher.

Es gibt drei Axiome: 1. Es gibt Menschen, die wollen Macht. 2. Es gibt Menschen, die wollen Macht - und am liebsten den ganzen Planeten beherrschen. 3. Es gibt Menschen, die wollen Macht, am liebsten den ganzen Planeten beherrschen - und sind bereit zu manipulieren, zu lügen und über Leichen zu gehen, um dieses Ziel zu erreichen.
Wenn man diese drei Axiome extraploliert und zu Ende denkt, wird einem klar, dass es Verschwörungen gibt.

Verschwörungen gab es seit

suschnoöppis     06.10.09 14:04

@shankara

Die SP will in die EU, die existiert obwohl sie nicht von den Bürgern gewollt war. Die eine Verfassung hat, die nicht vom Volk abgesegnet wurde. usw. Von demher, halbwegs einverstanden.

Aber zur SVP. Die SVP will die Freiheit der Bevölkerung wahren?
Vieleicht offiziell. Die "Volkspartei" bringt vielemehr das Volk dazu, die Reichen zu unterstützen.

Von demher läuft beides auf Dasselbe hinaus. Denn Sozialismus, Faschismus und Oligarchien haben eines gemeinsam: Die Entscheidungen treffen die Banker.

Dieselben Banker-Dynastien, die Mao, Stalin, Hitler usw. finanziert haben, sind auch heute noch am Drücker. Schön hinter dem Vorhang.

Ich würde Ihnen deshalb empfehlen, sich mit der so genanten &

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