Gunter Sachs' Fotografie

Ur-Genom der Künste

Gunter Sachs, Mathematiker, Playboy-Legende, Unternehmer, ist auch ein renommierter Filmer und Fotograf. Eine Ausstellung in Baden-Baden zeigt, was sein Werk im Innersten zusammenhält: die Verneigungen vor der weiblichen Schönheit.

Von Philipp Gut

Aufmerksamkeitstheater: «Ascot», 1995. (Viele weitere Bilder am Ende des Artikels.) Bild: Gunter Sachs

Das Schöne an Gunter Sachs ist, dass schöne Frauen um ihn nie weit sind. Thomas Gottschalk sagte es einmal so: «Ein Möchtegern-Playboy schnippt mit den Fingern, wenn’s um Frauen geht, Gunter verneigt sich vor ihnen.» Ergebnisse dieser über Jahrzehnte perfektionierten Verneigungskünste kann man derzeit im Museum Frieder Burda in Baden-Baden besichtigen. Sachs stellt dort Fotografien aus, eine Auswahl seiner Beute als Bilderjäger, und im Fokus steht, natürlich, die weibliche Schönheit, punktgenau inszeniert und ins rechte Licht gerückt.

Sachs ist ja, das geht manchmal angesichts seines galanten Ruhms fast etwas vergessen, nicht nur erfolgreicher Erbe, Unternehmer und Society-Star, er ist auch ein renommierter Filmer und Fotograf mit einer eindrücklichen Bibliografie von einem Dutzend Bildbänden und mehr als vierzig Ausstellungen in der halben Welt.

Wir treffen uns um 11 Uhr vormittags im «Hotel Brenner’s», dem gediegensten Haus im gediegenen Kurort. Sachs kommt, am Vor-abend hat er die Vernissage gefeiert, direkt vom Champagnerfrühstück, begleitet von seiner Frau und einem ganzen Tross von Mitarbeitern. Sie rufen ihn, halb ironisch, halb ehrfurchtsvoll, «Meister», er nennt sie «Kinder» («Jetzt hab ich keine Brille, Kinder», «Meister, Ihr Telefon klingelt»).

Der «Meister» schreitet, ganz in Weiss, ein Segler auf kerndeutschem Festland, mit dem Journalisten voran. Vergnügt erzählt er von der Einladung des Radiosenders SWR3, ein Plakat zum New Pop Festival zu entwerfen, in dessen Rahmen auch seine Bilder gezeigt werden (Sachs erhielt dafür den etwas umständlich-neudeutschen Titel eines «SWR3-New-Pop-Art-Künstlers 2009»). «Ich vermute, es war mehr der boy, who plays, als der vierfache Grossvater, der hier den Ausschlag gegeben hat.»

Die Ironie dabei: Das Plakat, auf dem, natürlich, weibliche Schönheit in ihrer unverhüllten Variante zur Darstellung gelangt, stiess Sender-intern auf Widerspruch. Die Frauenbeauftragte des SWR fand es «sexistisch». Allerdings blieb sie mit dieser Meinung allein. Gottschalk sei Dank, möchte man kalauern.

Sachs spricht, es wirkt wie eine Geheimsprache im teutonischen Umfeld, Schwyzerdütsch mit dem Gast. Der polyglotte Jetsetter, auch mit seinen 77 Jahren ständig unterwegs, hat seinen Wohnsitz in Gstaad im Berner Oberland. Er führt, einen Tag vor der Öffnung für das Publikum, durch die Ausstellung. Mit einer digitalen Handkamera nimmt er jedes Bild für den Besucher auf, schnell und sicher, und zu manchen fällt ihm eine Anekdote oder Episode ein.

Etwa die von der Frau, deren Gesicht mit den grünblauen Augen hinter einem Gittertor hervorschaut («Augen hinter Gitter», 1980). Sachs, ein nachtsichtiger Uhu, dem nichts entgeht, sah sie in den frühen Morgenstunden aus einem Klub in Ibiza heraustreten. Er sprach die Unbekannte an und machte ein Bild von ihr – wer den Blick dieser Augen gesehen hat, versteht, warum. 20 Jahre später traf er die Frau, wiederum zufällig, vor der Zürcher «Kronenhalle». Die Augen waren dieselben geblieben, blaue Sterne in der Nacht, ein Wiedererkennungssignal, mochte das Gesicht darum herum sich auch verwandelt haben.

Ums Sehen und Gesehenwerden, darum geht es im Bilderkosmos des Gunter Sachs. Keine Aufnahme zeigt das sinnfälliger als «Ascot» von 1995. In vielfacher Gestalt schaut das Model dem Betrachter entgegen, bewaffnet mit Ferngläsern und entwaffnend barbusig. Man kann das Bild als ironische Allegorie auf das Aufmerksamkeitstheater der Geschlechter lesen. Seinen Witz verrät der «Meister» auch hier: Statt «Ascot» nennt er es «Iffezheim». So heisst die Pferderennbahn bei Baden-Baden.

Augenblicke der Vollendung

In der Eröffnungsrede zur Ausstellung hat Sachs gesagt, er werde immer wieder gefragt, warum er sich in seinen Fotografien «hauptsächlich auf die Schönheit konzentriere». Die Antwort: «Die Wahrnehmung von Schönheit ist das Ur-Genom aller bildenden Künste in der Natur. Männchen und Weibchen der Tier- und Menschenwelt sehnen sich nach einem begehrenswerten Erscheinungsbild. Ob Pfau oder Frau – Fauna oder Flora. Jeder präsentiert sich lieber attraktiv.» Sachs hat sich eine eigene Variante der Darwinschen Evolutionstheorie zur Erhaltung der Art zurechtgelegt: Die «geheimnisvolle Kraft des unbewussten Strebens nach Ästhetik» sei der eigentliche Motor der menschlichen Entwicklung. Nach dem Motto: «Immer zweckmässiger, immer anziehender, immer vollendeter».

Sein fotografisches Werk dokumentiert das unentwegte Bemühen, Augenblicke solcher Vollendung einzufangen. Sehr früh, als sie kaum zwanzig war, begann er die Zusammenarbeit mit Claudia Schiffer, der Ikone deutscher Weiblichkeit. Neben mehreren Einzelbildern und ganzen Serien ist das junge Supermodel in einem Video zu sehen, aufgenommen in Sachs’ privatem Swimmingpool in St-Tropez. Brigitte Bardot, seine Exfrau, singt dazu. Schiffer taucht, schwimmt, schüttelt ihr Haar, dass die Tropfen stieben. Die Leichtigkeit des Seins, die als Sprachbild etwas abgenützt sein mag, wird hier so überzeugend inszeniert, dass man als Betrachter unwillkürlich davon angesteckt wird. Schiffer durch Sachs’ Kameraauge zu sehen, das ist, als ob einem Champagner durch die Adern flösse.

Beute des Bilderjägers: «Strandgut», 1987. Bild: Gunter Sachs

Vollendung: «Symétrie en mouvement», 1987. Bild: Gunter Sachs

Imagekorrektur für Bally

Noch heute, im Abstand von Jahrzehnten, gerät Sachs ins Schwärmen, wenn Blick und Rede auf Claudia Schiffer fallen: «Die hat Haare gehabt, unglaublich», «Die hatte so richtig ’ne Lebensfreude», «Die konnte ganz toll reiten». «Was war das für ein schönes Weib», ruft er aus, hält inne, korrigiert sich: «Sie ist es noch, sie ist es geblieben, sie ist es.»

Wichtig sei, so Sachs, «dass man mit dem Model wirklich eins ist». Die Schiffer habe zwar einen ganz anderen Charakter als er, «aber sie hat immer alle Ideen und Anweisungen sofort und präzis umgesetzt». Kompliziert werde es, wenn mehrere Frauen auf dem Set ständen. «Mit einer zu arbeiten, ist super, bei zweien wird es schwierig, wenn eine dritte dazukommt, herrscht Weltkrieg.» Zwischen den Frauen, versteht sich.

Lanciert hat Gunter Sachs seine Karriere als Fotograf mit Bildstrecken für Modemagazine. Sein Aufstieg beschleunigte sich 1973 mit der ersten berühmt gewordenen Nacktaufnahme in der französischen Vogue. Beziehungen zur Schweiz ergaben sich 1977. In der Baden-Badener Ausstellung ist eine Serie von Werbeaufnahmen für Bally zu sehen, die er für die damalige Herbstkollektion des in Biederkeit gealterten Traditionsunternehmens aus Schönenwerd SO machte. Es sind mutige Bilder, die zu einer Imagekorrektur führten.

Sachs erinnert sich: «Es galt Models mit perfekten Beinen zu suchen, bei denen Äderchen an Knöcheln auch bei langem Stehen nicht sichtbar wurden. Vor jeder Aufnahme streckten die Mädchen die Beine gen Himmel, um dann flüchtig vor die Kamera zu treten. Mückenstiche wurden zu Mini-Katastrophen.»
Der «Meister» zog es nach der Privatführung durch die Ausstellung vor, seine Beine an der Hotelbar des «Brenner’s» zu entlasten. Er nahm Hochprozentiges und ein Bier dazu. Die «Kinder» tranken Orangensaft und Wasser.

«Eins mit dem Model»: Gunter Sachs und Claudia Schiffer beim Shooting, 1991. Bild: Gunter Sachs

Unbewusstes Streben nach Ästhetik: «Looking For», 2007. Bild: Gunter Sachs

Jetsetter unter sich: Der Maler Salvador Dalí, Brigitte Bardot und Gunter Sachs (v.l.), 1966. Bild: Gunter Sachs

Wahrnehmung von Schönheit: mit Ehefrau Mirja am Münchner Oktoberfest, 1972. Bild: Gunter Sachs

Als ob einem Champagner durch die Adern flösse: «Claudia Schiffer, Vier Jahreszeiten», 1991. Bild: Museum Frieder Burda

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