Das Schöne an Gunter Sachs ist, dass schöne Frauen um ihn nie weit sind. Thomas Gottschalk sagte es einmal so: «Ein Möchtegern-Playboy schnippt mit den Fingern, wenn’s um Frauen geht, Gunter verneigt sich vor ihnen.» Ergebnisse dieser über Jahrzehnte perfektionierten Verneigungskünste kann man derzeit im Museum Frieder Burda in Baden-Baden besichtigen. Sachs stellt dort Fotografien aus, eine Auswahl seiner Beute als Bilderjäger, und im Fokus steht, natürlich, die weibliche Schönheit, punktgenau inszeniert und ins rechte Licht gerückt.
Sachs ist ja, das geht manchmal angesichts seines galanten Ruhms fast etwas vergessen, nicht nur erfolgreicher Erbe, Unternehmer und Society-Star, er ist auch ein renommierter Filmer und Fotograf mit einer eindrücklichen Bibliografie von einem Dutzend Bildbänden und mehr als vierzig Ausstellungen in der halben Welt.
Wir treffen uns um 11 Uhr vormittags im «Hotel Brenner’s», dem gediegensten Haus im gediegenen Kurort. Sachs kommt, am Vor-abend hat er die Vernissage gefeiert, direkt vom Champagnerfrühstück, begleitet von seiner Frau und einem ganzen Tross von Mitarbeitern. Sie rufen ihn, halb ironisch, halb ehrfurchtsvoll, «Meister», er nennt sie «Kinder» («Jetzt hab ich keine Brille, Kinder», «Meister, Ihr Telefon klingelt»).
Der «Meister» schreitet, ganz in Weiss, ein Segler auf kerndeutschem Festland, mit dem Journalisten voran. Vergnügt erzählt er von der Einladung des Radiosenders SWR3, ein Plakat zum New Pop Festival zu entwerfen, in dessen Rahmen auch seine Bilder gezeigt werden (Sachs erhielt dafür den etwas umständlich-neudeutschen Titel eines «SWR3-New-Pop-Art-Künstlers 2009»). «Ich vermute, es war mehr der boy, who plays, als der vierfache Grossvater, der hier den Ausschlag gegeben hat.»
Die Ironie dabei: Das Plakat, auf dem, natürlich, weibliche Schönheit in ihrer unverhüllten Variante zur Darstellung gelangt, stiess Sender-intern auf Widerspruch. Die Frauenbeauftragte des SWR fand es «sexistisch». Allerdings blieb sie mit dieser Meinung allein. Gottschalk sei Dank, möchte man kalauern.
Sachs spricht, es wirkt wie eine Geheimsprache im teutonischen Umfeld, Schwyzerdütsch mit dem Gast. Der polyglotte Jetsetter, auch mit seinen 77 Jahren ständig unterwegs, hat seinen Wohnsitz in Gstaad im Berner Oberland. Er führt, einen Tag vor der Öffnung für das Publikum, durch die Ausstellung. Mit einer digitalen Handkamera nimmt er jedes Bild für den Besucher auf, schnell und sicher, und zu manchen fällt ihm eine Anekdote oder Episode ein.
Etwa die von der Frau, deren Gesicht mit den grünblauen Augen hinter einem Gittertor hervorschaut («Augen hinter Gitter», 1980). Sachs, ein nachtsichtiger Uhu, dem nichts entgeht, sah sie in den frühen Morgenstunden aus einem Klub in Ibiza heraustreten. Er sprach die Unbekannte an und machte ein Bild von ihr – wer den Blick dieser Augen gesehen hat, versteht, warum. 20 Jahre später traf er die Frau, wiederum zufällig, vor der Zürcher «Kronenhalle». Die Augen waren dieselben geblieben, blaue Sterne in der Nacht, ein Wiedererkennungssignal, mochte das Gesicht darum herum sich auch verwandelt haben.
Ums Sehen und Gesehenwerden, darum geht es im Bilderkosmos des Gunter Sachs. Keine Aufnahme zeigt das sinnfälliger als «Ascot» von 1995. In vielfacher Gestalt schaut das Model dem Betrachter entgegen, bewaffnet mit Ferngläsern und entwaffnend barbusig. Man kann das Bild als ironische Allegorie auf das Aufmerksamkeitstheater der Geschlechter lesen. Seinen Witz verrät der «Meister» auch hier: Statt «Ascot» nennt er es «Iffezheim». So heisst die Pferderennbahn bei Baden-Baden.
Augenblicke der Vollendung
In der Eröffnungsrede zur Ausstellung hat Sachs gesagt, er werde immer wieder gefragt, warum er sich in seinen Fotografien «hauptsächlich auf die Schönheit konzentriere». Die Antwort: «Die Wahrnehmung von Schönheit ist das Ur-Genom aller bildenden Künste in der Natur. Männchen und Weibchen der Tier- und Menschenwelt sehnen sich nach einem begehrenswerten Erscheinungsbild. Ob Pfau oder Frau – Fauna oder Flora. Jeder präsentiert sich lieber attraktiv.» Sachs hat sich eine eigene Variante der Darwinschen Evolutionstheorie zur Erhaltung der Art zurechtgelegt: Die «geheimnisvolle Kraft des unbewussten Strebens nach Ästhetik» sei der eigentliche Motor der menschlichen Entwicklung. Nach dem Motto: «Immer zweckmässiger, immer anziehender, immer vollendeter».
Sein fotografisches Werk dokumentiert das unentwegte Bemühen, Augenblicke solcher Vollendung einzufangen. Sehr früh, als sie kaum zwanzig war, begann er die Zusammenarbeit mit Claudia Schiffer, der Ikone deutscher Weiblichkeit. Neben mehreren Einzelbildern und ganzen Serien ist das junge Supermodel in einem Video zu sehen, aufgenommen in Sachs’ privatem Swimmingpool in St-Tropez. Brigitte Bardot, seine Exfrau, singt dazu. Schiffer taucht, schwimmt, schüttelt ihr Haar, dass die Tropfen stieben. Die Leichtigkeit des Seins, die als Sprachbild etwas abgenützt sein mag, wird hier so überzeugend inszeniert, dass man als Betrachter unwillkürlich davon angesteckt wird. Schiffer durch Sachs’ Kameraauge zu sehen, das ist, als ob einem Champagner durch die Adern flösse.













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