MvH

Mein Gusto

Unser Kolumnist macht eine Reise in sein Inneres, im Ausland. Und eröffnet die Ballsaison, in Zürich.

Von Mark van Huisseling

Vergangene Woche war ich in Paris, die Ausstellung «Verwirrung der Sinne» wurde eröffnet im sogenannten Espace Culturel Louis Vuitton. Dafür erkunde man einen wenig bekannten Aspekt des Reisens – die innere Reise, stand in den Unterlagen. «Das ist interessant», dachte ich und reiste hin (MvH war Gast von LV). Um die Räume zu erreichen, muss man den Aufzug von Olafur Eliasson nehmen. Dabei handelt es sich um eine Kabine, die innen mit schwarzem Stoff überzogen ist. An den Wänden ist zudem Isolationsmaterial angeklebt, Licht gibt es keines («Kammer der sinnlichen Verkümmerung», sagt der isländische Künstler). Ich sage, die Fahrt in den siebten Stock ist eine spezielle Erfahrung. Von sinnlicher Verkümmerung möchte ich nicht reden (es gab eine Vuitton-Hostess, die den Lift bediente). Doch der Entwurf ist nicht falsch.

Die Ausstellung (sieben Werke von acht französischen Künstlern, deren Namen ich nicht kannte; Konzeptkunst, muss man schreiben vermutlich) hat mir ebenfalls gefallen. Zudem habe ich schon einige Male überlegt, vor dem Vuitton-Geschäft stehend, was sich in der Kuppel mit den Luken auf dem Haus an den Champs-Elysées befindet – Ihr Kolumnist sucht Büros, nur zum Sagen. Jetzt weiss er es: nichts, das heisst Kunst (im Augenblick ein runder, weisser Teppich sowie Pumpen, die das Zimmer mit Nebel von Trockeneis füllen). Was ich ferner berichtenswert finde, der Espace ist jeden Tag offen, entrée gratuite (der Eingang befindet sich ein paar Schritte die Rue de Bassano hoch); das ist esprit large, von mir aus gesehen. Andererseits, irgendwie ist man heute niemand mehr ohne Art-Collection. Sogar MvH überlegt sich, nebenbei, seine Fotokunst-Kleinstsammlung öffentlich zu machen.

Am Abend war ich im «La Coupole», wieder einmal, weil «Le Stresa» complet war. Der Maître d’ lässt einen eine halbe Stunde warten an der Bar. Das ist komisch, es gibt zwar viele Gäste, aber auch freie Tische. Ça c’est Paris, sagt man. Und bestellt foie gras, dann steak tartare; als Menü zu haben, geschenkt sozusagen (29 Euro). Wenn wir dabei sind: «Weshalb können sie in der Schweiz kein Tatar machen? Fleisch vom Rind, in fünf bis acht Millimeter grosse Stücke gehackt; nicht zerkleinert, bis man ein Mus auf dem Teller hat», fragte ich hier. Ein Leser hat geantwortet: «Das Problem lässt sich lösen, lassen Sie bei dem Metzger Fleisch nach Ihrem Gusto vorbereiten.» Er hat recht, es braucht bloss die grobe Scheibe (5 mm) für den Wolf.

Nach meiner Rückkehr fand die Swiss Red Cross Gala statt (Leitgedanke: «Hilfe für die Opfer vergessener Katastrophen»); die Eröffnung der Zürcher Ballsaison, kann man sagen. Veranstaltungsort war die Gallery des «The Dolder Grand», sie befindet sich neben dem Haupthaus. Hat Ihr Kolumnist, nebenbei, bereits geschrieben, dass er kein Fan des «Dolder»-Ballroom ist? Well, das war, bevor er die sogenannte Gallery sah – ein langer Konferenzsaal mit tiefhängender Decke und zugezogenen Vorhängen. Ich wünschte, ich wäre in dem Ballroom. Doch vierhundert Gäste, so sah es aus, waren zu viel dafür. Die Stimmung war gut trotzdem und die Willigkeit der Mitarbeiter des «Dolder» zum Dienst wieder gross.

Zum Glück. Denn zur, sagen wir, Herausforderung, die der Veranstaltungsort stellte, kam Pech: Die Toiletten liefen über. Und mussten geschlossen werden vorübergehend (vielleicht eineinhalb Stunden oder so). Es gibt, natürlich, mehrere Toiletten in einem Haus, das so grand ist. Die nächsten befanden sich unter dem Ballroom (Gang nach hinten, durch die Garage nach oben, einen anderen Gang entlang, Treppe runter). Ich habe lange nachgedacht, ob ich darüber berichten soll. Ich meine, so etwas kann passieren. Und habe entschieden, ich muss. Weil es nicht passieren darf (und auch Roger Schawinski, News-Fuchs und Gast am Tisch neben mir, sagte: «Mark, das ist eine Geschichte für dich»).

Der Name des wichtigsten Mannes des Anlasses, den Sie nie lesen, übrigens, ist Marco Illy, Chef Investment Banking von Credit Suisse. Er resp. seine Arbeitgeberin zahlt, wenn Geld fehlt. Es ist sympathisch, finde ich, dass eine Bank dem Roten Kreuz hilft und den Opfern vergessener Katastrophen. Und es ist smart, finde ich zudem, wenn eine Bank zurzeit sympathisch ist. Dieses Jahr fehlten 70 000 Franken. Mehr Reklame für weniger Geld ist fast nicht zu bekommen. Man beginnt unseren Bankkadern fast wieder zu vertrauen.

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