Die FDP war erleichtert: Didier Burkhalter festigte mit seiner Wahl in den Bundesrat den freisinnigen Machtanspruch. Nun sollte er sich am vergangenen Freitag in der Sendung «Arena» des Schweizer Fernsehens (SF) dem Publikum präsentieren. Eingeladen worden war dazu – als einer von drei «Experten» – auch Weltwoche-Chef Roger Köppel. Doch die FDP forderte seine Ausladung und drohte mit einem Rückzug von Burkhalter. «Herr Köppel ist kein Experte, sondern ein Opponent, der über Jahre die FDP und ihre Politik systematisch und herablassend kritisiert hat», sagte FDP-Generalsekretär Stefan Brupbacher dem Tages-Anzeiger.
Der Artikel wurde auf der Website der Zeitung zum meistgelesenen und meistkommentierten des Tages. Innert kürzester Zeit meldeten sich über 250 Leser – und die Reaktionen fielen aus Sicht der FDP eher unerfreulich aus. «Ein Kuschelpolitiker einer Partei, die Vorschriften macht, wer wann und wie reden darf! Ist das noch freie Meinungsäusserung?», schrieb einer. «Peinlich für SF und FDP», schrieb ein anderer. Abends dann sendete die «Arena», es erschien ein zahmer Bundesrat Burkhalter – «Opponent» Köppel meldete sich per Werbespot: «Alles, was ich heute in der ‹Arena› nicht sagen darf, erfahren Sie nächsten Donnerstag in der Weltwoche. Herzlich, Roger Köppel.»
Roger Köppels Videokommentar zu seiner Arena-Ausladung
Es war ein verunglückter Beginn einer Amtszeit. Bundesrat Burkhalter wirkte, als ob er keine Kritik vertrage und ein Rededuell scheue. Der Vorfall lässt aber auch an der Unabhängigkeit von SF zweifeln, die für den gebührenfinanzierten Sender ein wichtiges Gut ist und von allen Vertretern – sei es Chefredaktor Ueli Haldimann, «Arena»-Redaktionsleiterin Marianne Gilgen oder -Moderator Reto Brennwald – stets betont wird.
Sonderwünsche der Bundesräte
Jetzt aber erhielt die «Arena»-Redaktion «zahlreiche» Zuschriften von verärgerten Zuschauern – und verschickte umgehend eine ausführliche Antwort: «Wir lassen uns weder erpressen noch vorschreiben, wen wir in die ‹Arena› einladen. Diese Woche lag die Sache etwas anders. Auf keinen Fall wollten wir riskieren, dass der neue Bundesrat nicht an der Sendung teilnimmt.» Sowieso sei Roger Köppel «noch gar nicht eingeladen» gewesen, sondern nur «provisorisch» angefragt worden. «Ob Didier Burkhalter abgesagt hätte, wissen wir nicht. Vielleicht wurde die Sachlage gar nicht mit ihm besprochen.»
Sonderwünsche von Bundesräten gab es in der «Arena» tatsächlich schon immer. Mal verlangte Bundesrätin Widmer-Schlumpf ein eigenes Pültchen. Ein anderes Mal drohte Flavio Cotti, er diskutiere mit Christoph Blocher nur unter Ausschluss des Studiopublikums. Auch die Parteien setzten die Redaktion stets unter Druck. Einmal wollte die neue Oppositionspartei SVP die Hälfte aller Redner stellen und blieb der Sendung schliesslich fern. Kurz darauf boykottierte die SP eine «Arena», die sich ausschliesslich mit dem Zustand der SVP befasste.
Vor zwei Wochen verweigerte die FDP ein «Arena»-Duell ihrer beiden Bundesratskandidaten, worauf die Redaktion den CVP-Kandidaten Schwaller halt alleine einlud. Die FDP fühlte sich einmal mehr vom Schweizer Fernsehen benachteiligt, denn bereits Anfang Juli hatte sie eine Klage gegen einen Bericht des Magazins «10 vor 10» eingereicht, in dem mehreren FDP-Parlamentariern eine Nähe zur Pharmalobby nachgesagt worden war.
Da Bundesrat Couchepin kürzlich in der «Arena» zur IV-Zusatzfinanzierung wegen Weltwoche-Redaktor Urs Paul Engeler vor laufenden Kameras die Fassung verlor, kam es im FDP-Generalsekretariat am vergangenen Mittwoch wohl zu einiger Nervosität, als sie den Namen Köppel hörten.
Vielstimmiger FDP-Chor
Was aber ist dann genau passiert? Wenig Erhellendes sagten FDP-Vertreter, die über das Wochenende in den Medien den Schaden zu begrenzen versuchten. Im Gegenteil: Die Verwirrung wuchs, als Parteisprecher Noé Blancpain am Freitag Burkhalters Gesprächsboykott dementierte – und am gleichen Abend am Rande der «Arena»- Aufzeichnung der andere FDP-Sprecher Damien Cottier die Aussagen von Generalsekretär Brupbacher wiederholte. Noch irritierender wurde das freisinnige Kommunikationsverhalten, als Cottier auf Nachfrage plötzlich von einem «Missverständnis» sprach und den Vorfall bedauerte, sein Kollege tags darauf aber dem TV-Sender Tele Züri ein Interview verweigerte und schriftlich mitteilte, dass es «nie» eine Drohung gegeben habe – was die «Arena»-Leitung umgehend dementierte.
Den vielstimmigen FDP-Chor beendete der frischgewählte Bundesrat in den Interviews der Sonntagszeitungen: Er sei nicht direkt in den Entscheid involviert gewesen und kenne Köppel überhaupt nicht. Nachfragen stellten die Journalisten nicht.
Ist Burkhalters Aussage glaubhaft? Bestimmt in der FDP das Sekretariat, wer dem Bundesrat genehm ist? Recherchen zeigen, dass Generalsekretär Brupbacher noch am Wahltag der «Arena»-Redaktionsleiterin Marianne Gilgen klarmachte, dass Köppel «keine gute Idee» sei. Komme Köppel, gebe es keinen Burkhalter, hiess es. Gilgen versuchte es am gleichen Tag ein weiteres Mal; Brupbacher versprach, die Sachlage abzuklären.
Dasselbe sagte FDP-Mann Brupbacher auch am Donnerstag in zwei weiteren Telefonaten mit Gilgen – bis Köppel am Nachmittag über Gilgens Assistentin von seiner Ausladung erfuhr. Interessanterweise trafen sich wenige Stunden zuvor der neue Bundesrat Didier Burkhalter, Pascal Couchepin und Hans-Rudolf Merz zum gemeinsamen Mittagessen. Der scheidende FDP-Bundesrat Couchepin führte seinen Nachfolger informell in die Tücken des neuen Amts ein – und kurz darauf soll das Sekretariat nach einer 24-stündigen Abklärung im Alleingang beschlossen haben, wem sich Burkhalter in seinem ersten «Arena»-Auftritt als Bundesrat zu stellen hat?
Leuteneggers Ablenkungsmanöver
In der FDP hält Generalsekretär Brupbacher den Kopf mittlerweile alleine hin. Anfragen der Weltwoche beantwortet er nicht. Gleichzeitig hat Bundesrat Burkhalter eingewilligt, mit Köppel ein Interview zu führen.
Hätte also die «Arena»-Leitung den Vorfall durch eine direkte Kommunikation mit dem frischgewählten Bundesrat und seinem Kontrahenten verhindern können? Redaktionsleiterin Gilgen lief beim Generalsekretariat mehrmals telefonisch auf. Und bei Köppel meldete sich bloss ihre Assistentin. «Unmittelbar nach der Wahl ist der frischgewählte Bundesrat extrem schwierig zu erreichen. Da er noch nicht im Amt ist, hat er keine persönliche Pressestelle. Der Weg zu ihm führt also in dieser ersten Zeit zwangsläufig über das Generalsekretariat der Partei», sagt Gilgen auf Anfrage der Weltwoche. Zum Telefonat mit Köppel sei sie wegen der Bundesratswahl schlicht nicht gekommen. Sie würden die Aufgaben auf der Redaktion aber regelmässig aufteilen, da es dort «keine Klassenunterschiede» gebe.
Auch der Forderung von CVP-Bundesrat Flavio Cotti hatte der damalige Moderator Filippo Leutenegger nachgegeben. Allerdings hatte niemand von den ursprünglich geladenen Gästen von Cottis Forderung erfahren, weil Leutenegger ihnen die kurzfristige Änderung geschickt als «Konzeptwechsel» verkaufte. Cottis Gegner hatten also schlicht nicht gemerkt, dass sich der Bundesrat vor einer live ausgestrahlten Auseinandersetzung mit ihnen scheute.

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