Sparpotenzial

Wege aus der Kostenfalle

Um die Gesundheitskosten in den Griff zu kriegen, müssen neue Anreize für Ärzte, Kassen und Patienten her.

Von Pierre Heumann

1. Prioritäten setzen

Die Kassen müssen Prioritäten setzen. Leistungen von zweifelhaftem Wert gehören gestrichen. Was dem Patienten nicht nachweislich nützt, soll von der Grundversicherung ausgeschlossen werden. Es muss ausgeschlossen werden, dass Patienten Kassenleistungen beanspruchen, die lediglich aus Bequemlichkeit oder, dem Trend der Mode folgend, nachgefragt werden. Die Frage, was von Kassen übernommen werden soll und was nicht, müsste im Rahmen einer öffentlichen Diskussion angegangen werden. Die Debatte muss auch thematisieren, welche Leistungen privat abgedeckt werden sollen.

 

2. Kostentransparenz

Nur wenn Patienten und Politiker wissen, wie viel die einzelnen Leistungen tatsächlich kosten, verfügen sie über Informationen, um vernünftige Entscheide zu fällen. Die Anbieter medizinischer Leistungen sollen den Patienten die Kostenfolgen der Entscheide mitteilen. Die Subventionen für Prämien verfälschen die Wirklichkeit und sind zu streichen. Statt Prämien künstlich zu verbilligen, sollte die Kostenbeteiligung der Kassen abhängig vom Einkommen gemacht werden. Das ist zwar administrativ aufwendig. Aber die prozentuale Staffelung hat zur Folge, dass die finanzielle «Betroffenheit» des Medizinkonsums für alle — ob arm oder reich — vergleichbar ist.

 

3. Arztgeheimnis

Das Arztgeheimnis ist heute zu eng definiert. Der Austausch von Patientendaten müsste unter Medizinern möglich sein. Dazu sollte jeder Kassenkunde mit einer Medicard ausgerüstet werden, die er bei jedem Arztbesuch vorzuweisen hätte. Das würde der Praxis einen Riegel schieben, pro Krankheitsfall mehrere Ärzte zu konsultieren. Die administrative Abwicklung von Krankheitsfällen wäre ebenfalls billiger. Die Digitalisierung der Information hätte ausserdem eine Reduktion von Übertragungsfehlern zur Folge. Die Benutzung der Medicard würde selbstverständlich die Zustimmung des Patienten voraussetzen.

 

4. Eigenverantwortliche Patienten

Damit Patienten mehr Eigenverantwortung übernehmen, muss ihr Verhalten vermehrt über die Preise gesteuert werden. Wie effizient die «Steuerung via Portemonnaie» ist, zeigt das Beispiel der Zahnmedizin. Weil dort die Rechnungen nicht von der Krankenkasse übernommen werden, nutzen Patienten bestehende Preisgefälle oft aus. Sie lassen sich zum Beispiel Kronen in Ungarn aufsetzen oder die Füllung in Süddeutschland einsetzen, um Geld zu sparen. Zudem investieren sie grossflächig in die Vorsorge, um ihre Behandlungskosten zu reduzieren.

5. Effizienz in Arztpraxen

Einzelne Praxen sollten sich zum Verbund zusammenschliessen. Das böte enorme Vorteile – vom gemeinsamen Einkauf medizinischer Produkte über die Softwarebeschaffung bis hin zur Ferienplanung. Der Kosteneffekt ist ansehnlich. Es liessen sich bis zu 200 Millionen Franken pro Jahr einsparen, schätzen Experten. Zudem sollen Kassen an Ärzte, die unwirtschaftlich arbeiten, Rückforderungen stellen. Im Medizinstudium sollte auch unterrichtet werden, wie ein Arzt sein «Unternehmen Praxis» managen kann.

 

6. Vertragszwang abschaffen

Kassen sollen Ärzte ausschliessen, die wegen überhöhter Behandlungskosten oder professioneller Fehler zu Beanstandungen Anlass geben. Sie sollen schlechte Leistungserbringer aussortieren. Die freie Arztwahl in der Grundversicherung gehört damit zwar der Vergangenheit an. Der Wegfall des Vertragszwangs wirkt aber als Anreiz, medizinische Leistungen möglichst wirtschaftlich anzubieten.

 

7. Wettbewerb unter Kassen

Der Wegfall des Vertragszwangs belebt auch unter Kassen den Wettbewerb: Diejenigen mit den besseren Ärzten und der effizienteren Verwaltung haben einen Konkurrenzvorteil. Die Tarife müssen zudem laufend überprüft werden; Kostenvergleiche mit dem Ausland sollen es ermöglichen, Übertreibungen zu orten.

Kommentare

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  • flosto
  • 23.09.09 | 22:57 Uhr

Die Statistik scheint wieder des Politikers liebste Hur* zu sein.
@ "Millionenimmigration auf die KV":
Gemäss Zahlen des Bundesamtes für Statistik könnte ich sagen:
2007 hat der Ausländeranteil der Wohnbevölkerung sich gegenüber 1941 vervierfacht. Aber auch: Verglichen mit 1910 hat der Ausländeranteil nur knapp 7% zugenommen. Hoppla petter, was wollen Sie denn mit Ihren Statistiken erreichen? Ich glaube nicht, dass Sie damit das KVG-Problem lösen würden. Unkritisch denkende Anhänger für eine xenophobe politische Agenda könnte man damit aber sicher zuhauf rekrutieren.

@"Nach Alter 65 steigen die Jahreskosten im Durchschnitt im hohen Alter schlussendlich auf Fr.l 16'000.- pro Jahr..": diese Zahl dürfte sich präziser gesagt auf die 71-75 jährigen (Kosten pro Einwohner der CH) beziehen. petter, Sie hätten genausogut 40000Fr/Jahr (Kosten der 86-90 jährigen) oder der Hammer: 70000Fr/Jahr (96jährige und darüber) sagen können! Ihre Aussage wäre in sich selbst gesehen immer noch richtig geblieben. Und untermauert vom BFS.

Realistisch gesehen bleibt:
Ausländeranteil ca. 21%, also kann eine sachliche Lösung des Löwenanteils der KV-Problematik nicht über Einwanderungspolitik erreicht werden.
Gespart wird durch Rationaliserung werden. Dabei werden die Kranken und Alten als erste über die Klinge springen müssen. Danach dürfte es den Behinderten an den Kragen gehen. Darwin grüsst. Womit sich schliesslich auch petters Problem von selbst lösen würde.

 
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