Bundestagswahl

«Ran an den Speck»

Die Kanzlerin, der Popstar und der Volksnahe: Wie Angela Merkel, Karl-Theodor zu Guttenberg und Horst Seehofer in Deutschland um jede Wählerstimme kämpfen.

Von Wolfram Knorr

«Bayern ist da, wo Deutschland hinwill»: Ministerpräsident Seehofer. Bidl: Oliver Soulas

Im Stadtmagazin Prinz wird Karl-Theodor zu Guttenberg, Dynamo unter den deutschen Ministern, einem Test unterzogen, bei dem er mit dem iPod verglichen wird. Beide, lautet das Fazit, seien «Marktführer in ihren Branchen»: «Sowohl der beliebteste Politiker Deutschlands als auch der erfolgreichste Musikplayer der Welt halten ihre Zielgruppen fest umklammert. Aber Vorsicht: Die aalglatte Fassade der beiden Sympathieträger lenkt von ihrer Machtgier ab.» Keine Ahnung, ob der MP3-Player machtgierig ist, der andere Player wirkt bei seinem Einmarsch in die Versandhalle der Firma Glaswerke Arnold in Merkendorf bei Gunzendorf, tief in Franken, eher verlegen angesichts der Begeisterung, mit der er empfangen wird.

Bundeskanzlerin Angela Merkel wird bei ihrer Grosskundgebung auf dem Marktplatz von Stuttgart auch bejubelt, aber sie strahlt Distanz aus. Vermutlich hat sie auch keine Fans wie Guttenberg, sondern Wähler. Sie halten orangefarbene Angie-Plakate in die Höhe, wenn Kameras auf sie gerichtet sind. Schwer zu sagen, ob sie das aus politischer Überzeugung tun oder darum, um mal in die Medien zu kommen. Guttenberg spricht in seinen Reden gerne das Herz an, seinen Fans ist das aber egal. Sie finden seine Hoppla-Brisanz toll, verglichen mit den deutschen Politikern in ihren schlecht sitzenden, trostlosen Anzügen, ist er eine Rarität. Echte Volksnähe vermittelt Horst Seehofer, der bayrische Ministerpräsident. Im Bierzelt des Au-binger Herbstfestes steht er wie ein Fels in der Brandung der Begeisterung. Im Lederhosen- und-Jankerl-Ornat bekennen sich die Aubinger demonstrativ zu ihm und Bayern. Später wird Seehofer oben von der Bühne das Bekenntnis vertiefen, und unten wird euphorisch gedankt: «Mir san Tiefwurzler und koane Flachwurzler!»
Guttenberg sieht aus, als sei er einem Comic entstiegen. Ein blaublütiger Clark Kent: kantiges Gesicht, darin immer ein Lächeln, das die Zähne zur Geltung bringt; darüber eine drahtige Frisur, auf der Nase eine Brille und die ganze Figur in smartem Outfit. Sieht man deshalb in ihm eine Lichtgestalt? Seehofer dagegen arbeitet daran, neuer Landesvater zu werden. Deshalb ist alles an ihm ein bisschen bieder. Anzug von der Stange; Hemd, Krawatte und Mimikry auch irgendwie. Angela Merkel ist die Entspanntheit pur, als habe sie ihren Gravitationskern gefunden, das Zentrum ihrer Schwerkraft. Das lässt sie unglaublich in sich ruhen.
Auf der Bühne des Stuttgarter Marktplatzes ist sie der Star und bringt selbst Ministerpräsident Günther Oettinger dazu, sich zu verhaspeln, was dem aber sowieso oft passiert. Ein Moderator fragt, ob sie Schwächen habe. Sie nasche gern mal Buletten, ist ihre Antwort. Klingt neckisch, ist es aber nicht: «Aber Bulette – versteht das jemand hier in Stuttgart? Wie sagt man denn hier dazu?» – «Fleischküchle!», rufen einige. «Das klingt so rund. Sind die auch so platt wie eine Bulette?» – «Jaaa!», schallt es wie ein Chor zurück, und schon ist die Kanzlerin ganz nah und Nachbarin, die mal ’ne Bulette verzehrt. Den vielen Rentnern im Publikum gefällt das. Es ist menschlich, Politik ist so abstrakt. Der Rest ist ein Sound, den man aus der Werbung kennt. «Ran an den Speck!», ruft sie (um die Probleme der Zukunft zu lösen), und das klingt wie der Werbespot «Packen wir’s an!».
Guttenberg, der Popstar, der das gar nicht sein wollte, rutschte in die Rolle, um hip zu sein. Deshalb sein Bekenntnis, 1995 auf der Love-Parade habe er sich in seine Frau verliebt. Auch ein Adliger kann eine wilde Vergangenheit haben. Frau Merkel und Herr Seehofer haben eine solche nicht. Sie kommen aus der sozial geprägten Malocher-Ecke. Frau Merkel ruft Störern wie der Piratenpartei, den Ökos und linken Splittergruppen zu: «Das ist das Schöne an der Demokratie, dass man laut werden darf. Dort, wo ich herkomme, durfte man das nicht.» Und Seehofer auf dem Aubinger Herbstfest: «Ich weiss, was es bedeutet, die Arbeit zu verlieren. Wir waren jedes Mal froh, die Lohntüte nach Hause tragen zu dürfen.» Bei Guttenberg geht es so weit, dass sich – weniger auf dem Land als in den Städten – Anhänger so kleiden wie er. Nicht nur die Opposition irritiert seine Beliebtheit, auch die eigene Partei.

Den «Preissen» die Leviten lesen

In Aubing betont Seehofer, wie falsch es sei, ihm zu unterstellen, er würde sich über Guttenbergs Popularität ärgern und in ihm einen Konkurrenten sehen: «Kompletter Unsinn! Das Gegenteil ist der Fall! Ich als Ministerpräsident bin doch froh und stolz, beliebte und kompetente Persönlichkeiten in den eigenen Reihen zu haben! Wir brauchen ein starkes Bayern in Berlin!» Die Lederhosenträger lüpft es von ihren Bänken. Weil ihr Ministerpräsident den Polit-Yuppie aus Bayern weggelobt hat? Oder weil, bayrischer Patriotismus ist krachledern, tatsächlich ein starkes Bayern den «Preissen» die Leviten lesen wird, wann immer es sein muss?

Die CSU, die das Privileg der absoluten Mehrheit verloren hat, will mit Guttenberg die Talfahrt stoppen. Die Konstellation ist nicht schlecht: Der Popstar kommt bei den Jungen an, und Seehofer holt jene zurück, die sein Vorgänger Beckstein in die Fremde getrieben hat. Die CDU, auch mit solchen Problemen geschlagen, hat zumindest in Stuttgart leichtes Spiel, weil’s die Gegner verkacheln. Nach Tübingen und Freiburg war die Metropole drauf und dran, eine weitere grüne Stadt zu werden. Schuld war das superteure Projekt «Stuttgart 21», aus dem Kopfbahnhof einen unterirdischen Durchgangsbahnhof zu machen. Die Grünen waren dagegen und trieben bei den Kommunalwahlen die Mehrheit in ihre Arme. Günther Oettingers Ansehen schwand und damit auch die Chancen der beiden Wahlkreiskandidaten der CDU, direkt gewählt zu werden. Doch da äussert der Grünen-Direktkandidat Cem Özdemir in einem Interview die Absicht, nach der Wahl einen Vaterschaftsurlaub anzutreten. Özdemir, gerade Grünen-Vorstandsmitglied geworden, mit den besten Chancen, die CDU-Konkurrenz auszustechen, teilte seinen Wählern mit, dass er – wenn er sein Bundestagsmandat in der Tasche hat – für ein Jahr ade sage. Seine Partei stand kopf. Die Chancen der CDUler sind wieder gestiegen.
Auch Aubing, an der Peripherie von München liegend, hat seine Erfahrung mit der Opposition. Das Aubinger Herbstfest, eine Woche vor Beginn des Oktoberfestes, feiert heuer sein 20-Jahr-Jubiläum. Zu seinen Gepflogenheiten gehören Auftritte von Politikern, egal welcher Partei. Vor zwei Jahren warf die SPD das Handtuch: Sie war nicht in der Lage, ein Bierzelt auch nur halb zu füllen, zum Jubiläum erst recht nicht. Seitdem dominiert die CSU. Ihr Zelt ist immer voll, heute sogar brechend voll, der Ministerpräsident marschiert rein und begrüsst die Anwesenden: «Nach der Kirche ist das Bierzelt die wichtigste Einrichtung in Bayern» und: «In der Kirche predigt der Pfarrer, im Bierzelt der Ministerpräsident.» Das ist echter Populismus. Bei Angela Merkel in Stuttgart läuft’s wie bei einem Popkonzert mit Vorgruppen – die Wahlkreiskandidaten Karin Maag und Stefan Kaufmann und Oettinger – und ein gutgelaunter Moderator kündigt die Kanzlerin mit der Behauptung an, sie sei die «mächtigste Frau der Welt». Und dann, so richtig heissgemacht, kommt sie, musikalisch unterstützt von den Rolling Stones.

Ein Duft von Häme

Die Stones, reif für den Musikantenstadl? Auf der Bühne wippen eher zaghaft die Honoratioren mit, und auf dem Platz schunkeln im Takt so manche Alte. Allerdings gibt es auch welche, die sich die Ohren zuhalten. Die gibt es aber auch, wenn Hansi Hinterseer singt. Da bleibt die CSU dann doch lieber währschaft. Sie sind eben keine Flachwurzler, sondern Tiefwurzler und schicken ihren juvenilen Superstar auf die Rock-Piste. Nach seinem Auftritt in Merkendorf bei Gunzendorf in Franken muss Guttenberg runter nach Neuburg an der Donau zu einer Open-Air-Veranstaltung. Er braucht längst Säle, Hallen. Bei ihm ist Jugend, die sich in die Tracht verguckt hat. Was einst als reaktionär galt, ist heute chic. Ein politisches Bekenntnis ist das nicht, aber der Trend fällt auf. Vor allem in München. Im «Bratwurst Glöckl», älter als die Frauenkirche gleich daneben, was die Münchner besonders prima finden, wird geraunzt: «Gehen’s, das san doch nur die Zuagroastn (Fremde).» Nächste Woche beginnt das Oktoberfest, da steigen selbst Italiener in die Seppelhosen.

Dem Soziologen Max Weber zufolge setzt sich Charisma aus aussergewöhnlichen persönlichen Fähigkeiten wie Standhaftigkeit, Willensstärke und dem Einsatz für das Wohl anderer zusammen. Die Politiker Karl-Theodor zu Guttenberg, Horst Seehofer und Angela Merkel besitzen die aufgeführten Eigenschaften und sind dennoch nur bedingt charismatisch. Etwas scheint ihnen zu fehlen. Als wären die Zeiten für charismatische Figuren nicht mehr geschaffen. Zu Wirtschafts- und Finanzkrise, Staatsverschuldung, Arbeitslosigkeit, Überalterung der Gesellschaft, Klimawandel, Glaubenskrieg und Terrorismus passen wohl nur noch Physiognomien der Griesgrame. Macht Angela Merkel nicht allzu häufig den Eindruck, als sei Essig ihr Lieblingsgetränk? Und bringt es wirklich etwas, immer wieder darauf herumzureiten, dass in Bayern die Arbeitslosigkeit gegenüber den anderen Bundesländern unter fünf Prozent liege, statt Lösungen dafür anzubieten, die Arbeitslosigkeit auch in den anderen Bundesländern zu reduzieren? Seehofer mit einem Duft von Häme.
Vielleicht ist damit der Erfolg des Freiherrn zu erklären, der zwar auch nichts anderes erzählt, aber nicht miesepetrig vors Mikrofon tritt. Depressive Stimmung kommt bei ihm nicht auf. Dagegen erweisen sich in Stuttgart die beiden CDU-Kandidaten bei der Befragung durch den Moderator als Hänflinge, die ihren Part mehr schlecht als recht bestreiten. Auf die Frage, ob denn der Wahlkampf kräfteraubend sei, sagt Kandidat Kaufmann, Wahlkampf in Stuttgart sei anders als draussen auf dem Land: «Hier muss man was tun.» Auf dem Land werden die Wähler so was gerne hören. Kaufmann ist ein Novize, aber auch alte Hasen wie der Aubinger Abgeordnete Hans-Peter Uhl sind ein Ausbund an Dürftigkeit: «Wir müssen die Krise stoppen!» Als forderte er seine Wähler auf, mit Wasserpistolen einen Waldbrand zu löschen.
Man muss Seehofers politische Einstellung nicht teilen, aber er ist der einzige Vollblutpolitiker, der mit einem Furor aus Witz, Schlitzohrigkeit, Kompetenz und Professionalität das Festzelt in einen Hochofen glühender Emotionalität verwandelt. Mag sein, dass Oskar Lafontaine von den Linken ähnlich Zunder geben kann; doch was ihn von Seehofer radikal unterscheidet, ist seine Humorlosigkeit. Seehofer hat Humor im Übermass und hat mit Sicherheit den einstigen Vollblutpolitiker Franz Josef Strauss genau studiert. Manches an Seehofers Rhetorik-Dramaturgie erinnert an den barocken Ex-Landesfürsten. «Sie haben», beginnt Seehofer, «hier in Aubing eine eigene Zeitung und gehören deshalb schon zum gebildeten Teil Bayerns.» Dann setzt er sich mit der Unterstellung auseinander, er würde ständig in Berlin querschiessen und zu wenig Solidarität mit der Schwesterpartei CDU zeigen: «Ja, soll ich mich auf dem Weg ins Kanzleramt schon im Lift auf den Bauch legen und danach mit dem Weihrauchfass die Kanzlerin begrüssen?! Nein! Wir müssen uns in Berlin durchsetzen!» Da stehen sie auf den Tischen. «Wir stellen sogar Berlin einen Missionar zur Verfügung» (gemeint ist Guttenberg), und schliesslich die Klimax: «Bayern ist da, wo Deutschland hinwill.» Der Jubel nimmt kein Ende.

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