Jazz

Spezialist für Fundamente

Zu den schwer ausrottbaren Klischees über die Kunst gehört, dass sie eine unteilbare Angelegenheit sei. «Wenn du’s nicht lebst, kommt’s nicht raus aus deinem Horn», wird Charlie Parker zitiert, und der hatte sich ja auch schlackenlos verbrannt in seiner Kunst. Allein, es gibt andere Lebensentwürfe als die des tragisch-romantischen Kunst-Existenzialisten. Denken wir uns aus der Schweizer Literatur alle weg, denen das Schreiben ein Zweitberuf war (oder die neben ihrer Berufung noch einen Zweitberuf ausübten), alle Lehrer, Ärzte, Journalisten, Architekten, Buchhändler, Lektoren, was weiss ich – es stünde wenig in den Regalen. Oft machen Musiker, die ihren Lebensunterhalt sonst wie verdienen, kompromisslosere Kunst als die, welche sich innerhalb der Musik nach der Decke strecken müssen.

So viel zur Doppelexistenz von Daniel Schläppi. Der Berner Kontrabassist (geboren 1969) ist der Motor von nicht weniger als vier Bands, er produziert seine Musik auf einem eigenen Label (Catwalk), und er ist als Historiker (als Spezialist für Fundamentales im Fach ältere Schweizer Geschichte) mit der Vorbereitung seiner Habilitation befasst. Ein Amateur also, ein Dilettant? Allenfalls im ursprünglichen Wortsinn. Die letzte CD seines Quartetts Voices ist eine vielseitige, sprühende, hochinspirierte Angelegenheit von höchster Professionalität. Und von höchstem Schwierigkeitsgrad. In einer Vierer-Band auf den Plafond eines Harmonieinstruments zu verzichten, ist, alpinistisch gesprochen, die Wahl einer Route in überhängendem Fels. Kommt dazu, dass Schläppi die fehlende Gitarre (oder das Piano) auf dem Kontrabass nicht durch artistische Arpeggio-Wirbeleien ersetzt, sondern das Instrument eher spröd, seine Rolle etwa so interpretiert wie Charlie Haden die seine im Ornette Coleman Quartet. Das ist ohnehin eine Referenz. Mit Jürg Bucher und Domenic Landolf hat Schläppi zwei Partner auf den Saxofonen (und Bassklarinetten), die seinen Mut zum Risiko noch herausfordern. Und mit Dominic Egli am Schlagzeug einen Drummer, der die Raumkunst, wenn sie sich denn mal zu versteigen droht, mit Drive vom Kopf auf die Füsse zurückstellt.

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