MvH

Mein Rennen

Unser Kolumnist fährt mit an einer Rallye. Noch interessanter wird es auf dem Nachhauseweg.

Von Mark van Huisseling

Vergangene Woche war ich in Gstaad, die «Gstaad Classic», ein Rennen für klassische Sportwagen, fand statt. Man hatte mir angeboten, in einem Ferrari 365 GTB Daytona mitzufahren oder in einem Citroën SM. (Ich war Gast von Optic 2000.) Ich entschied mich für den Citroën. Weniger weil ich verrückt bin, mehr weil ich in dem Daytona nur Mitfahrer gewesen wäre, den Citroën dagegen selber fahren konnte. Das heisst, ich hatte eine Co- Pilotin, die ebenfalls fahren durfte.

Vor dem Start begegnete mir Michel Comte im Fahrerlager, der in Gstaad war wegen seiner Ausstellung (Galerie Lovers of Fine Art, noch bis Ende November). Ich mag ihn. Nicht nur weil er vermutlich einer der bestverkaufenden Fotografen der Schweiz ist. Er ist in meinen Augen auch einer der besten Storyteller und Namedropper. In nur der Zeit, die ich brauch- te, um einen Pfefferminztee zu trinken in «Charly’s Tea Room», erzählte Michel, warum er keine Uhr mehr trage (er habe die Rolex einem Guide in Afghanistan geschenkt, der ihm das Leben gerettet habe – «Kriegsberichterstatter, Sprengstoffanschlag, ich werde die Dankbarkeit in seinen Augen nie vergessen»). Dass er einen Citroën SM gehabt habe in den siebziger Jahren (heute habe er einen Ferrari 612 Scaglietti; und ich meinte, er habe kein Auto und keinen Führerausweis). Dass er wieder in Los Angeles lebe («neben dem ‹Beverly Hills Hotel›»). Und Hugh Hefner besser kenne als meine Co-Pilotin, Yolanda Tavoli, die erzählte, sie habe in der «Playboy Mansion» verkehrt, 1984, als sie «Playmate des Jahres» war.

Die «Gstaad Classic» an sich verlief ziemlich ereignisarm. Die Fahrer, so sah es aus, nahmen es gemütlich. (Das heisst, nicht alle – ein Wagen fiel von der Bergstrasse, drehte sich viermal um sich selber.) Mit dem Auto des Teams MvH/Tavoli wäre das kaum gegangen. Ich meine, der Citroën, Baujahr 1972, sieht in Ordnung aus, ein wenig Präsidentenfahrzeug, ein wenig Fantômas (das war zwar ein Citroën DS, aber vom Entwurf her), doch es ist eine lahme Ente – schnellstes frontgetriebenes Serienfahrzeug der Zeit my a. . . Ich muss noch schreiben, dass MvH/Tavoli bloss partenaires waren, nicht Rennfahrer. Vor Gruyères überholte ich einen Alfa Romeo TZ dennoch, wahrscheinlich hatte er Probleme («Im Motorsport kam es zu guten Platzierungen, wenn auch nicht zu besten. Ausserdem traten oft technische Ausfälle auf», steht über dieses Modell bei Wikipedia). Nach dem Mittagessen fuhr Yolanda, sie kann es, das gebe ich ihr. (Sie war verheiratet mit Marc Surer immerhin.) Bloss, was z. B. die Ideallinie ist, lernt man nicht durch, sagen wir, Osmose. Sie fuhr selber Rennen jahrelang, war auch Instruktorin. Wie gut sie wirklich ist, zeigte sie auf dem Nachhauseweg durch das Simmental; bei Därstetten liess ihr BMW M5 meinen Maserati 3200 GT stehen. (Ihr Auto hat zirka 30 PS mehr, mein Glück.)

Ich kam trotzdem rechtzeitig an im Kino «Corso» in Zürich zu der Europapremiere von «The Yellow Handkerchief», dem neuen Film von Arthur Cohn, einem Schweizer Produzenten, der in seiner Laufbahn sechs Academy Awards of Merit («Oscars») gewonnen hat (für den besten fremdsprachigen Film). Ich hatte einen guten Platz, sechste Reihe, ganz am Rand, hinter Sabina Schneebeli, vor Andreas Vollenweider. (Das heisst, Vollenweider sass schräg vor mir, sonst wäre der Platz weniger gut gewesen.) «The Yellow Handkerchief», ein Liebesfilm, in dem die Hauptrollen über Land fahren in einem offenen Wagen, hat mir gefallen; William Hurt, Maria Bello und Kristen Stewart spielen glaubhaft, die Bilder von Louisiana gehen zu Herzen. Wenn ich Kritiker wäre, würde ich schreiben, es sei vielleicht kein grosser Film, weil das Happy End zu einfach und schnell erkennbar sei oder so, aber für MvH war es in Ordnung, ich meine, das Leben ist schon hart genug, nicht wahr?

Was ich ein wenig komisch fand: Vor zirka einem Jahr hatte der Film Weltpremiere, in Basel. Jetzt war Europapremiere; einen Verleiher gibt es, soviel ich weiss, erst für die Schweiz und für Deutschland. Schade. Merkwürdigerweise ist das, im übertragenen Sinn, wie bei der Weltmeisterschaft im Dartsport (Werfen mit Pfeilen auf eine Scheibe) – da machen nur Engländer und ein paar Holländer mit. 

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